Stibbe | Willkommen in Paradise Lodge | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Stibbe Willkommen in Paradise Lodge

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21131-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-21131-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Um ihr Taschengeld aufzubessern, jobbt die 15-jährige Lizzie Vogel neben der Schule in einem Altersheim. Auch wenn sich ihre Kenntnisse über den Umgang mit Senioren auf zwei Regeln beschränken: Man sollte ihnen möglichst kein Vollkornbrot servieren und sie nicht wie Kleinkinder behandeln. Als plötzlich ein neues Heim aufmacht, ist Lizzies Arbeitsplatz allerdings in Gefahr. Denn die Konkurrenz macht dank des schöneren Parkplatzes, der Bingoabende und regelmäßigen Pfarrerbesuche dem maroden Paradise Lodge die Pensionisten streitig. Ein Plan muss her – und zwar schnell ...

Nina Stibbe verbrachte große Teile ihrer Kindheit auf dem Land im englischen Leicestershire, bevor sie als Teenager nach London flüchtete. Sie studierte Geisteswissenschaften, begann 1990 ihre Verlagskarriere und arbeitete schließlich als Lektorin bei Routledge. 2002 zog sie mit ihrem Lebensgefährten und ihren Kindern nach Cornwall.
Stibbe Willkommen in Paradise Lodge jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1

Linco-Biershampoo

Mai 1977

Auf den Job in der Paradise Lodge bin ich durch Miranda Longlady aufmerksam geworden. Eines Tages lief ich ihr zufällig vor einem Laden mit mehreren Läden über den Weg, und sie zeigte auf eine Anzeige am Schwarzen Brett.

Paradise Lodge – Pflegeheim für ältere Mitmenschen.

Nicht gewerkschaftlich organisierte Hilfsschwestern gesucht – 35 Pence/Stunde.

Ideale Teilzeitbeschäftigung für kontaktfreudige, einfühlsame Frauen jeden Alters.

Miranda wollte sich dort bewerben und hoffte, ihre Schwester Melody auch dazu überreden zu können. Aber als Melody mit einem Laib Aufbackbrot aus dem Laden trat und die Anzeige las, erklärte sie, das sei nichts für sie. Damals befand sie sich gerade in ihrer Punkphase; sie hatte eine Nadel und ein Eiswürfel-Piercing in der oberen Ohrmuschel und mit Filzstift intellektuelle Obszönitäten auf ihr T-Shirt gekritzelt.

»Nun komm schon«, jammerte Miranda, »ich möchte da nicht alleine hingehen.«

Während sie sich noch zankten, studierte ich die Anzeige genauer und gelangte zu der Erkenntnis, dass ich den Job wollte. Ich war fünfzehn und mochte die Vorstellung, von Berufs wegen einfühlsam zu sein. Es entsprach meinem dringenden Bedürfnis, eine neue Lebensphase einzuläuten, die nichts mit Pferden, Schule, einer Punkexistenz à la Melody oder einem Vollzeit-Freund zu tun hatte – alles viel zu anstrengend, um sich darauf einzulassen. Und 35 Pence in der Stunde waren drei Pfund am Tag, was damals eine gewaltige Summe war. Davon konnte man praktisch leben. Außerdem befand sich die Einrichtung in Laufweite, denn ich hasste es, mit dem Bus zu fahren.

»Ich begleite dich«, sagte ich. Miranda fuhr herum und schaute mich entgeistert an. Wir hatten uns nie gut verstanden. Tatsächlich hasste ich sie sogar, und sie hasste mich nicht minder. Aus den oben genannten Gründen geschah es trotzdem, dass ich mit ihr in die nächste Stadt ging, um mich »umgehend persönlich zu bewerben«, wie es in der Anzeige geheißen hatte.

Auf dem Weg zur Paradise Lodge bekam ich faszinierende Dinge zu hören. Miranda eröffnete mir, warum sie den Job brauchte, und die waren so zwingend, so romantisch und anders, als ich es der alten Miranda zugetraut hätte, dass ich meine Meinung über sie änderte. Ich mochte sie zwar immer noch nicht, aber wenigstens schien sie interessant zu sein, was mehr war, als man über die meisten Leute sagen konnte.

Miranda und ihre Mutter lagen sich wegen Mirandas Freund Mike Yu in den Haaren. Miranda nahm seit einiger Zeit die Pille, um darauf vorbereitet zu sein, mit ihm Geschlechtsverkehr zu haben – wenn es denn mal so weit sein würde. Mrs Longlady hatte das spitzbekommen, weil Miranda plötzlich zwei BH-Größen zugelegt hatte, obwohl sie kürzlich erst von richtigem auf das kalorienarme Slimcea-Brot umgestiegen war. Also hat Mrs Longlady Miranda das Taschengeld gestrichen und verweigerte ihr jeden Penny, bis sie sich nicht mehr mit Mike Yu treffen würde.

Das eigentliche Problem war, dass Mrs Longlady Mirandas Ex-Freund lieber mochte – einen Jungen aus Market Harborough, Big Smig genannt, der seine gehobene Herkunft dadurch kaschierte, dass er gern fluchte. Sein Vater arbeitete in der Verwaltung von British Leyland, und seine Mum engagierte sich bei wohltätigen Reitveranstaltungen von Prinzessin Anne und hatte eigenhändig fünf parallele Straßenpartys für das Silberne Thronjubiläum der Queen organisiert.

Für Mike Yu hatte Mirandas Mutter nur Verachtung übrig. Sie nannte ihn »Butterblume« und behauptete, er sei Japaner, was Miranda auf die Palme trieb, weil er kein Japaner war, sondern aus Hongkong stammte, und die Leute dort waren entweder Chinesen oder Briten – wenn sie nicht einer ganz anderen Nationalität angehörten. Aus Japan kamen sie aus guten Gründen meist nicht. Miranda hatte eine Enzyklopädie zurate gezogen, um sich gründlich über die Sache zu informieren. Sogar Mike Yu hatte sie danach gefragt, obwohl ihr das hinterher eher aufdringlich und peinlich vorgekommen war.

Kürzlich hatte Miranda einen schlimmen Traum, in dem ihre Mutter eine Voodoo-Puppe von Mike gebastelt und eine Nadel hineingestochen hatte. Während sich der arme Mike (im Traum) in Todeskämpfen wand, schrie Miranda ihre Mutter an: »Hör auf, Mike mit deinen Voodoo-Methoden zu verzaubern, ich liebe ihn.« Durch diesen Traum war Miranda bewusst geworden, dass sie sich tatsächlich in Mike verliebt hatte.

Seither hatte sich die Beziehung zwischen den beiden so verfestigt, dass Miranda schon zweimal mit der gesamten Familie Yu (Mike, seinen Eltern und seinem alten Großvater) zu Abend gegessen hatte. Beim ersten Mal hatte man Speisen vom Good Luck House Takeaway in die Wohnung bringen lassen; der Imbiss lag unten im Haus und gehörte der Familie. Das Essen war sehr gut gewesen.

Das zweite Mal war es eine Katastrophe. Mike Yus Mutter hatte sich in der englischen Küche versucht, Miranda zu Ehren, und obwohl das eine sehr nette Geste war, wurde Miranda am Tisch fast übel. Mikes Mutter servierte riesengroße Zwiebeln, als handele es sich um Gemüse, im Ganzen gekocht und auf den Teller geklatscht, neben ein Stück Schweinefleisch. Miranda mühte sich mit dem Schwein (zäh/salzig) und der Zwiebel (schleimig/süßlich) ab und würgte buchstäblich, was sie nur durch einen vorgeschobenen Hustenanfall kaschieren konnte. Da war es keine große Hilfe, dass Mike Yus alter Großvater mit seinem Plastikgesicht und den verklebten Augen dasaß und mit den Fingern hart gekochte Eier aß.

Trotz dieses Grauens war Miranda so versessen auf Mike, dass sie sogar versucht hatte, Chinesisch zu lernen, um sich mit ihm in seiner Sprache unterhalten zu können. Daraus war allerdings nichts geworden. Allein für das Wort »Dienstag« (tinsywaah) hatte sie eine Woche gebraucht, und sobald sie »Mittwoch« (tinseeteer) gelernt hatte, hatte sie »Dienstag« auch schon wieder vergessen. Miranda hatte sich das alles leichter vorgestellt, da ihre Mutter zweisprachig war (Englisch/Spanisch), seit sie einen mehrwöchigen Abendkurs absolviert hatte.

Miranda hatte das Handtuch geschmissen und nur noch Englisch geredet oder sich mit Zeichensprache verständigt. Sie lernte den Namen von Mike Yus Mutter (Yu Anching), was »Ruhe« bedeutete, und den seines Vaters (Yu Huiqing), was »Glück« zum Ausdruck brachte. Mit dem Namen des Großvaters hatte sie sich erst gar nicht abgemüht, weil sie jeden Grund vermeiden wollte, ihn anschauen zu müssen.

Sie dankte Gott, dass Mike einen englischen Namen hatte, weil sie sonst vielleicht nicht mit ihm ausgehen könnte.

»Aber er muss doch einen chinesischen Namen haben«, sagte ich.

»Nein«, versicherte mir Miranda. »Mike ist Mike auf Chinesisch.«

In jedem Fall brauchte Miranda jetzt Geld für Klamotten und Kosmetik, um für Mike Yu attraktiv zu sein, zumal sie mit ihrem größeren Busen aus allen Sachen herausgewachsen war. Ihre Dorothy-Perkins-BHs hatte sie ihrer Schwester Melody vermacht, die nicht die Pille nahm und die Polsterung brauchte, da sie in der Pubertät eine etwas männlichere Figur bekommen hatte.

Meine Gründe für mein Interesse an dem Job waren weit weniger aufregend und romantisch als Mirandas. Sie waren auch nicht so schlicht – aber es blieb sowieso keine Zeit mehr. Mirandas Geschichte hatte den gesamten fünfundvierzigminütigen Fußmarsch gefüllt.

»Da«, sagte Miranda und zeigte hin. »Paradise Lodge.«

Ich schnipste meine Kippe in den Gully, dann balancierten wir auf Zehenspitzen über das Viehgitter.

Miranda, die hohe Keilabsätze trug, musste penibel darauf achtgeben, wo sie hintrat. Als ich durch das Gitter unter meinen Füßen schaute, sah ich einen Krückstock im öligen Wasser einer Grube liegen.

»Wahnsinn«, sagte Miranda und verlor fast den Halt, »von hier kommen die alten Säcke garantiert nicht weg.«

Wir klopften. Während wir warteten, sah ich mich um und erblickte eine Dame am Fenster über der Tür. Sie schaute nicht hinaus, sondern hatte Hände und Wange an die Scheibe gelegt – etwas, das mein Bruder Jack immer getan hatte, wenn er wollte, dass unsere Mutter heimkam; ständig hatte er den Wasserdampf von der Scheibe wischen müssen. Schließlich kam eine alte Krankenschwester an die Tür und führte uns in eine große Küche, in der es gehörig qualmte.

Eine Frau mit Schürze stellte sich als Köchin vor und erklärte, dass fast Teestunde sei. Sie bedeutete uns, Platz zu nehmen, und füllte dann heiße faserige Früchte aus einer großen Kupferpfanne in Flaschen, die am anderen Ende des groben Holztischs aufgereiht waren. Dem Aussahen nach würde ich auf Rhabarber tippen.

Bald trat eine Frau um die vierzig zu uns. Sie hieß Ingrid und war sehr groß; offenbar war es die Chefin. »Wollen wir vielleicht einen Tee trinken?«, fragte sie und schaute die Köchin an. Die Köchin antwortete lächelnd: »Sehr gerne. Und dazu vielleicht ein süßes Brötchen?«

Wir wurden zusammen befragt, gleich dort an dem Tisch. Auf einer Anrichte reihten sich Tabletts mit Teegebäck aneinander. Eine kleine Schar Schwestern erschien und schnappte sich die Tabletts, während die Köchin Wasser in zwei riesige Teekannen goss. Es war wie bei einer dieser überaus reizenden Teestunden, die man aus vergangenen Zeiten oder königlichen Palästen kennt, nur dass Ingrid ziemlich rote Augen hatte und entweder unentwegt weinte oder irgendein Problem hatte. An ihrer Stelle hätte ich gesagt: »Tut mir leid, dass ich so rote Augen habe, aber ich leide unter Heuschnupfen«, ob das nun stimmte...


Stibbe, Nina
Nina Stibbe verbrachte große Teile ihrer Kindheit auf dem Land im englischen Leicestershire, bevor sie als Teenager nach London flüchtete. Sie studierte Geisteswissenschaften, begann 1990 ihre Verlagskarriere und arbeitete schließlich als Lektorin bei Routledge. 2002 zog sie mit ihrem Lebensgefährten und ihren Kindern nach Cornwall.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.