Stein | Ewige Unruhe | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Stein Ewige Unruhe


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2207-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-6951-2207-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Vaters im Jahr 2007, aber eigentlich startet alles bereits im Jahr 1900 mit der Geburt des Großvaters. Und es ist auch die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, eine Geschichte der Technik und die Geschichte eines sozialen Aufstiegs, vom Bauernjungen zum Werkmeister und noch weiter in den nächsten beiden Generationen.

Ulrich Stein, geboren 1954, ist Physiker und lebt seit 2019 in Lübeck. 'Ewige Unruhe' ist sein zweiter Roman, entstanden in den Jahren 2005-2016 und 2025 letztmalig redigiert. Zusatzinformationen, auch zu weiteren Buchprojekten, finden Sie im Internet unter www.stein-ulrich.de/belletristrik/.
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CAFÉ


„Einen Bordeaux, bitte! Ein Glas. Und so eine Brezel, da.“

Die angenehme Wärme. Des Cafés, am Rande des Parks. Eigentlich ein Friedhof. Und spät ist es geworden, der Vormittag schon nahezu vorüber. Ebenso das Jahr. Der Tod bevorzugt die letzten Wochen.

Ein unermüdlicher Schnitter!

Mein Gott, diese abgedroschenen Bilder! Automatisch setzen sie sich zusammen, im Hirn. Restschäden einer bayrischen Erziehung. Dreizehn lange Jahre. Vertane Zeit. Unproduktive Mühen.

Na gut, richtig fleißig war ich nie. Wusste jedoch immer, wie viel man tun musste, um nicht abzusacken. Wirkliche Probleme, die gab es nicht, weder mit dem Stoff noch mit der Schule. Gerade so viel zu arbeiten, dass sich die Eltern keine Sorgen machten, sich nicht um mich zu kümmern brauchten. Ich hatte meine Ruhe. Und das Zeugnis ging in Ordnung.

Zeugnisse – auch so ein Objekt der Mythen. Meine kleine Schwester hat jetzt, beim Stöbern in den Unterlagen des Vaters, welche von mir entdeckt. Und erstaunt erkannt, dass die doch nicht so exzellent waren. Der Vater hatte das ihr gegenüber anders dargestellt. So weit die Erinnerung, die Erinnerung meiner Schwester an ihre eigene Schulzeit. Mit eigenen Problemen.

Ich machte den Eltern keine Arbeit – schon alleine das war exzellent. Dennoch sind es keine angenehmen Erinnerungen. Wenngleich es mich nicht mehr berührt. Es ist verblasst,verschwunden. Aus dem Blickfeld geraten. Lange passé. Nur nach der Beerdigung, auf der Rückfahrt, da hatte ich für kurze Zeit Sicht. Sicht auf die hässlichen Gebäude. Links, hinter den blattlosen Bäumen am Straßenrand. Das ehemalige Schulzentrum. Lang ist es her, sehr lang. Und sehr weit weg.

Schön, wieder zu Hause zu sein. Zu Hause in der Stadt meiner Wahl. Am Rande unseres Friedhofs. Im Café, direkt neben der S-Bahn.

Wenige Gäste. Ist wohl zu früh am Tag. Nahe der Tür ein älteres Paar, bei Kaffee und Kuchen. In beigen Regenmänteln. Hinten links noch jemand, im Halbdunkel, mit einem fast leeren Glas Bier. An dem Tisch direkt neben dem Durchgang zur Toilette. Nur vor mir, im Bereich des Tresens, ist mehr los. Ein breiter, hölzerner Tresen, der von einer schweren Kaffeemaschine beherrscht wird. Schwarz, mit großen, grell-blau blitzenden Bedienfeldern. Ein manisches Monster, das so gar nicht zum melancholischen Umfeld passt. Daneben ein Aufsteller, der neue Weine anpreist, und ein Korb mit Brezeln. Frische, warme Butterbrezeln. Sie duften verführerisch.

Ich brauche eine Pause. Zeit zum Verschnaufen. Und ein Glas Wein, zum Innehalten und zum Aufwärmen. Damit es die Erinnerungen leichter haben. Ein Rückblick auf endgültige Entscheidungen, letzte Begegnungen.

Der Rilke-Vers! Auf dem Sterbebild des Vaters. Es musste schnell gehen. Etwas Besseres sei ihnen nicht eingefallen. Und es war noch viel zu tun, bis zum Begräbnis. Aber warum gerade Rilke? Der ‚Herbsttag’, mit dem schwermütigen Einschlag? Ich habe nie erlebt, dass der Vater davon geschwärmt hätte. Von der Schwere des Weins einmal abgesehen. Ringelnatz, das leicht Absurde im Leben, der Kuttel Daddeldu – solche Verse hatte er geliebt, auch wenn er selbst meist logisch und korrekt handelte.

Ein weiteres Puzzlestück, das nicht passt. Das Bild verfälscht. Mein Bild? Was weiß ich schon? Ich, der Nachgeborene,der alles nur aus der Ferne betrachtet hat. Aus räumlicher Ferne. Und aus zeitlicher.

Fremd, schlecht greifbar, klamm. Ein unangenehmes Gefühl. Das liegt auch an der nassen Jacke. Die ist nicht bequem, in dieser Jahreszeit aber ganz brauchbar. Zumindest draußen, im Freien. Wo man sich schützen muss. Nur hier, hier drinnen, was soll ich hier mit diesem schweren Ding? Weg damit! Raus aus den dunklen Herbstklamotten! Raus aus der Kälte!

Ich greife zu, mit ganz spitzen Fingern. Und hänge das nasse Teil über den Nachbarhocker. Stelle den Regenschirm daneben, zusammen geklappt. Besser! Ja, wirklich besser. Ich bevorzuge eine trockene Umgebung. Trocken und warm. Auch vom Schirm läuft das Herbstwasser ab. In kleinen Bahnen. Wird zu einer Pfütze. Nur eine winzige Pfütze. Nieselregenpfütze. Aber sie reicht aus, dem angelehnten Schirm den Halt zu nehmen. Er rutscht, gleitet ein Stück nach rechts und erwischt im Fallen die Spitze eines anderen Schirms, der seine eigene Pfütze erstellen wollte.

Peng! Ein heller Knall beim Aufschlag auf die Fliesen. Ungewollte Störung der vormittäglichen Ruhe. Wieso das denn wieder? Musste das sein? Ich drehe mich um, rutsche mit dem linken Bein vom Sitz. Es ist mir peinlich. Dieser lärmende Vorfall. Man soll nicht stören! Nein, nein, nicht stören. Nein!

Diese Hektik! Bleib ruhig! Keine Aufregung! Denk an den Blutdruck! Durchatmen, nachdenken! Es war etwas viel in den letzten Tagen. Komm runter! Und dieser Vorfall, das ist wirklich keine große Sache. Sind nur die Nerven.Aber trotzdem, ich sollte mich entschuldigen. Es war meine Schuld. Also, mich entschuldigen bei dem Mann, zu dessen Füßen unsere beiden Schirme liegen. Drüben, zwei Hocker weiter.

Er ist ein wenig älter, wenn der Anschein nicht trügt. Graue Haare, die in Wellen nach hinten fallen. Wache, lustige Augen. Gerader Sitz. Sicher größer als ich. Helles Jackett, dazu einweißes Hemd mit offenem Kragen. Eine charmante, fast jugendliche Erscheinung.

Ich habe keine Lust auf ein Gespräch. Doch auf den Vorfall, auf den sollte ich schon reagieren. Das gebietet die Höflichkeit.

Also gut, Konzentration! Schau hinüber und mach´ einen Diener!

„Pardon! Ich habe nicht aufgepasst. Tut mir leid. Entschuldigen Sie! War eigentlich vorhersehbar. Das schon. Die verringerte Reibung, durch das Wasser auf dem Boden. Eine minimale Ursache – es sind oft die kleinen Ursachen, die etwas bewirken! Das, das führte zum Start der Bewegung. Beim Gleiten dann noch weniger Widerstand. Und letztendlich unsere Kettenreaktion. Peng! Krawumm! Ja, doch ja! Ein Unfall.“

Ich bücke mich zu den Schirmen, stelle sie wieder hin. Achte dabei auf einen sicheren Stand.

„Oh, danke! Wie aufmerksam. Und welch wunderbare, technische Erklärung. Wirklich schön. So klar und so logisch.“

Der Mann lächelt, ein leicht skeptisches Lächeln: „Sehr vernünftig und streng mathematisch. Sie scheinen mit der Materie vertraut zu sein.“

Ich zögere: „Stimmt! Ein wenig schon.“

„Welch eine Gnade, so eine Veranlagung. Dieses technische Verständnis. Doch leider nichts für mich. Überhaupt nicht. Vollkommen unbegabt bin ich in diesen Fragen. Ich weiß nur, dass ich dazu nichts sagen könnte. Die Welt der Technik, das ist ganz weit weg, weg von meinem Alltag. Ich bin schon heilfroh, wenn alles funktioniert. So, wie diese dummen Computer. Maschinen, die machen, was sie wollen. Gestern erst hat meiner wieder verrückt gespielt. Haben Sie da eigentlich Ahnung von?"

"Geht so."

"Interessant. Aber mich, mich macht das hilflos. All die unverständlichen Meldungen und Anfragen. Was soll das? Ichunterhalte mich nicht mit einer Maschine! Doch lassen wir das!“

Der Mann hebt den Kopf, spielt mit seinem Kaffeelöffel und blickt an mir vorbei in die Ferne.

„Wenngleich, es hat mich früher schon fasziniert. Das Zusammenspiel der Naturphänomene. Die Mathematik dahinter. Dass man das alles beschreiben kann. Dass alles exakt ist. Keine Frage der Auslegung, wie bei uns. Ein schönes Gebiet, aber einfach nicht mein Fach. Darin konnte ich schon in der Schule nicht glänzen. Wollte es wahrscheinlich auch nicht. Es gab schließlich Interessanteres ...“

„Ach, Moment! Stopp! Der Wein, der ist für mich. Hier. Danke sehr! Danke! Aber wo ist die Brezel?“

„Die nehmen Sie sich selbst. Aus dem Korb. Da drüben.“

Knappe Antwort von der Frau hinter dem Tresen. Sie steht direkt vor mir. Jung, hübsch, trainierter Körper. Und sehr blond. Wenngleich ich mehr auf dunkelhaarige Frauen stehe. Sie riecht gut. Und serviert den Wein professionell, mit einer gelassenen Anmut.

Ich lächle. Setze mich betont aufrecht. Versuche, einen längeren Blick zu erhaschen. Von ihr. Leider reagiert sie nicht. Ist bereits mit anderen Dingen beschäftigt. Mit langweiligen, profanen Dingen.

„Hm, eine adrette Person, die uns hier zu Diensten steht“, bemerkt der Mann neben mir. „Und, ihr Ausschnitt, der ist auch nicht zu verachten. Aber holla! Doch an wartenden Männern, an denen scheint sie kein Interesse zu haben. Zumindest nicht sonderlich."

Er schaut der Frau hinterher. Nickt anerkennend und grinst mich an. Möchte wohl eine Bestätigung. Einen Kommentar zu seiner Einschätzung. Die Expertenmeinung eines Geschlechtsgenossen. Oder eines Konkurrenten in der animalischen Herde?

Mein Gott, wie peinlich. So verdammt peinlich. Ich will dies alles gar nicht sehen. Nein, nein! Möchte am liebsten weit weg sein. Weg von so einer anzüglichen Situation.

Ich spüre, dass ich rot werde, und blicke nach unten, auf den Tresen. Meine Hand spielt mit dem Weinglas. Peinlich, dieses Macho-Gebrabbel! Andererseits, mein Nachbar macht es schon sehr charmant. Das muss man ihm lassen. Und bin ich selbst denn besser? Habe nicht auch ich soeben...



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