E-Book, Deutsch, 291 Seiten
Stinde Die Familie Buchholz
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3685-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 291 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3685-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stindes realistisch-satirische Erzählungen über die Berliner Familie Buchholz waren ein großer Erfolg Ende des 19. Jahrhunderts.
Autoren/Hrsg.
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Ich habe es immer gesagt: lange Verlobungen taugen nichts.
Wenn zweie sich gut sind, so ist es allerdings besser, wenn man sie sich verloben läßt. Man gibt zwar seine Einwilligung, die Kinder sind ungemein glücklich, aber man träufelt doch eine Kleinigkeit Wermut in den Jubel der jungen Herzen, indem der Hochzeitstermin in weite Ferne gerückt wird. Die Kinder fügen sich anscheinend gerne in diese Bestimmung, aber schließlich ist es nicht mehr zum Ansehen, und man gibt nach und läßt sie Hochzeit machen.
So war es auch mit Bergfeldts. Die Auguste, die sowieso nichts zuzusetzen hatte, wurde denn auch ganz elend und schattenhaft. Wenn sie mit dem Kopf seitwärts gegen ein Licht stand, schien es durch ihre Nase, daß diese aussah wie ein Stück Nähwachs. Der Doktor verschrieb ihr allerdings Stahltropfen und zwischendurch versuchte sie es mit Malzextrakt, aber das Arzneiliche schlug nicht an.
Nun hatte Herr Weigelt, ihr Verlobter, denn, Gott sei Dank, durch gute Konnexionen auf einem gerichtlichen Büro eine kleine Anstellung erhalten. Viel war es nicht, aber wenn der alte Weigelt ein bißchen zuschoß, so konnte es eben gehen. – »Lieber lebendig in der Dachkammer als tot in der schönen Kiste,« sagte die Bergfeldten. Und deshalb wurden Anstalten zur Hochzeit gemacht.
Wäre ich in Bergfeldts Stelle, so hätte ich die Hochzeitsfeierlichkeiten ganz einfach in der Familie abgehalten, denn das spart doch bedeutend, aber sie, die Bergfeldten, wollte keine Hochzeit ohne Sang und Klang. Sie meinte, man wäre es allein schon der Nachbarschaft schuldig und müsse deshalb etwas draufgehen lassen. Endlich kam man dahin überein, den Polterabend elegant zu bewerkstelligen und die Reste bei der Hochzeit ganz unter sich zu verwenden.
Um acht Uhr abends sollte die Festivität beginnen. Die gute Stube, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer waren zum Empfang der Gäste hergerichtet. Die Betten waren nach dem Boden transportiert und dort, wo der Waschtisch sonst steht, hatte die Bergfeldten einen Tisch mit grünen Gewächsen hingestellt, weil Herr Bergfeldt, wie sie mir klagte, beim Waschen immer so schrecklich planscht und die Tapete ruiniert hat. Stühle, Gläser und Geschirr lieferte ein Traiteur aus der Nähe, denn Bergfeldts bißchen Einrichtung langte nicht.
Als wir gegen halb neun kamen, war die Wohnung schon ziemlich mit Menschen angefüllt. Die Damen wurden in die gute Stube genötigt und saßen dort in einem angenehmen Halbkreise. Natürlich hatte die Bergfeldten ihre weiteste Bekanntschaft eingeladen, so daß man sich ziemlich fremd vorkam. Dann waren die Freundinnen von Auguste gebeten, die durchaus nicht wußten, was sie vorstellen sollten, und immer zu dritt auf zwei Stühlen saßen, und auch Herrn Weigelts Wirtin, bei der er als Student gewohnt hatte, war mit zugegen.
Die Herren standen im Wohnzimmer und rauchten. Herrn Weigelts Freunde hatten sich zahlreich eingefunden: es waren mehrstens Studenten in älteren Semestern, ganz ansprechende junge Leute. Bloß die Fräcke saßen ihnen merkwürdig, als wenn sie für jemand anders gemacht worden wären.
Um neun Uhr war es so gerammelt voll, daß sich keiner mehr rühren konnte. Mittlerweile ward Tee gereicht und man fing an, sich über dieses und jenes zu unterhalten. Das Brautpaar war bis jetzt noch nicht sichtbar gewesen.
Nun trat Onkel Fritz ein, der das Arrangement übernommen hatte. Ihm folgten zwei von Herrn Weigelts Freunden, die jeder einen mit Blumen bekränzten Stuhl in die gute Stube trugen und dicht vor die Türe stellten, die zum Wohnzimmer führt. Dann setzte Fritz sich an das Klavier – eine richtige alte Drahtkommode – und spielte den Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum, worauf das Brautpaar sich durch die Gäste drängte und auf den bekränzten Stühlen Platz nahm. Die Studenten riefen: Hoch! hoch!, als sie eintraten, und wir anderen applaudierten. Es war dies ein sehr schöner Moment, den Onkel Fritz richtig berechnet hatte.
Auguste Bergfeldt sah ziemlich verhältnismäßig aus. Sie trug ein weißes Mullkleid mit Grün durchzogen. Wäre sie jedoch gescheit gewesen, so hätte sie nie und nimmer ein ausgeschnittenes Kleid gewählt. Auch meinem Karl war es aufgefallen, indem er mir später sagte, ihn hätte immer gefroren, so oft er sie ansah. Ich verwies ihm natürlich diese Bemerkung und erwiderte: »Karl, die Liebe ist etwas zu Erhabenes, als daß man Spott mit ihr treiben dürfte.« – »Du hättest nur mal hören sollen, was die Studenten redeten!« entgegnete er. – »Karl!« rief ich, »dies wünsche ich nicht zu hören und will es nicht hören. Überhaupt will ich nicht wissen, was die Herren in Abwesenheit der Damen reden. Studenten sind mir viel zu frei in ihren Ansichten!«
Onkel Fritz spielte nun etwas Gefühlvolles, und meine Betti trat als Fee gekleidet mit dem Brautkranz auf. Sie sprach ein sehr schönes Gedicht, in welchem von dem Abschied vom Elternhaus, von der Jugend und dem Kindesglück die Rede war, von dem Unglück, das die Zukunft birgt. »Mit dem Brautkranz, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei!« schloß das Gedicht. Schon gleich beim Anfang traten Augusten die Tränen in die Augen, und als es hieß: »Verwaiset und verlassen, vom teuren Elternhaus,« fing die Bergfeldten auch an. Als aber zum Schlusse Betti die Auguste umarmte und diese in ein lautes Schluchzen ausbrach, konnten wir alle nicht an uns halten und mußten die Taschentücher gebrauchen. Ich habe selten so etwas Weichmachendes erlebt. Nun, es ist am Ende auch keine Kleinigkeit, wenn man seine Tochter einem wildfremden jungen Menschen gibt.
Aus dieser Stimmung wurden wir durch einen unangenehmen Zwischenfall plötzlich aufgeschreckt. Ich hatte der Bergfeldten nämlich gesagt, sie sollte für den Abend ihren Hund Cissy eingesperrt halten, weil er durch sein ewiges Lungern aufdringlich würde. Das Tier mußte jedoch aus der Kammer entwischt sein und hatte sich unter die Gäste gemischt. Wahrscheinlich hatte nun einer von den Studenten das kleine Geschöpf nicht gesehen, denn mit einem Male ertönte ein gräßliches Geschrei, weil jemand Cissy auf den Fuß trat. Wer es getan hatte, das kam nicht heraus.
Auguste sprang auf und nahm Cissy zu sich, der immer noch schrie, und suchte ihn zu beruhigen. »Schmeißen Sie die Tele doch raus, Fräulein!« rief Herrn Weigelts frühere Hauswirtin in einem sehr ungebildeten Dialekt. Ich habe mit dieser niedrigstehenden Person kein Wort gewechselt.
Auguste bestand nun darauf, das Tier, das sich allmählich wieder gab, auf dem Schoß zu behalten, und so konnte das Poltern denn weitergehen.
Hierauf kam ein Freund von Herrn Weigelt und stellte einen Schusterjungen vor. Leider konnten wir nicht verstehen, was er sagte, denn der Hund, der ihn nicht kannte, bellte ihn fortwährend an. Selbst als dem Tiere ein Seelenwärmer über den Kopf gebunden wurde, knurrte und kläffte es in einem fort, bis Herr Bergfeldt Cissy beim Kragen nahm und an die Luft setzte. Hierüber ärgerte sich nun Auguste, die ein sehr unangebrachtes maulsches Gesicht zog und zu ihrem Bräutigam, der sie besänftigen wollte, sagte: »Ach was, laß mich!« – »Das wird eine hübsche Ehe werden!« flüsterte ich der Frau Polizeileutnanten zu, die neben mir saß, worauf sie erwiderte: »Passen Sie auf, die kriegt ihn unter!« – Dies glaube ich ebenfalls.
Nummer drei war der kleine Krause. Mir ahnte ja gleich nichts Gutes, als ich ihn sah, die Krausen verzieht ihn zu sehr. – »Nun, Eduardchen,« sagte die Krausen, »nun sprich deinen Satz.« Der Junge, den sie als Tiroler angekleidet hatten, schwieg und steckte den Finger in den Mund. »Wird es bald?« fragte die Mutter. – Der Junge redete keinen Ton. – »Eduard, ich werde schrecklich böse!« – Der Kleine verzog den Mund zum Weinen. – »Komm, Eduard, sei süß.« – Eduardchen wollte aber nicht. – »Er hat sein Gedicht heute morgen noch so schön gekonnt,« sagte die Krausen laut, »aber die vielen Menschen machen ihn jetzt irre. Komm, Edechen, und sag' es Tante Auguste ganz leise vor und gib ihr den silbernen Zuckerlöffel. Hörst du, Eduard!!!«
»Das ist aber unser Löffel,« rief das Balg, »Papa hat bloß den Namen auskratzen lassen!«
Die Krausen wurde vor Ärger wie eine vergrätzte Furie. Der Junge aber lief heulend davon und schrie: »Mama will mir was tun. Papa! Papa!« Herr Krause war so vernünftig und schaffte ihn nach Hause.
Wenn es nun ein bißchen zum Lachen gegeben hätte, wären wir alle wohl wieder munter geworden, aber eine Freundin von Auguste kam als Blumenmädchen und eine andere als Bäckerin mit einem Brot, das nie in der neuen Wirtschaft fehlen möge. Das zog nicht. Den Schluß machte meine Emmi als Königin der Nacht und sang zu Onkel Fritzens Begleitung das schöne Lied: »Wir saßen still am Fenster, das Licht war ausgebrannt.« Als sie geendet hatte, wollte der Applaus gar kein Ende nehmen; die Studenten tobten förmlich und deshalb sang sie noch als Zugabe: »Wenn ich nach meinem Kinde geh', in seinem Aug' die Mutter seh'!« Man sagte ihr außerordentliche Komplimente über ihren Vortrag. Ja, einer von den Studenten hatte gemeint, es fragte sich sehr, ob die Gerster das auch so könnte, Fräulein Buchholzens Gesang hätte etwas ungemein Melodisches.
Die Herren hatten mittlerweile die Zigarren nicht ausgehen lassen und es war sehr heiß geworden, daß der...




