E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Steiner Alles Schicksal?
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-81951-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie wir uns aus Familienmustern befreien
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-451-81951-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Steiner ist Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Lehrtherapeut. Seine Spezialgebiete sind Systemische Familientherapie, Familienaufstellungen, Hypnotherapie, Primärtherapie, Transaktionsanalyse und Verhaltenstherapie. Er ist kassenzugelassener Psychotherapeut in eigener Praxis. Am INeKO-Institut der Universität zu Köln lehrt er systembezogene Hypnotherapi.
Autoren/Hrsg.
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Der Mensch und sein Umfeld
Schicksal, das wusste er jetzt,
kam nicht von irgendwo her,
es wuchs im eigenen Innern.
Hermann Hesse
Die Fragen, die sich Psychologen schon immer gestellt haben, sind die: Wie erhalten und speichern Menschen Informationen? Warum reagieren verschiedene Menschen auf die gleichen Reize unterschiedlich? Und natürlich: Warum tun Menschen, die ja zu intelligentem, einsichtsfähigem, vorausschauendem Handeln fähig sind, lauter Dinge, die unvernünftig, schädlich, ja manchmal geradezu hirnrissig sind? Dies ist eine Frage, die vor allem Psychotherapeuten beschäftigt.
Frei formbar oder genetisch festgelegt?
Zunächst können wir feststellen, dass Menschen schon bei der Geburt individuell und einzigartig sind. Diese Erkenntnis ist nicht unbedingt selbstverständlich. Noch in den dreißiger Jahren waren viele Experten wie der Amerikaner John B. Watson davon überzeugt, dass Menschen bei der Geburt ein vollkommen unbeschriebenes Blatt sind, aus denen so ziemlich alles werden könnte. Man glaubte sozusagen, dass biologische Grundgegebenheiten, Veranlagungen etc. für seelische und intelligente Abläufe keine Bedeutung haben.1 Das war keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern hatte eher das Niveau eines religiösen Glaubens, auch wenn Watson dies durch ein ebenso fragwürdiges wie unethisches Experiment zu belegen versucht hat.
Später ging die Auffassung in genau die entgegengesetzte Richtung. Vor allem die Studien an eineiigen Zwillingen von Cyril Burt, der sich vornehmlich mit der Erforschung von Intelligenz befasste, legten nahe, dass etwa 85 Prozent der menschlichen Eigenschaften ererbt seien (beim Thema Intelligenz glaubte Burt an nahezu 100 Prozent Vererbung).2 Mehrere seiner Schüler wie Hans-Jürgen Eysenck übernahmen seine Lehren und bauten ihre Forschungen darauf auf. Nach Burts Tod kam heraus, dass Burts besagte Studien ziemlich plumpe Fälschungen waren.3 Er hatte wahrscheinlich den größten Teil dieser »Forschungen« komplett erfunden. Das hat alles wieder relativiert; so manches »wissenschaftlich fundierte« Gedankengebäude krachte dadurch zusammen. Heutzutage ist man vorsichtiger und geht von einer Vererbung von etwa 50 Prozent oder etwas mehr aus, ohne dass man sich auf genaue Zahlen festlegen könnte.
Gut nachgewiesen ist dagegen, dass Individuen zu Lernprozessen fähig sind, die sie befähigen, sich auf die Gegebenheiten, Gefahren und Notwendigkeiten des Lebens einzustellen und das Leben somit besser bewältigen können. Diese grundlegende Fähigkeit ist mit Sicherheit ererbt und gilt für Tiere wie für Menschen. Es ist sogar nachgewiesen, dass bereits Embryos im Mutterleib lernen. Da es dort dunkel ist, sind diese ersten Lernprozesse vor allem akustischer Natur; Embryos reagieren auf Musik und Sprache, und man vermutet, dass dies bereits wichtige Grundlagen für die spätere intellektuelle Entwicklung schafft. Auch der Tastsinn, Geruchs- und Geschmackssinn ist vorgeburtlich bereits aktiv. Vor allem aber reagieren Embryos auch auf Stress, was nahelegt, dass bereits ungeborene Kinder an Problemen teilhaben, negative Stimmungen und ängstliche Erregung spüren und daher schon bei der Geburt in gewisser Weise vorprogrammiert sind.4
Das Lernen
Das Wahrnehmen von Reizen setzt sich nach der Geburt naturgemäß fort, zumal sich Sinnesorgane und die dazugehörigen Bereiche des Gehirns entsprechend entwickeln. Jede Art von Lernen erzeugt Spuren im Gedächtnis, alles wird differenzierter, nuancenreicher, vielschichtiger. Je mehr man weiß, desto mehr nimmt man auch wahr. Es ist sogar so, dass ein bestimmtes Level an Stress (der durchaus positiv, weil anregend sein kann) Aufmerksamkeit, Neugierde und Informationsverarbeitung steigert.
Das erste bedeutende Experiment zum Lernen war von dem russischen Arzt Ivan Pavlov, der 1905 nachwies, dass sich verschiedene, zur selben Zeit auftretende Reize miteinander verbinden. In seinem Experiment präsentierte er einem Hund gleichzeitig mit einem Knochen einen Glockenklang, der an sich für einen Hund uninteressant ist. Mit der Zeit lernte der Hund, dass der Glockenschlag das begehrte Fressen ankündigte. Schließlich genügte das Anschlagen der Glocke, um den bei ihm typischen Speichelfluss bei bevorstehendem Fressen auszulösen. Die beiden Reize waren miteinander verschmolzen. Diese Art des Lernens wird als »klassische Konditionierung« bezeichnet.
Pavlov hat seine Experimente weiter fortgesetzt und machte 1927 eine weitere bemerkenswerte Entdeckung: Er injizierte einem Hund Morphium, wodurch sich der Hund übergeben musste. Als er dem Hund jedoch nur Kochsalz, also eine völlig harmlose, körpereigene Substanz spritzte, übergab sich der Hund ebenfalls. Er hatte gelernt, dass auf die Spritze Übelkeit mit Übergeben folgte, und »dachte« folglich, dass auch diese (in Wirklichkeit harmlose) Spritze das Gleiche bewirken müsse. Dies war das erste Mal, dass nachgewiesen wurde, dass eine bloße Vorstellung ausreicht, um starke (körperliche) Reaktionen zu zeigen.5
Ein weiterer bedeutender Pionier der Lernpsychologie war der Amerikaner B. Frederic Skinner, der das operante Lernen nachgewiesen hat.6 Demnach zeigen Individuen ein ursprünglich zufälliges Verhalten umso häufiger, je mehr, direkter, zeitlich unmittelbarer und kontinuierlicher es belohnt wird. Ratten, die in eine Kiste gesetzt wurden (die berühmte »Skinner-Box«), bekamen immer dann eine Portion Futter, wenn sie zufällig an einen Hebel stießen, der dort angebracht war. Nun interessieren sich Ratten nicht für Hebel, für Futter aber umso mehr. Als die Tiere aber begriffen, dass der Hebel etwas mit Futter zu tun hat, wurde er extrem interessant. Sie begannen, wie wild den Hebel zu drücken, den sie kurz zuvor noch völlig ignoriert hatten.
Skinner stellte, nachdem die Ratten das Hebeldrücken gelernt hatten, die Belohnung ein. Die Ratten bekamen nichts mehr, und stellten also fest, dass der Hebel seine Bedeutung eingebüßt hatte. Entsprechend änderten sie ihr Verhalten wieder, hörten auf, den Hebel zu drücken und liefen schließlich wieder genauso in der Box umher wie am Anfang. Das Verhalten war durch »Nicht-Verstärkung« wieder gelöscht worden.
Skinner hat sein Experiment insofern variiert, als dass er die Belohnung bei verschiedenen Ratten in Form von Quoten verabreichte. Einige bekamen ihr Futter erst, wenn sie den Hebel zweimal gedrückt hatten, einige erst nach dem vierten Mal, einige gar erst nach dem zehnten Mal. Das Ergebnis: Die Tiere brauchten jeweils länger, um den Zusammenhang zu begreifen. Das Interessante war nun, dass sich die Ratten in der Phase der Löschung, also, als sie nichts mehr bekamen, auch unterschiedlich verhielten. Die Ratten, die immer, also nach jedem Drücken, ihr Futter bekommen hatten, gaben als erste auf. Bei den anderen dauerte es deutlich länger, und am löschungsresistentesten erwiesen sich diejenigen, die nur jedes zehnte Mal belohnt worden waren. Sie versuchten es auch nach etlichen fruchtlosen Anstrengungen immer wieder – weil sie ja mitgelernt hatten, dass es sich lohnt, hartnäckig zu sein!
In der Lernforschung sind die Arbeiten Skinners auf vielfältige Weise fortgeführt und weiter differenziert worden. Neben der Verstärkung durch Belohnung zeigte sich auch, dass das Abstellen eines (erwarteten) negativen Effektes als Belohnung (bzw. Erleichterung) empfunden wird und daher einen ähnlichen Effekt hat, etwa wenn die Versuchstiere lernten, einen unangenehmen Ton oder schmerzhaften Elektroschock durch spezifisches Verhalten abzustellen. Dieses Vermeiden hat sich gerade bei menschlichem Verhalten als ein äußerst tückisches Prinzip erwiesen. Es gibt Menschen, die Vermeidung als zentrales Lebensprinzip entwickeln und überhaupt nichts mehr tun oder ihr Zimmer nicht mehr verlassen.
Auch dies kann noch zusätzlich gelernt worden sein. Der amerikanische Psychologe Martin Seligman hat in einem ziemlich grausamen Experiment nachgewiesen, dass »Hilflosigkeit« ebenfalls erlernt werden kann. Er hielt Hunde in einem Käfig, dessen metallener Boden unter elektrische Spannung gesetzt werden konnte. Dies ist für die Tiere äußerst schmerzhaft. Sie hatten aber die Möglichkeit, in einen anderen Käfig zu entkommen, der ungefährlich war, und lernten so, sich in Sicherheit zu bringen. Einige Hunde wurden daraufhin in ein Gestell eingespannt, das ihnen die Flucht unmöglich machte. Sie mussten die Elektroschocks hilflos ertragen. Als sie dann wieder freigelassen wurden, zeigten sie ein völlig apathisches Verhalten und blieben in dem Käfig liegen, als die elektrische Spannung wieder angestellt wurde. Sie hatten aufgegeben, resigniert und taten nichts mehr – weil sie gelernt hatten, dass ihr Tun nichts nützt. Daher nimmt man an, dass eine wichtige Lerngrundlage für Depressionen solche Prozesse sind, also andauernde Situationen, wo der Betroffene gelernt hat, dass er nichts tun kann.
Es ist immer wieder kritisiert worden, Prinzipien, die man an Tieren erforscht hat, auf den Menschen zu übertragen. In der Tat ist die menschliche (Lern-)Wirklichkeit oft komplexer als bei Ratten oder Hunden. Auch die von den Lernforschern angenommene Löschung existiert wahrscheinlich nicht, weil jede Art von Lernen gespeichert wird. Dennoch gilt als unbestritten, dass Lerneffekte entscheidenden Einfluss auf die menschliche...




