E-Book, Deutsch, 643 Seiten
Stendhal Seine schönsten Erzählungen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3672-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 643 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3672-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stendhal war einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Diese Edition umfasst die Werke: Die Fürstin von Campobasso Die Truhe Schwester Scolastica Vanina Vanini Die Äbtissin von Castro Die Cenci Zu viel Gunst schadet Die Herzogin von Palliano Vittoria Accoramboni Der Liebestrank Philibert Lescale Ernestine, oder die Entstehung der Liebe Der Jude Eine Geldheirat Mina von Wangel Erinnerungen eines römischen Edelmannes Die Truhe und das Gespenst Der Ruhm und der Buckel oder der Weg ist glitschig Eine Unterhaltung zwischen elf und Mitternacht
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Vorwort
Am 8. Oktober 1841 war Henri Beyle (bekannter unter seinem deutschen Pseudonym Stendhal), nachdem er wiederum zwei volle Jahre im geistlosen Civitavecchia ausgehalten hatte, über Genf nach Paris zurückgekehrt, als gebrochener, kranker, gleichwohl lebensfreudiger, weil endlich wieder freier Mann. Die Mittel, die dem verabschiedeten achtundfünfzigjährigen Konsul in seinen Alterstagen zur Verfügung standen, waren kärglich. Sein Ruhegehalt betrug 5050 Franken im Jahre; dazu kamen 900 Franken Leutnantspension und 1600 Franken Rente aus der Hinterlassenschaft seiner früh verstorbenen Mutter.
Beyle, der als Kriegsteilnehmer, als langgedienter Beamter, als (freilich nur im Urteile der Nachwelt berühmter) Autor der Weltliteratur alle Anrechte auf einen sorgenlosen Lebensabend hätte haben sollen, hatte also nicht mehr und nicht weniger als rund 460 Franken im Monat zu verzehren. Beyle war Lebenskünstler und fand sich damit ohne zu klagen ab.
Seine bis dahin veröffentlichten Werke sicherten ihm keinen Zuschuß. De l'Amour (1821) war unverkauft geblieben; Armance (1827) hatte keine Leserschaft gefunden; Rouge et Noir (1830) errang nur einen Zeiterfolg; und die uns so köstliche Chartreuse de Parme (erschienen am 6. Mai 1839) brachte es zwar auf zwei Auflagen im ersten Jahre (den Brüsseler Nachdruck von 1839 nicht mit gerechnet); dabei blieb es aber. Mit einem Worte, wenn der Dichter die Freuden des Pariser Lebens einigermaßen genießen wollte, galt es Neues zu schaffen. Er entschloß sich, Novellen zu schreiben, deren Stoff er aus damals unbekannten italienischen Chroniken des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, die er in Abschriften besaß, zu schöpfen gedachte.
Am 21. März 1842 schloß er mit der Revue des Deux Mondes, wo in den Jahren 1837 bis 1839 bereits vier seiner Novellen im Erstdruck erschienen waren, einen Vertrag ab, der ihn verpflichtete, Novellen im Umfange von 16 bis 17 Bogen der Revue gegen 5000 Franken zu liefern. 1500 Franken bekam er am gleichen Tage als Vorhonorar.
An der Novelle Suora Scolastica, deren Niederschrift (Diktat) im April 1839 in Paris, unmittelbar nach der Vollendung der Kartause von Parma, begonnen worden war und die hier in freier deutscher Fassung gegeben wird, arbeitete Beyle in zuversichtlicher Stimmung am Nachmittag und Abend des 21. März, nicht ahnend, daß er an seinem letzten Werke schrieb. Der Tod reichte ihm zwei Tage darauf, am 23. (am Aschermittwoch) morgens zwei Uhr, die Hand, nachdem ihn am Abend zuvor, auf dem Heimwege von einem Diner beim Minister des Äußeren, Guillaume Guizot, auf der Straße, ein Schlaganfall niedergestreckt hatte.
Die Suora Scolastica reiht sich durch ihre Plastik der Gestalten, ihre kulturgeschichtliche Treffsicherheit und ihren packenden Chronikenstil den Meisterwerken ihres Schöpfers an.
Arthur Schurig
Schwester Scolastica
Nach der Schlacht bei Velletri, am 14. August 1744, in der vierthalbtausend Österreicher blieben, ward Don Karlos, der älteste Sohn Philipps V. aus seiner zweiten Ehe mit Isabella Farnese von Parma, unbestrittener König von Neapel.
Alsbald sandte die Mutter einen ihrer Vertrauten, einen Kavalier, der lediglich als Jäger vor dem Herrn berühmt war, nach der Stadt am Vesuv, dem Sohne sagen zu lassen, die Österreicher seien den Neapolitanern vor allem ob ihrer Kleinlichkeit und ihres Geizes verhaßt. Er möge diesen stets mißtrauischen Krämern, ewigen Sklaven des Augenblicks, ruhig ein paar Millionen abnehmen und sie mit ihrem eigenen Gelde aushalten; eines nur solle er nie vergessen: immer zielbewußter Herr und Gebieter zu sein.
Der König, damals achtundzwanzig Jahre alt, war von Priestern und in der Strenge der spanischen Etikette erzogen; gleichwohl gebrach es ihm nicht an Geist. Er schuf sich einen glänzenden Hof. Insonderheit verstand er die jungen neapolitanischen Edelleute, die bei seinem ersten Einzug (1734) noch die Schulbänke gedrückt hatten, durch Gunst und Gnaden an sich zu fesseln. Er handelte folgerichtig, denn mehrere ihresgleichen hatten bei dem berühmten Überfalle vor dem Entscheidungskampf in den Gassen von Velletri ihr Leben geopfert, damit ihr König und Gönner nicht in Feindeshand fiel.
An jenem 14. August bei Tagesgrauen war eine österreichische Kompagnie in das Königsschloß gedrungen, und viel hatte nicht gefehlt, so wäre Don Karlos in seinem Schlafgemach überrumpelt worden. Nur der Geistesgegenwart des Duca Vargas del Pardo, den Donna Isabella ihrem Sohne trotz der Widerrede ihrer Ratgeber als Mentor beigegeben hatte, war es zu danken, daß er der Gefangennahme entging. Vargas packte den jungen Fürsten einfach an den Beinen und warf ihn zum Fenster hinaus, während die österreichischen Grenadiere mit ihren Gewehrkolben bereits die Tür einschlugen und dem Könige in aller Ehrerbietung zuriefen, er möge sich ihnen ergeben.
Vargas sprang seinem Herrn nach, fand zwei Pferde, hieß den König aufsitzen und galoppierte mit ihm zum Heere, das eine Viertelstunde vor der Stadt lagerte. Der König ist verloren, schrie er den spanischen Soldaten zu, wenn ihr nicht schleunigst beweist, daß ihr Spanier seid!
Diese dem Augenblick angemessene kurze Ansprache entflammte den spanischen Zorn. Zunächst mußte das österreichische Bataillon, das nach dem mißglückten Überfall aus der Stadt marschiert kam, über die Klinge springen; sodann gewann die spanische Tapferkeit prompt die bereits erwähnte Schlacht.
Alle Verschwörungsversuche, die von den Österreichern in der Folge angestellt wurden, benutzte Don Karlos zu seinem Vorteile. Keines der Todesurteile in den Prozessen wegen Hoch- und Landesverrats, die seine Richter fällten, ließ er vollstrecken; allein die Einziehung einer Reihe schöner Landgüter genehmigte er. Der Neapolitaner hält auf Prunk und Pracht. Don Karlos drillte seine Höflinge. Wer ihm gefallen wollte, mußte Aufwand treiben. Damit richtete er alle die Edelleute, die ihm sein berüchtigter Minister, der Marchese Bernardo Tanucci, als geheime Anhänger des Hauses Habsburg bezeichnete, einen nach dem andern zugrunde. Es mißlang ihm nur beim Erzbischof von Neapel, dem Kardinal Domenico Acquaviva, dem einzigen gefährlichen Feinde, den er in seinem neuen Reiche hatte. Die hingegen, deren Treue als verbürgt galt, wurden zu Königsgeburtstag reichlich mit Gütern und Titeln beschenkt. Wahrhaft großartig waren die Feste, die Don Karlos im Winter von 1744 auf 1745 gab. Dies und andres führte ihm die Herzen seiner Untertanen zu; Ruhe und Wohlstand stellten sich in allen Schichten wieder ein.
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Diese Hoffeste, deren Ruhm bis nach Paris drang und verwöhnte französische Freudenjäger nach Neapel lockte, gewannen dem Könige sogar einige hohe Familien, die der österreichischen Legitimität, wie man zu sagen pflegte, ergeben geblieben waren. Unter anderen erschien zur Gratulationscour, zum obligaten Handkusse, der Fürst von Atella, ein griesgrämiger alter General, ehedem in österreichischen Diensten, dem es vor der Schlacht bei Velletri nicht im Traum eingefallen wäre, sich bei Hofe sehen zu lassen. Er kam, insgeheim widerwillig, dem Drängen seiner zweiten Gemahlin, Donna Fernandina, willfahrend. Ja, er hatte ihr gestattet, seine Tochter aus erster Ehe, die sechzehnjährige Donna Rodelinda, mitzunehmen, die König Karl auf den ersten Blick für den Stern seines Hofes erklärte.
Der Fürst d'Atella war in seine Frau verliebt. Sie war sehr lustig, sehr unbesonnen und sechsunddreißig Jahre jünger als er. Auf den Hofbällen hatte sie das Vergnügen, sich von den jungen Edelleuten umringt zu sehen, die sicher waren, damit auch in der Nähe Seiner Majestät zu stehen, der niemals verfehlte, die Mutter mit huldvoller Anrede zu beehren, um mit der schönen Tochter zu plaudern. Dem Befehle seiner Mutter getreu, sprach Don Karlos zumeist kein Wort; nur vor schönen Damen, die ihm gefielen, vergaß er seine Allerhöchste Würde und redete mit ihnen wie jeder andere galante Kavalier.
Es war weniger die Annäherung des Landesherrn, die Donna Fernandina bei den Hoffestlichkeiten beglückte, vielmehr die große Aufmerksamkeit, die ihr ein hübscher junger Mann, Don Gennarino Marchese de las Flores, erwies. Er war aus einer urvornehmen spanischen Familie, dem Geschlechte der Medina Celi, die vor etwa hundert Jahren nach Neapel gekommen waren. Gennarinos Vater, der Fürst Marc Aurelio, hatte nur einen Fehler: er galt als der am wenigsten begüterte Edelmann am Hofe. Der Sohn war zweiundzwanzig Jahre alt, gut erzogen, fesch, schlank, verführerisch. Ein Anflug von Feierlichkeit und Hochmut in seinen Manieren verriet seine spanische Herkunft, vertrug sich aber glänzend mit seinem angenehmen, heiteren, zutraulichen Gesicht. Sein Haupthaar war hochblond, seine klugen Augen stahlblau. Gerade dies beides hatte die Fürstin bezaubert; es war ihr ein...




