E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Steger Tod und Vermächtnis
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-99923-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Südtirol-Krimi
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-347-99923-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Konrad Steger wurde am 24. März 1959 auf einem kleinen Bauernhof in Südtirol/Italien geboren. Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Innsbruck unterrichtete er lange Zeit an der Mittelschule. Weitere Buch- Veröffentlichungen des Autors Konrad Steger: 'Der Mann aus der Finsternis' Ein Südtirol-Krimi tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg ISBN Softcover: 978-3-347-47906-7 ISBN E-Book: 978-3-347-47911-1 ______________________________________________________ 'Als noch Kartoffelfeuer brannten. Eine Kindheit im Ahrntal' Athesia-Tappeiner Verlag 2016 ISBN 978-88-6839-170-6 ______________________________________________________ 'Als wir noch Kinder waren. Geschichten aus dem Ahrntal' Athesia-Tappeiner Verlag 2020 ISBN 978-88-6839-495-0
Autoren/Hrsg.
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Bozen. Zwei Tage später. Schlachthofstraße, gegen 23 Uhr
Die Absätze der großen, schlanken, schwarz gekleideten Frau hallten auf dem Gehsteig wider. Es hätte eine einsame Kinogängerin auf dem Nachhauseweg gegen das Stadtzentrum hin sein können; eine etwas leichtsinnige, vermutlich auch mutige, junge Frau, die sich allein durch die unsicheren, etwas verrufenen Straßen in diesem Stadtviertel traute, in denen sich in der Nacht, so sagte man in Bozen, allerhand zwielichtige Gestalten herumtrieben.
Als sie das Cineplexx- Kino linkerhand hinter sich gelassen hatte, lösten sich aus dem Nachtschatten eines kleinen Parkplatzes zwei hochgewachsene, dunkle Gestalten und liefen im Rücken der Frau auf sie zu. Der eine Mann streckte seine Hände aus und wollte ihr den Mund zu halten. In diesem Augenblick fuhr die Frau herum, und schon traf der Strahl aus ihrer Pfefferspraydose den Angreifer mitten ins Gesicht, in die Augen. Dann erwischte sie auch den zweiten Mann, der mitten in seiner Bewegung erstarrte. Beide Männer brüllten auf, als das aus verschiedenen Paprika- Arten gewonnene Capsaicin schlagartig seine verheerende Wirkung entfaltete. Ein gellender Pfiff zerriss die Nacht. Die junge Frau hatte in eine Trillerpfeife gestoßen. Indessen krümmten sich die zwei Männer auf der Erde. Sie brüllten, fluchten, husteten und versuchten krampfhaft sich den brennenden Wirkstoff aus den Augen zu reiben. Die junge Frau wusste, dass die Wirkung des Pfeffersprays mindestens zehn Minuten lang anhalten, und die zwei Männer außer Gefecht setzen würde. Aber schon spuckte die Dunkelheit zwei dunkel gekleidete und mit schwarzen Masken verhüllte Männer aus, die sich auf die auf dem Boden windenden Gestalten stürzten.
„Auf den Bauch legen, ihr verdammten Schweine!“
Als die Zwei nicht reagierten, krallten sich ihre Fäuste in die Kleidung der am Boden liegenden, noch immer hustenden und fluchenden Männer, warfen sie auf den Bauch und rissen ihre Hände zurück. Dann klickten die Handschellen.
In diesem Augenblick sah Fritz Permann das Bild der Schlange auf dem Rücken des einen vor ihm liegenden Mannes. Die schwarze, aufgerichtete, zum Angriff bereite Kobra im gelben Kreis! Das war er, der Angreifer, der seine Tochter überfallen und bedrängt hatte! In diesem Augenblick setzte der Verstand des Kommissars völlig aus.
Schließlich hörte er durch einen dichten roten Nebel die Stimme seiner Kollegin Beatrice, die endlich in sein Bewusstsein vordrang.
„Hör auf, hör auf. Es ist genug! Jetzt hör doch, verdammt noch mal, endlich auf!“
Jetzt erst ließ der schwer atmende Kommissar von dem Mann ab, der vor ihm auf dem Boden lag.
Dann drehte er die zwei Männer auf den Rücken und riss ihnen die Maske vom Gesicht. Er zückte sein Smartphone und machte drei Fotos von ihnen.
Neben sich hörte er die Stimme seines Schwiegersohnes in spe.
„Schlachthofstraße hier. Kommt schnell her; wir haben zwei Pakete für euch geschnürt. Kümmert ihr euch um die zwei Männer, die gerade eine Frau angegriffen haben und über sie herfallen wollten.“
„Wer sind Sie? Wie ist Ihr Name?“
Permann konnte die Stimme des Mannes, welcher auf den 112er-Notruf geantwortet hatte, ganz klar hören.
„Mein Name tut nichts zur Sache. Kommt einfach her und holt die Pakete ab. Diese zwei Männer machen es sich zur Gewohnheit Frauen zu überfallen. Das ist alles, was ich zu sagen habe. Nehmt das ernst. Sagt das der Polizei. Buona sera!“
Und dann drückte er den Anruf weg.
„Du verdammter Idiot!“
Christa Permann war sauer, richtig sauer.
„Unglaublich. Ein Hauptkommissar, welcher Selbstjustiz übt. Wenn das herauskommt, dann kann dich diese Geschichte deinen Job bei der Polizei kosten! Ganz sicher sogar. Das weißt du doch hoffentlich selbst!“
Sie schüttelte den Kopf und schaute ihrem Mann anklagend in die Augen.
Permann war nach und nach mit der Wahrheit herausgerückt, häppchenweise, na ja, fast mit der ganzen Wahrheit. Dass er völlig seine Fassung verloren hatte, verschwieg er allerdings, zumindest hatte er ihr die Details erspart. Er konnte seiner Frau nur wenig verschweigen, und er war sich auch sicher, dass das auch gut war, so. Gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Ehrlichkeit hatte sie mit den Jahren mehr und mehr zusammengeschweißt.
„Jetzt hör mal zu, Christa!“
Fritz Permann hob beschwichtigend seine Hände.
„Wenn wir den zwei Angreifern nicht eine Falle gestellt hätten, dann würden sie weiterhin ihr Unwesen treiben und wieder Frauen überfallen. Ganz sicher sogar.“
„Aber Selbstjustiz üben“, Christa unterbrach ihn abrupt, „das kann doch nicht wahr sein! Das macht ein Kommissar, der Reputation und einen guten Ruf genießt!? Wenn das herauskommt, bist du erledigt. Dann kannst du auswandern.“
Permann schnaubte, seufzte. Lachte schließlich verlegen.
„Hm … ja, auswandern? Das ist eigentlich eine gute Idee. Ja, am besten nach Kuba, in mein Traumland. Und dich nehme ich vielleicht sogar mit, mein Schatz!“
Wieder lachte der Kommissar über sein ganzes Gesicht. Nur Humor konnte jetzt die Situation noch retten. Dann wurde er wieder ernst.
„Du weißt doch, wie unterbesetzt die Polizei in Bozen ist, Christa. Das hast du doch hoffentlich mitbekommen. Die Geschichte wäre in irgendwelche Akten aufgenommen worden, und das Papier wäre dann sicher in irgendeiner Schublade verstaubt. Wir haben ganz einfach nicht das Personal, um solche Fälle intensiv weiterverfolgen und ahnden zu können. Die zwei Halunken wären mit heiler Haut davongekommen, und sie würden morgen wieder munter weitermachen. Das ist mehr als nur wahrscheinlich. Glaube mir das!“
„Und diese Beatrice steckt mit euch unter einer Decke und spielt auch noch den Lockvogel für euch“, maulte Christa und schnaubte aufgebracht.
Permann grinste.
„Sie ist halt eine mutige Frau. Hätte etwa Nadia den Lockvogel spielen sollen?“
Der Kommissar sah, wie Christa erschrak.
„Das fehlte noch!“, murmelte sie.
„Na also. Es ging mir ganz einfach um Gerechtigkeit. Und darum, dass unangebrachtes Handeln Konsequenzen nach sich ziehen muss. Und jetzt werde ich dir eine Geschichte erzählen“, begann Permann.
„Los!“, zischte die herrische Stimme von unten. Aus ihr triefte Hohn und die frohe Erwartung auf das Unheil, das unweigerlich kommen musste.
„Los, du Idiot! Jetzt geh schon!“
Sie hatten Andreas, den verunsicherten, blassen, schüchternen Jungen, der aufgrund seines mangelnden Selbstbewusstseins etwas langsamer dachte und handelte als die anderen, auf sein schriftliches Ansuchen hin auf dem Dorfplatz empfangen. Die „Nachtwölfe“ mit
ihrem Chef Reinhard, dem „Leitwolf“. Etwa ein Dutzend elf-, zwölfjährige Buben und ein keckes, blondes Mädchen, das einzige, das die Aufnahme in die Bande gewollt und auch geschafft hatte. Man musste es dem Leitwolf lassen, er hatte die Bande fest im Griff, denn er war ein findiger, kreativer Anführer, dem die Mitglieder seiner Nachtwölfe bedingungslos folgten und gehorchten. Neben Fußballspielen und den wilden, nicht ungefährlichen Abenteuerspielen im Wald bewegten sich ihre wagemutigen Unternehmungen manchmal am Rande der Legalität. Immer wieder waren in den Dörfern ringsum kleinere Diebstähle und Lausbubenstreiche geschehen, die die rechtschaffenen Bürger verunsicherten und verärgerten. Man hatte die Untaten vorschnell den Nachtwölfen in die Schuhe geschoben, ohne, dass man bisher ein Mitglied der Bande in flagranti bei ihren mehr oder weniger harmlosen Streichen erwischt hatte.
Da stand er also nun, auf dem Dorfplatz, mit bebendem Herzen; Andreas der Stotterer, der Ausgeschlossene, der seinen Vater nie kennengelernt hatte und der so manche Hänselei ertragen musste. Er wollte endlich dazugehören und hatte um die Aufnahme in die Bande angesucht.
Der Leitwolf baute sich vor ihm auf.
„Unser Wortfresser will also heute die Aufnahmeprüfung, die Mutprobe, ablegen.“
Seine Stimme klang schneidend und verächtlich.
„Nun ja, jeder hat das Recht diese Probe abzulegen, um bei den Nachtwölfen dabei zu sein. Sogar die Weiber.“
Dabei warf er einen Seitenblick auf die blonde Lena.
„Das ist nun mal unser ehernes Gesetz. Nun gut, Wolf eins und Wolf zwei, los, bringt ihn zum Oberhof- Stadel!“
Die zwei angesprochenen Jungen nahmen Andreas in ihre Mitte und führten ihn mit sich fort. Das Wolfsrudel folgte.
„Halt!“, rief der stets in Schwarz gekleidete Leitwolf.
Unter ihnen gähnte der Abgrund, etwa drei, vier Meter tief, eine, nach einem harten Winter vom Stallvieh leergefressene Heudiele. Welche Gemeinheit hatte der Leitwolf wieder...




