E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Stinde Frau Buchholz im Orient
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3686-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3686-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frau Buchholz im Orient ist ein Reisebericht, den Julius Stinde 1888 veröffentlicht hat. Er knüpft hier an die Erfolge der vorher veröffentlichten Buchholz-Werke an und erzählt viele Erlebnisse in seiner eigenen humorvollen Art.
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Wie die Thiere genauer gehen als Uhren. – Warum die Polizeileutnanten mit der Bronzezeit um sich warf. – Ein halber Meter Frühstück. – Unsere Gefährten. – Die Beduinen von Giseh. – Was die Pyramiden sind. – Die oder der Sphinx. – Das Gräberfeld. – Ein Blick in die Heimath. – Der Schech mit dem Prügel. – Auf und in der Pyramide. – Von lebensgefährlichen Freiheiten.
Zu einer reellen Landparthie gehören drei wesentliche Bestandtheile: die Gesellschaft, welche das Ganze unternimmt, die Essabilien, worauf man sich im Voraus freut, und der Kremser, der die Familienkreise sammt Verpflegung in die entferntere Umgebung befördert. Das klingt beinahe wie ein Rebus, aber eine Landparthie ist auch eine Art Orakel, da kein Mensch vorher weiß, wie sie ausfällt. Das heißt, wenn die Bergfeldten mit macht, kann ich prophezeihen. Paree, daß sie anfängt?
Kremser gab es nun in Kairo nicht, man mußte sich mit einzelnen Wagen behelfen; die Hauptsache war die Verabredung, spätestens zwischen neun und zehn Uhr Morgens bei den Pyramiden zu sein und die Abfahrt danach einzurichten. Die Empfehlungen von Alexandrien hatten uns zu Landsleuten geführt, die sich unserer in der reizendsten Weise annahmen. Man ist in der Wildfremde ja ziemlich verbiestert, und gar wohl thut es, vorsorglich mit gutem Rath und praktischer Anleitung gegängelt zu werden.
Meine einzige Sorge war das rechtzeitige Aufstehen, denn die Uhr war durch und durch boshaft geworden. Gerade wenn es sich um Genauigkeit handelte, schnappte sie ein, und ging nicht weiter. Freilich hatten wir dem Zimmerwilden Bescheid gesagt, aber so viel war mir vom Arabischen bewußt, daß es, nach dem Lernbuche gesprochen, gewöhnlich das Verkehrte zu Wege bringt. Das Einzige, worauf ich mich verließ, waren die Thiere.
Vor unserem Fenster nämlich in der Palme des Nachbarhofes nistete ein Stoßvogelpaar, das sich Junge zugelegt hatte, die früh Morgens mit unlöschbarem Hunger aufwachten und demgemäß nach Nahrung schrieen. »Karl,« sagte ich, »wenn man die Thiere nur einmal ordentlich satt machen könnte, daß sie mit dem Schlung stille wären. Umgebracht dürfen sie nicht werden, wie Herr Zwilchhammer sagt, da sie noch von alten Zeiten her in heiligem Ansehen stehen. Frühere Gebräuche haben allerdings etwas Ehrwürdiges, aber sie müssen nicht belästigen.« – »Die Thiere gehen genauer als die Uhr,« entgegnete er. »Daß ich die Kartoffel auch mitnehmen mußte.« – »Es geschah wegen des Stehlens.« – »Noch ist uns nichts weggekommen!« – »Nur Geduld.« – »Die Wilden scheinen mir ehrlicher als manche Zahme.« – »Haben wir die Wäsche schon wieder?« – »Die trocknet.« – »Nach meiner Meinung müßte sie längst brechen.« – »Thu' mir den Gefallen und schlaf ein. Die Uhr war Deine Idee, ich wäre mehr als froh, wenn sie gestohlen würde.« – »Das Amerikanische wird doch überall so sehr gelobt.« – »Angepriesen, wolltest Du sagen.« – »Karl, Du treibst Alles auf die Spitze, warte damit, bis Du bei den Pyramiden bist, die sind höher als mein Begriffsvermögen.«
Die Thiere ächzten uns beim Morgengrauen wach. Mein Karl brachte die Uhr in Gang, die ebenfalls eingedust war, dann kam der Wilde uns wecken, und dann tranken wir Kaffee. Auf Mr. Pott's Anrathen, den wir am Abend vorher gesprochen, beorderte mein Karl kühlende Erfrischungen und Eis sowie Früchte, Bananen und Mandarinen. Herr Arthur Kaulla aus Stuttgart, ein unterhaltsamer Tischnachbar, schloß sich an, und etwas nach Achten sauste der schwarze Kutscher mit uns ab.
Der Weg durch die Stadt ging durch neu verbreiterte, mit schattigen Akazien bepflanzte Straßen, an blühenden Anlagen, an der Kaserne und dem Exerzierplatz vorbei bis an den Nil, über den eine eiserne Gitterbrücke führt. Der Strom war mit kleinen Dampfschiffen und zahlreichen Nilbarken belebt, und auf der Brücke begegneten uns Landleute, welche Grünfutter für die Esel und Pferde, Feld und Gartenfrüchte für die Menschen zur Stadt brachten, und zwar entweder zu Kameel oder zu Esel. »Sind die Leute hier so musikalisch, daß sie Alle Flöte blasen?« fragte ich, nachdem mit aufgefallen war, daß sowohl Reiter wie Fußgänger mit Vorliebe etwas Blasrohrartiges an den Mund brachten. – »Sie frühstücken Zuckerrohr,« erklärte Herr Kaulla. – »Ohne was dazu?« – »Damit sind sie zufrieden.« – »Solche Genügsamkeit. Wie es sich wohl auf einem Kameel reitet?« – Hättest Du Lust, Wilhelmine?« fragte mein Karl. – »Ich fürchte, die Bewegung ist für mich doch wohl zu schwankend. Wer darauf sitzt, pendelt ja immerwährend vor- und rückwärts. Ich zweifle nicht, daß drei Wochen Kameel das Mittelstück schlank kriegen und Schweninger bedeutende Konkurrenz machen würde, aber wer garantirt, daß das Rückgrat nicht dabei aus dem Charnier geräth? Und wenn das Kameel durchgeht? Verstehst Du es zu kommandiren? Ehe Du Prr! Prr! herausbringst, ist es mit Dir in der Wüst, und da haben die Gesänge Davids ein Ende.«
Auch Ziegenheerden wurden zur Stadt getrieben, wo die Milch in den Straßen frisch vom Euter verkauft wird, und Wasser zwischenplumpen unmöglich ist. Es sind komische Thiere. Braun von Farbe mit langen Schlappohren und einer Ramsnase, die wohl nur dadurch zu erklären ist, daß die Urziege sich an dem Urschaf versah, und die krummste Nase, weil hochinteressant für die Wissenschaft, sich weiter vererbte. Ohne Populäre Vorträge würde man an die Lösung solcher Fragen nicht herangehen, aber da erkennt man, wie leicht so was ist. Warf doch die Polizeileutnanten im vorigen Winter mit der Bronzezeit um sich, als wäre das Cuivre poli garnichts mehr werth.
An dem Nilufer in der Nähe der Brücke wird ein Markt abgehalten, an dem sich fast ausschließlich Wilde betheiligen. Dort blüht der Zuckerrohrhandel, und wer Talent zum Kaufmann in sich spürt, findet Gelegenheit genug, ein eigenes Geschäft zu gründen. Knaben von höchstens acht Jahren sieht man am Wege: drei, vier Stangen Zuckerrohr sind ihr Waarenbestand, der Schatten einer Akazie ist ihr Dach, die schwarzgraue Erde zugleich Ladentisch und Sessel. Der Beduine hält mit seinem Kameele, im Nu ist er vom Thiere herunter und um ein Stück Rohr entspinnt sich ein Hinundhergehandele, als gälte es eine ganze Plantage. Schließlich erwirbt er sich einen halben Meter Frühstück, springt auf die vierbeinige Lokomotive und zieht von dannen.
Bei dem vizeköniglichen Palaste von Giseh biegt die Allee ab und richtet sich schnurgerade auf die Pyramiden zu. Früher mußte man über den Nil setzen und mit Eseln hinreiten, als aber die Kaiserin Eugenie die Eröffnung des Suezkanals mit ihrer Gegenwart verweltgeschichtlichte, ließ der Khedive diese Straße von Tausenden von Fellachen in kürzester Zeit aufwerfen, damit der hohe Besuch einen einschmeichelnden Fahrweg vorfände. Jetzt genießen alle Reisende diese Wohlthat und erfreuen sich an den herrlichen Lebbach-Akazien, die rasch und saftig wachsen, denn schon jetzt nach knapp zwanzig Jahren, breiten die Bäume ihre Zweige über die Straße aus.
Je näher man kommt, um so deutlicher stellt sich heraus, wie sehr der Zahn der Zeit die Pyramiden angenagt hat: die aus weiter Ferne scharf erscheinenden Begrenzungslinien zeigen sich schartig und ausgekerbt. Rechts und links vom Wege liegen bebaute Felder, etliche palmenumstandene graue Fellachendörfer, mittelst Schöpfrädern bewässerte Kleeweiden, auf denen Vieh gehütet wird und weiße Kuhreiher Nahrung suchen. Aus den Dörfern kommen bakschisch-schreiende Kinder. Gerade aus steigt die Wüste wie gelbe Sandhügel auf und verliert sich am Horizont in schmalen Streifen. Kurz vor dem Pyramidenfeld von Giseh holten wir die anderen Wagen der Landparthie ein. In dem ersten waren Franz Pascha und Frau, Herr Holz und Frau, letztere eine Schwester der Frau Franz Pascha, in dem zweiten saßen der Seelsorger der deutschen Kolonie, Herr Pastor Boit, und Herr Dr. Vollert mit seiner jungen Gattin, der Bibliothekar der vizeköniglichen Büchersammlung.
Die Chaussee vor Versandung zu schützen sind, wo die Steigung beginnt, Mauern aufgeführt, aber der Sand lagert sich dennoch ab, und um den Pferden eine Erleichterung zu gewähren, steigt man hier aus und geht zu Fuß. Wir begrüßten uns, froh über den windstillen Tag und die Frische der Morgenluft. In der That war der gelinde Hauch, den die Wüste uns zusandte, von wunderbarer Reinheit.
Nun setzten wir den Fuß in den ersten Wüstensand. Er war wie gewöhnlicher gelber Sand. Wir wollten gerührt eine Probe mitnehmen, aber daran läßt sich die Wüste doch nicht erkennen, denn es gehören auch die Felsgesteine dazu, und die unendliche Ausdehnung der kahlen, todten Einöde.
Nur unbeholfen kamen wir vorwärts, woran jedoch weniger der sandige, aufwärts führende Weg schuld war, als das Andrängen der Wilden. Die Beduinen von Giseh halten nämlich jeden Fremden für ein ihnen verfallenes Opfer, von dem sie so viel Bakschisch herausschlagen, wie nur möglich, sei es nun als Führer, als Begleiter beim Besteigen der Pyramiden, oder als Händler mit Antiquitäten. Wie man auch abwehrt . . . . sie wanken nicht. Und dabei hat die...




