E-Book, Deutsch, Band 498, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
Stein Der Notarzt 498
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-7969-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Tal der Tränen
E-Book, Deutsch, Band 498, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
ISBN: 978-3-7517-7969-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jeden Morgen bindet die Floristin Marie Stern einen wunderschönen Blumenstrauß. Für wen, weiß nur sie ganz allein. Da erscheint eines Tages eine neue Kundin in ihrem Blumenladen und bestellt einen Strauß - für ihre eigene Beerdigung! Zunächst verstört, dann berührt, lässt Marie sich auf die Fremde ein. Zwischen Gesprächen über Leben und Tod entsteht eine außergewöhnliche Freundschaft. Hannah Weber offenbart, dass sie an Mukoviszidose leidet und nicht mehr lange zu leben hat. Sie hat längst beschlossen, den Kampf aufzugeben. Doch Marie spürt, dass sie Hannah nicht einfach gehen lassen kann. Als Dr. Peter Kersten, Hannahs Arzt, von einer neuen Behandlungsmethode spricht, steht Marie vor einer schwierigen Entscheidung: Kann sie ihre Freundin überzeugen, dem Leben noch eine Chance zu geben?
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Im Tal der Tränen
Wird dieser Frühling ihr letzter sein?
Von Caro Stein
Jeden Morgen bindet die Floristin Marie Stern einen wunderschönen Blumenstrauß. Für wen, weiß nur sie ganz allein. Da erscheint eines Tages eine neue Kundin in ihrem Blumenladen und bestellt einen Strauß – für ihre eigene Beerdigung!
Zunächst verstört, dann berührt, lässt Marie sich auf die Fremde ein. Zwischen Gesprächen über Leben und Tod entsteht eine außergewöhnliche Freundschaft. Hannah Weber offenbart, dass sie an Mukoviszidose leidet und nicht mehr lange zu leben hat. Sie hat keine Kraft mehr und den Kampf aufgegeben.
Doch Marie spürt, dass sie Hannah nicht einfach gehen lassen kann. Als Dr. Peter Kersten, Hannahs Arzt, von einer neuen Behandlungsmethode spricht, steht Marie vor einer schwierigen Entscheidung: Kann sie ihre Freundin überzeugen, dem Leben noch eine Chance zu geben?
Jeden Morgen begann die einunddreißigjährige Floristin Marie Stern ihren Arbeitstag mit demselben Ritual: Sie band einen frischen Blumenstrauß.
Routiniert griff sie nach weißen Lilien und Vergissmeinnicht, fügte zartes Schleierkraut und tiefblaue Kornblumen hinzu. Ihre Finger schnitten und banden die Stiele, als hätten sie ein Eigenleben. Der Strauß war allerdings nicht für die Auslage bestimmt, auch nicht, um Kunden zu beeindrucken – und doch blieb er nie unbemerkt.
»Wunderschön, wie immer«, hatte eine ältere Dame neulich gesagt, als sie am Tresen zahlte. »Gehört das zu Ihrem Konzept? Jeden Tag so ein Kunstwerk?«
Marie hatte gelächelt, aber nicht geantwortet. Denn in Wahrheit galt dieser Strauß nur einem einzigen Menschen.
Sie hielt einen Moment in ihrer Arbeit inne und betrachtete das Arrangement. Irgendetwas gefiel ihr noch nicht daran.
Bevor sie jedoch wusste, was nicht stimmte, klingelte das Glöckchen über der Ladentür. Sie hob sie den Kopf, um die erste Kundin an diesem Tag zu begrüßen.
Morgendliche Sonnenstrahlen leuchteten schräg durch das große Fenster herein und blendeten sie im ersten Augenblick. Dann erkannte sie eine junge Frau, die etwa Anfang zwanzig sein musste. Sie war so blass, dass ihre Haut beinahe durchsichtig erschien, und ihre Schultern wirkten viel zu schmal für den weiten Wollmantel, den sie trug. Die Frau zog die Tür langsam hinter sich und wirkte dabei so zerbrechlich, dass Marie den Impuls verspürte, ihr einen Stuhl anzubieten.
Ähnlich wie mit ihrem Blumenarrangement, hatte sie bei der Unbekannten das Gefühl, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte, ohne den Finger darauf legen zu können. Ihre Erscheinung zog sie so in den Bann, dass Marie sie für einen Moment einfach anstarrte. Dann kam sie endlich wieder zu Besinnung.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Die Frau stand immer noch im Eingangsbereich und sah sich unschlüssig um, als hätte sie Marie nicht gehört. Sie biss sich auf die Unterlippe und machte Anstalten, auf die weißen Lilien zuzugehen, die in einer großen Vase am Fenster standen, rührte sich dann aber doch nicht von der Stelle.
Marie wischte sich die Hände an ihrer Arbeitsschürze ab und kam hinter der Theke hervor.
»Suchen Sie nach etwas Bestimmtem?«
Dieses Mal sah die Kundin zu ihr. Sie wollte etwas sagen, doch ihre Worte verloren sich in einem Hustenanfall, den sie mit ihrem blauen Seidenschal abdämpfte.
Dann trafen sich ihre Blicke, und für den Bruchteil einer Sekunde tauchte ein Bild vor Maries Augen auf und verursachte einen brennenden Schmerz in ihrem Brustkorb. Nicht jetzt. Rasch schob sie die Erinnerung beiseite und konzentrierte sich auf ihre Arbeit.
Sie bediente oft Trauernde, die Blumen für eine Beerdigung bestellen wollten. Inzwischen erkannte sie an deren Körperhaltung und ihrem leeren Gesichtsausdruck, dass sie erst kürzlich einen Verlust erlitten hatten. Die Ausstrahlung der jungen Frau war ähnlich, passte aber wiederum auch nicht so ganz.
Sie spielte unruhig mit ihrem Schal und wich Maries Blick aus.
»Ich glaube, meine Bitte ist etwas seltsam.«
»Das kann ich mir nicht vorstellen, aber selbst, wenn es so wäre, finden wir bestimmt eine passende Lösung dafür.« Marie lächelte ihr aufmunternd zu, eine Geste, die seit einem Jahr unglaubliche Kraft erforderte.
»Ich suche nach Blumen«, sagte die junge Frau in nüchternem Tonfall, »für meine Beerdigung.« Ihre Augen waren stumpf, als wären sie zu müde, um Emotionen zu zeigen. Dennoch schien es ihr mit dieser Aussage völlig ernst zu sein.
Die Floristin blinzelte und spürte gleichzeitig, wie sich die Haare auf ihren Armen aufstellten. Mit einem Mal wurde ihr kalt. Hatte sie das eben richtig verstanden? Sie hatte mit einem Trauerkranz für einen geliebten Menschen gerechnet oder vielleicht mit einer Anfrage für einen Blumenstrauß, der ein trostloses Krankenzimmer aufhellen sollte.
Die Frau schien mit dieser Reaktion gerechnet zu haben, denn sie achtete nicht weiter auf Marie, sondern ging entschlossen auf die weißen Lilien zu. Behutsam strich sie mit den Fingerspitzen über eines der Blütenblätter.
»Die hier sind eigentlich ganz schön.« Ihre Stimme war immer noch leise, klang aber fester als vorhin. Sie drehte sich zu Marie um. »Aber auch ein bisschen gewöhnlich, finden Sie nicht? Mir wäre ja ein buntes Arrangement lieber. Was halten Sie davon?«
Während sie sprach, schweifte ihr Blick zu den verschiedenfarbigen Tulpen am gegenüberliegenden Ende des Ladens. Sie ging darauf zu und berührte die gelben Blüten. Erneut hustete sie mehrmals.
Allmählich gewann Marie ihre Fassung wieder zurück.
»Nun ja«, begann sie zögerlich, »bunte Tulpen stehen für den Frühlingsbeginn, Lebensfreude und Tatendrang und sind daher sehr passend für diese Jahreszeit.« Nun bewegte sie sich auf einem Terrain, in dem sie absolut sattelfest war, und geriet ins Plaudern. »Tulpen sind generell sehr beliebt für den Garten, aber auch als Dekoration in Wohnungen. Allerdings haben die Schnittblumen eine recht begrenzte Lebensdauer.«
Abrupt zog die Frau ihre Hand zurück, als hätte sie sich an den feinen Blättern gestochen.
Zu spät begriff Marie, dass sie mit ihren letzten Worten versehentlich ein empfindliches Thema angesprochen hatte. Hektisch formulierte sie in ihrem Kopf eine Entschuldigung, ohne zu wissen, ob sie diese aussprechen sollte. Womöglich trat sie der Kundin damit zu nahe. Schließlich kannte sie die Beweggründe für ihre ungewöhnliche Anfrage nicht.
Während Marie noch überlegte, was sie sagen sollte, ging die Kundin weiter zu den nächsten Blumenvasen und deutete auf die Mohnblumen.
»Die sehen doch auch hübsch aus.« Ein breites Lächeln, das Marie ihr gar nicht zugetraut hätte, zeigte sich auf ihrem Gesicht.
Sie nickte und trat näher. »Mohnblumen sind ein Symbol für Vergänglichkeit und die Zerbrechlichkeit des Lebens. Besonders roter Mohn steht für unerfüllte Träume und das Flüchtige.« Zum ersten Mal erschien Marie das leuchtende Rot der Pflanze wie ein letztes verzweifeltes Aufflackern kurz vor dem Ende.
»Das passt prima.« Die junge Frau wickelte sich den Schal vom Hals und stopfte ihn halb in die Tasche ihres Mantels. Ein Ende streifte am Boden entlang, als sie zu den sternförmigen Astern weiterging. »Die stehen für Abschied, richtig?«
»Und für die Vergänglichkeit der Zeit.« Marie folgte der Kundin weiter durch den Laden.
»Etwas melancholisch, aber perfekt.« Ironischerweise schienen die Vorbereitungen für ihre eigene Beerdigung der Frau Lebensfreude zurückzugeben. Ihre eingefallenen Wangen leuchteten zartrosa, und ihre Augen gewannen eine Spur Glanz zurück. Sie zog sich den Mantel aus und legte ihn sich über die Unterarme.
Marie erschien es immer noch merkwürdig, mit einer etwa Zwanzigjährigen das Blumenarrangement für die eigene Beerdigung zusammenzustellen, aber sobald sie den ersten Schock überwunden hatte, kamen die beiden in ein lockeres Gespräch darüber, welche Blumen sich sonst noch eignen würden.
Trotzdem musste Marie einige Male schwer schlucken, wenn sie an den Anlass für dieses Arrangement dachte. Den Grund verstand sie jedoch nach wie vor nicht. Ja, die junge Frau wirkte abgekämpft, und das ständige Husten sowie ihre zerbrechliche Erscheinung ließen den Schluss zu, dass es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. In Maries Magen krampfte sich die Trauer um einen anderen Menschen zu einem festen Knoten zusammen und raubte ihr den Atem.
Ihre Kundin war hingegen mit überschwänglicher Begeisterung bei der Sache, so als würden sie Blumen für ihre nächste Party aussuchen und nicht für eine Trauerfeier. Aber vielleicht war das ihre Art, mit ihrer Situation umzugehen, wie auch immer diese genau aussehen mochte.
Am Ende entschied sich die Kundin neben den Mohnblumen und Astern auch für Vergissmeinnicht, Nelken und Nachtkerzen, die für den Wunsch nach Frieden standen.
Nachdem sie die Blumenauswahl festgelegt hatten, notierte Marie routiniert die Bestellung in ihrem...




