E-Book, Deutsch, 217 Seiten
Stendhal Amiele
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3669-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 217 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3669-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amiele ist der letzte, 1839 begonnene und unvollendete Roman Stendhals und auch der einzige in dem es eine weibliche Titelhelden gibt.
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Amielens Krankheit
Der Doktor sagte sich:
»Zweierlei tut not.
Amiele muß mich lieben! Sie ist bald siebenzehn Jahre alt. Wenn ich sie entjungfert habe, wird sie charmant sein.
Und dann muß ich mich dieser grande dame unentbehrlich machen. Sie hat ein schönes Gesicht, und trotz ihrer zweiundfünfzig Jahre ist sie noch recht ansehnlich. Ich muß sie so weit bringen, nach wochen- oder monatelangem Widerstreben, daß sie sich mit dem von der Natur etwas stiefmütterlich behandelten Landarzt linker Hand trauen läßt.«
Die Herzogin zog ihn bei jedweder Sache zu Rate; und es war nicht zu leugnen, daß sie keine Langeweile mehr hatte, seitdem sie Sansfin täglich, und zwar oft mehrere Male sah. Er hielt sie dauernd in seelischer Bewegung. Offen gestand sie aller Welt ein, daß sie das Glück kenne, seitdem sie in einer Hütte wohne.
»Ich wäre vollkommen glücklich,« pflegte sie zu sagen, »wenn ich über Amielens Gesundheit beruhigt sein dürfte.«
So standen die Dinge, als der Doktor Sansfin eines Tages behauptete, der Apotheker von Avranches verstände sich ganz und gar nicht auf die Herstellung gewisser Pillen, die das junge Mädchen zur Stärkung der Kräfte unbedingt einnehmen müsse. Infolgedessen begab er sich auf ein paar Tage nach Rouen.
Seit etlichen Monaten stand er in eifrigem Briefwechsel mit Monsignore Gigard, dem Großvikar und Vertrauensmann des Kardinal-Erzbischofs. Während seines Aufenthalts in Rouen hielt er es nun für angebracht, sich den Großvikar völlig zu erobern. Er begab sich zu ihm zu einer Generalbeichte; und zu guter Letzt erreichte er den Hauptzweck seiner Reise: er ward dem Erzbischof vorgestellt. Dabei benahm er sich äußerst geschickt; er verriet Klugheit und Maß und lobte den Pfarrer Dusaillard, der sich anderthalb Jahre in Rouen nicht hatte blicken lassen, über den grünen Klee.
Nach diesem Erfolg hielt er auch die Heirat mit einer Witwe, die 200 000 Franken im Jahre auszugeben hatte, nicht für unmöglich ... Sie hatte allerdings einen Sohn.
»Den Geist dieses Jungen werde ich in die Tasche stecken!« sagte er sich, auf seiner einsamen Promenade den Sankt-Katharinen-Berg hinauf, angesichts der tiefliegenden Stadt Rouen. »Er soll mich verehren lernen! Und wenn die Sache schief geht? Dann verschwinde ich nach Amerika – nebst 100 000 Franken. Wer soll mich daran hindern? Dort nehme ich einen anderen Namen an. Als Doktor Petit oder Doktor Peter Durand schaffe ich mir eine Praxis. Es wird weder der Herzogin noch ihrem Sprößling einfallen, sich durch einen Steckbrief wider mich und meine ein- oder zweihunderttausend Franken lächerlich zu machen!«
Mit diesen Plänen kam er nach Carville zurück. Amiele wurde von Tag zu Tag gesünder. Um Frau von Miossens abzuhalten, wieder im Schloß zu wohnen, nahm Sansfin seine Zuflucht zu allerlei Medizinen, die Amielens völlige Gesundheit hinzogen.
Eines Tages ging er auf die Jagd nach dem Wald von Imberville. Statt Fasane zu schießen, verlor er sich in Träumereien.
»Warum nicht?« sagte er zu sich. Er setzte sich auf den Stumpf einer gefällten alten Buche.
»Wenn ich die Herzogin geheiratet habe, verfüge ich über ihre 200 000 Franken Jahreszinsen. Bin ich aber dadurch eine andere Persönlichkeit geworden? Nein. Ich habe meine Lage vergoldet, bin aber immer noch eine subalterne Kreatur, die vor jedem Mächtigeren den Hut zieht. Ich werde nach wie vor gegen die Verachtung der Herrenmenschen zu kämpfen haben. Schlimmer noch! Ich verdiene diese Verachtung. Betrachten wir den anderen Plan! Ich sitze überm Ozean, heiße meinetwegen Baron Surgeaire, habe 200 000 Franken in der Brieftasche. Was bin ich dann? Habe ich mich verbessert? Das Gepäck meines Buckels habe ich um die Last meiner Spitzbüberei vermehrt. Der Buckel ist meine Visitenkarte. Was will ich machen, wenn die ganze Geschichte eines schönen Tages in den Zeitungen steht? In Amerika ist die Presse noch deutlicher als bei uns. Also fort mit der Gaunerei! Ich muß mich an das Gesetzmäßige halten. Reichtum ist in meinen Augen Luxus. Gewiß, in einer schönen Kutsche nimmt sich ein Buckel hübscher aus als zu Fuß. Wie ich geschaffen bin: ich pfeife auf den Mammon, wenn ich nur meine 10 000 Franken im Jahre habe!«
Nach vierstündiger fieberhafter Grübelei machte sich Sansfin wieder auf den Heimweg. Er hatte den Entschluß gefaßt, die Herzogin zu seiner Herzensfreundin, nicht aber zu seiner Ehefrau zu machen. Daß er eine Schufterei weniger vorhatte, stimmte ihn überglücklich.
Acht Tage später machte er sich das Geständnis:
»Der Teufel hol mich! Welche Selbsttäuschung, mir eine neue Ruchlosigkeit aufzubürden! Ich könnte tausendmal glücklicher sein, wenn ich mich meinen Anlagen gemäß weiterentwickelte. Das Schicksal hat mir eine traurige Gestalt gegeben. Dafür habe ich die Gabe der Beredsamkeit. Ich vermag mich zum Herrn der Dummen zu machen; ja sogar ... « Er lächelte voller Zufriedenheit. »Ja sogar zum Meister von gescheiten Leuten. Die Herzogin ist in dieser Beziehung durchaus nicht schlecht weggekommen. Sie hat ein wunderbares Gefühl für das Lächerliche und ein scharfes Auge für Unnatur. Allerdings, logisch denken kann sie ebensowenig wie alle ihre Standesgenossen. Die Logik läßt keine Scherze zu, und infolgedessen kommt sie ihr greulich langweilig vor. Und selbst wenn sie zufällig einmal richtig denken und eine mir unbehagliche Konsequenz ziehen sollte, so genügt ein einziger Funken Geist meinerseits und das Gebäude ihrer Hirntätigkeit sinkt zu Asche. Übrigens verstehe ich zu arbeiten. Um Parlamentarier zu werden, brauchte ich bloß ein bißchen Volkswirtschaft zu studieren und ein paar hundert amtliche Verordnungen zu überfliegen. Das ist tausendmal leichter als eine einzige Krankheit zu erforschen! Habe ich Erfolg auf der Tribüne, so sorgt mein Buckel davor, daß mir keine Neider erstehen. Wozu also über das große Wasser wandern? Ich werde den mir gebührenden Platz in meinem Lande angeboten bekommen. Die Herzogin muß sich in Paris einen Salon von Bedeutung schaffen. Dieser wird mir vor der Welt den nötigen Hintergrund abgeben. Durch den Kardinal lasse ich mich in die Kongregation aufnehmen. Sind diese beiden schönen Vorbereitungen getroffen, dann steht mir die Pforte in die Welt offen. Ich brauche bloß einzutreten und fest aufzutreten. In Verfolgung dieses großen Planes muß ich zunächst die Erstlinge dieses jungen Weiberherzens pflücken!«
Um alle diese schönen Dinge zu erreichen, ließ er Amielens angebliches Leiden noch monatelang währen. Der Kern ihrer in Wirklichkeit geringfügigen Krankheit war Melancholie.
Sansfin konzentrierte sich in seinem Bestreben, die Kranke zu unterhalten. Er hatte für nichts anderes Sinn. Dabei erstaunte er über die Klarheit und die Kraft ihrer jungen Intelligenz. Ihr etwas vorzumachen, war äußerst schwierig.
Es dauerte nicht lange, so war Amiele überzeugt, daß der so burlesk aussehende Doktor der einzige Freund war, den sie auf Erden besaß. Durch wohlberechnenden Spott erreichte er alsbald, daß die Liebe zu Onkel und Tante Hautemare in Amielens gutem Gemüt gründlich vernichtet wurde.
»Alles, was du glaubst, alles, was dir diese Leute predigen, selbst das, was dich so allerliebst macht, alles das ist voll der Armseligkeit, die der biedere Hautemare und seine Frau ausstrahlen. Die Natur hat dich mit Anmut begnadet und mit göttlicher Heiterkeit, die sich, ohne daß du es weißt, allen mitteilt, die das Glück haben, dich zu sehen und zu hören. Betrachte die Herzogin! Sie ist kein Genie, und doch, wenn sie noch jung wäre, würde sie für eine sehr liebenswürdige Frau gelten. Du hast sie dir dermaßen erobert, daß sie gern jedes Opfer bringt, nur um sich das Glück zu wahren, die Abende mit dir zu verbringen. Gleichwohl ist deine Lage voller Gefahr. Du mußt dich auf die übelsten Intrigen ihrer weiblichen Dienerschaft gefaßt machen. Fräulein Anselma zumal wechselt bei dem leisesten Lob, das dir gilt, die Farbe. Dem Pfarrer Dusaillard pflegt nichts zu mißlingen, was er unternimmt. Wenn er sich mit diesen Weibern verbindet, dann bist du verloren! Denn du besitzest unendlich viel Grazie; bist aber noch jugendlich-unerfahren. Und logisch denken kannst du auch nicht. In diesem Punkte könnte ich dir ja zur Seite stehen; aber eines Tages wirst du wieder ganz gesund sein und ich habe keinen Vorwand mehr, dich zu besuchen. Dann kannst du die größten Fehler begehen. An deiner Stelle versuchte ich, gewitzigt zu werden. Das ist eine Arbeit von vier bis acht Wochen.«
»Warum sagen Sie mir dies nicht in weniger Worten?« fragte Amiele. »Wozu diese lange Einleitung? Ich wußte schließlich gar nicht mehr, worauf Sie hinauswollten?«
Sansfin...




