E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Steiner Hier ist auch bald woanders
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95791-078-3
Verlag: Unsichtbar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95791-078-3
Verlag: Unsichtbar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dominik Steiner ist 1981 in Trostberg geboren. Was er schreibt, klingt oft ganz schön realistisch. Er selbst sieht seine Texte im Graubereich zwischen Tagtraum und Tagebuch. Sein Werdegang ist mehr Collage als Karriere: Er absolvierte eine Ausbildung zum Verkäufer und besuchte nach beruflichen Gehversuchen als Buchhändler, Lagerarbeiter und Datenerfasser schließlich eine Journalistenschule. Seine Kurzgeschichten erschienen online auf 'jetzt.de' und 'Neon.de' und gedruckt u.a. im 'Rosegarden'-Magazin. Seit 2010 schreibt er Romane. Dominik Steiner war Finalist beim Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden und beim Haidhauser Werkstattpreis. Der begeisterte Läufer und Musiknerd lebt in Nürnberg und arbeitet dort als Redakteur.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Um halb sieben klopft der Frühdienst die Leute aus den Betten. Kris hört sie, seit sie im ersten Stock sind. Verschwitzt schlüpft er aus der Decke, müht sich in die Joggingklamotten und stapft ins Treppenhaus. Zwischen seinen Mitpatienten trottet er durch die morgendliche Klinik zum Frühsport. 60 süchtige Menschen drängen sich in die Kellerhalle. Kris zwängt sich nach ganz hinten. Die Vorturner stehen schon am anderen Hallenende bereit. Herr Lars, einer der Therapeuten, sitzt auf einer Bank und treibt die Nachzügler an. Im Raum stinkt es nach nächtlichem Schweiß und durchweichten Klamotten. Kris hat sich die ganze Nacht im Bett gewälzt und fühlt sich jetzt wie verheddert. Am liebsten würde er rennen, bis er wieder frei ist. Aber rennen darf er hier nur, wenn er dabei stehenbleibt.
»Wir laufen auf der Stelle!«, kommandiert der Vorturner, als alle Patienten da sind. Das Getrampel im Saal klopft Kris für zwei Schritte wach. Dann sind die Schritte plötzlich weg.
»Wir bleiben stehen!«
Zischender Atem trägt das Getrampel davon. Die Raumluft wird poliert von ungeputzten Zähnen.
»Wir atmen tief ein!«
Kris hält die Luft an.
»Wir atmen aus!«
Kris hält die Luft an. Auf seine Haut legt sich eine lähmende Schwere. Er atmet sie auf.
»Wir strecken die Arme zur Seite!«
Jemand bekommt eine Faust ab, aber es sieht aus, als wäre es ein Versehen. Herr Lars bleibt kommentarlos sitzen.
»Wir halten die Arme gestreckt!«
Erstes Keuchen zischt durch den Saal.
»Wir kreisen die Arme!«
Das Keuchen wird lauter. Verdruckst huschen Flüche durch den Raum.
»Wir kreisen die Arme!«
Kris verfolgt die Bewegungen seiner Nebenleute aus dem Augenwinkel. Keiner hat Lust auf diese Monotonie, aber keiner will als Erster aufgeben.
»Wir kreisen die Arme!«
Genervt steigen jetzt einige aus. Kris macht weiter. Er kann mit allem weitermachen, solange es ihn weit genug von der letzten Nacht wegbringt.
»Wir kreisen die Arme!«
Herr Lars sieht, dass nur noch eine Handvoll der Patienten mitmachen. Er beendet die Übung. Einige hoffen, jetzt schon vom Sport erlöst zu werden.
»Wir laufen auf der Stelle!«, peitscht sie der Vorturner zurück.
Die Luft ist jetzt so verbraucht, dass Kris denkt, kotzen zu müssen. Er stolpert zum Fenster und reißt es auf.
»Hey!« Herr Lars steht auf. »Nur kippen!«
Kris saugt die schneeklare Luft von draußen ein, dann schließt er das Fenster wieder.
Er riecht jetzt nichts mehr. Es ist kein fremder Gestank mehr im Raum. Es ist sein eigener und er läuft auf der Stelle vor ihm davon. So blind, dass es sich anfühlt, als könnte das klappen. Als der Vorturner den Takt für die Kniebeugen vorgibt, macht Kris mit, bis er vor Schwindel torkelt. Lieber keine Luft mehr bekommen, als diese Luft atmen, denkt er und hängt sich auch in die Liegestütze rein, als könnte er sich so in Einzelteilen von hier rauskatapultieren.
Der Platz ganz hinten in der Halle hat ihn zwar vor den prüfenden Blicken von Herrn Lars geschützt, aber als die Patienten nach dem Sport zum Duschen drängen, bemerkt Kris den Nachteil: Seine beiden Zimmerkollegen sind vor ihm zurück. An der Badezimmertür steht Kirchmann in Shorts und hat das Handtuch über die nackte Schulter gelegt. Die Dusche plätschert. Mostner war als Erster oben. Nach der Dusche wird er zumindest beim Frühstück nicht mehr nach Entzug stinken. Im Zimmer riecht es wie in einer Kläranlage der Euphorie. Die Nässe an Kris’ Haut sticht, als wären die Schweißtropfen Scherben, Teile eines Spiegels, der seit dem Entzug in ihm zerbrochen ist. Als er auf Morphium war, hat er sich darin gesehen, wie er sich immer sehen wollte. Jetzt ist Kris affig und die Überreste des Spiegels stechen sich durch seine Haut nach draußen. Die Bilder sehen jetzt anders aus. Als hätte er sich in eine Fratze verliebt. Als könnte jeder auf seiner Haut die Grimassen sehen, die er sich immer verkniffen hat. Abwaschen kann er sie jetzt nicht. Mostner lässt sich Zeit und Kirchmann wartet geduldig ab. Das Frühstück beginnt in einer Viertelstunde. Wer nicht pünktlich am Tisch sitzt, muss beim Spülen helfen. Kris hakt die Dusche ab, trocknet sich mit seinem Schlafshirt ab und schlüpft in die Klamotten von gestern.
An jedem Frühstückstisch sitzen zehn Leute. Kris setzt seine abweisendste Miene auf. Er sieht in keine Augen. Blickkontakt ist jetzt wie ein Griff auf eine heiße Herdplatte. Die Patienten sind in Gruppen eingeteilt. Kris ist in Gruppe C. Dazu gehören auch Roja, Lucy und seine Zimmerkollegen Kirchmann und Mostner. Außerdem sind da noch Hohnwald und der Gruppensprecher Boris. Kris hat den Plan, mit keinem von ihnen zu reden. Zehn Monate lang will er schweigen. Das hat er auch getan, als der Richter ihn auf Therapie statt in den Knast geschickt hat. Wenn Kris was gesagt hätte, hätte das auch nichts geändert. Also hat er für Worte erstmal keine Verwendung mehr. Das Frühstück zählt immerhin zu den erträglichsten Teilen des Tages. Es dauert nur eine halbe Stunde und die meisten dösen stumm vor sich hin. Diesmal hat Kris auch noch Glück. Er sitzt neben Lucy, die ein Buch unter dem Tisch versteckt hält und heimlich liest. Eigentlich ist das während des Essens verboten, weil es die Kommunikation hemmt. Das kommt Kris gelegen. Im Schatten von Lucys Abwesenheit geht auch er unter. Außerdem hat Hohnwald einen Lachanfall. Angefangen hat das, als Boris ihm das Müsli hingeschoben hat. Boris hat dabei nicht mal was gesagt. Als das Müsli vor ihm steht, ist Hohnwald schon so hartnäckig am Kichern, dass er nicht mehr nach dem Löffel greifen kann. Boris fühlt sich provoziert.
»Was ist los mit dir!?«, fragt er und funkelt Hohnwald an. Der versucht, sich gerade zu halten, und scheint einen Moment darüber nachzudenken, doch etwas in Boris’ Blick zieht ihm ein Grinsen auf die Lippen.
»Mann, lass mich lesen.« Lucy schaut auf und sieht Hohnwald besänftigend an. Das schluckt er, wird ruhig und greift nach dem Löffel.
»Hat jemand Milch?«, fragt Hohnwald höflich.
Lucy greift nach der Karaffe und hält sie ihm hin. Hohnwald wirkt distanziert, als hätte Lucy ihn mit dieser Geste vor eine unlösbare Aufgabe gestellt. Dann beginnt sein Kopf zu zittern. Ein rhythmisches Geräusch schabt sich durch seinen Hals, die Mundwinkel verzerren sich. Hohnwalds Grinsen sieht aus, als wollte es sich durch Stacheldraht zwängen. Er versucht, den Lachkrampf zu unterdrücken, läuft rot an und wippt auf dem Stuhl hin und her. Boris steht auf und dreht sich zu Herrn Lars, der ein paar Tische weiter hinten das Frühstück im Auge behält.
»Hey! Hier geht’s jemandem nicht gut!«
Der hünenhafte Betreuer erhebt sich und kommt zum Tisch.
»Was ist los?«
»Hohnwald lacht die ganze Zeit.«
»Na und?«
»Es gibt keinen Grund dafür.«
»Wieso gibt’s keinen Grund zu lachen?«, fragt Herr Lars.
»Weil nichts Komisches passiert.«
»Willst du Hohnwald vorschreiben, was er lustig finden soll?«
»Ich mein nur, wir haben doch auch ein Recht zu lachen, oder?« Boris blickt fordernd zu dem Therapeuten auf.
»Dann erzähl nen Witz …« Herr Lars rückt näher. »Hey!« Hohnwald verkneift sich ein Grinsen. »Was ist so komisch, hm?«
»Ich weiß es nicht«, presst der hervor.
»Geht’s dir schlecht?«
Hohnwald zuckt die Schultern.
»Okay, das wird schon wieder«, sagt der Betreuer.
Hohnwald sieht Herrn Lars in die Augen, dann senkt er den Kopf um sein Grinsen zu verstecken.
»Wollen sie nichts dagegen tun?«, fragt Boris.
»Wieso? Nehmt euch ein Beispiel an ihm«, rät der Therapeut und dreht sich in die andere Richtung. »Ach ja … Lucy, gib mir dein Buch!«
»Ok, wann?« Lucy, die das Buch auf ihren Schenkeln hat, macht auf unschuldig.
»Jetzt! Lesen ist verboten während des Essens, das weißt du doch.«
»Ich esse nicht.«
»Wenn du nichts isst, kannst du dich auch nicht aufs Lesen konzentrieren.«
»Na und? Dann les ich die Sätze halt zweimal.«
»Nicht hier!«
»… okay, dann geh ich nach oben.«
»Lucy, gib mir dein Buch oder du spülst die nächsten...




