Storm / Eversberg Immensee
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8042-3035-4
Verlag: Boyens Buchverlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-8042-3035-4
Verlag: Boyens Buchverlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vor den Augen eines einsamen alten Mannes zieht die Geschichte seiner unerfüllten Liebe vorüber.
Mit dieser stimmungsvollen Novelle schaffte Theodor Storm 1850 seinen Durchbruch als Novellen-Dichter. Diese Ausgabe enthält die zweite Fassung von 1851 sowie die wichtigsten Passagen aus der ersten Fassung, die Storm später gestrichen oder grundlegend verändert hat.
Gerd Eversberg stellt Text, Entstehungsgeschichte, Quellen, Schauplätze und Illustrationen zusammen und kommentiert das Material kenntnisreich.
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Kommentar
Zur Textherstellung
Bei dem hier abgedruckten Text1 handelt es sich um die 2. Fassung der Novelle, die Storm nach einer gründlichen Umarbeitung 1851 in seiner erste Buchveröffentlichung2 unter dem Titel „Sommer-Geschichten und Lieder“ herausgab. Der kleine Band erschien in Berlin im Verlag Alexander Duncker; derselbe Verleger brachte 1852 eine Separatausgabe der Novelle „Immensee“ heraus.3 Seit 1868 ist die Erzählung in Band 2 von Storms „Schriften“ enthalten. Der Text folgt der letzten von Storm persönlich korrigierten Ausgabe. Theodor Storm’s gesammelte Schriften, Bd., 2, Braunschweig: Verlag George Westermann 1889, S. 1–60 (S4) mit folgenden Emendationen (E: 1. Fassung, 1850): S. 15: „Nach Indien, nach Indien!“ nach B; S4: „Nach Indien, nach Indien,“ S. 18: Hölzung nach E; S4: Holzung S. 21: rings um sie her nach B; S4: ringsum sie her S. 25: feinen nach B; S4: seinen S. 28: „Die nach B; S4: Die S. 28: anders.“ nach B; S4: anders. S. 31: zu ordnen und zu teilen nach B; S4: zu teilen S. 32: Ihrem nach B; S4: ihrem S. 33: Ordnungen und Klassen nach B; S4: Ordnungen der Klassen S. 33: blätterte, nach B; S4: blätterte S. 37: Gesicht; nach B; S4: Gesicht: S. 41: Erbsenstangen!“ nach B; S4: Erbsenstangen! Zuvor war die Novelle bereits in dem von Karl Biernatzki herausgegebenen „Volksbuchs auf das Jahr 1850 für Schleswig, Holstein und Lauenburg“ erschienen, und zwar zum Jahresende 1849. Da Storm diese erste Fassung seiner Erzählung aus Gründen, auf die später noch genauer einzugehen sein wird, verwarf, ist sie heutigen Lesern kaum mehr bekannt. Manche der von Storm gestrichenen Passagen haben aber durchaus einen eigenen poetischen Reiz und zeigen, wie sich der Dichter die Entwicklung der Liebe zwischen Elisabeth und Reinhardt und ihr Scheitern ursprünglich vorstellte. Auf den folgenden Seiten werden die wichtigsten Abschnitte aus der ersten Fassung wiedergegeben. Immensee (1. Fassung 1850) Erstdruck: Volksbuch auf das Jahr 1850 für Schleswig, Holstein und Lauenburg, hg. von Karl Biernatzki. Altona: Verlag der Expedition des Altonaer Mercur’s [1849], S. 56–86. Text nach dem Erstdruck; die offensichtlichen Druckfehler wurden stillschweigend berichtigt. Aus der ersten Fassung
Als während des Picknicks Reinhardt und Elisabeth im Wald nach Erdbeeren suchen (hier S. 19), heißt es ursprünglich: So gingen sie in den Wald hinein; als sie eine Strecke gegangen waren, sprang ein Hase über den Weg. „Böse Zeichen!“ sagte Reinhardt. Die Wanderung wurde immer mühsamer; bald mußten sie über weite, sonnige Halden, bald waren Felsstücke zu überklettern. „Wo bleiben Deine Erdbeeren?“ fragte Elisabeth, indem sie stehen blieb und einen tiefen Atemzug tat. Sie waren bei diesen Worten um eine schroffe Felsenkante herumgegangen, Reinhardt machte ein erstauntes Gesicht. Den Anfang der Szene, die uns Reinhardt als Student in der Wirtschaft zeigt (hier S. 25), hat Storm ganz umgearbeitet; sie lautet in der Erstfassung: Reinhardt hatte in einer entfernten Stadt die Universität bezogen. Der phantastische Aufputz und die freien Verhältnisse des Studentenlebens entwickelten den ganzen Ungestüm seiner Natur. Das Stilleben seiner Vergangenheit und die Personen, welche dahinein gehörten, traten immer mehr zurück; die Briefe an seine Mutter wurden immer sparsamer, auch enthielten sie keine Märchen für Elisabeth. So schrieb denn auch sie nicht an ihn, und er bemerkte es kaum. Irrtum und Leidenschaft begannen ihr Teil von seiner Jugend zu fordern. So verging ein Monat nach dem andern. Endlich war der Weihnachtabend herangekommen. – Es war noch früh am Nachmittage, als eine Gesellschaft von Studenten an dem alten Eichtische im Ratsweinkeller vor vollen Rheinweinflaschen zusammensaß. Die Lampen an den Wänden waren angezündet, denn hier unten dämmerte es schon. Die Studenten sangen ein lateinisches Trinklied, und die Präsides, welche zu beiden Enden des Tisches saßen, schlugen bei jedem Endrefrain mit den blanken Schlägern aneinander, die sie beständig in den Händen hielten. Die Meisten aus der Gesellschaft trugen rote oder blaue silbergestickte Käppchen, und außer Reinhardt, welcher mit in der Zahl war, rauchten alle aus langen mit schweren Quästen behangenen Pfeifen, welche sie auch während des Singens und Trinkens unaufhältlich in Brand zu halten wußten. – Nicht weit davon in einem Winkel des Gewölbes saßen ein Geigenspieler und zwei Zittermädchen; sie hatten ihre Instrumente auf dem Schoß liegen und sahen gleichgültig dem Gelage zu. Am Studententische wurde ein Rundgesang beliebt; Reinhardts Nachbar hatte eben gesungen. „Vivat sequens!“ rief er und stürzte sein Glas herunter. Reinhardt sang sogleich: „Wein her! Es brennt mir im Gehirne; Wein her! Nur einen ganzen Schlauch! Wohl ist sie schön, die braune Dirne, Doch eine Hexe ist sie auch!“ Dann hob er sein Glas auf und tat, wie sein Vorgänger. „Brandfuchs!“ rief der eine Präses und füllte Reinhardt’s leeres Glas, „Deine Lieder sind noch durstiger, als Deine Kehle.“ „Vivat sequens!“ rief Reinhardt. „Holla! Musik!“ schrie der dritte; „Musik, wenn wir singen, verfluchter Geigenpeter!“ „Gnädiger Herr“, sagte der Geigenspieler, „die Herren Barone belieben gar zu lustig durcheinander zu singen. Wir können’s nicht gar so geschwind.“ „Flausen, vermaledeite braune Lügen! Die schwarze Lore ist eigensinnig; und Du bist ihr gehorsamer Diener!“ Der Geigenpeter flüsterte dem Mädchen etwas in’s Ohr; aber sie warf den Kopf zurück und stütze das Kinn auf ihre Zitter. „Für den spiel’ ich nicht,“ sagte sie. „Gnädiger Herr“, rief der Geigenpeter, „die Zitter ist in Unordnung, Mamsell Lore hat eine Schraube verloren; die Käthe und ich werden uns bemühen, Euer Gnaden zu begleiten.“ „Herr Bruder“, sagte der Angeredete und schlug Reinhardt auf die Schulter, „Du hast uns das Mädel totalement verdorben! Geh, und bring’ ihr die Schrauben wieder in Ordnung, so werde ich Dir zum Recompens Dein neuestes Liedel singen.“ „Bravo!“ riefen die Übrigen, „die Käthe ist zu alt, die Lore muß spielen!“ Reinhardt sprang mit dem Glase in der Hand auf, und stellte sich vor sie. „Was willst Du?“ fragte sie trotzig. „Deine Augen sehn.“ „Was gehn Dich meine Augen an?“ Reinhardt sah funkelnd auf sie nieder. „Ich weiß wohl, sie sind falsch; aber sie haben mein Blut in Brand gesteckt.“ Er hob sein Glas an den Mund. „Auf Deine schönen, sündhaften Augen!“ sagte er und trank. Sie lachte, und warf den Kopf herum. „Gib!“ sagte sie; und indem sie ihre verzehrenden Augen in die seinen heftete, trank sie langsam den Rest. Dann griff sie einen Dreiklang, und indem der Geigenpeter und das andere Mädchen einfielen, sekondierte sie Reinhardt’s Lied mit ihrer tiefen Altstimme. „Ad loca!“ riefen die Präsides und klirrten mit den Schlägerklingen. Nun ging der Rundgesang die Reihe durch, dazu klangen die Gläser und die Schläger klirrten beim Endrefrain, und die Geige und die Zittern rauschten dazwischen. Als das zu Ende war, warfen die Präsides die Schläger auf den Tisch und riefen: „colloquium!“ Nun schlug ein alter dickwanstiger Bursche mit der Faust auf den Tisch: „Jetzt werde ich den Füchsen einigen Unterricht angedeihen lassen!“ rief er, „das wird ihnen über die Maßen wohltun. Aufgemerkt also! Wer nicht antworten kann, trinkt drei pro poena.“ Die Füchse und die Brandfüchse standen sämtlich auf und faßten jeder ihr Glas. Nun fragte das bemooste Haupt: „Was für ein Abend ist heute Abend?“ „Weihnachtabend!“ riefen die Füchse wie aus einer Kehle. Der Alte nickte langsam mit dem Kopfe. „Ei, ei!“ sagte er, „die Füchse werden immer klüger. Aber nun kommt’s: Wie viel der heiligen Könige erschienen an der Krippe zu Bethlehem?“ „Drei!“ antworteten die Füchse. „Ja,“ sagte der Alte, „ich dachte nicht daran; Ihr seid ja eben erst hinter’m Katechismus weggelaufen. Aber nun geht’s an die Hauptfrage! Woher, wenn’s zu Bethlehem der heiligen Könige nur drei waren, woher kommt es, daß heute Abend ihrer dennoch vier erscheinen werden?“ „Aus Deiner Tasche kommt es!“ sagte Reinhardt. „Heraus mit dem Buch der vier Könige, Du eingefleischter Spielteufel!“ „Du knackst alle Nüsse, mein Junge!“ sagte der Alte und reichte Reinhardten über den Tisch weg die Hand. „Komm, ich geb’ Dir Revange für Deine silbernen Tressen, die Du Dir gestern vom Sonntagskamisol herunterschneiden mußtest. Aber heute geht’s um bar Geld!“ Dabei schlug er an seine Westentaschen und breitete ein vergriffenes Spiel Karten auf dem Tisch aus. – Reinhardt griff in seine Taschen; es war kein Heller darin. Eine hastige Röte stieg ihm in’s Gesicht; er wußte, zu Haus in einer Schieblade seines Pultes lagen noch drei Gulden; er hatte sie zurückgelegt, um ein Weihnachtsgeschenk für Elisabeth dafür zu kaufen, und dann wieder darum vergessen. „Bar Geld?“ sagte er, „ich habe nichts bei mir; aber wart’ nur, ich bin gleich wieder da.“ Dann stand er auf und stieg eilig die Kellertreppe hinauf. Später geht Reinhardt durch die stillen Straßen der Stadt; die ursprüngliche Passage...




