E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Stendhal Über die Liebe
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401449-4
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fischer Klassik PLUS
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401449-4
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stendhal (Marie-Henri Beyle), geboren am 23. Januar 1783 in Grenoble, war Sohn eines Anwalts, der ihn nach dem frühen Tod der Mutter erzog. Stedhal schlug ein Studium an der École Polytechnique in Paris zugunsten der Literatur aus. Er bekleidete eine Stelle im Kriegsministerium und war von 1800 bis 1802 Unterleutnant im Italienfeldzug. 1810 war er Auditeur des Staatsrats, 1813 Intendant. Er war, in der Nachhut, an Napoleons Russlandfeldzugs beteiligt, 1814 übersiedelte er nach Mailand. Stendhal war mit Lord Byron und Alessandro Manzoni bekannt und mit Prosper Mérimée befreundet. Er war als Kritiker des ?Journal de Paris? und als königlicher Bibliothekar tätig, 1830 wurde er Konsul in Triest, 1831 in Civita Vecchia. Stendhal, der auch ein umfangreiches kunst- und musikkritisches Werk schuf, gilt als bedeutendster Romancier der ersten Generation der Realisten. Er starb am 23. März 1842 in Paris.
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Vorrede
Mai 1826
Dies Werk hat keinerlei Erfolg gehabt; man hat es, nicht ohne Grund, unverständlich gefunden. Darum hat der Verfasser in dieser neuen Ausgabe versucht, seine Gedanken klarer wiederzugeben. Er hat erzählt, wie sie ihm gekommen sind; er hat eine Vorrede verfaßt, eine Einleitung, all das, um klar zu sein; und trotz so vieler Mühe werden von hundert Lesern, die gelesen haben, nicht vier dieses Buch verstehen.
Obwohl es von der Liebe handelt, ist dies kleine Buch kein Roman und vor allem nicht kurzweilig wie ein Roman. Es ist nichts als eine genaue wissenschaftliche Beschreibung einer Art Narrheit, die in Frankreich sehr selten vorkommt. Die Herrschaft des Konventionellen, die täglich wächst, mehr infolge der Furcht vor der Lächerlichkeit als durch die Reinheit unsrer Sitten, hat aus dem Titelworte dieses Werkes etwas gemacht, das man lieber nicht ohne Zusatz ausspricht und das sogar anstößig erscheinen kann. Ich sah mich gezwungen, das Wort zu gebrauchen; aber die wissenschaftliche Strenge meiner Sprache wird mich, denke ich, in dieser Hinsicht vor jedem Vorwurf bewahren.
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Ich kenne ein oder zwei Gesandtschaftssekretäre, die mir bei ihrer Rückkehr den Dienst erweisen können. Bis dahin muß ich die Leute, welche die von mir erzählten Tatsachen bestreiten, bitten, mir nicht zuzuhören.
Man kann der Ausdrucksform, die ich angenommen habe, vorwerfen. Einem Reisenden erlaubt man zu sagen: » war in Neuyork, von da schiffte mich nach Südamerika ein; fuhr bis Santa-Fé-de Bogota. Mücken und Moskitos brachten unterwegs zur Verzweiflung, und drei Tage lang konnte auf dem rechten Auge nicht sehen.« Diesem Reisenden wirft man nicht vor, daß er gern von sich spricht; man vergibt ihm all diese und , weil er so am klarsten und interessantesten erzählen kann, was er gesehen hat.
Nur um so klar und anschaulich zu sein, als es ihm möglich, sagt der Verfasser gegenwärtiger Reise durch die wenig bekannten Gegenden des Menschenherzens: »Ich ging mit Frau Gherardi in die Salzbergwerke von Hallein … Die Prinzessin Crescenzi sagte mir in Rom … In Berlin sah ich eines Tages den schönen Rittmeister L…« Alle diese kleinen Ereignisse sind dem Verfasser tatsächlich begegnet, der fünfzehn Jahre in Deutschland und Italien zugebracht hat. Aber, mehr wißbegierig als empfindend, erlebte er nie das geringste Abenteuer, erfuhr nie irgendein persönliches Gefühl, das erzählenswert wäre; und sollte man ihm den nötigen Stolz zutrauen, das Gegenteil von sich zu glauben, hätte ihn immer ein noch größerer Stolz gehindert, sein Herz drucken zu lassen und dem Publikum für sechs Franken zu verkaufen, wie die Leute, die zu Lebzeiten ihre Memoiren herausgeben.
Der Verfasser hatte seine Gegenstände immer am Tage, an dem er sie beobachtete, beschrieben. Als er nun im Jahre 1822 die Korrekturen dieser Art moralischer Reise durch Italien und Deutschland las, behandelte er die Handschrift, welche die umständliche Beschreibung aller Phasen der Seelenkrankheit enthielt, mit der blinden Ehrfurcht eines Gelehrten des vierzehnten Jahrhunderts vor einer frisch ausgegrabenen Handschrift des Lactantius oder Quintus Curtius. Stieß der Verfasser auf eine dunkle Stelle – und das geschah ihm, die Wahrheit zu sagen, häufig –, so glaubte er immer, daß sein von heute schuld daran war. Er bekennt, in seiner Ehrfurcht vor der alten Handschrift so weit gegangen zu sein, daß er mehrere Stellen imprimierte, die er selbst nicht mehr verstand: der Gipfel der Tollheit für jeden, der an das Urteil des Publikums gedacht hätte; aber der Verfasser hielt es, als er nach langen Reisen Paris wiedersah, für unmöglich, einen Erfolg zu erringen, ohne sich vor den Zeitungen zu erniedrigen. Aber wenn man schon so weit geht, sich zu erniedrigen, dann besser vor dem Ministerpräsidenten. Da also ein sogenannter Erfolg nicht in Frage kam, machte sich der Verfasser das Vergnügen, seine Gedanken genau so zu veröffentlichen, wie sie ihm gekommen waren. So taten es ehemals die Philosophen Griechenlands, deren Lebensweisheit ihn zur Bewunderung hinreißt.
Man braucht Jahre, um in der italienischen Gesellschaft intim zu werden. Vielleicht werde ich der letzte Gast in diesem Lande gewesen sein. Seit dem und der Invasion der Österreicher wird nie mehr ein Fremder als Freund in den Salons empfangen werden, wo eine so übermütige Fröhlichkeit herrschte. Man wird die Denkmäler, die Straßen, die öffentlichen Plätze einer Stadt sehen, niemals die Gesellschaft; der Fremde wird künftig immer Furcht einflößen; die Einwohner werden in ihm einen Spion vermuten oder fürchten, daß er sich lustig macht über die Schlacht bei Antrodoco oder über die Erniedrigungen, die man in diesem Lande auf sich nehmen muß, um nicht von den acht oder zehn Ministern oder Günstlingen aus der Umgebung des Fürsten verfolgt zu werden. Ich liebte aufrichtig die Italiener und habe noch ihr wahres Wesen erlebt. Manchmal habe ich zehn Monate hindurch kein Wort französisch gesprochen, und ohne die Unruhen und den Karbonarismus wäre ich nie nach Frankreich zurückgekehrt. Die Bonhomie schätze ich über alles.
Trotz vieler Mühe, klar und durchsichtig zu sein, kann ich keine Wunder tun; ich kann den Tauben keine Ohren, den Blinden keine Augen geben. Geldmenschen und derbe Genießer, die gerade in dem Jahre, bevor sie dies Buch öffnen, hunderttausend Franken erworben haben, sollen es eiligst wieder schließen, besonders, wenn sie Bankiers, Fabrikanten oder ehrenwerte Industrielle sind, das heißt, Leute mit außerordentlich positiven Ideen. Weniger unverständlich wird dies Buch für den sein, der viel Geld an der Börse oder in der Lotterie gewonnen hat. Solch ein Gewinn kann zusammentreffen mit der Gewohnheit, ganze Stunden zu verträumen und die Erregung zu genießen, in die ein Bild von Prud’hon, ein Tonsatz von Mozart versetzt oder ein bestimmter eigentümlicher Blick einer Frau, an die man oft denkt. Auf solche Art die Leute nicht, die am Ende jeder Woche zweitausend Arbeiter auszahlen; ihr Geist ist immer auf das Nützliche und Positive gerichtet. Einen Menschen wie den Träumer, von dem ich spreche, würden sie hassen, wenn sie Zeit dazu hätten; ihn würden sie zur Zielscheibe ihrer guten Späße machen. Der Millionär aus der Industrie hat das unbestimmte Gefühl, daß in der Achtung eines solchen Menschen ein Gedanke mehr gilt als ein Beutel mit tausend Franken.
Ich lehne auch den fleißigen jungen Mann ab, der in demselben Jahre, in welchem der Industrielle hunderttausend Franken erwarb, sich die Kenntnis des modernen Griechischen aneignete, worauf er so stolz ist, daß er es bereits auf das Arabische abgesehen hat. Ich bitte jeden, das Buch nicht zu öffnen, der nie unglücklich gewesen ist, aus eingebildeten, Ursachen, deren Verbreitung in den Salons ihm äußerst peinlich wäre.
Ich bin sicher, jenen Frauen zu mißfallen, welche dieselben Salons durch eine fortwährende Künstlichkeit im Sturm erobern. Manche von ihnen habe ich bei einer augenblicklichen Aufrichtigkeit überrascht: dann waren sie so erstaunt, daß sie, sich selbst befragend, nicht mehr feststellen konnten, ob solch ein Gefühl, wie ihr eben ausgesprochenes, natürlich oder künstlich gewesen war. Wie sollten solche Frauen über die Schilderung wahrer Gefühle urteilen können? So ist denn auch dies Werk ihr rotes Tuch gewesen; sie haben gesagt, der Verfasser müsse ein schändlicher Mensch sein.
Plötzlich erröten, wenn einem gewisse Handlungen der eignen Jugend einfallen; Torheiten begangen haben aus Inbrunst und es bedauern, nicht weil man in den Augen des Salons lächerlich wurde, sondern nur in den Augen einer gewissen Person in diesem Salon; mit sechsundzwanzig Jahren vertrauensvoll verliebt sein in eine Frau, die einen andern liebt, oder gar etwa (aber das ist so selten, daß ich es kaum aufzuschreiben wage, aus Furcht ins zu verfallen, wie zur Zeit der ersten Ausgabe) oder gar in den Salon eintreten, wo die Frau ist, die man zu lieben glaubt, nur danach trachten, in ihren Augen zu lesen, was sie von uns in diesem Augenblicke denkt, und nicht darauf kommen, die eignen Blicke : das sind die Antezedenzien, die ich von meinem Leser verlangen muß. Die Beschreibung vieler solcher feinen und seltenen Gefühle ist den positiv denkenden Menschen dunkel vorgekommen. Was tun, um in ihren Augen klar zu sein? Ihnen eine Hausse von fünfzig Centimes oder eine Änderung im Zolltarif von Columbia anzeigen.[1]
Dies Buch erklärt einfach, vernünftig, sozusagen mathematisch die verschiedenen aufeinander folgenden Gefühle, deren Gesamtheit die Leidenschaft der Liebe heißt.
Stelle dir eine ziemlich komplizierte geometrische Figur vor, mit weißer Kreide auf eine große Schiefertafel gezeichnet: ich werde diese geometrische Figur erklären; aber ich muß unbedingt voraussetzen, daß sie auf der Tafel ist; ich selbst kann sie nicht zeichnen. Diese Unmöglichkeit macht es so schwer, über die Liebe ein Buch zu schreiben, es sei denn ein Roman. Um mit Interesse einer dieses Gefühls zu folgen, braucht der Leser etwas anderes als Geist; es ist unerläßlich, daß er die Liebe gesehen habe. Wo aber kann man eine Leidenschaft sehen?
Das ist ein...




