E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Sternthal Pittel + Brausewetter seit 1870
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7106-0498-0
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
150 Jahre Bauen im Zentrum Europas
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-7106-0498-0
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara Sternthal, promovierte Theater- und Kommunikationswissenschaftlerin, war in der Werbung, Regieassistentin bei George Tabori und Cheflektorin in einem renommierten Verlag, bevor sie sich selbstständig machte. Heute schreibt und übersetzt sie Bücher. Ihre thematischen Schwerpunkte: Biografien, Reisen, Kunst, Kultur, Architektur und Design. Zahlreiche Publikationen zum Wiener Fin de Siècle, über Venedig und vieles mehr. Sie lebt in Wien und ist so oft wie möglich in Italien.
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VORWORT
ADOLF BARON PITTEL war ein für seine Zeit ungewöhnlicher Unternehmer. Anders als die meisten seiner fast ausschließlich gewinnorientierten Zeitgenossen sah er die Arbeitswelt als einen ständigen Prozess des Gebens und des Nehmens. Als Unternehmer, so seine Philosophie, trug er Verantwortung, und zwar nicht nur für die Qualität seiner Produkte, sondern ganz besonders für seine Mitarbeiter. In einer Epoche, in der Bau- und Fabrikarbeiter oft genug menschenunwürdig leben mussten und in der ein Arbeitsunfall nicht selten geradewegs in die Armut führte, richtete Pittel eine freiwillige Sozial- und Altersversorgung für die rund zweihundert Menschen ein, die er in seinem Unternehmen beschäftigte. Pittel tat dies Jahre, bevor der Staat eine nennenswerte Sozialgesetzgebung auf den Weg brachte. Wir wissen aus alten Dokumenten auch, dass sich Adolf von Pittel darüber hinaus um die Familien jener kümmerte, denen bei der Arbeit in seinem Unternehmen ein Unglück zugestoßen war.
Als Pittels Kooperation mit Victor Brausewetter so weit gediehen war, dass die beiden einen Gesellschaftsvertrag schlossen und damit Pittel & Brausewetter (damals noch mit einem &-Zeichen und noch nicht mit dem heute vertrauten +) aus der Taufe hoben, war die Versorgung der Arbeiter weiterhin gesichert. Darüber dürfte es zwischen den Partnern keine Diskussion gegeben haben, denn Adolf von Pittel und Victor Brausewetter waren sich als technisch versierte Bauunternehmer nicht nur darüber einig, gemeinsam neue Wege des Bauens mit dem damals innovativen Baustoff Beton zu beschreiten. Sie teilten auch eine ähnliche Weltsicht, in der gewinnsüchtiger Egoismus auf Kosten der Mitarbeiter nichts verloren hatte. Das Unternehmen war für beide eine Art zweite Familie, in der sie als Unternehmensgründer die Rolle der Väter übernahmen, die sich um das Wohlergehen jener zu kümmern hatten, die sich ihnen anvertraut hatten und schließlich viel von der Leistung erbrachten, die wiederum die Bauunternehmung aufblühen ließ. Das Einvernehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bei Pittel & Brausewetter war schon damals so gut, dass sich nicht selten auch die nächste Generation um Arbeit im Unternehmen bemühte. Waren die Voraussetzungen gegeben – Ausbildung, Fleiß, Einsatzbereitschaft –, wurden die Kinder oder Neffen und Nichten gern aufgenommen. Geben und Nehmen eben und gegenseitiges Vertrauen – nur so konnte es funktionieren.
Das war der Geist, in dem unser Unternehmen vor 150 Jahren gegründet wurde. Unsere Gründerväter waren engagierte, innovative und schöpferische Menschen mit Herz, die, durchaus gewinnorientiert rechnen konnten, für die das menschliche Maß aber immer Priorität hatte. Diese Eigenschaften verstanden sie weiterzugeben – Pittel vor allem an den jüngeren Victor Brausewetter, dieser an seine Söhne und an die engsten leitenden Mitarbeiter, die mit derselben Einstellung Filialen und vor allem Baustellen in halb Europa führten und den Namen Pittel & Brausewetter gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu einem Garant für Qualität und Verlässlichkeit machten.
Der innere loyale Zusammenhalt unseres Unternehmens, zu dem in den 1920er-Jahren die erste Generation Kohout und Heinlein stieß und später, eine Weile nach dem Zweiten Weltkrieg, auch Hans Brünner, war sicher ein Grund dafür, dass wir auch die schwierigsten Zeiten überlebt haben.
NEBEN DIESEM FRÜHEN, geradezu modern anmutenden Teambewusstsein waren es natürlich das ständig wachsende Know-how und die Kompetenz innerhalb des angebotenen Leistungsspektrums, die Pittel & Brausewetter um die vorvorige Jahrhundertwende zu einem der innovativsten Bauunternehmen der damaligen Monarchie machten. Ob es der damals brandaktuelle Einsatz von Beton für den Kanalbau am Ende des 19. Jahrhunderts war, die flammenden Plädoyers, die Leopold Heinlein für den Bau von Betonstraßen bereits in den 1920er-Jahren hielt, die außerordentlichen Kompetenzen hinsichtlich des Kraftwerkbaus, die mit der technischen Entwicklung immer Schritt hielten und unser Unternehmen noch heute auszeichnen: Niemals ging es um schnelle Erfolge, sondern immer um eine solide Basis und profundes Wissen, um Verlässlichkeit und Qualität. Einigkeit über diese Geschäftsgebarung herrschte nicht nur zwischen Adolf von Pittel und Victor Brausewetter, sondern auch zwischen den Generationen.
Doch keine Branche agiert im leeren Raum. Historische Ereignisse prägen nicht nur einzelne Menschen, sondern natürlich auch Unternehmen. Und so war auch Pittel & Brausewetter wohl oder übel Entscheidungen ausgesetzt, die Monarchen, Minister, Kanzler oder Präsidenten auf dem politischen Parkett trafen. So kam es, dass ein in weiten Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie agierendes Unternehmen nach dem Ersten Weltkrieg gezwungen war, sich fast völlig neu aufzustellen. Der Verlust der Zweigstellen konnte durch eine faszinierend kreative Firmenpolitik – mit kluger Risikobereitschaft geleitet vor allem von Benno Brausewetter, der sich der Zustimmung seines Vaters gewiss sein konnte – kompensiert werden. Doch die Zeit stand nicht still, und der „Anschluss“, das Dritte Reich sowie dessen Folgen trafen auch unser Unternehmen an seinem Lebensnerv. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, hatte Pittel & Brausewetter nicht nur viele Mitarbeiter aus allen Unternehmensbereichen auf den Schlachtfeldern verloren, auch das materielle Fundament unseres Unternehmens war in arge Mitleidenschaft gezogen: Gebäude, Maschinen- und Fuhrpark – vieles war zerstört, vieles beschädigt, und die große Holding, die aus zahlreichen Zweigstellen in vielen europäischen Städten bestanden hatte, war zerschlagen und verloren. De facto stand man im Mai 1945 vor dem Nichts. Eine Kapitulation vor diesen Zeitumständen aber stand nicht zur Diskussion. Man befand sich buchstäblich am Rande eines Abgrunds – und begann von vorne: Viktor jun., Benno und dessen Sohn Karl Brausewetter sowie Emanuel Kohout und Leopold Heinlein, nun auch bereits deren Söhne Otto und Gerhard sowie Hans Brünner, der 1951 zum Team stieß, schufen die Basis für einen erfolgreichen Neuanfang. Die Mitarbeiter kamen zurück, und auch wenn es noch eine Weile dauerte, bis man sie wieder ihren Kenntnissen und ihrer Leistung gemäß entlohnen konnte: Es ging ums Überleben, und dafür waren alle bereit, sich mit vollem Einsatz zu engagieren. Einmal mehr bewiesen die Firmenleitung und ihr Team, dass die schwierige Ära die beiden wesentlichen Standbeine von Pittel & Brausewetter nicht in Mitleidenschaft gezogen hatte: Kompetenz und Kontinuität. Parameter, die bis heute nichts an Bedeutung für unser Unternehmen eingebüßt haben.
IN DIESEM BUCH, das Sie hier vor sich haben, wird die Geschichte von Pittel+Brausewetter eingebettet in die jeweiligen Zeitumstände erzählt: 150 Jahre, in denen viele Menschen zum Gedeihen, zur Weiterentwicklung, zu Stabilität und zur Qualität unseres Bauunternehmens beigetragen haben. Es waren dies nicht nur die Träger der bekannten Namen, also die Mitglieder der Familien Pittel, Brausewetter, Kohout, Heinlein und Brünner – es war jede einzelne Mitarbeiterin, jeder einzelne Mitarbeiter in all diesen 150 Jahren, die und der durch Arbeit, Wissen, Einsatz, Einfallsreichtum, Teamfähigkeit und Verlässlichkeit zum Aufbau, zum Gelingen und zum Erfolg von Pittel+Brausewetter beigetragen hat.
Was läge daher näher, als dieses Buch zu unserem Firmenjubiläum Ihnen allen zu widmen: den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Pittel+Brausewetter.
WOLFGANG MAKOVEC UND WOLFGANG FÜRHAUSER WIEN, IM SOMMER 2020
SAMMELKANAL DER STADT WIEN, 1897
In den Jahren zwischen 1888 und 1914 kanalisierte Pittel & Brausewetter 112 Städte und Gemeinden der österreichisch-ungarischen Monarchie. In 21 Fällen handelte es sich sogar um Gesamtkanalisationen, wie uns Victor Brausewetter in seinen wissen lässt.
SCHLOSSBRUNN-KOLONNADE IN KARLSBAD
Zwischen 1. Oktober 1911 und 1. Mai 1912 – also außerhalb der Kursaison – entstand diese Kolonnade nach Plänen des Architekten Johann Friedrich Ohmann. Sie umfasste die bereits 1769 entdeckte Heilquelle unter dem Schlossturm.
PRATERSTERN IN WIEN
Für Pittel & Brausewetter war der Praterstern im zweiten Bezirk Wiens eine wichtige Adresse: Um 1900 errichtete man hier einen Viadukt für die neue Stadtbahn, in den 1950er-Jahren war das Unternehmen wesentlich an der großflächigen Umgestaltung des Platzes beteiligt.
WOHNANLAGE LIESING
Beim Entwurf der 123 Wohnungen auf dem Areal der ehemaligen Brauerei dachte der Architekt Johannes Kaufmann die Kunst am Bau gleich mit. Im Bild ein Teil der Windskulpturen von Martin...




