Buch, Deutsch, Band 1, 328 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm, Gewicht: 380 g
Reihe: Family Secrets
Wie ein einfaches Satzzeichen mein Leben veränderte
Buch, Deutsch, Band 1, 328 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm, Gewicht: 380 g
Reihe: Family Secrets
ISBN: 978-3-948592-46-2
Verlag: Ashera Verlag
Die Inschrift „Geliebte, Ehefrau und Mutter“ in der Todesanzeige ihrer Oma macht Mia stutzig. Ist das Komma bloß ein Fehler oder wurde es absichtlich dort platziert? Als pingeliger Kontrollfreak lässt ihr diese Frage keine Ruhe. Sie stellt Nachforschungen an und findet bald Liebesbriefe von einem gewissen „A.“ aus London. Könnte dahinter wirklich ein heimlicher Liebhaber ihrer Großmutter stecken?
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1. Kapitel
Die Beerdigung
Als Lektorin legte ich Wert auf eine korrekte Recht-schreibung. Grammatik und Zeichensetzung waren mir in Fleisch und Blut übergegangen. Jedes Satzzeichen, jedes Wort überprüfte ich stets auf die richtige Schreib-weise. Schließlich konnte ein falsch gesetztes Komma über Gedeih und Verderb entscheiden. Der Satz »Komm, wir essen Oma!« mach-te nur allzu deutlich, wie wichtig die Beherrschung der deutschen Grammatik war. Doch der Fehler, der mir seit Tagen wie eine grelle Leuchtreklame ins Auge stach, stellte jede falsche Schreibweise, die ich jemals gesehen hatte, in den Schatten.
»Was ist denn los mit dir? Hör auf, so herumzuzap-peln«, flüsterte mir Ralf zu. Bevor ich etwas erwidern konnte, richtete er seinen Blick wieder auf den Pfarrer, der die letzten Gebete sprach. Dieser Anblick lenkte meine Aufmerksamkeit zurück auf das eigentliche Ge-schehen.
Oma Elisabeth war im Alter von dreiundneunzig Jah-ren friedlich zuhause eingeschlafen. In den Wochen zuvor hatte ihr bereits die Kraft gefehlt aufzustehen. Daher sind wir, so oft es ging, zu ihr gefahren und ha-ben möglichst viel Zeit bei ihr verbracht. Wir fühlten uns dafür verantwortlich, dass Oma nicht alleine starb. Meine jüngste Schwester Kimberly schaffte es erst we-nige Tage zuvor, aus London herzukom-men.
Daher war es auch Kim, die nun die meisten Tränen vergoss. Um sie zumindest ein wenig zu trösten, durfte sie die letzte Abschiedsrede halten, bevor der Sarg in die Erde hinabgelassen wurde. Bei ihren Worten trieb es mir die Tränen in die Augen.
»Oma ist eine wundervolle Frau gewesen. Sie hat Ralf, Vanessa, Mia und mich immer dazu ermutigt, unserem Herzen zu folgen und nichts auf die gewöhnlichen Konventionen zu geben. Als unsere Eltern ihr Küchen-studio eröffneten und sie wenig Zeit für uns hatten, hat sie sich jeden Tag um uns gekümmert …« Kim schnief-te und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie uns jeden Freitagnachmittag ihren Apfelkuchen auf den Tisch stellte und wir uns um die besten Stücke gestritten ha-ben.«
Ich lächelte unwillkürlich. Ralf zwinkerte mir mit ei-nem Grinsen zu. Manchmal hatte er Vanessa ein Stück Kuchen vor der Nase weggeschnappt, um es dann mir zu geben. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb Vanessa bei dieser Anekdote lediglich ein sauertöpfi-sches Lächeln zustande brachte und starr nach vorne zu Kim schaute.
»Es ist unmöglich, Omas Liebe, Verständnis und ihre Fürsorge in die richtigen Worte zu fassen«, setzte Kim währenddessen ihre Rede fort. »Sie hat uns aufgefan-gen, wenn es uns schlecht ging und trieb uns an, wenn wir nicht in die Gänge kamen.«
Ein zögerliches Lachen ging durch die Trauergemein-schaft. Oma Elisabeth war tatsächlich sehr energisch gewesen, wenn es die Umstände erfordert hatten. Dabei hatte sie keine Rücksicht darauf genommen, ob sie ihre Enkel, ihren Sohn, ihre Schwiegertochter oder ihren Ehemann zurechtwies.
»Und auch, wenn ihr Tod eine große Lücke in unse-rem Leben hinterlässt, finde ich den Gedanken tröstlich, dass sie wieder mit Großvater vereint ist. Die beiden waren seit 1947 verheiratet und bis zu Großvaters Tod vor fünf Jahren unzertrennlich gewesen. Jetzt können sie hier auf dem Friedhof wieder zusammen sein.« Kim nickte dem Pfarrer am Ende ihrer Rede zu.
Ihre Worte über die lang anhaltende Liebe zwischen unseren Großeltern ließ meinen Blick wieder zu dem Blatt Papier schweifen, das ich fest umklammert hielt. Es war ein Nachruf, der vor wenigen Tagen in der Säch-sischen Zeitung erschienen war. Im Grunde gab es nichts daran auszusetzen, bis auf eine Kleinigkeit:
In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied von
Elisabeth Schäfer
Geliebte, Ehefrau und Mutter
Geboren 25.04.1923 - Gestorben 03.07.2016
Mich machte dieses Komma zu viel so nervös, dass ich mich kaum auf meine Umgebung konzentrieren konnte.
Ich sah zu, wie der Sarg in das vorbereitete Grab hin-abgelassen wurde, trotzdem bekam ich die Szene nur am Rande mit. Ich musste unbedingt herausfinden, wer für diese Anzeige verantwortlich war und einen Neu-druck in Auftrag geben. Es konnte auf keinen Fall so stehen bleiben, dass meine liebe, fürsorgliche und ver-antwortungsbewusste Oma eine Geliebte gewesen sein soll.
»Na los, du bist an der Reihe«, hörte ich Vanessa neben mir sagen. Ich verstand nicht sofort, was sie damit meinte, und schaute sie daher verwirrt an. Vanessa zog eine Augenbraue hoch und deutete mit dem Kopf in Richtung Grab. »Leg die verdammte Blume endlich auf den Sarg, damit wir gehen können … ich hasse Beerdi-gungen«, fügte sie hinzu. Um ihren Worten mehr Aus-druck zu verleihen, gab sie mir einen kleinen Schubs. Verdattert blieb ich direkt vor dem Grab stehen. In Ge-danken war ich noch bei dem Nachruf, weshalb ich mehrere Sekunden die aufgehäufte Erde anstarrte. Wi-derwillig drängte sich mir eine neue Überlegung auf, die mir nicht gefiel: Was wäre, wenn die Anzeige bewusst so gedruckt worden war?
Ich ging in die Hocke und sah auf den Sarg hinunter, der inzwischen in das Grab eingelassen worden war. In der Aufregung hatte ich die weiße Rose in meiner Hand völlig vergessen. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich mich krampfhaft an deren Stiel festklammerte. Es bedurfte einiger Willensanstrengung, um meinen Griff zu lockern und die Rose loszulassen.
»Du hast uns hoffentlich nichts verschwiegen, oder?«, flüsterte ich zum Abschied.
Mit wackeligen Knien kehrte ich an meinen Platz zu-rück. Ich wechselte einen Blick mit Kim, die sich an Ralfs Schulter lehnte. Ihr Make-up war verwischt und ihre Augen gerötet vom Weinen, dennoch hatte sie et-was Wunderschönes an sich, das mich neidisch werden ließ.
»Können wir gehen?« Vanessa hatte ebenfalls eine Rose auf den Sarg gelegt und war wieder zu uns ge-kommen. »Ich habe irrsinnige Kopfschmerzen, und wenn ich hier noch länger in der Sonne rumstehen muss, falle ich in Ohnmacht.« Sie rieb sich mit der Hand über ihre hohe Stirn und gab ein theatralisches Seufzen von sich. Wie auf Kommando erschien Lars, um ihr einen Arm um die Hüfte zu legen und ihr beru-higende Worte zuzuflüstern. Um ehrlich zu sein, ich bewunderte meinen Schwager für sein Verständnis und seine Geduld, die er Vanessa entgegenbrachte, selbst wenn sie unausstehlich war.
Ralf warf einen letzten Blick auf das Grab und zuckte dann mit den Schultern. »Ich denke, für uns gibt es hier nichts mehr zu tun. Lasst uns ins Restaurant gehen, be-vor die besten Plätze weg sind.« Er hielt mir und Kim beide Arme so hin, dass wir uns bei ihm unterhaken konnten. »Kommt, meine schönen Schwestern … lasset uns zur Tafel schreiten, um den Leichenschmaus einzu-nehmen.«
Kim kicherte und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. »Welchen Film hast du dir diesmal ange-sehen?«
Ralf war ein Filmfan und vermutlich einer der weni-gen Menschen, die Videotheken nutzten. In seiner Wohnung hat-te er sich einen eigenen Filmraum einge-richtet, mit Beamer und Leinwand. Er hatte sich sogar eine kleine Popcornmaschine zugelegt, die er an seinen legendären Filmabenden jedes Mal voller Stolz in Gang setzte.
»Macbeth, geschrieben von William Shakespeare, ver-filmt von Justin Kurzel. Mein Fazit: Das Buch ist wie immer besser als der Film.«
»Macbeth ist ein Theaterstück«, korrigierte ich ihn au-tomatisch. Ich hing weiterhin bei diesem verfluchten Satzzeichen und fragte mich, ob es eine Daseinsberech-tigung hatte oder nicht.
»Ach, sei nicht immer so überkorrekt.« Er knuffte mich in die Seite. »Dadurch hast du übersehen, dass ich euch ein Kompliment gemacht habe.«
»Entschuldige«, murmelte ich verlegen. Er hatte recht. Warum konnte ich nicht einmal fünf gerade sein lassen? Kein Wunder, dass ich das schwarze Schaf der Familie war.




