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E-Book, Deutsch, Band 2, 184 Seiten
Reihe: Emilia Roth
Stich Der Maultäschlefluch
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-6795-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weitere unglaubliche Abenteuer von Emilia Roth
E-Book, Deutsch, Band 2, 184 Seiten
Reihe: Emilia Roth
ISBN: 978-3-6957-6795-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maria Stich ist Lehrerin im Unruhestand. Sie verfasst Kinderbücher und Regionalkrimis. Sie lebt im Bodenseekreis. Sie ist Mitglied bei den "Mörderischen Schwestern e.V." und liest immer wieder bei deren Veranstaltungen, den "Ladies Crime Nights".
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Samstag, 20.5.
Rückblick: Pfingstmusikfest mit Fahrerwechsel
»Schifoan!«, grölte das Publikum den Hit von Wolfgang Ambros mit. Der Aprè-Ski Hit sorgte zuverlässig für Stimmung, obwohl weit und breit keine Skipiste zu sehen war. Die Dirndl- und Lederhosenparty mit der Alpenrockband ›Oimbuam‹ war in vollem Gange. Leadsänger Joe trieb das Stimmungsbarometer professionell in die Höhe. Die Menge im Festzelt auf dem Rathausplatz in Leimbach tobte. Das Bier floss in Strömen und in der Bar drängte sich das Feiervolk am Tresen.
»Scheiß Alpenrock«, schimpfte Rudi vor sich hin. Der hagere Mann trat aus dem stickigen Zelt und atmete erst mal tief durch. Ihm dröhnte der Kopf. Wenn man keinen Alkohol trinken konnte, war die Party seiner Ansicht nach nichts wert. Er hätte sich heute lieber einen gemütlichen Abend gemacht, eine Netflix-Serie gestreamt und Chips gegessen. Doch seine Schwester Relindis hatte ihn zum Pfingstmusikfest mitgeschleppt.
»Du musst mal raus aus deinen vier Wänden, Rudi. Feiere das Leben, solang es geht. Ich spendier dir eine Rote Wurst mit extra viel Ketchup«, hatte sie gemeint und ihn mit sanfter Gewalt auf den Beifahrersitz ihres Auto geschoben. Relindis war einen Kopf größer, zwei Jahre älter und hatte schon in der Kindheit das Sagen gehabt. Er hatte gelernt, ihre ständige Bemutterung zu ertragen und war dabei ganz gut durchs Leben gekommen.
Feiern, was sollte er feiern? Er fühlte alle Anzeichen des Fatigue-Syndroms, war antriebslos und schlapp. Sein Körper wurde langsam und stetig von diesem aggressiven Krebs zerfressen. Die letzte Möglichkeit wäre eine Knochenmarkspende.
Seine Schwester hatte eine Aktion zur Typisierung gestartet. Es gab auch noch eine internationale Spenderbank für Knochenmarkspenden. Rudi schüttelte den Kopf, um die negativen Gedanken zu vertreiben, die ihn regelmäßig wie ein dunkler Schwarm Fledermäuse bedrängten.
Er zog seine braune Wollmütze zurecht. Die hatte er von Pia Bock geschenkt bekommen. Sie strickte für den Narrenverein Hugeloh diese Sorte Käppis in allen Größen. Das Mützchen war seine ständige Begleiterin geworden, seit er bei der Chemotherapie seine Resthaare verloren hatte. Denen trauerte er nicht nach, waren eh nur noch ein grauer Kranz rund um den Kopf gewesen. Rudi hatte sich an die Kopfbedeckung gewöhnt. Sie war Teil seiner selbst geworden, praktisch mit ihm verwachsen. Es war schon vorgekommen, dass er mitten in der Nacht mit glühendem Kopf erwachte, weil er immer noch die Mütze trug.
Rudi ging ein paar Schritte in Richtung Parkplatz. Das Wiesengelände beim Rathaus war schwach beleuchtet. Ein süßlicher Duft zog von den Fliederbüschen herüber und mischte sich mit dem aufdringlichen Geruch von Frittierfett. Rudi atmete flach ein und sah hoch zum wolkenlosen, sternenklaren Nachthimmel. Die Mainacht zeigte sich von ihrer besten Seite, Zeit für Liebende und Geliebte zum Träumen und Schmusen. Leider war er seiner großen Liebe noch nicht begegnet. Ob er mit seinen sechzig Jahren da noch Chancen hatte?
Rudi seufzte. Egal, es war wie es war. Momentan musste er nur jemanden finden, der ihn nachhause fuhr. Es war kurz vor Mitternacht und er hatte genug von dem Halligalli. Er konnte sich nicht mehr lange aufrecht halten, wollte so schnell wie möglich sein Bett, seinen Rückzugsort erreichen.
Relindis fiel als Taxifahrerin aus. Sie half Francesco bei der Bewirtung und hatte an der Ausgabetheke alle Hände voll zu tun.
»He, Rudi!«, hörte er jemanden rufen. Eine Hand fiel zentnerschwer auf seine Schulter. Rudi sackte kurz zusammen, wandte sich aber erfreut um. Die Stimme kannte er doch.
»Ach, der Francesco, schon auf dem Heimweg?«, fragte Rudi hoffnungsvoll. Francesco Käferle war sein Nachbar in Kluftern. Er hatte mit seiner Firma ›Sabroso‹ das Catering beim diesjährigen Musikfest übernommen.
»Ne, ne, nur Nachschub aus der Firma holen! Relindis hält die Stellung an der Theke. Die Geschäfte laufen super!«, kam es mit ungelenker Zunge zurück. Der Mann schlug ihm so ungestüm auf den Rücken, dass Rudi beinahe vornüber gekippt wäre. »Bist aber auch nicht mehr sicher auf den Beinen«, fügte er an und lachte meckernd. »Ich geb dir einen aus!«
»Ne, darf nicht, die Medikamente«, antwortete Rudi. Er hatte keine Lust, dem Typen zu erklären, dass er in den letzten Monaten zehn Kilo abgenommen hatte und seine Haut wie ein Sack an ihm hing. Statt dessen fragte er: »Nimmst du mich mit? Hab genug gefeiert.« Eigentlich meinte er damit, dass er genug von dem Fest hatte.
»Geht klar!«, nuschelte Francesco. Er fuhr sich mit beiden Händen durch die schwarzen Locken und zeigte dann mit einer Hand in die Dunkelheit.
»Parkplatz hinten!«, schob er nach. Francesco hatte seinen Wagen am Hintereingang des Festzelts geparkt. Dort war ein Wiesenstreifen für die Autos der Lieferanten reserviert. Die beiden Männer tappten stumm an der Längsseite des Zelts entlang, akustisch begleitet von der Stimmungsmusik. »Ein Prosit, ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit« wurde intoniert. Die Gläser klirrten und der Alkoholpegel stieg.
Francesco steuerte mit unsicheren Schritten auf einen dunklen Pick-up zu. Etwa fünf Meter davon entfernt, in der äußersten Ecke des Festgeländes, schimmerte eine hellblaue Dixi-Toilette herüber. Ein einsamer Raucher stand neben dem Klohäuschen und telefonierte.
»He, Karle! Kein Betrieb am Scheißhaus!«, rief Francesco seinem Freund zu und lachte gackernd über das vermeintliche Späßle.
»Wo hast du die Verena gelassen?« Der Raucher nahm keine Notiz von dem Angetrunkenen. Er warf den Zigarettenstummel zu Boden, trat ihn aus und telefonierte weiter. Francesco zuckte mit den Achseln und öffnete die Autotür.
»Soll ich fahren?«, fragte Rudi. Er war sich mit einem Mal unsicher, ob Francesco noch fahrtüchtig war.
»Ne, ne, geht schon! Hab grad nen Kaffee getrunken. Steig ein!« Francesco saß schon hinter dem Steuer. Rudi war kaum auf den Beifahrersitz gekrabbelt, als sein Chauffeur schon auf den Startknopf drückte. Der Motor röhrte los.
»Und ab geht die Post!«, rief Francesco. Krachend legte er einen Gang ein. Der Wagen schoss rückwärts in Richtung Dixi-Klo.
»Sorry!«, rief Francesco leichthin und wandte sich entschuldigend Rudi zu. Eine stinkende Bierfahne wehte ihm entgegen.
»Stopp!«, keuchte Rudi und wand den Kopf ab um dem Gestank zu entgehen.
Verdammt, dieser Francesco war auf dem besten Weg das Klohäuschen niederzumähen! Rudi hob den Arm um ins Lenkrad zu greifen, doch seine schwachen Kräfte reichten nicht aus.
Was dann passierte, geschah in Sekundenbruchteilen und war nicht mehr aufzuhalten.
Ruppig stieß ihm Francesco den Ellenbogen in die Seite und drängte ihn zurück. Er fühlte sich immer noch als Herr der Lage. Hektisch tastete sein Fuß nach dem Bremspedal, fand es kurz, rutschte ab. Der Pick-up schrammte knirschend an der Seitenwand der Toilettenkabine entlang, rollte einfach weiter. »Halt!«, wollte Rudi brüllen, brachte aber nur ein Krächzen zustande.
Der Wagen erfasste den Mann frontal. Das dumpfe Aufprallgeräusch würde Rudi sein Leben lang nicht vergessen. Wie eine Puppe wurde der Mann zu Boden geschleudert. Ungebremst überrollten die Reifen den wehrlosen Körper. Endlich drückte Francescos Fuß das Bremspedal bis zum Anschlag durch.
Die Sicherheitsgurte pressten die beiden ruckartig in ihre Sitze. Rudi schrie gellend auf, Francesco fluchte. Der Motor starb ab. Die Musik im Zelt machte Pause. Zwei Männer saßen stumm, wie versteinert da. Sie starrten durch die Frontscheibe in die Finsternis, bewegungslos, sprachlos.
Im Zelt begann die Band mit den ersten Takten von ›Resi, I hol di mit meim Traktor ab‹. Das Publikum applaudierte und stimmte bierselig in den Refrain ein.
Francesco ließ das Lenkrad los, als wäre es glühendes Eisen. Er warf Rudi einen gehetzten Blick zu.
»Heilandsack!«, entfuhr es ihm. Da erwachte auch Rudi aus seiner Schockstarre. Seine Reaktion kam überraschend. Er drückte den Fahrer beiseite und rutschte hinters Steuer.
»Raus! Ich bin gefahren!«, befahl er mit heiserer Stimme.
Francesco war schlagartig nüchtern. Er nickte, riss die Tür auf, sprang nach draußen. Das hellblaue Toilettenhäuschen war zur Seite geschoben. Die Tür hing in den Angeln und schwang quietschend auf. Es stank nach Pisse. Davor auf dem Rasen, halb unter dem Pick-up, lag ein verdrehter Körper. Eine defekte Straßenlaterne blinkte unregelmäßig, was der Szene etwas Gespenstisches gab.
»Karle!«, Francesco machte einen Schritt auf den Verunglückten zu und ging in die Hocke. Aber seine Knie schlotterten so sehr, dass er sich mit der Hand am Boden abstützen musste. Karle starrte ihn aus leeren Augen an. Aus Ohr und Nase sickerte Blut in den Kies. »Karle, sag was!«, rief Francesco panisch. Er packte seinen Freund an der Schulter, wollte ihn umdrehen, in eine...




