Stehr | Der Heiligenhof | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 556 Seiten

Stehr Der Heiligenhof

Bereicherte Ausgabe. Die Suche nach Gott: Ein romantischer Roman mit mystischen Elementen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-102-6
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bereicherte Ausgabe. Die Suche nach Gott: Ein romantischer Roman mit mystischen Elementen

E-Book, Deutsch, 556 Seiten

ISBN: 978-80-7583-102-6
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Hermann Stehrs Werk 'Der Heiligenhof' taucht der Leser in die Welt eines idyllischen Dorfes in Bayern ein, das von einem mysteriösen Eremiten namens Heiligenhof bewohnt wird. Der Roman zeichnet sich durch Stehrs präzise und detaillierte Beschreibungen der Natur sowie seiner Figuren aus. Der Autor nutzt eine elegante Sprache, die das Landleben in all seinen Facetten einfängt, von der einfachen Schönheit bis hin zu den dunklen Geheimnissen. 'Der Heiligenhof' kann als Beispiel für die bäuerliche Literatur des frühen 20. Jahrhunderts betrachtet werden, die das einfache Leben auf dem Land porträtiert und dabei tiefgründige menschliche Themen anspricht.

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Zweites Kapitel


Den Hemsterhuser Alb, so wurde Josef Niemand von allen genannt, hatte sein außerweltliches Gaukeln an dem Totenbette seiner Pflegeeltern spurlos vorbei bis gegen das dreißigste Jahr getragen. Längst war das kleine Haus des Stellmachers, in dem er sein scheues Leben geführt hatte, vermorscht und zusammengebrochen, und Niemand streifte als Vagabund herum, ohne doch weiter als nach Brederode und Querhoven zu kommen. Aus uneingestandener Furcht duldeten ihn die Bauern zur Nacht in einem Winkel des Stalles und am Tage in einer Ecke der Gesindestube.

In dieser Zeit kam Andreas Sintlinger mit kaum zwanzig Jahren in den Besitz des Hofes. Seinen Großvater hatte das Glöckchen unversehens früh abgerufen. Er war während der Ernte tot zusammengebrochen, als er sich eben in Wut auf einen widersetzlichen Knecht hatte stürzen wollen, und seinen Vater hatte die Trunkenheit auf nächtlicher Heimfahrt in einen tiefen Ziegeleitümpel gehetzt, wo er ertrank.

Andreas trat die Herrschaft auf dem Sintlingerhofe ganz im Sinne seiner Ahnen an. Am ersten Tage seiner Bauernschaft versammelte er das Gesinde und ließ die lange Feuerleiter über das hohe Schobendach hinauflegen. Dann ergriff er eine Stange, stieg bis an das Türmchen und stieß lachend die Glocke an, daß sie bestürzt und blechern über die Hügel hin schrie. Nun habe sie ihr Sprüchlein gemeckert, meinte er übermütig, und werde ihn jetzt wohl verschonen. Darauf setzte er sich mit seinen Leuten in die große Stube, ließ Gericht um Gericht auftragen und zechte und sang bis tief in die Nacht hinein.

Der tolle Jakob Sintlinger schien mit ihm wieder in den Hof gezogen zu sein. Wo einem Mädchen das Schürzenband locker saß, fand er sich als erster in der Dämmerung ein. Kein Schabernack gelang ohne ihn, jedem Spott lieh er seinen Witz. Auf den Festen war er der Anführer der Ausschreitungen, stiftete mit größtem Geschick Zerwürfnisse und ersäufte dann hohnlachend die übereilten Feindschaften in Strömen von Wein. Aber seine Tollheiten waren durch einen Zug der Ritterlichkeit verschönt, und was an anderen als Gemeinheit wirkte, erhielt durch sein Wesen das Aussehen leichtsinniger Verwegenheit. Nie verbrüderte er sich mit Trotteln, und wenn er von einem Zechgelage im Kreise handwerksmäßiger Saufbrüder aufstand, kam es vor, daß er ihnen den Rest seines Glases ins Gesicht goß und lachend davonging. Trotz dieser unaufhörlichen Explosionen, mit denen er geladen war, vernachlässigte er seine Wirtschaft nicht im mindesten. Sein kleiner Körper besaß die Unzerstörbarkeit einer stählernen Maschine. Offenbar brauchte er die Zügellosigkeit so notwendig wie andere Menschen die Ruhe, um sich von seiner Arbeit zu erholen. Kam er gegen Morgen nach Hause, so erhob er sich nach drei Stunden Schlaf so frisch, als habe er einen ganzen Tag lang geschnarcht. Kaum konnten die Furchen hinterher, wenn er pflügte; das Korn sank schon vom Pfiff seiner Sense, und einmal, als ein in der ganzen Gegend berühmter Mäher bei einem Wettschneiden schon nach einer Stunde zwei Mannslängen hinter Andreas zurückblieb, wäre es um den kleinen Teufel bei einem Haar geschehen gewesen; denn plötzlich stürzte sich der riesenhafte Kerl, dem es ebensosehr um den verwetteten Taler als um den verlorenen Ruhm und den reichlichen Spott zu tun war, wie von Sinnen hinterrücks auf den Sintlinger, und wäre der nicht im letzten Augenblicke auf die Seite geflogen wie ein geschlagener Ball, so hätte ihn des anderen Sense ohne Besehen dem Totengräber vor die Tür geschoben. Die Zuschauer packten den Wütenden, und als er sich ausgeschäumt hatte, steckte ihm Andreas eine Wurst in die rechte Hosentasche und sagte, es sei ein gutes Kalbfleisch drin, die andere in die linke und versicherte, sie sei von einem ausgewachsenen Schöps, drückte ihm zwei Taler in die Hand und gestand, daß es bei der Wette nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, weil er, der Sintlinger, des anderen Sense verstohlen mit Gimpelfett eingerieben hätte. Solche liebenswürdige Streiche pflanzte er immer wieder neben den Bocksbart ärgerlicher Ausschweifungen, und die Bauernschaft der Umgegend wußte nie recht, wie sie sich zu dem Tollkopf stellen sollte: sie schwollen vor Entrüstung, strömten vor Entzücken über und schütteten sich vor Lachen aus. Insbesondere die Mädchen sahen in einem Gefühl, das aus Grauen, Bedauern und Verlangen gemischt war, aus den Fenstern, wenn der verwegene Wildfang auf seinem Gefährt durch ein Dorf raste. Aber er saß geborgen hinter seinen Pferdeschwänzen und hielt offenbar mehr von Schürzen und Scherzen als von Herzen. Bis er einst durch Brederode kam, einen Ort, etwa eine halbe Wegestunde von Hemsterhus. Dort sah er an einem Frühlingsmorgen die schöne Johanna Klim, die Tochter des Vorstehers von Brederode, auf der Wiese neben dem Wege beim Bleichen der Leinwand. Sie ging neben der grauweißen langen Bahn hin und überbrauste aus einer Gießkanne das Gewebe, an dem sie an den Winterabenden hatte spinnen helfen. Der mailiche Sonnenwind fuhr dann und wann gegen den tausendfältig zerteilten Wasserstrahl und stäubte ihn in silbrig schimmernden Tropfen um das blonde, zierliche Mädchen, daß sie mehr einer himmlischen Erscheinung im verklärten Licht als einem Menschen glich. Kaum hatte das Andreas Sintlinger einmal gesehen, da riß er die Pferde zurück und wartete mit angehaltenem Atem, bis das Schimmern wieder um die Jungfrau sprühte, dann stieg er wie im Traume vom Wagen, band die Pferde an einen Baum und saß und starrte verzückt auf das Wunder, das unversehens in seinem Leben aufgegangen war. Als das Mädchen das rätselhafte Betragen des tollen Menschen gewahrte, entsank ihrer Hand vor Schrecken die Kanne, denn es konnte doch immer sein, daß er, noch taumelig von durchzechter Nacht, am Graben sitze und auf einen Schabernack sinne, den er ihr antun könne. Aber sie faßte sich doch in dem Gedanken, daß sie niemals gegen den jungen Bauer, auch im geheimen nicht, etwas Böses gesprochen habe, ergriff die Kanne, überschaute scheinbar ruhig ihre Arbeit und schritt den Rain hin furchtlos auf ihn zu, um über den Weg in den väterlichen Hof zu kommen. Als sie sich ihm näherte, pflückte er eilig einige Blumen, erhob sich und ging ihr entgegen. Schon in einiger Entfernung sah sie, daß das Feuer in seinen tiefbraunen, großen Augen und das rote Lodern über das ganze Gesicht hin von einer anderen Art Trunkenheit herrühre und bedauerte doppelt ihre Vermessenheit. Schon standen sie Blick in Blick einander gegenüber. Sie sah, wie der Mann, von einem inneren Sturm geschüttelt, am ganzen Körper bebte, die Blümchen bittend ihr hinreichte und hörte ihn unverständliche Worte durcheinanderstammeln. In höchster Verwirrung wollte das Mädchen an ihm vorbeischlüpfen. Da zuckte eine jähe Wildheit durch den Sintlinger, daß er augenblicks gleich einem Eisenpfahl in die Erde gerammt vor ihr stand. Mit leidenschaftlicher Entschiedenheit bat er sie um die Erlaubnis, ihr die Blumen an die Brust stecken zu dürfen. Wenn sie sich dem widersetze, so könne er sie ja nicht zwingen. Aber er werde dann geradeswegs in Karriere mit seinem Gespann in den Steinbruch jagen, der hinter Brederode hart neben der Straße in den Hügel getrieben sei. Wenn Andreas auch nicht blaß bis in die Zähne geworden wäre, sie wußte bestimmt, daß er in seiner Verwegenheit Wort gehalten hätte, und duldete, worum er sie bat. Am ganzen Leibe zitternd, in halber Ohnmacht fühlte sie noch, wie er ihre Hand mit heißen Küssen bedeckte. Dann war der Weg frei, und der Sintlinger fuhr, auf einmal aller Geschäfte ledig, in jubelndem Galopp nach Hemsterhus zurück.

Als er außer Sehweite war, nestelte wohl Johanna die Blümchen wieder los und verbarg sie in einem Holzstoß. Am Abend aber holte das Mädchen sie verstohlen hervor und legte sie unter ihr Kopfkissen, weil sie meinte, daß es unedel sei, ein gegebenes Versprechen nicht zu halten. Denn sie war eine jener seltenen göttlich-gütigen Seelen, die von den Spielen auf der himmlischen Wiese hinter des Herrgotts Rücken in das irdische Leben geschlüpft sind und darum frei auch von jenem Makel im Lichte gehen, den nach der Meinung vieler Christen jeder Mensch als Lehnsnachfolger in der Schuld und Sünde seiner Ahnen zu tragen hat. Solche Menschen werden nur von der Rücksicht auf die Not anderer geführt und wissen um ihre Güte durch nichts als die Erschütterungen über die Leiden des Nächsten. Dies und die Tatsache, daß die Liebe in der Sehnsucht nach Erfüllungen besteht, die unserem Wesen versagt sind, band das stillste, reinste Mädchen so fest an Andreas Sintlinger, der nur aus fessellosem Brausen zusammengebraut schien, daß der alte Klim in Brederode nach dem ersten Schrecken über das Schicksal seines geliebten einzigen Kindes begann, die Weisheit seines eigenen langen Lebens aufzutrennen und um und um zu wenden, damit er herausbekäme, wo der Fehler stecke, für den er also gestraft würde. Indes er bei diesem Geschäft in allerlei innere Nöte geriet und seiner Tochter voll Kummer ins Gewissen redete, erreichte er doch weiter nichts, als die Ratlosigkeit über die unbegreifliche Fügung bei ihr zu vermehren, daß sie sich unlöslich an einen Menschen gefesselt fühlte, der noch vor Tagen als ein bunter, wilder Schrecken an ihrem Leben fern vorübergezogen war. Geheime Zusammenkünfte, vor denen sie schluchzend bebte und die sie dann doch selig betäubt gewährte, banden sie immer fester an den unterirdischen Sturm ihrer verbotenen Liebe, zumal Andreas plötzlich der zarteste, hingebendste Mann geworden war und sie immer tiefer in den Taumel einer Verklärung hineinriß, der über ihn gekommen war. Endlich erlahmte der Widerstand des alten Klim, und kaum ein Jahr, nachdem er Johanna bei der Bleiche auf der Wiese gesehen...



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