E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Stein Künstliche Angst
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-6660-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-6951-6660-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulrich Stein, geboren 1954, ist Physiker und lebt seit 2019 in Lübeck. 'Künstliche Angst' ist sein dritter Roman, entstanden in den Jahren 2023-2024 und 2025 letztmalig redigiert. Zusatzinformationen, auch zu weiteren Buchprojekten, finden Sie im Internet unter www.stein-ulrich.de/belletristrik/.
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TAG 1
Oh Mann, mein Kopf! Ich muss verrückt gewesen sein. Und blöde. Ziemlich blöde. Wieso habe ich gestern so viel gesoffen?
Draußen ist es schon hell. Und recht laut. Viel zu laut für meinen jetzigen Zustand. Es fällt mir schwer, die Augen zu öffnen. Alles drückt auf den Schädel. Der Hals ist ausgetrocknet. Er kratzt. Ein unangenehmes Gefühl. Neben dem Bett sollte eine Flasche mit Mineralwasser stehen.
Wo ist die nur? Rechts oder links?
Ach, da ist sie. Vorsicht, nicht nach unten bücken! Mein armer Kopf! Immer schön langsam. Keine schnellen Bewegungen!
Das tut gut! Noch einen Schluck!
Was sagt denn der Wecker? Wie viel Uhr ist es? Mein Gott, schon Nachmittag. Nein, nein, so war das nicht gedacht. Wir wollten heute einiges erledigen. Das war der Plan. Es ist einer unserer letzten Tage. Den wollten wir nutzen.
Doch jetzt das hier, diese Katastrophe! Was ist gestern überhaupt passiert?
Ruhig! Halte den Kopf ruhig und versuche, dich zu erinnern! Denke nach! Was war eigentlich los?
Gute Frage. Dumme Frage. Mir fehlt da etwas. Langsam!
Fangen wir der Reihe nach an. Was weißt du noch? Ok, ich war genervt, ziemlich genervt. Genervt von meiner Mutter. Ich bin kein kleines Kind mehr!
Also, es war am frühen Abend. Es begann alles am frühen Abend. Das weiß ich genau. So weit funktioniert mein Gedächtnis.
Und dann?
Dann bin ich abgehauen. Bin mit dem Auto durch die Gegend gefahren. Kreuz und quer. Auf der Suche nach einer ordentlichen Kneipe. Nicht so ein liebloser Touristen-Imbiss, wie er hier an jeder Ecke am Strand steht. Nein, ich wollte etwas Vernünftiges. Und irgendwann habe ich in einem der Nachbardörfer gestoppt. Ja, genau so war es. Alles korrekt abgespeichert im Kopf. Dazu noch keinerlei Verluste, hier oben.
Ich habe mein Auto im Zentrum geparkt, weil ich Hunger verspürte. Denn dort gab es etwas, das mich interessierte: ein Fischrestaurant, in einem schiefen, alten Fachwerkhaus. An all das entsinne ich mich gut. Auch an das Essen, das vorzüglich schmeckte. Ein Teller mit paniertem Fisch, mehrere Sorten. Und dazu ein Glas Weißwein. Nur ein einziges Glas, mehr nicht. ‚White wine with the fish‘, wenn wir schon beim ‚Dinner For One‘ sind.
Nach dem Essen bin ich weiter gezogen. Strandete schließlich in einer Bar, in einer Art Seeräuberhöhle. Mit Rettungsringen an der Wand und Totenkopfflaggen. Und sonstigem maritimem Schnickschnack, samt dem obligatorischen Leuchtturm aus Gips. Oben blinkte ein kleines, rotes Lämpchen.
Komisch, daran kann ich mich erinnern. Nicht an den Namen dieser Kneipe, aber an das rote Licht an der Spitze des Leuchtturms. Ein schrecklich kitschiges Ding.
Aber wieso auch nicht? Wir befinden uns schließlich auf einer Insel. Auf einer richtigen Ostseeinsel. Da passt das schon. Irgendwie.
In der Bar gab es dann die härteren Sachen. Rum, Korn und Sonstiges. Direkt vor mir, denn ich saß an der Theke, an der Alkoholquelle. Und der Stoff, der floss reichlich. Aber den brauchte ich. Ja, doch! Das war nötig!
Ich musste zur Ruhe kommen. Nach all dem Stress der letzten Tage. Ich hatte mich die gesamte Zeit extrem zurückgehalten. Wollte auf jeden Fall die Kontrolle behalten. Ein Leben ohne Kontrolle, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Deshalb habe ich meiner Mutter nicht widersprochen. Ich bin vorsichtig gewesen. Wenn ich eine andere Meinung hatte, schluckte ich die Antwort hinunter, des lieben Friedens willen. Es kam mir vor wie in der Kindheit. Wo ich nie den Mut besaß, mit lauter Stimme eine Sache zu fordern. Ich war ein sehr ruhiges Kind, damals.
Ok, das ist lange her. Inzwischen bin ich über fünfzig. In der Mitte des Lebens, wie man so sagt. Möglicherweise ein Stück darüber hinaus.
Nein, ich bin kein Kind mehr, sondern ein gestandener Mann! Niemand, der noch Erziehung braucht.
Die Mutter, die sieht das natürlich anders. Vollkommen anders. Ist halt eine typische Mutter. Auch mit ihren knapp achtzig Jahren. Die ändert sich nicht mehr. Die bleibt so. Aber ich war genervt. Deshalb habe ich gesoffen. Viel gesoffen.
So weit, so klar. Doch wie bin ich in der Nacht nach Hause gekommen? Hoffentlich nicht mit dem Auto.
Keine Ahnung. Mir fehlen einige Zusammenhänge. Ich kann mich nicht erinnern. Was ist denn passiert?
Vielleicht hat Muddern mehr mitbekommen?
Richtig, meine Mutter. Die schläft nebenan. Wir haben uns diese Ferienwohnung gemietet. Ein Apartment für ´ne Woche, hier auf der Insel. Mit Wohnzimmer, Kochecke und Bad. Und mit zwei Schlafzimmern. Damit man seine Ruhe haben kann, ohne den anderen. Ohne gestört zu werden. Und auch das Mitbringen von Hunden ist nicht gestattet. Dies war meiner Mutter wichtig. Die Köter, gegen die ist sie allergisch. Es hat also alles gepasst. Im Großen und Ganzen sehr schön, auch die Umgebung. Von unserer Terrasse aus blickt man auf einen kleinen Hafen. Direkt dahinter liegt die Ostsee. Recht idyllisch, dieser Ferienort, auf den wir im Internet gestoßen sind.
Die Mutter hat sofort das Größere der Schlafzimmer für sich reserviert. Den Raum rechts neben meiner Butze. Ohne größere Debatte. Ok, sie ist die Ältere. Und ich bin weiterhin das Kind. Daran habe ich mich gewöhnt. Gewöhnen müssen, wohl oder übel. Mit zusammengebissenen Zähnen. Schon seit vielen Jahren.
Doch jetzt muss ich in unser Bad. Eine dringende Angelegenheit.
Vorsichtig setze ich mich auf. Oh je, dieser Kopf!
Wie viel Uhr war es? Der Wecker sagt fünfzehn Uhr. Und mein Handy liegt zum Glück daneben, auf dem Nachttisch. Es zeigt dieselbe Zeit.
Mein Gott, wie lange war ich denn weg? So viele Stunden im Schlaf, ohne richtiges Bewusstsein! Immerhin scheine ich bei meinem Ausflug nichts verloren zu haben. Die Brille ist da und mein Portemonnaie. Und die Autoschlüssel. Die wichtigsten Reflexe, die scheinen auch im Suff zu funktionieren. Sogar im Alter von fünfzig Jahren.
So sollte es sein! Alles auf seinem Platz. Nur keine unliebsamen Überraschungen. Das Erscheinen des Gewohnten, auf das man sich verlassen kann. Auch nach einer durchzechten Nacht. Obwohl so eine Aktion bei mir nicht mehr vorkommen sollte. Dafür bin ich definitiv zu alt.
Jetzt aber raus! Auf die Toilette, gleich gegenüber. Und dann sofort die Zähne putzen. Gegen diesen schrecklichen Geschmack im Mund. Früher konnte ich definitiv mehr ab. So spät bin ich doch nie aufgewacht nach einer Sauftour. Auch nicht mit zwanzig Jahren.
Los, zuerst das Dringendste erledigen!
Und dann als Nächstes zu Muddern! Ihre Schlafzimmertür steht offen. Ok, ok, es ist bereits Nachmittag. Wieso sollte sie noch im Bett liegen? Mit einem duhnen Kopp kann ich nicht gut denken.
Im Wohnzimmer ist die Mutter auch nicht. Und dort scheint direkt die Sonne rein. Das ist eindeutig zu hell für mich. Viel zu hell. Ich kneife die Augen zusammen, setze mich an den runden Tisch, der an der Terrassentür steht. Mit dem Rücken zur Sonne und zum Hafen, der nur ein einziges Becken besitzt. Nicht sehr breit. Jedoch liegen da zahlreiche Segelschiffe vor Anker und ein paar Motorjachten. Aber das interessiert mich jetzt weniger.
Die Wohnungsverwaltung hat uns schon ein nettes Sitz-Arrangement spendiert, so direkt am Fenster. Und für zwei Personen vollkommen ausreichend. Wenn nicht überall diese Zeitschriften herumfliegen würden. Jede Menge typisches Frauenzeug. Hat sich die Mutter zum Lesen besorgt, gestern am frühen Nachmittag. Und jetzt belagert dieser Papierkram die Stühle, versperrt alles.
Also rauf damit auf den Tisch, da ist mehr Platz. Den Stuhl, den brauche ich für meine Füße. Ja, das ist eindeutig bequemer.
Ordnung, Ordnung, Ordnung! Das ist wichtig. Damit man sich zurechtfindet im Leben. Vollkommen klar, ich brauche Ordnung. Im Kopf und auch außerhalb. Ich möchte, dass alles an seinem Platz liegt, dass man nicht endlos suchen muss. Dass du dich auf die Ordnung verlassen kannst. Darin unterscheide ich mich fundamental von meiner Mutter. Die war schon immer flippig. Bereits von Jugend an. Und das hat sich im Alter nicht gelegt. Eine Unordnung wie hier, das ist ihr egal. Darüber schaut Madame gnädig hinweg. Und überlässt mir die niedere Aufgabe, klar Schiff zu machen. Einen Butler, wie ihren Sohn, den könnte sie permanent brauchen.
Und was ist mit mir? Wer nimmt auf den Nachwuchs Rücksicht? Mich, mich macht so ein Chaos krank.
Meine Mutter, die sollte das wissen.
Wo mag die Alte denn sein?
Am Meer? Oder vielleicht beim Shoppen? Wobei man in diesem kleinen Kaff nicht viel kaufen kann. Außer Andenken natürlich. Leuchttürme und so ein Zeug. Doch darauf steht meine Mutter nicht.
Sie ist eine Alt-68erin. Sozialisiert in der Zeit der Studentenbewegung. Und inspiriert von Adornos großbürgerlichem Einrichtungs-Diktum: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
Nein, Konsumrausch kommt für sie nicht infrage, das ganz sicher nicht. Stattdessen werde ich zum Gedenkstein für Jimi Hendrix geschleppt. Denn Musik, die war ihr immer wichtig. Und so haben sie mich nach einem Musiker benannt, nach Eric Clapton. Daraus wurde am Ende zwar Erik Hoffmann. Ok, das ‚c‘, das hatten die Eltern als Kompromiss in ein norddeutsches...




