E-Book, Deutsch, 144 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 180 mm
Stoin Die Vorsehung
1. Auflage der EPUB Ausgabe 2025
ISBN: 978-3-69042-006-8
Verlag: Reichel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 144 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 180 mm
ISBN: 978-3-69042-006-8
Verlag: Reichel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Wassil Stoin wurde in Bulgarien als Sohn einer Musikerfamilie geboren. In jungen Jahren führte ihn sein Weg in die DDR, wo er am Konservatorium der Stadt Schwerin unterrichtete. Er nahm an zahlreichen Konzerten teil und trug als Musikwissenschaftler zur Wiederentdeckung unbekannter und verschollener Werke des Barock bei, u.a. von Händel, Telemann und Vivaldi. Der Zufall führte Stoin zur Literatur. 2019 erschien sein erster Erzählband 'Von Sonnenhäschen und anderen Hasen'.
Zielgruppe
Verantwortungsvolle Menschen
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Nein, das sind keine Wunder
Der Sonnengroßvater
Lisas Oma und Opa Vazov 2
Mutters Fleck
Die allmächtige Logik der Schöpfung
Wissenschaft und Wunder
Nun komme ich zu den Geschichten, die meine Ansicht über die Offenbarung der menschlichen Seele maßgeblich gewandelt haben.
Als das erste Ereignis dieser Art geschah, war ich erst zwölf Jahre alt und hatte noch einen kompletten Satz Großeltern väterlicherseits. Großvater war vierundachtzig. Trotz seines Alters war er erstaunlich lebhaft. Er war Musiker von Beruf und reiste durch das ganze Land, um Blasorchester zu organisieren und zu dirigieren. Er war auch kinderlieb und ich erinnere mich, wie wir, die Kleinen aus der Umgebung, uns regelmäßig auf einer Bank im Park vor unserem Haus versammelten und er uns Geschichten aus seiner Kindheit und von den vielen Kriegen, an denen er teilgenommen hatte, erzählte.
Im Winter 1964–65 brachten Fremde Opa nach Hause. Sie hatten gesehen, wie er auf einer vereisten Straße ausrutschte, sich den Kopf am Gehsteig stieß und sich nicht mehr rührte. Nach dem Unfall baten mich meine Eltern, nicht ins Zimmer meiner Großeltern zu gehen. Einen Grund dafür haben sie nicht genannt, aber ich war mir sicher, dass es mit Opas Gesundheitszustand zu tun haben sollte.
Eines Nachts träumte ich von Großvater. Da ich besonders tief schlafe und Träume keine dauerhaften Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen, ist dies der zweite Traum, an den ich mich überhaupt erinnere. Die einzige Figur darin war Opa. Er lächelte strahlend in stillem Schweigen zu mir, umgeben von einem unfassbar hellen Licht. Ich konnte ihn nur bis zu den Schultern sehen, was aber irgendwie unwichtig war – allein das Licht, in das er getaucht war und das er zugleich ausstrahlte, war von Bedeutung.
Als ich aufwachte, kam mein Vater zu mir und setzte sich auf mein Bett, was sonst nie geschah. Aufgeregt erzählte ich ihm von meinem Traum. Daraufhin sagte er, dass Großvater mir zuerst erschienen sei, weil ich sein Liebling war. Das hörte sich recht seltsam an. Mein Vater bat mich, auf meine Mutter zu warten, was auch seltsam war, denn er wusste genau, dass ich, sobald ich wach war, aus dem Bett sprang und angezogen war, noch bevor ich entdeckt hatte, wo ich am Vorabend meine Kleider hingeschmissen hatte. Kurz darauf kam meine Mutter tatsächlich, setzte sich ebenfalls auf mein Bett und teilte mir mit, dass Opa in der Nacht gestorben sei.
Es vergingen Jahre, bis ich verstand, was mein Vater meinte, als er sagte, Großvater sei „mir erschienen“. Dann beschloss ich, dass solche Gedanken unkeusch sind, und lehnte sie als inakzeptabel ab. Viele Jahre später, als ich die Geschichte vom „Fleck meiner Mutter“ erlebte, die ich einige Seiten später erzähle, wurde mir klar, dass er recht hatte.
Die nächste Erzählung ist verwandt mit der ersten. Da war ich aber neunzehn, also in einem Alter, in dem die Menschen ernst und verantwortungsbewusst sind. Dementsprechend war ich einen Tag vor der wichtigen Abiturprüfung in bulgarischer Literatur mit meinen Mitschülern Lisa und Koko zu Besuch bei einer anderen Klassenkameradin – der Huschel –, um stundenlang „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen und die Leute, die zu ihrem Unglück in unserer Nähe waren, mit unserem munteren Gekreische zu erfreuen.
Selbstverständlich ging es irgendwann um die Prüfung, die wir mit Koko am nächsten Tag ablegen mussten. Dann bot uns Lisa an, uns zu verraten, welche zwei Themen für die Prüfung gezogen würden. Koko und ich gafften sie an wie ein seltenes Tier, denn woher sollte ausgerechnet sie das wissen? Gleichzeitig aber auch wie eine Ikone, denn es ist bekannt, dass Ertrinkende gern an Wunder glauben. Lisa erklärte uns, dass alles eigentlich ganz einfach sei – die Schriftstellernamen würde uns nicht sie, sondern ihre Oma mitteilen. Als aufgeweckte Jungs überlegten wir mit Koko, dass die besagte Großmutter wohl kaum zusammengerollt in der Damentasche ihrer Enkelin auf uns warten würde, um uns ihre Dienste anzubieten. Und weil die Zeit knapp war, haben wir mit Nachdruck um ein schnelles Treffen gebeten. Lisa erwiderte, dass es noch nicht an der Zeit sei, ihre Großmutter persönlich zu treffen, da sie nicht mehr unter den Lebenden weile. Allerdings würde sie sie gleich kontaktieren, wenn wir versprechen, uns anständig zu benehmen. Mit Koko haben wir sofort Bereitwilligkeit bekundet und Lisa begann das Rendezvous mit ihrer Oma vorzubereiten.
Sie legte ein Blatt Papier auf Huschels Couchtisch, band ihr Klavierschlüsselchen an eine Schnur, hängte es über das Papier und begann zu murmeln:
„Großmutter, ich bin die Lisa.“
Wir anderen starrten voller Ehrfurcht aufs Papier und den Schlüssel und wagten es nicht einmal, einen Atemzug zu nehmen, um die Oma nicht zu erzürnen.
„Großmutter, ich bin die Lisa“, wiederholte Lisa immer wieder, wobei sie auch immer lauter wurde, als wäre die Oma schwerhörig oder als hätte sie Konzentrationsprobleme. „Heute wird's wohl nichts“, murrte sie enttäuscht, blieb dennoch hartnäckig. „Großmutter, ich bin die Lisa.“
Plötzlich wachte die Oma auf und beschloss, ihrer Enkelin Beachtung zu schenken.
„Es klappt, es klappt!“, fing Lisa an zu jubeln. „Schaut mal, das Ding bewegt sich!“
Wir hatten gleich gemerkt, dass der Schlüssel über das Papier zu wackeln begann. Es war jedoch schwer zu glauben, dass dies das Werk einer schüchternen Großmutter war, die sich wer weiß wo verkrochen hatte. Andererseits passten billige Tricks nicht zu dieser Klassenkameradin.
Nachdem sich die beiden Verwandten begrüßt hatten, erklärte Lisa der Oma ihre Mission. Die zwei klärten die Modalitäten bezüglich des Verfahrens, wonach Lisa die Namen der Autoren, die für die Prüfung in Frage kamen, langsam und laut auszusprechen begann. Die Oma gab ihre Bestätigung oder Ablehnung manchmal blitzschnell, ab und an überlegte sie länger, und die Antworten ließen auf sich warten. Schließlich wurden die beiden Schriftsteller ermittelt – der eine war Ivan Vazov, der andere irgendein kommunistischer Spinner. Die Kombination war plausibel, da zu dieser Zeit einer der beiden Autoren zwingend aus dem roten Sumpf stammen musste. Koko und ich entschieden uns sofort für Vazov.
Bei der Prüfung wurden tatsächlich Vazov und der von der Oma ermittelte Schmarotzer ausgelost. Damals dachte ich, das sei reiner Zufall, aber der „Fleck meiner Mutter“, von dem ich gleich erzählen werde, hat meine Meinung darüber entscheidend geändert.
Die dritte Geschichte handelt von dem Tod meiner Mutter, die ihre letzten Jahre bei meinem Bruder im Ausland verbrachte. Mit meiner Tochter besuchten wir sie oft, und die Zeit, in der wir zusammen waren, war stets ein warmherziges Erlebnis. Nicht selten sprachen wir über die Jahre meiner Kindheit, ein Thema, das uns dreien am Herzen lag. Aber auch über andere Dinge, über die wir früher nicht sprechen konnten, da uns die Zeit dafür fehlte. Diese außergewöhnlich herzlichen Begegnungen hinterließen bei mir unvergessliche Erinnerungen – erst dann wurde mir ganz bewusst, und ich war bereits über vierzig, wie eng meine Mutter und ich verbunden waren.
Eines Tages rief mich mein Bruder an und teilte mir mit, dass unsere Mutter einen Schlaganfall erlitten habe, im Krankenhaus liege und nur noch kurze Zeit zu leben habe. Diese Worte erschütterten mich zutiefst, denn bis dahin hatte ich nie daran gedacht, dass ich eines Tages ohne meine Mutter sein würde. Mit meiner Tochter stiegen wir gleich ins Auto, und ein paar Stunden später waren wir im Krankenhaus bei ihr.
Als ich meine Mutter sah, wurde mir klar, dass ihr Zustand tatsächlich hoffnungslos war. Mein Bruder und seine Freundin waren da. Es war abends. Wir stellten uns ans Sterbebett und verbrachten viele Stunden in schmerzvoller Stille. Irgendwann begann mein Bruder zu erzählen, wie sich alles zugetragen hatte, und erklärte noch einige Unwichtigkeiten. Ärzte und Krankenschwestern kamen ab und zu ins Zimmer, brachten uns gelegentlich Kaffee und Snacks, und mit der Zeit gewöhnten wir uns so sehr an die Situation, dass unsere Gespräche einen Ton annahmen, als befänden wir uns auf einer wissenschaftlichen Konferenz, um darüber zu diskutieren, ob der übermäßige Verzehr von Bratwurst mit Sauerkraut bei Eskimos zu Segelohren führen kann.
Irgendwann holte mein Bruder den Krankenhauspfarrer für die letzte Ölung – das war schon ausgemacht. Als dieser kam, teilten wir ihm mit, dass wir uns Sorgen um den Gottesdienst machten, weil unsere Mutter orthodox war. Aber er erklärte, er habe bereits Unmengen an Patienten aller Konfessionen ins Jenseits befördert, denn Gott sei einer für alle. So werde er auch unsere Mutter mit links dorthin befördern. Er fragte noch, welchen Ritus wir bevorzugten, da er im Krankenhaus gezwungenermaßen verschiedene Riten kennengelernt hatte. Und fügte hinzu, dass er in der katholischen Zeremonie am geschicktesten sei, da auch seine Ausbildung katholisch gewesen sei. Da wir auf diesem Gebiet Laien waren, erklärten wir uns mit allem einverstanden. Dann begann er, seine Arbeit zu verrichten, ohne weiter Zeit zu verschwenden.
Der Gottesdienst wurde auf Latein durchgeführt, oder zumindest erschien es mir so. Ich kapierte nichts, nickte aber gelegentlich mit dem Kopf, um den Pfarrer nicht zu beleidigen, und passte auf, keinen Unsinn von mir zu geben, damit ich mich nicht blamiere. Und in diesem Moment erlebte ich das „Etwas“, das...




