E-Book, Deutsch, 352 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
Stern Der Gaslight-Effekt
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8312-6930-3
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Wie Sie versteckte emotionale Manipulation erkennen und abwenden
E-Book, Deutsch, 352 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
ISBN: 978-3-8312-6930-3
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
DR. ROBIN STERN ist stellvertretende Direktorin des Center for Emotional Intelligence in Yale. Sie arbeitet seit über 25 Jahren als Psychoanalytikerin, Pädagogin und Autorin und hat den Begriff GASLIGHTING in die Wissenschaft eingeführt und etabliert. In den USA war sie Gast in zahlreichen lokalen und nationalen Radiosendungen und ist weltweit gereist, um über emotionale Intelligenz zu unterrichten.
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Einleitung
DER ZEITPUNKT IST GEKOMMEN
Heutzutage vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht auf den Begriff »Gaslighter« trifft. Eine kurze Google-Suche, schon findet man Dutzende von englischsprachigen Artikeln: »Diese acht Anzeichen zeigen Ihnen, dass Ihr Partner ein Gaslighter ist«, »Ist sich ein Gaslighter bewusst, was er tut?«, »Gaslighting: Die Tricks, die jeder kennen sollte«. Im Online-Wörterbuch »Urban Dictionary« findet sich ein Eintrag zu »Gaslighter«. Sogar der 45. Präsident der Vereinigten Staaten wurde als Gaslighter bezeichnet.
Doch als ich das Buch Der Gaslight-Effekt vor zehn Jahren schrieb, war der Begriff noch völlig unbekannt, obwohl das Phänomen an sich weitverbreitet war. Beim Gaslighting, schrieb ich, handelt es sich um eine emotionale Manipulation, bei der ein Gaslighter versucht, Sie davon zu überzeugen, dass Sie Ihr Verhalten oder Ihre Beweggründe falsch erinnern, falsch verstehen oder falsch interpretieren. So sät er Zweifel, weshalb Sie sich verletzlich und verwirrt vorkommen. Der Gaslighter kann ein Mann oder eine Frau sein, ein Ehe- oder Lebenspartner, ein Chef oder Kollege, ein Eltern- oder Geschwisterteil. Wer auch immer es ist, er hat die Fähigkeit, Sie dazu zu bringen, Ihre Wahrnehmung infrage zu stellen, um die Beziehung am Laufen zu halten.
In meinen Augen ist diese gemeinsame Verantwortung das wesentliche Merkmal des Gaslightings. Es ist nicht nur ein emotionaler Missbrauch. Es handelt sich um eine von beiden Seiten erschaffene Beziehung – die ich als Gaslight-Tango bezeichne. Dafür ist die aktive Teilnahme zweier Personen nötig. Es stimmt, der Gaslighter bringt sein Opfer dazu, an seiner eigenen Wahrnehmung der Wirklichkeit zu zweifeln. Aber das Opfer ist auch darauf aus, den Gaslighter dazu zu bringen, es so zu sehen, wie es gesehen werden will.
»Du bist so schlampig!«, sagt der Gaslighter beispielsweise. Statt darüber zu lachen und zu sagen: »Das siehst aber nur du so«, sieht sich das Gaslighting-Opfer gezwungen, sich zu verteidigen: »Bin ich nicht!« Weil ihm der Gaslighter so viel bedeutet, kann das Opfer keine Ruhe finden, bis es ihn davon überzeugt hat, dass es nicht schlampig war.
»Ich verstehe nicht, wie du so verschwenderisch mit deinem Geld umgehen kannst«, sagt vielleicht ein anderer Gaslighter. Ein Nichtopfer könnte beiläufig antworten »Jeder wie er will, und außerdem ist es mein Geld«, und sich dann wieder den eigenen Geschäften zuwenden. Ein Gaslighting-Opfer aber würde Stunden mit zermürbenden Selbstzweifeln verbringen und sich verzweifelt fragen, ob der Gaslighter nicht doch recht hat.
Manchmal ist die Strafe, der eine Frau als Gaslighting-Opfer ausgesetzt ist, höher als bloße Missbilligung. Vielleicht ziehen sie und der Gaslighter gemeinsam Kinder groß, und das Opfer fühlt sich finanziell oder emotional nicht in der Lage, eine alleinerziehende Mutter zu sein. Vielleicht handelt es sich bei dem Gaslighter auch um den Arbeitgeber, und das Opfer fürchtet berufliche Nachteile, wenn es sich dem Chef wiedersetzt oder den Job hinwirft. Vielleicht ist der Gaslighter ein Verwandter oder eine alte Freundin, und das Opfer fürchtet sich vor Auswirkungen in der Familie oder im sozialen Umfeld.
Der Gaslighter kann seinem Opfer auch mit dem drohen, was ich als »emotionalen GAU« bezeichne – dann hagelt es Beleidigungen, wird mit Selbstmord gedroht oder ein schrecklicher Kampf angekündigt – etwas so Furchtbares, dass das Opfer nahezu alles tut, um es zu vermeiden.
Wie auch immer die Strafe ausfällt, das Gaslighting findet nur statt, wenn beide Parteien mitmachen. Der Mensch, der zum Gaslighter wird, ist verantwortlich für sein Handeln. Aber auch eine Frau, die zum Gaslighting-Opfer wird, ist verantwortlich für ihr Handeln. Ihre Verletzlichkeit entspringt dem Bedürfnis, den Gaslighter zu verklären, seine Zustimmung zu erlangen und die Beziehung um jeden Preis aufrechtzuerhalten. (Wenn der Gaslighter körperliche Gewalt androht oder ausübt, hat die betroffene Frau natürlich einen anderen Grund, sich verletzlich zu fühlen. Dann geht es nicht vorrangig darum, das Gaslighting zu beenden, sondern ihre Sicherheit und die ihrer Kinder zu gewährleisten.)
Diese beiderseitige Teilnahme ist die gute Neuigkeit, denn sie bedeutet, dass man als eine solche Frau die Schlüssel zum eigenen Gefängnis in Händen hat. Sobald sie versteht, was vorgeht, kann sie den Mut und den Willen in sich finden, die verzerrten Darstellungen des Gaslighters zurückzuweisen, die einen verrückt machen. Und sie kann sich stur an ihre eigene Realität halten. Denn wenn sie der eigenen Perspektive vertrauen kann, braucht sie nicht länger Bestätigung von außen, ob vom Gaslighter oder sonst jemandem. Wenn man Gaslighting auf den Einzelnen bezogen betrachtet – also in der Liebe, in Freundschaften, am Arbeitsplatz oder in der Familie, bin ich noch immer von dieser Formulierung überzeugt. Der »Gaslight-Tango« ist der Kern des Gaslightings – der Tanz zweier Menschen, von denen jeder die Teilnahme des anderen braucht.
Ausgangspunkt für das Buch war die weite Verbreitung des Gaslightings im Leben meiner Patienten, meiner Freundinnen – und in meinem eigenen. Ich hatte den Gaslight-Effekt immer und immer wieder beobachtet, ein heimtückisches Verhaltensmuster, welches das Selbstwertgefühl auch der selbstbewusstesten Frau aushöhlen konnte – eines, das zum Ende meiner ersten Ehe geführt hatte. Die von Gaslighting betroffenen Frauen – ob nun Patienten oder Freundinnen – waren durchweg kompetent, stark, kultiviert und attraktiv. Aber irgendwie hatten sie sich in Beziehungen verstrickt – ob nun zu Hause, in der Arbeit oder innerhalb der Familie –, aus denen sie anscheinend nicht herauskamen, auch wenn ihre Selbstwahrnehmung immer mehr ausgehöhlt wurde.
In seiner harmlosesten Form führt Gaslighting dazu, dass Frauen sich unwohl fühlen und sich fragen, warum es immer darauf hinauszulaufen scheint, dass sie sich irren. Oder warum sie nicht wirklich glücklich mit ihren Partnern werden, die doch so »gute Kerle« sind. Im schlimmsten Fall führt Gaslighting zu schweren Depressionen. Dann bleiben von einer ehemals starken, energischen Frau nur noch ein Häufchen Elend und jede Menge Selbsthass. Es erstaunte mich jedenfalls immer wieder – sowohl als Therapeutin wie auch im Privatleben –, zu erleben, welch lähmende Selbstzweifel Gaslighting verursachen kann.
Ich suchte nach einem Weg, um das Muster hinter dieser besonderen Form des Missbrauchs zu erkennen, von dem ich bisher weder in Ratgebern noch in der Fachliteratur gelesen hatte. Inspiriert hat mich letztlich der Film Gaslight (zu Deutsch: Das Haus der Lady Alquist) aus dem Jahr 1944, in dem Ingrid Bergmann, Charles Boyer und Joseph Cotton die Hauptrollen spielen. In dem Film überzeugt der romantische Held, gespielt von Boyer, Ingrid Bergmann nach und nach davon, dass sie verrückt ist. So fragt er sie nach einer Brosche, die er ihr geschenkt hat, und beobachtet, wie sie darunter leidet, die Brosche nicht mehr in ihrer Handtasche zu finden, obwohl sie davon überzeugt war, sie dort hineingetan zu haben – dabei hat Boyer sie selbst herausgeholt. »Ach Liebes, du bist einfach zu vergesslich«, behauptet er. »Ich bin nicht vergesslich«, behauptet daraufhin die von Bergmann gespielte Frau. Doch nur zu bald beginnt sie, eher Boyers Version der Geschehnisse Glauben zu schenken als ihrer eigenen. Sie ist unfähig, ihrer Erinnerung und ihrer Wahrnehmung zu trauen.
In dem Film versucht Boyer ganz bewusst, den Wahnsinn herbeizuführen, um an Bergmanns Erbe zu kommen. Sie davon zu überzeugen, dass sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht trauen kann, macht sie allmählich verrückt. Im wahren Leben sind Gaslighter sich des eigenen Verhaltens selten so bewusst. Sowohl Gaslighter als auch Opfer scheinen aus einem Zwang heraus zu handeln. Sie sind in einem todernsten »Gaslight-Tango« gefangen, der von seinem verzerrten Blick auf sie und ihrer wachsenden Überzeugung lebt, er habe recht. Ich konnte kein anderes Buch ausfindig machen, das dieses spezielle Missbrauchsmuster erforscht, zumindest keines, das dieses Muster deutlich aufzeigt und Betroffenen gezielte Ratschläge gibt, um den Bann zu brechen und ihre Selbstachtung wiederzufinden. Also gab ich dem Phänomen einen Namen, schrieb das Buch – und war erstaunt über die vielen Reaktionen.
Eine neue Patientin nach der anderen kam in meine Praxis und bestand darauf, dass mein Buch irgendwie genau ihre Situation erfasste. »Woher wussten Sie, was ich durchmache?«, fragten viele. »Ich dachte, ich sei die Einzige!« Freundinnen, deren Beziehung ich für glücklich gehalten hatte, gestanden mir, dass auch sie unter Gaslighting litten – oder in früheren Beziehungen darunter gelitten hatten, in der Arbeit oder in der Familie. Kollegen dankten mir dafür, diesem Phänomen einen Namen gegeben zu haben, sodass sie jetzt mit ihren Patienten darüber sprechen konnten. Das vormals namenlose Phänomen schien weiter verbreitet zu sein, als selbst ich das angenommen hatte.
Kurz nach Erscheinen des Buchs begann ich mit Beratungen für Facebook, zusammen mit meinem Kollegen Marc Brackett, der das Center for Emotional Intelligence leitete, das Zentrum für emotionale Intelligenz, das sich an der Universität Yale befindet. Damals steckten die sozialen Medien noch in den Kinderschuhen, und bei Facebook sorgte man sich, dass sensible junge Menschen der Gefahr von Cyber-Mobbing ausgesetzt sein könnten. Marc und ich befragten Dutzende Jugendliche und junge Erwachsene, um eine Online-Plattform zu entwickeln, auf der man über die vielen verschiedenen...




