Stevens Singapore Nights
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-945163-60-3
Verlag: Elysion-Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 100 Seiten
ISBN: 978-3-945163-60-3
Verlag: Elysion-Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kelly Stevens studierte in England Literatur und Kreatives Schreiben und arbeitete in Deutschland in verschiedenen Jobs im Medienbereich. Sie schreibt Erotic Romance in allen möglichen Längen und Variationen, von Kurzgeschichte bis Roman. Als Kelly Stevens veröffentlicht sie bei Verlagen, als Indie-Autorin ist sie als K.C. Stevens unterwegs.
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Erste Annäherung
Am nächsten Morgen stehe ich pünktlich um fünf vor acht im achtzehnten Stock des Hochhauses und warte darauf, dass es losgeht. Neben mir warten zwölf Männer und eine Frau, ausnahmslos alle jung und bereits jetzt mit dunklen Schatten unter den Augen. Wahrscheinlich sehe ich nicht besser aus. Das bringt der Beruf mit sich, und in meinem Fall zusätzlich der Jetlag.
Mental gehe ich noch einmal die Eckdaten des Investmentangebots durch: Eine Malaysische Firma aus dem Technologiesektor steht zum Verkauf. Firmensitz ist Kuala Lumpur, aber sie haben für zwei Wochen einen Data Room in Singapur eingerichtet. Manchmal ist das ein virtueller Datenraum, auf den man von überall auf der Welt mittels Passwort Zugriff erhalten kann, manchmal ein realer Raum voller Computer und Akten. Vor dessen noch verschlossener Tür ich jetzt stehe, zusammen mit den Analysten und Associates anderer Fonds, Investmentbanken und Wirtschaftsprüfungsunternehmen, um mich durch einen Berg an Informationen zu arbeiten. Ziel ist es, dass der eigene Arbeitgeber ein Angebot abgibt, das so realistisch ist, dass man den Zuschlag bekommt, andererseits aber nicht so hoch, dass man mit dem Investment keinen Gewinn mehr machen kann. Eine Gratwanderung, die ich bisher nur als Teammitglied erlebt habe. Diesmal bin ich zum ersten mal auf mich alleine gestellt.
Um Punkt acht Uhr werden die Türen geöffnet, unsere Identitäten überprüft und jedem ein Platz zugewiesen. Es ist schlimmer, als ich dachte: Der Raum hat noch nicht einmal Fenster.
Ich packe meine Sachen aus, hole mir einen Plastikbecher mit Wasser vom Spender und mache mich an die Arbeit.
Das nächste mal, als ich hochschaue, zeigt die Uhr kurz nach drei. Bisher haben nur wenige den Raum verlassen – ab und zu holt sich jemand Getränke oder geht auf die Toilette, aber Essen gehen die wenigsten, als ob Pausen als Schwäche gelten. Der junge Mann im schlecht sitzenden Anzug rechts neben mir kaut schon den vierten Schokoriegel. Der junge Mann links neben mir hat sein Jackett ausgezogen und liest hochkonzentriert an seinem Monitor.
Der Gruppendruck ist immens, aber davon lasse ich mich nicht beeindrucken. Ich nehme meine Handtasche und gehe aus dem Raum. Erst auf der Damentoilette wage ich es, meine steifen Schultern und den schmerzenden Nacken etwas zu lockern. Die Klimaanlage verursacht bereits jetzt einen Anflug von Kopfschmerzen.
Zehn Minuten Pause und ein Kaffeegetränk gegen das Nachmittagstief werde ich mir gönnen. Glücklicherweise befindet sich im Untergeschoss des Hochhauses ein Einkaufszentrum, in dem auch eine kleine Food Hall mit diversen Schnellimbissen ist.
Fünf Minuten später bin ich mit einen extra großen Iced Latte in der Hand bereits wieder auf dem Rückweg. Der sollte mich für die nächsten Stunden fit halten.
Die Zeit vergeht schnell, und ehe ich mich versehe, ist es Abend. Was ich auch nur an der Zeit ausmachen kann – von Helligkeit oder Dunkelheit draußen bekomme ich nichts mit.
Auch im Raum ist es etwas ruhiger geworden. Wahrscheinlich sind jetzt doch einige kurz zum Essen gegangen. Auch mein Magen knurrt inzwischen.
Ich logge mich aus, fahre mit dem Fahrstuhl nach unten in die Food Hall und esse an einem kleinen Tisch in der neonbeleuchteten Halle eine Suppe mit Nudeln und Gemüse. Kaum bin ich fertig, gehe ich wieder hoch. Solange ich nicht an meinem Schreibtisch einschlafe, werde ich weiterarbeiten.
Um kurz vor elf holt mich mein Jetlag dann allerdings doch ein. Die meisten anderen sind noch da, auch die Frau. Aber wenn ich mich vor lauter Müdigkeit nicht mehr konzentrieren kann, ist auch niemandem geholfen.
Ich will gerade in den Aufzug einsteigen, als ein Mann herauskommt, der mir vage bekannt vorkommt. Erst, als er mich auf Deutsch grüßt und sich die Aufzugtüren zwischen uns schließen, habe ich ein Déjà-vu: der Mann aus der Flugzeugtoilette! Aber was macht er hier, und vor allem um diese Zeit?
Zu spät. Der Aufzug bringt mich nach unten.
Draußen sind die Straßen nass. Es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit, aber zumindest regnet es nicht mehr. Von frischer Luft kann aufgrund der Abgase keine Rede sein, aber ich entscheide mich trotzdem, zum Hotel zu laufen. Ein bisschen Bewegung kann mir nicht schaden, vor allem, da das Hotel keinen Fitnessraum hat.
Zurück in meinem Zimmer stelle ich meinen Wecker, dusche und schlafe erschöpft ein, kaum dass mein Kopf das Kissen berührt.
Am nächsten Morgen herrscht Unruhe im Data Room. Anscheinend ist gestern spät abends noch ein weiterer Analyst aufgetaucht, hat gerade mal eine Stunde gearbeitet, und ist sofort wieder verschwunden. Insbesondere mein linker Nachbar, der nach eigenen Angaben bis drei Uhr morgens hier war, regt sich über solch unprofessionelles Verhalten auf.
Lästern ist eine Möglichkeit, den Druck abzubauen. Ich persönlich habe immer Sex bevorzugt, aber keiner der jungen Hüpfer hier interessiert mich. Wenn, dann will ich einen richtigen Mann, keinen, der noch grün hinter den Ohren ist. So einen wie den Mann aus dem Flugzeug!
Den Vormittag über arbeite ich mich konzentriert durch die Unterlagen. Nach zwei Jahren in dem Job weiß ich, worauf es ankommt, und ich habe einen guten Instinkt dafür, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Meine Liste mit Fragen, wenn ich Inkonsistenzen entdecke oder mögliche zukünftige Probleme antizipiere, wird immer länger.
Und der Raum wird immer heißer. Entweder hat jemand irgendwo ein Fenster geöffnet, oder sie haben Probleme mit ihrer Klimaanlage. Die Männer haben inzwischen alle ihre Jacketts ausgezogen, die einzige Frau – eine Asiatin – trägt ein luftiges Sommerkleid. Das scheint für Frauen in Singapur nach meinen Beobachtungen der letzten beiden Tage ein akzeptabler Dresscode zu sein, sowohl beruflich als auch privat.
Ich zupfe an meiner Bluse herum, die an mir klebt. Auch meine Anzughose ist nicht für tropisches Klima gemacht. Langsam trinke ich einen Becher kühles Wasser, aber das hilft auch nicht gegen die Hitze im Raum.
Vielleicht sollte ich mir einen Iced Coffee holen. Es ist zwar erst kurz nach elf, aber hier schmore ich gerade in meinem eigenen Saft.
Neben den Aufzügen ist eine kleine Sitzgruppe. Ich nehme den Mann, der darin sitzt, erst wahr, als er aufsteht. Verfolgt er mich etwa, oder warum laufen wir uns schon wieder über den Weg?
„Verzeihung, du siehst … erhitzt aus.“
Das kann er laut sagen. „Ja, aber nicht von dem, was Sie jetzt vielleicht wieder denken.“
„Ich habe gehört, dass es ein Problem mit der Klimaanlage gibt. Sie sind gerade dabei, es zu beheben. Es kann aber noch zwei, drei Stunden dauern.“
Oh nein. Der Gedanke, noch ein paar Stunden in dieser Sauna verbringen zu müssen, gefällt mir gar nicht.
„Marcus.“ Er streckt mir die Hand hin. Auf einen Nachnamen verzichtet er – verständlich nach unserer ersten Begegnung. Auch sein Dreitagebart ist verschwunden. „Und du bist …?“
„Livia.“
Er betrachtet mich auf eine Art, durch die mir noch wärmer wird als ohnehin schon. Als mir das Schweigen zwischen uns unangenehm wird, platze ich heraus: „Wo ist denn deine … Begleiterin?“ Das Wort Frau bekomme ich nicht über die Lippen.
„Sie ist shoppen.“
Seine Frau ist bestimmt immer passend angezogen. Das grünbraune Kleid jedenfalls hat ihr hervorragend gestanden und war – wie ich im Nachhinein erkenne – für ihr Vorhaben perfekt geeignet. Warm genug für den Flug, luftig genug für tropische Temperaturen … und gewisse sportliche Aktivitäten.
„Ist dir nicht zu warm in dem Anzug?“
Er ist derjenige, der die Frage stellt, denn er selbst trägt nur eine leichte Hose und ein Hemd, die bei dem Wetter natürlich viel besser passen.
„Ich habe nichts anderes zum Anziehen.“
Er zieht ungläubig eine Augenbraue hoch. „In einer Stadt wie Singapur, wo sich ein Shopping-Center ans nächste reiht?“
Wenn man es so ausdrückt, komme ich mir schon ein bisschen dumm vor. „Ich habe keine Zeit zum Shoppen.“
„Willst du da jetzt etwa wieder rein und einen Hitzeschlag bekommen? Komm schon. Ich bin ein hervorragender Einkaufsberater. Und zufälligerweise kenne ich mich in Singapur ganz gut aus.“
Bietet er etwa gerade an, mich beim Shopping zu begleiten? Was ist das denn für ein Mann, der sich freiwillig durch die Läden ziehen lässt? Will er mich unbedingt in Unterwäsche sehen? „Das geht doch nicht, dass deine Begleiterin alleine Shoppen geht und du mit einer anderen Frau.“
„Oh, sie ist nicht alleine. Sie will sich heute nur von einer Frau beraten lassen.“ Er grinst ein bisschen verlegen, und ich frage mich unwillkürlich, was wohl hinter dieser Bemerkung stecken könnte. Ein Hochzeitskleid?
Unentschlossen knabbere ich an meiner Unterlippe. Der Gedanke, ein paar Stunden blau zu machen und mich von einem attraktiven Mann begleiten zu lassen, während meine Kollegen schwitzen, hat was. „Okay....




