Steinkopf | Kein schöner Land | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 6370, 258 Seiten

Reihe: Beck Paperback

Steinkopf Kein schöner Land

Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-406-73998-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart

E-Book, Deutsch, Band 6370, 258 Seiten

Reihe: Beck Paperback

ISBN: 978-3-406-73998-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach einem gemeinsamen Ausflug an die Isar fassen vier Frauen und vier Männer den Entschluss, die deutsche Gegenwartskultur auf den Prüfstand zu stellen. Sie sind Experten für Mode, Literatur und Kunst, für Theater, Essen und Musik, für die Politik, für Film und Fernsehen. Sie sind die unabhängigen Geister, die hierzulande so dringend gebraucht werden – und so selten geachtet. Herausgekommen ist eine genauso unterhaltsame wie kontroverse Gegenwartsdiagnose, die es so noch nicht gegeben hat. Acht Nadelstiche gegen den deutschen Stumpfsinn, acht kritische Perspektiven auf ein Land an der Schwelle zu den neuen Zwanzigern: Kein schöner Land ist ein Bootcamp gegen die geistige Trägheit – und ein Ausbruch aus der deutschen Bequemlichkeit.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Cover;1
2;Titel;3
3;Über die Autoren;257
4;Zum Buch;257
5;Inhalt;5
6;An der Isar;7
7;ESSEN;11
8;MODE;35
9;THEATER;63
10;LITERATUR;95
11;POLITIK;121
12;KUNST;147
13;POPMUSIK;175
14;FILM UND FERNSEHEN;205
15;Am Savignyplatz;233
16;Impressum;255
17;Autorenfoto;258


Undurchdringlicher Stoff


Quynh Tran

Berlin, irgendwann im Sommer 1991. Der Schreck kam mit der U-Bahn, als Maxim einen Moment lang sitzen und um sich blicken konnte. Es waren die Frauen. Mit der Sprachlosigkeit bei seiner Ankunft in Deutschland konnte er leben. Aber der Anblick der Frauen mit ihrer fahlen Haut, ihren krausen Haaren und schludrigen Stofffetzen, der sich ihm in diesem Moment einbrannte, an den kann er sich auch nach über zwanzig Jahren nicht gewöhnen. Und um die Männer stand und steht es nicht viel besser. Er war aus der Mangelwirtschaft des zerfallenen, sozialistischen Systems der Sowjetunion in die Hauptstadt eines kapitalistischen Landes gekommen, wo doch Überfluss herrschen sollte. Nur, der war mitnichten zu sehen.

Nein, der größte Kulturschock waren nicht die äußeren Umstände seines Lebens in diesem fremden Land. Nicht die Arbeitslosigkeit, nicht die kryptische Bürokratie, nicht einmal der offene Rassismus nach der Wiedervereinigung. All das ließ sich irgendwie erklären.

Der größte Kulturschock war die deutsche Nachlässigkeit sich selbst gegenüber, die fast schon an Verwahrlosung grenzte. Wenn schon nicht aus Respekt vor anderen Menschen, so sollte man sich doch wenigstens aus Selbstachtung um seinen Körper kümmern! Und dieses Unbehagen teilen wohl so manch Zugewanderte bis heute.

Ein Blick in eine beliebige Straße irgendwo in Deutschland eröffnet in der Regel einen unförmigen Einheitsbrei aus grauen, braunen, schwarzen Stofffetzen, die oft nur durch zerbeulte Jeans und ausgewaschene T-Shirts farblich aufgebrochen werden. Tanzt doch mal ein Anzug aus der Masse, so sitzt er schlecht, und das Damenkleid ist ein konventionelles Etuikleid aus steifem Stoff. Von maßgeschneiderten Herrenensembles und fließenden Seidenroben fehlt sogar in Opern und Theatern jede Spur. Selbst der Trend zu komfortabler Kleidung und Sportswear wird in anderen Ländern in einen spielerischen Rahmen gesetzt: Trägt man in Deutschland auch bei milden Temperaturen in der Stadt Multifunktionskleidung zu Birkenstock-Sandalen, werden die gleichen Schlappen in Frankreich mit Plisseeröcken und Chanel-Handtaschen kombiniert. In Deutschland hat eben Bequemlichkeit Priorität. Nur zeigen die Franzosen, dass genau das auch in schön geht. Die deutsche Modelandschaft hingegen ist eine große, weite Öde aus Ahnungslosigkeit, Ignoranz und Verleugnung.

Würden Kleider Leute machen, so wären die Menschen hierzulande eine Inkarnation der grauen Herren aus Michael Endes Momo-Erzählung, die außerstande sind, im Hier und Jetzt zu leben. Für das französische «Savoir-Vivre» und die italienische «Dolce Vita», für den Moment des Zelebrierens, gibt es kein deutsches Pendant. Kleidung, und im Übrigen auch Essen, wird – statt wie anderenorts als Ausdruck von Lebensfreude – als reine Notwendigkeit betrachtet. Lebensqualität wird über Dinge außerhalb des Körpers definiert. Alles, was mit ihm zu tun hat, was man ihm zuführt, was man an ihm trägt und wie man ihn zur Interaktion mit anderen einsetzt, hat kaum nationalen Stellenwert. Und so sehr man sich dagegen sträubt, Kleidung als Botschaftsträger und Mode als eigene Sprache anzuerkennen, so sehr enthüllt sich in der nichtssagenden Kluft dann doch die Mentalität der Deutschen als genussverweigernde Pragmatiker, die ihre Selbstzweifel hinter einer rationalen Fassade verstecken wollen.

Mode ist bloße Zierde, Unvernunft, Frivolität, Inbegriff einer Oberfläche, die sich den Winden des Wandels beugt. Die deutsche Eiche aber ist standfest und hat so panische Angst vor einem potenziellen Regime der Äußerlichkeiten, dass sie sich stattdessen dem Diktat der ästhetischen Verleugnung unterwirft, als herrschte ein Dualismus zwischen Körper und Geist, in dem die Aufmerksamkeit auf das Äußere der inneren Tiefe etwas abringen könnte.

Verlorener Faden


Diese Oberflächenneurose hat historische Wurzeln, die von den Zäsuren der Moderne umso mehr verstärkt wurden. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel beschrieb die Mode einst als Spiegel des Zeitgeists – und jene, die das modische Verständnis in Deutschland bis heute prägen sollte, begann mit der bürgerlichen Revolte des 19. Jahrhunderts gegen die herrschende Aristokratie. Äußere Opulenz galt als Insignie der unrechtmäßigen Macht und Maßlosigkeit des Adels. Als Gegenpol zur adligen Völlerei wurden Austerität und Natürlichkeit gepredigt; literarische Figuren wie Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti verkörperten in ihrer Schlichtheit die idealisierte Vorstellung von Reinheit und Sittsamkeit. Der protestantische Moralismus des Bürgertums schaffte den Körperkult der Herrscher ab und mit ihm die offene Zurschaustellung von Machtverhältnissen. Allenfalls die Damen durften sich noch um die Zierde scheren. Der bürgerliche Mann zeigte sich, wie die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken ausführte, als Geistesmensch, dessen intellektuelle Potenz so groß war, dass er keines äußeren Charmes mehr bedurfte. Zu seiner Uniform wurde der Anzug, von dem Friedrich Nietzsche einst gesagt haben soll, dass man mit ihm eben nichts sagen will. Ausgerechnet diejenigen, die Mode, in diesem Fall einen historischen Purismus, als soziopolitisches Zeichensystem zur Distinktion benutzten, sprachen ihr alsbald den inhärenten Wert ab. Mit dem Erstarken des Bürgertums und der ästhetischen Reduktion wurde die Verachtung des Äußeren fast schon zur Tugend.

Wenig verwunderlich war folglich, dass es jüdische, nicht protestantische Unternehmer waren, die das Potenzial der Industrialisierung der Bekleidungsproduktion durch die Nähmaschine Mitte des 19. Jahrhunderts erkannten. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten entstand um den Berliner Hausvogteiplatz eine blühende Textilindustrie, die von jüdischen Konfektionären geprägt war. Fabrikanten wie Valentin Mannheimer und Herrmann Gerson exportierten ihre elegante Alltagsmode in die ganze Welt, und Händler wie Adolf Jandorf und die Gebrüder Wertheim eröffneten Kaufhäuser, die zu den prächtigsten Konsumtempeln ihrer Zeit zählten. Als Pioniere des Kommerzes institutionalisierten sie sogar den frühen Versandhandel und Kreditkauf.

Im Gegensatz zu den fast ausschließlich männlichen Konfektionären am Hausvogteiplatz wurde die moderne französische Mode schon in ihren Anfängen von Frauen wie Madeleine Vionnet, Jeanne Lanvin und Jeanne Paquin, später dann von Elsa Schiaparelli und Gabrielle «Coco» Chanel mitbestimmt. In einer Zeit, in der Frauen nicht mal wählen durften, wurden die Modeschöpferinnen zu respektierten Unternehmerinnen – mehr als ihre männlichen Mitstreiter waren sie es, die mit ihren Entwürfen Frauen aus dem Korsett befreiten. Ihre Salons waren der Stoff ihrer Unabhängigkeit. Und zum Streitstoff der Emanzipation machten die Suffragetten, die das Frauen-Wahlrecht und Gleichstellung einforderten, auf der ganzen Welt die Reformkleidung: In diesen Jahren kostete das Rock-Diktat so manchen Frauen das Leben, und so sollte die Revolte gegen die bestehende Kleiderordnung sie von der körperlichen Einengung befreien und ihnen die Teilhabe an der (noch männlich dominierten) Gesellschaft ermöglichen. Amelia Bloomer, Herausgeberin der ersten feministischen Zeitung «The Lily», erregte mit ihren Hosen-Ensembles in den Vereinigten Staaten Unmut, und in Großbritannien protestierten Frauen in weißen Kleidern und mit blutroten Lippen öffentlichkeitswirksam für gleiche Rechte. Auf dem ersten internationalen Frauenkongress, der 1896 in Berlin stattfand, stand die Reformkleidung als wichtiges Instrument der Emanzipation ganz oben auf dem Programm. Kleidung war Symbol, und manch Suffragette würde mehr Geld dafür ausgeben, als sie es sich leisten könne, bevor sie die Bewegung mit einer altbackenen Erscheinung in Gefahr brächte, bemerkte Sylvia Pankhurst, eine der prominentesten Vertreterinnen der frühen Frauenbewegung.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich Berlin, die Hauptstadt der neu gegründeten Weimarer Republik, zu einer Metropole, die mit über vier Millionen Einwohnern größer war, als sie es heute ist. In den Zwanziger Jahren entstand im angrenzenden Babelsberg eine der größten Filmindustrien der Welt, die mit ihren glamourösen Stars, darunter die junge Marlene Dietrich und Zarah Leander, in den Villen am Wannsee schillernde Feste feierte. Expressionistische Kunst- und Literaturströmungen brachen aus den Konturen des Figurativen...


Katharina Herrmann , Lehrerin und Bloggerin, liest Romane, weil sie mit der Realität nichts zu tun haben will. Darüber schreibt sie dann das Internet voll.

Noemi Schneider , Filmemacherin, Erzählerin und Essayistin, glaubt an das Fernsehen, weil es „Homeland“ erschaffen hat. Sie hat ein Sky Super Sport Ticket und träumt von Paul Newman.

Daniel Gerhardt , Popkritiker und freier Journalist, hört Musik und schreibt über sie, weil ihm keine schönere Form der Zeitverschwendung einfällt. Seine Lieblingsband sind „The Walkmen“ aus New York.

Annekathrin Kohout , Zeitschriftenredakteurin, Kulturwissenschaftlerin und Bloggerin, verbringt den Tag mit Scrollen, Skippen und Screenshotten, weil sie der vielen Formen zeitgenössischer Kunst überdrüssig ist. Das Ergebnis lässt sich auf ihrem Blog begutachten.

Lukas Haffert , Ökonom und Politikwissenschaftler, brennt für die Politik, weil man unendlich über sie streiten kann. Er war zweimal Chefjuror der deutschen Debattiermeisterschaft.

Quynh Tran , Philosophin und freie Autorin, empfindet Freude an der Mode als Ausdrucksform, weil sie die deutsche Oberflächenneurose noch rechtzeitig überwunden hat. Sie blickt mal amüsiert, mal verärgert auf den deutschen Stil.

Simon Strauß , Feuilletonredakteur und Buchautor, geht ins Theater, weil dort viel auf dem Spiel steht. Er schreibt, redet und träumt von Europa als sinnlicher Größe.

Leander Steinkopf , Erzähler und Essayist, schreibt über die Leberwurst, weil sie viel über die Psychologie der Deutschen verrät. Er mag den kräftigen Einwegbecherkaffee an Sofioter Kiosken, den Würstlstand vor der Wiener Oper und den Frittierfettdunst im Berliner Arirang.



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