E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
Stefan Ein Riss im Stoff des Lebens
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01207-7
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Memoir
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01207-7
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vierzehn Jahre lang kämpfte Verena Stefan, nachdem sie 2002 die Diagnose Krebs erhielt. Fast so lange schrieb sie auch über ihre Erfahrungen nicht nur mit der Krankheit, sondern auch als Schweizerin in Kanada, über ihre Beziehung zur Natur und ihr Leben als Autorin, Feministin und Lesbe. Entstanden ist ein literarisches Memoir.
Reflexionen auf der physischen, psychologischen und spirituellen Ebene: »Ein Riss im Stoff des Lebens« ist ein literarischer, manchmal sogar lyrischer Text. Mit ihrem letzten Buch spricht Verena Stefan LeserInnen an, die selbst vom Krebs betroffen sind oder andere unterstützen möchten, die mit der Krankheit leben müssen. Sie nimmt auch die sozialen, politischen und philosophischen Komponenten der Erkrankung in den Blick.
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2012 – 2013 Rennen
Er rannte durch die Wüste; er rannte durch die Berge; er rannte durch die Salzpfannen; er rannte durch die Riedbänke; er rannte durch den Eukalyptus; er rannte durch den Spinifex; er rannte, bis seine Vorderfüße wehtaten.
Er musste!
Rudyard Kipling Das Lied des alten Kängurumannes
Gestern habe ich es wieder getan. Ich musste. Morgens riefen mich die Baumwipfel. Ihre Äste schwanken hoch über den Häusern, auf die ich aus meinem Fenster blicke. Sie rufen mich: Komm raus! Wir bieten dir Rinde, wir bieten dir Blätter, Wind und zwischen den Zweigen blauen Himmel.
Ich verlasse das Haus.
Vor etlichen Jahren ging meine Freundin Andrée jeden Morgen im Park joggen. Auch ihr japanischer Nachbar lief durch den Park, aber er bewegte sich nicht wie ein Läufer. Er machte alle möglichen Bewegungen, unter denen sie sich nichts vorstellen konnte. Wochenlang lief sie ihm lautlos hinterher und versuchte herauszufinden, was er da wohl trieb. Eines Morgens drehte er sich um und sagte: »Es geht ums Atmen, verstehen Sie?«
Andrée ist Tänzerin und unterrichtet Körperarbeit. Sie sprach mich an, ob wir nicht vielleicht zusammen ein Workshopkonzept entwickeln wollten, mit gemeinsamen Schreib- und Bewegungsübungen. Wir nannten das Ganze MoveWrite! und begannen mit den ersten Sessions, anfangs zu zweit, dann zu viert.
Das Motto, das ich der ersten Session voranstellte, war das oben erwähnte Rudyard-Kipling-Zitat über das Rennen. Die hier zum Ausdruck gebrachte Leidenschaft, wenn nicht sogar Besessenheit vom Laufen sprach mich sehr an. Als kleines Mädchen schoss ich beim Kurzstreckenlauf wie ein Pfeil los. Ich war eine echte Sprinterin und liebte es, über die Aschenbahn zu fliegen. Ich liebte es, in der kürzest möglichen Zeit alles zu geben und zu spüren, wie mich das Leben herrlich heiß und funkensprühend durchströmte. Das Leben hatte die Form einer Glitzerkugel – wenn ich rannte, war ich diese Kugel. Schnell zu sein, war für mich das Größte.
Dauerlauf, Durchhalten, Disziplin hingegen fand ich schrecklich.
Beim Sprinten weitete sich die Welt in alle Richtungen. Lunge, Beine und Arme, Herz und Atem wurden eins, wenn ich mit einer Mischung aus überschäumender Energie und Leidenschaft dahinraste. Ich gab alles, und bekam genauso viel, angereichert mit Euphorie und Schweiß, zurück.
Die Lust am Rennen war mir mein Leben lang eine treue Begleiterin. Mit dem allmählichen Verfall meines Körpers wurde das Rennen für mich unmöglich, ja sogar gefährlich. Je mehr der Körper sich auflöste, desto größer wurde die vom Körpergedächtnis genährte Sehnsucht nach dem Rennen. Und irgendwann verwandelte sich das Rennen in Text.
Ich blicke hinauf in die alten Pappeln. Im Winter lassen sie zwischen ihren nackten Ästen mehr Platz für den Himmel. Sie sind so groß, dass es mir im Nacken wehtut, an ihnen hochzuschauen.
»Meine Lunge ist keine Aschenbahn mehr«, sage ich zu ihnen. An sonnigen Wintertagen gehe ich mittags in den Park.
»Wie gern würde ich rennen, bis es in meiner Lunge brennt. Das Herz setzt die Grenzen, die Muskeln und Lunge auch. Ich wäre das ganze Zeug darin so gerne los. Wenn ich nur wie ein Kaninchen durch die Müllhaufen hopsen könnte.«
Die Bäume hören mir zu.
»Es war einmal eine Dame respektierlichen Alters, die geriet an einen wildfremden Ort«, sage ich, während ich eine Pappel umrunde, mich mit dem Rücken daran reibe oder die Hände an die raue Rinde lege.
Vor einem Jahr musste ich ein paar Nächte im Krankenhaus verbringen und wurde in die Abteilung für Patienten mit kurzer Verweildauer gesteckt. In dem Zimmer, in dem ich lag, befanden sich vier Betten, und vier in dem dahinter. Es gab keine Tür zwischen dem Zimmer und der Schwesternstation.
In dem Bett rechts neben mir lag eine alte Dame.
»Fünfundneunzig!«, antwortete sie jedes Mal stolz, wenn ihr Gedächtnis und ihre Orientierungsfähigkeit getestet wurden.
»Wann haben Sie Geburtstag?«
»Im Januar.«
»Savez-vous dans quel pays vous êtes? Quelle province? Quelle année? Votre date de naissance?«
»Le vingt-et-un janvier, c’est bientôt! J’aurai quatre-vingt-quinze ans! Warum muss ich das alles beantworten? Wenn ich nur noch zwei Tage habe.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich bin fast hundert! Und ich sterbe bald, in zwei Tagen.«
»Zahlen beeindrucken mich überhaupt nicht, Madam«, erwiderte die Sozialarbeiterin. »Viele Leute werden hundert, das ist gar nicht schwer. Welcher Feiertag ist demnächst?«
»Weihnachten!«, antwortete die alte Dame, die diese Frage offensichtlich als Beleidigung empfand.
»In welcher Stadt sind wir? Wissen Sie, wo Sie hier sind?« Die Sozialarbeiterin blickte auf ihre Liste, den gezückten Bleistift in der Hand, um die nächste Frage abzuhaken.
»Im Gefängnis«, antwortete die alte Dame, »ich bin im Gefängnis.«
»Nein, wir befinden uns hier im Krankenhaus«, wurde sie von der Sozialarbeiterin verbessert. »Wissen Sie, warum Sie hier sind?«
»Ich will nach Hause.«
»Sie sind gestürzt«, erklärte die Sozialarbeiterin. »Wissen Sie das nicht mehr?«
»Ich will nach Hause.«
»Wissen Sie, in welchem Stockwerk wir uns hier befinden?«
Die Sozialarbeiterin ging eine Frage nach der anderen auf ihrem Bogen durch.
»Ich bin im Gefängnis«, wiederholte die alte Dame.
»Nein, das sind Sie nicht, Sie sind im Krankenhaus.«
»Aber ich kann nicht nach Hause gehen, ich werde hier festgehalten!« Und erzürnt: »Mir geht es nicht gut! Ich bin verrückt! Ich kann nicht nach Hause!«
Ich wusste auch nicht, in welchem Stockwerk wir uns befanden. Würden sie mich für immer hierbehalten oder rausschmeißen, wenn ich die Frage nicht beantworten konnte?
Am Nachmittag kam ihr Mann zu Besuch, ein freundlicher Herr ihres Alters, um ihr das Neueste aus der Familie zu berichten.
»Die Kinder kommen zu Weihnachten; sie wollen in Mont-Tremblant Skifahren gehen. Du weißt ja noch, wer Cecil ist, stimmt’s?«
»Natürlich weiß ich, wer Cecil ist«, antwortete sie. »Wo ist er?«
»Weihnachten kommt er uns besuchen«, wiederholte ihr Mann. So unterhielten sich die beiden noch eine ganze Weile in einem freundlichen und vertrauten Tonfall. Im Gespräch mit ihrem Mann schien ihr Kopf klarer zu sein, weil Stimme und Körpersprache vertrautes Gelände signalisierten.
Eine Physiotherapeutin erschien, um die Mobilität der alten Dame zu testen. Selbst mit Rollator konnte sie nur sehr schlecht gehen. Sie schwankte auf schrecklich dünnen Beinen und schaffte es kaum, einen Fuß gefahrlos vor den anderen zu setzen. Wie lang lag sie schon im Bett, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, ein wenig mit ihr herumzulaufen? Und nun musste sie auf einmal den Test bestehen, der darüber entschied, ob sie heimkehren durfte oder nicht.
»Ich will nach Hause!«, verkündete sie jedem, der in ihre Nähe kam.
»Sie können aber nicht nach Hause!«, wurde sie von einem Arzt angeraunzt, der an ihrem Bett vorbeiging. »Sie kommen auf die Geriatrie!« Das alles im Gehen, ohne sie dabei auch nur anzusehen.
Ich zog einen Stuhl an ihr Bett und setzte mich zu ihr. Ihre Augen waren verschleiert wie bei einem Wesen, dessen wissender Blick vor langer Zeit hinter einer trüben Schicht verschwunden war.
Mit einem Mal entlud sich eine Wut auf mich, die sich lange in ihr angestaut zu haben schien:
»Es ist genau wie beim letzten Mal! Du warst nicht da, und jetzt machst du es schon wieder!«, platzte es aus ihr heraus. »Du bist genau wie die anderen«, fügte sie nach einer Weile hinzu, »du erzählst mir immer die gleichen Sachen.«
»Das stimmt überhaupt nicht!«, gab ich zurück. »Ich verstehe sehr gut, warum Sie nach Hause wollen. Es ist nicht schön hier im Krankenhaus.«
Sie dachte eine Weile über das von mir Gesagte nach und gab dann zum Besten: »Warum ertragen wir diese miserable Situation, wenn wir doch etwas daran ändern könnten?«
Mitten in der Nacht sagte sie auf einmal laut und deutlich: »Mais avez-vous contesté ou rejeté vos parentes?«
Am nächsten Morgen wurde sie in die Geriatrie verlegt. Niemand hatte ihr vorher Bescheid gesagt, nicht einmal ihr Mann.
Zu meiner Linken liegt ein junger Haitianer, mit dem ich mir ein Telefon teilen muss. Wenn ich nicht die Vorhänge auf allen Seiten zuziehe, was ich als sehr bedrückend empfinde, kann ich ihn von meinem Bett aus sehen. Er telefoniert die ganze Zeit, läuft mit offen hängendem Krankenhauskittel durchs Zimmer und stellt seinen nur halb bedeckten Unterleib zur Schau, wenn er auf dem Bett liegt. Der schwarze Pfleger ermahnt ihn immer wieder: »Du musst dich ordentlich bedecken!« Der Haitianer tut so, als würde er gehorchen, aber kurz darauf liegt er wieder halbnackt da. Wenn er auf die Toilette geht, lässt er die Tür offen. Er verströmt eine beunruhigend provozierende, rebellische Energie. Ich benutze lieber das zweite Badezimmer auf der anderen Seite des Zimmers.
Ich muss an die vielen Male zwischen 1999 und 2002 denken, bei denen ich Autorin und Malerin Mary Meigs nach ihrem Schlaganfall ins Krankenhaus begleitet habe. Als ich herausfand, dass es in Montreal üblich ist, ein und dasselbe Zimmer mit Männern und Frauen zu belegen,...




