Stöckli | Knochenmann, Knochenhund, Knochenvogel | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 228 Seiten

Stöckli Knochenmann, Knochenhund, Knochenvogel

Die Totentanz-Matrix in Literatur und Graphik seit 1900
3. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-2344-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Totentanz-Matrix in Literatur und Graphik seit 1900

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

ISBN: 978-3-7481-2344-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Zeitlos tanze der Tod" - mit dieser Zuversicht hat Rainer Stöckli vor gut zwei Jahrzehnten seine in den 1990er Jahren erschienene Totentanz-Monographie überschrieben; es ging damals ums «Fortleben, Fortschreiben, Fortzeichnen» der Totentanz-Tradition, hauptgewichtig in der Schönen Literatur und der Graphik des 20. Jahrhunderts. Die Totentanz-Matrix ist nach wie vor produktiv: makabre Motive herrschen nicht nur in mancherlei Belletristik vor und prägen vielerorts das bildnerische Schaffen; sie überfrachten auch im mitteleuropäischen Getriebe die gesellschaftliche Wirklichkeit, die Zeitläufte, die Kulträume, das spirituell sowie parterre geführte Alltagsleben. Der Verfasser hat in der vorliegenden Sammlung seine Referate und Feuilletons überarbeitet und neue Texte beigesteuert. Es handelt sich um Vorträge vor Fachgremien, Totentanz-Aufsätze bzw. Zirkumspektionen in Zeitschriften, Bulletins, in der Tagespresse. Nebst der Breite der Umsicht, der Gründlichkeit des Blicks dürften Aspekte wie "Tod und Akrobat / Tod und Artistin" oder (zu Seiten des Knochenmanns) "Knochentiere" interessieren, dürfte die Inachtnahme von Comics oder der Einbezug "mundartlicher", nicht zuletzt "vertonter" Textzeugen neugierig machen. Im Übrigen gilt Stöcklis Augenmerk älterer, aber durchaus auch zeitgenössischer Totentanz-Epik, und sowieso lyrischer Makaber-Dichtung: vorzugsweise Gedichten und Spielen.

Rainer Stöckli, * 1943 in Gossau (Kanton St. Gallen), Studienjahre in Fribourg, lebt und liest seit 1976 im Appenzeller Vorderland. Arbeitsbereiche: Romantischer Roman, Lyrik des 20. Jahrhunderts, psalmische Dichtung, Hochdruck-Graphik, Totentanz, deutschsprachige Dialekte. Rezensiert seit 1980 sog. Schöne Literatur in Schweizer Tageszeitungen und amtet als Herausgeber von Gedichtbänden und Anthologien.

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«Ein wenig stirbt man Tag für Tag.»
Über moderne Totentänze
1987, Stäfa: Zürichsee-Zeitung … und der sich tänzerisch gibt
mit der Sense mäht kahl … Elisabeth Moosmann Die öffentlich stattfindende Karikatur und das gesellschaftskritisch-satirische Spektakel haben seit mehr als einem Jahrzehnt weder Grenzen noch Tabus zu achten. Es gibt über ‹das Heilige›, ‹das Intime›, ‹das Obszöne› weder in der Öffentlichkeit noch im gesellschaftlichen Diskurs einen Konsens. Zweiflern gegenüber so rigiden Urteilen mag genügen, dass ich Herbert Achternbusch oder Pasolini nenne; nicht nötig, dass Mühls Materialaktionen in Erinnerung gerufen oder auf Taboris Ausschlachten von Stoffen verwiesen wird (diesjährige Salzburger Festspiele). Auf dem Papier leistet und in Katalogen zeigt Tomi Ungerer wahrscheinlich das Äusserste. Erstaunlicherweise hält sich dagegen in der bildhaft-graphischen Tradition das klassische Totentanz-Thema. Mit dem Tod sind wir scheint’s nicht fertig. Die Künstlerinnen nicht, die Zeichner nicht, wir Rezipienten nicht. In der Lausanner Ausstellung «L’Homme et la Mort» (Musée de l’Ancien Évêché, bis 8. November, Katalog) hat sich eine verblüffende Zahl Arbeiten jüngerer Maler, Zeichnerinnen, Graphiker versammeln lassen, die sich auf Einzelblättern oder in Zyklen mit dem Tod befassen: in all den heutzutage möglichen künstlerischen Techniken und Stilen. Zu ihnen zähle ich Gertrude Degenhardt (Jg. 1940), Boris Fröhlich (Jg. 1947), Klaus Rosanowski (Jg. 1934), Honest Schempp (Jg. 1932), Joseph Ferdinand Seitz (Jg. 1942). Sie alle und weitere neben (eigentlich nach) den Klassikern des Jahrhunderts und neben (nach) gar nicht eklatant älteren Totentanz-Schöpfern: Barlach, Grieshaber, Grosz, Kollwitz, Kubin, Masereel, Nolde, Rouault, A. P. Weber; hierzulande nach dem Neuenburger, dann Wahlwalliser Edmond Bille, dessen Danse Macabre 1919 in Lausanne als Mappe erschienen ist, beziehungsweise neben der Baslerin Véronique Filozof (bürgerlich Sandreuter), deren Totentanz 1976 als Bilderbuch verlegt wurde. – In der Ausstellung nicht berücksichtigt: Otto Bachmanns Bleistift-Zeichnungen zu Roelli-Liedern (1962). Übrigens fällt in Lausanne auf, dass innerhalb der künstlerischen Beschäftigung mit dem Tod nach wie vor die überkommenen makabern Motive zwischen spätestem Mittelalter und Barock vorherrschen. Sodann das anrührende Sujet ‹Tod und Mädchen›, exemplarisch bei Munch und Dalí. Der traditionelle Totentanz hatte der Figuration des Todes – dem Skelett / dem Knochenmann – Menschenfiguren aller Stände, Ämter, Alter, Berufe gegenüber- oder an die Seite gestellt. Provokant dürften je und je Paare mit Tod und Kaiser, Tod und Kirchenfürst gewirkt haben; Mitleid dürften die Paare Tod und Mutter, Tod und Kleinkind erregt haben. Beliebt bis ins 19. Jahrhundert gewiss auch die Szenerie ‹Tod und Liebespaar›, bewegend immer wieder ‹Tod und Soldat›. Weil sozusagen zeitlos, kommen die letztgenannten Kombinationen auch bei Bildenden Künstlern unseres Jahrhunderts wieder zum Vorschein. Dass der Knochenmann aufspielt, ist seltener der Fall; er lauert auch nicht mehr auf, kämpft oder ringt weniger, mäht nicht mehr mit der Sense, schiesst nicht mehr mit Pfeilen vom Bogen; auch die Tanzsituation hat sich in modernen Totentanz-Zyklen weithin verloren. – «Der Tod und das Mädchen» in: Hans Roelli/ Otto Bachmann: Ein Totentanz. Zürich: Orell Füssli, 1962. Geblieben hingegen ist die Imagination des vor den Menschen tretenden Grossen Bruders, mit oder ohne Stundenglas; sie rührt die Holz- und Linolschneider, die Radierer, die Lithographen nach wie vor. Auch die Karikaturisten. (Selbstredend auch die Lyriker, aber das ist eine andere Bewältigung des Makaber-Themas, eine in Worten. So anders, wie die Friedhof-Photographen eine eigene Kunst üben, wenn sie seriell Statuen auf Grabstätten abbilden.) Von Friedrich Karl Waechter (Jg. 1937) gibt es das ungeheure Zerrbild, worauf ein Menschennarr – bäuchlings geklammert an den übers Grab gestellten Tisch – mit den Füssen sich selber, über die Tischplatte weg, Tod und Kasperl vorgaukelt, derweil der Knochenmann, unterm Tisch und hinterrücks (!), die Grube für seinen letztmalig lustigen Kandidaten vollends aushebt. Robert Gernhardt wandelt eine Totentanz-Vision ab, indem er den Sensenmann statt sein Opfer abführen einen – Schmetterling aufspiessen lässt. «Schreck gekriegt, wie?» Das gilt dem Betrachter. Der Titel der Spass-Zeichnung: Memento mori. Eine subtile Variation auf die ‹Tod und Mädchen›-Einbildung stammt von Roland Topor: auf eine schlafende, im Gras hingebreitete, nackte junge Frau kriecht «Die Todesraupe» hin – kriecht mit Raupengliedern und Totenschädelchen übers drohend hängende, löcherfrassige Baumblatt vorwärts-abwärts. * Ausserhalb der Karikatur aber? Totentänze? In Lausanne nicht vorgezeigt? Modernste Arbeiten, womöglich – wie seit alters – Zyklen, und eben nach 1980 entstanden? – Ich kenne einen Ansatz von Wolfgang Patrick (Jg. 1939), ein Triptychon von 1986 in Öl, halte freilich den Zugang zu den knallfarbigen, ins Surreale abdriftenden Tafeln für schwierig. Im Gegensatz zu Kurt Paulettos (Jg. 1939) plausibeln «Zaichnige» – hochlyrischen Bleistift-Illustrationen, geschaffen zur Zwillings-Thematik Mummenschanz und Totentanz in Hans Räbers Buch mit vier «Baseldytsche Novälle» (Gute Schriften, Basel 1981). «les jeunes et la mort / Die Jugendlichen und der Tod» in: Véronique Filozof: La danse macabre / Der Totentanz. Basel: Pharos, 1976, S. 73. Die Danse Macabre von Véronique Filozof, 1976 Vor zehn Jahren hat Véronique Filozofs Danse Macabre Aufsehen gemacht (Pharos Verlag, Basel). Die Künstlerin, gebürtige Baslerin, hat an Hans Holbein dem Jüngeren, überhaupt am baslerischen Totentanz-Schaffen Mass genommen und daraus Inspiration geschöpft. Hat das Tradierte aber überschritten. Der Zyklus von 40 Blättern, gemäss Vorwort «den alten Totentanz aus der Pestzeit in die Moderne hinüberleitend», bildet in der plakativen Schwarz-Weiss-Zeichensprache einer sogenannten «Naiven» neuzeitliche Lebenssituationen ab. Zwar begleitet der Tod, wie uns geläufig, Adam und Eva aus dem Paradies und beruft dann eine Reihe bestimmter Altersstufen als Opfer, beruft Stände-Zugehörige aus Amt oder Ordnung ab, holt Berufsleute (Arzt, Gelehrte, Richter, Schauspieler, Bergmann) aus ihrem Wirkungskreis; aber er leitet – darin ein moderner Tod – ebenso unnachgiebig den Bergsteiger und Höhlenforscher, den Automobilisten und den Flieger (Piloten), den Chemiker und den Fabrikdirektor aus dem Leben. Am Ende des Zyklus regiert er, jetzt Grossmacht, mittels Atombombe und als Strahlentod. Filozofs stets flächig wirkende, dekorative Zeichnungen hätten einen Endpunkt von Totentanz-Vorstellungen markieren können: archaisch, neue Einfachheit, Art-Brut-nahe – ohne Raffinement oder Manier vor Augen gebrachte Auftritte des Knochenmannes. Aber Basel ist nicht das, ist nur ein Zentrum der Makaberkunst. Es existieren moderne Totentänze gewissermassen zu beiden Seiten des Bildverfahrens der Filozof: gegenständlicher, realitätsnah, aggressiv; andererseits wirklichkeitsfern und doch – im Tableau, im Arrangement, in der Reduktion auf den Strich – schockierend. In beiden genannten (angedeuteten) Richtungen dünkt mich die Verwendung der Totentanz-Matrix produktiv. Entweder ist der Gegenwartsbezug wichtig und wird erreicht durch die Situierung der Knochenmann-Opfer-Begegnung in zeitgenössisch-heutigen Szenen. Oder es ist Anfechtung / Schrecken / Stupor erster Kunstzweck, und zwar aufgrund einer Szenerie, die es wagt, etwas Ungehöriges vor Augen zu bringen, respektive die darauf aus ist, zusammenzuzwingen, was erfahrungsgemäss nicht zusammenhängt. Noch während die groteske Vorlage (Graphik) oder der groteske Vorgang (Schilderung) Entsetzen hervorruft, rücken wir Rezipienten vom Bild oder von der literarischen Darlegung ab; haben uns erinnern lassen (memento mori), was uns Sterblichen je widerfahre, wenden uns jedoch von der künstlerischen Suggestion ab: der rigor mortis sei Sache der anderen Sterblichen. Tomi Ungerers Rigor mortis, 1983 Ungerers Zeichnungen sind 1981/82 entstanden und ein Jahr darauf vom Zürcher Diogenes Verlag ediert worden («mit...



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