E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Stein Fluchtversuche
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-3919-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-6951-3919-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulrich Stein ist Physiker und wohnt in Lübeck. Der Roman "Fluchtversuche" entstand in den Jahren 1997 - 2007 und wurde 2025 nochmals redigiert.
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ABFAHRT
Er war im Morgengrauen losgefahren, ohne Frühstück und Kaffee, und hatte es geschafft, die Stadt zügig zu durchqueren. Noch war er fast alleine auf der Straße, der deutschen Straße mit ihren wohlerzogenen Fahrbahnrändern und dem glatten Asphalt. Im Radio erzählten heiße Rhythmen vom Karneval in Rio und er fuhr Richtung Süden, um diese Straßen, dieses Land hinter sich zu lassen.
„Nein, nein! Es musste sein!“
Dieser eine Satz, quälend penetrant – wieder und wieder murmelte er diesen einen Satz, während seine Hände das Lenkrad bearbeiteten. Im selben Rhythmus: Nein, nein! Nein, nein!
Gestern Abend, da waren es noch einzelne Gedanken, zusammenhanglose Fetzen. Hier etwas Ekel, dort ein Gefühl der Wut. Doch im Laufe der Nacht hatten sich die flüchtigen Teile zu einem Netz verknüpft.
„Es muss sich etwas ändern! Ich musste es tun! Ich habe eigentlich schon viel zu lange abgewartet.“
Stur blickte er nach vorne. Seine Finger trommelten weiter auf das Lenkrad. Plötzlich trat er das Gaspedal durch, bis ganz nach unten: „Ich hab’s getan! Endlich hab’ ich es getan! Nach all dem Stillstand! Es musste sein!“
Dieser penetrante Satz! Fast das gesamte Gehirn wurde von ihm belagert. Der Satz, er drehte jeden Gedanken in die eine Richtung. Unnachgiebig, dominant bestimmte er Planung und Meinung.
Inzwischen hatte der Wagen seine Höchstgeschwindigkeit erreicht und preschte mit Gewalt vorwärts.
„Achtung! Keine übereilten, hastigen Schritte! Denk’ lieber noch einmal nach, über alles! Mach’ langsam!“
Was will diese ängstliche, graue Maus jetzt noch? Die piepsende Gegenstimme der Vernunft, sie kommt zu spät mit ihren lähmenden Zweifeln: „War das eine gute Entscheidung? Wirklich unausweichlich? Oder nur ein dummes, törichtes Hirngespinst zur mitternächtlichen Zeit – dieser Entschluss zur ‚Flucht’?“
Er betätigte auf den Knopf links neben seinem Sitz. Leise surrend öffnete sich das Fenster. Einen Spalt nur, doch genug, um den Fahrtwind zu spüren. Tief einatmen! Frische Morgenluft, die die zankenden Geister vertreibt.
Und statt ihrer begann eine Erinnerung aus der Kindheit in seinem Kopf zu spuken: „Die Koffer richtig zu platzieren, das ist eine große Kunst! Schau gut zu, damit du es später auch einmal kannst! Pass auf!“
Furchtbar aufgeregt verfolgte er jede Handbewegung des Vaters, der zum wiederholten Male den gleichen Vortrag hielt: „Schau zu! Bald geht es los!“
Gestern Vormittag noch, am letzten Schultag, war er nervös auf dem zu engen Stuhl herumgerutscht. Hatte auf die Zeugnisse gewartet. Es dauerte lang, unendlich lang. Aber nicht die Noten interessierten ihn. In Gedanken war er der Zeit voraus, weit weg von Schule und Zensuren. Und dann, zu Hause, am Nachmittag, strich er ungeduldig durch die Wohnung. Wo die Mutter in den Schränken wühlte, Sachen hervorholte und meist sofort wieder zurücklegte. Kein Ziel war erkennbar. Ein endloses Hin und Her. Es ging nicht wirklich voran. Am Abend, endlich, erschienen die Koffer und Taschen. All die vielen Dinge, die sein Vater jetzt am Morgen in ihren nicht mehr ganz so neuen VW-Käfer packte. Ziemlich früh, zu schlaftrunkener Zeit. Er selbst saß auf der Rückbank, in eine weite Decke eingewickelt, und klapperte vor Müdigkeit mit den Zähnen.
Urlaub, Urlaub – das Wort schwirrte in seinem Kopf herum wie ein bunter Schmetterling. Dieses geheimnisvolle, märchenhafte Versprechen, aus der langweiligen Umgebung erlöst zu werden. Wenngleich die Reise nicht allzu weit führen sollte, gerade bis in den Bayrischen Wald. Nicht über die Grenzen Deutschlands hinaus und schon gar nicht in Gegenden, wo die Eingeborenen kein Deutsch verstanden.
Zwar hatte bei der Urlaubsplanung über dem großen Schulatlas der Zeigefinger seines Vaters einmal kurz Italien berührt – die Reaktion seiner Frau zeigte ihm aber schnell die Unkeuschheit solcher Gedanken: Nein! Zu solchen Menschen fahren? Ihr werter Gatte sei wohl total übergeschnappt? Mit ihr gäbe es kein Dolce Vita oder wie das dort heißt! Keine zehn Pferde brächten sie da hin, wo jeder wisse, dass in Italien sich der Dreck meterhoch türme – der eigentliche Grund für diese ganzen exotischen Krankheiten! Und was man sich beim Essen alles zuziehen könne, bei diesem ausländischen Fraß. Dann noch die gefährlichen Tiere – Giftschlangen, Skorpione. Und man versteht kein Wort von dem, was die Leute dort hinter unserem Rücken sagen, in ihrem Italienisch oder sonst einer seltsamen Sprache. Nein, sie wolle auch im Urlaub in eine vernünftige, deutsche Unterkunft. Und nicht ein Rattenloch, in diesem Sündenbabel Italien! So hatte sich der Familienrat für den Bayrischen Wald entschieden.
Nun, ob Italien oder nur Bayrischer Wald, für ihn als Kind hatte all dies Unbekannte einen verlockenden Klang. Später, im Berufsleben, da sah er den Urlaub nüchterner – man war bereits in vielen Gegenden der Welt gewesen und ein Urlaub bedeutete meist nicht mehr als eine kurze Pause vom Schreibtisch, garniert mit fremdländischem Essen, gutem Wein und, bei etwas Glück, einem belanglosen Flirt.
Damals jedoch war alles noch anders. Das Herzklopfen, als der Wagen startete und sie endlich losfuhren. Und er dem zurückbleibenden Wohnhaus ein letztes Mal zuwinkte. Das monotone Motorengeklapper, das ihn wieder schläfrig werden ließ. Auf ihrer Fahrt Richtung Osten. Die nur oberflächlich wahrgenommenen, ersten Kilometer auf der Landstraße. Doch dann, am Ende einer schier endlosen Baumallee, war die Sonne aufgegangen. Und sie fuhren direkt in sie hinein. Damals, als in Westdeutschland noch Baumalleen den Verkehr behindern durften – zu Beginn des ersten Urlaubs in seinem Leben, vor mehr als dreißig Jahren.
Heute jedoch steuerte er nach Süden. Längst erwachsen und alleine auf der breiten Straße. Mit sechs Spuren für den Verkehr, aber karg bepflanzt. Und das Verstauen der beiden Koffer vor der Abfahrt? Zwei Handgriffe, und die lagen auf der Ladefläche. Sein alter Kombi bot Platz genug.
„Wie viel Mühe hat sich mein Vater gegeben, mit seinen Weisheiten fürs Leben! Damals, als alles noch kleiner war und anders. Als die Welt und das Leben noch ohne Ende schien.“
Unwillkürlich wurde ihm kühl, und er schaltete die Heizung ein. Vor die aufgehende Sonne hatten sich Wolken geschoben. Es begann leise zu nieseln. Herbstwetter! Eine Fahrt in die aufgehende Sonne wäre heute nicht mehr drin. Auch wenn er es gewollt hätte. Jetzt, bei diesem Urlaub, war ohnehin einiges anders als früher.
Mit Unbehagen dachte er an seine Arbeit, seine Landsleute, sein Leben in Deutschland: „Warum ist mir alles so verleidet?“
Eigentlich gab es keinen handgreiflichen Grund. Die Arbeit war erträglich, manchmal sogar interessant. Und er verdiente relativ gut. An das regelmäßige, frühe Aufstehen hatte er sich nach Abschluss des Studiums schnell gewöhnt. Und wenn er morgens verschlafen und oft etwas verspätet zur S-Bahn ging, geschah dies ohne inneren Groll oder Bedauern.
Nun gut, er erschreckte bisweilen, wenn ihm im morgendlichen Dunkel bewusst wurde, dass alles wie am Schnürchen lief, er geradezu automatisch den Weg zur Arbeit fand. Aber dann ließ er sich von dem kleinen Glücksgefühl vorwärts tragen, dass er die S-Bahn noch rechtzeitig erreicht hatte und eine zurzeit funktionierende Rolltreppe ihm die letzten Stufen zum Bahnsteig abnahm. Ja, Zeit spielte in seinem Tagesablauf eine große Rolle. Alles war vernünftig eingeteilt, in Stunden und Projekte. Die Zeit, ja . . .
Sein Vordermann bremste heftig und riss ihn aus den Gedanken. Ebenfalls neben ihm blieben die Fahrzeuge stehen. Was war das schon wieder? Gereizt schaute er nach vorne, auf die unruhig lauernde Autoschlange. Warum diese Störungen? Er wollte doch nur weiter. Geradeaus, da nach vorne. Weg aus Deutschland, weg vom Alltag. Warum versuchte man, ihn daran zu hindern?
Seufzend lehnte er sich zurück und sein Blick schweifte ab. Rechts von der Straße erstreckten sich weite, flache Felder und Wiesen, über denen der Morgennebel stand. Ein einsamer Trecker drehte seine Runden auf dem ihm abgesteckten Parcours. Alles machte einen ruhigen, friedlichen Eindruck. Und es roch eindeutig nach Gülle.
„Das also ist Deutschland“, dachte er. „Ein zurückhaltendes und zivilisiertes Land. Die Mehrzahl seiner Bewohner geht zum Türken, um zu essen, nicht um zu randalieren. Na ja, auf den Friedhöfen, zumal den jüdischen, da mochte es nicht immer so gesittet zugehen. In diesem Land, in dem man nur ab und zu Jagd auf Ausländer macht. Dafür sorgen schon die Parteien, die solches Tun empört verurteilen – um dann ohne Skrupel die Kultur der Stammtische zu pflegen. Diese unsere Parteien! Ja, was haben die für gefährliche Revolutionäre an der Spitze.“
Unwillkürlich musste er grinsen, als er sich an seine Kindheit erinnerte.
„Die SPD und ihre Wahlkampf-Veranstaltungen in Bayern: Mehrere Wagen tauchten plötzlich im Dorf auf, vollständig mit Plakaten beklebt. Und mit...




