Die universellen Lektionen aus 250 Jahren U.S. Navy: wie Sie die besten Entscheidungen treffen, auch wenn es die härtesten Ihres Lebens sind
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-98609-276-4
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
James G. Stavridis war Admiral der US Navy und militärstrategischer Oberbefehlshaber des Bündnisses für Operationen der NATO. Er lebte als Kind einige Jahre in Deutschland. Er studierte an der Fletcher School of Law and Diplomacy, wo er auch mehr als fünf Jahre als Dekan tätig war. Laut New York Times war er im Stab der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton als Vizepräsident im Gespräch.
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Einleitung
Im Jahr 2021 entdeckten Unterwasserforscher nach jahrzehntelanger Suche endlich das Wrack der USS Johnston (DD-557), die einer der berühmtesten Zerstörer in der Geschichte der amerikanischen Navy war.2 Das Kriegsschiff war am 25. Oktober 1944 nach der ebenso chaotischen wie heroischen Schlacht vor Samar vor den Philippinen in sehr tiefem Wasser gesunken. Es lag mehr als 75 Jahre lang ungestört in über 6000 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund und ist damit das am tiefsten gelegene Schiffswrack, das je geortet und erfolgreich untersucht wurde. Als es sank, hatte Commander Ernest Evans die Befehlsgewalt. Er war der erste Native American, der jemals mit der Ehrenmedaille ausgezeichnet werden sollte. Ernest Evans war zur Hälfte Cherokee und zu einem Viertel Creek. Der berühmte Historiker Konteradmiral Samuel Eliot Morison beschrieb die Schlacht in seiner legendären Studie über die Operationen der U.S. Navy im Zweiten Weltkrieg folgendermaßen: »Bei keinem Einsatz in ihrer gesamten Geschichte hat die U.S. Navy mehr Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit gezeigt als in diesen zwei Morgenstunden zwischen 7.30 und 9.30 Uhr vor Samar.« Unter dem entschlossenen Kommando von Ernest Evans führte der Zerstörer einen scheinbar selbstmörderischen Angriff gegen weitaus überlegene japanische Kriegsschiffe, um die nur leicht bewaffneten Flugzeugträger in den entscheidenden Momenten in der See- und Luftschlacht im Golf von Leyte zu schützen. Von seiner 329-köpfigen Besatzung starben Evans und 183 andere direkt in der Schlacht oder sie ertranken im Meer. Ich habe mich vor vielen Jahren als junger Offiziersanwärter, als Midshipman, in der United States Naval Academy in Annapolis eingehend mit dieser Schlacht beschäftigt und habe im Laufe der Jahre weiterhin etliche Bücher und Artikel über Kapitän Evans und seinen glorreichen Zerstörer gelesen.3 Evans wurde 1908 geboren, machte 1931 seinen Abschluss in Annapolis und kommandierte zu Beginn des Krieges zum ersten Mal einen Zerstörer: die USS Alden. Nach erfolgreichen Kampfeinsätzen im Pazifik auf der Alden wurde er 1943 zum Kommandanten der USS Johnston ernannt, eines neuen Zerstörers der Fletcher-Klasse, und anschließend auf dem Höhepunkt des Krieges erneut im Pazifik eingesetzt. Im Herbst 1944 war die Johnston Teil einer kleinen Flottille von sieben Zerstörern (darunter auch die USS Hoel und die USS Samuel B. Roberts, die beide ebenfalls im Gefecht versenkt wurden), die zum Schutz der leichten Geleitflugzeugträger im Golf von Leyte unter dem Oberbefehl von Admiral Bull Halsey bestimmt waren. Aufgrund von Halseys impulsiver Entscheidung, den Großteil seiner Dritten Flotte nach Norden zu verlegen, um die vermeintliche japanische Hauptstreitmacht zu verfolgen, waren die kleinen Schiffe alles, was zwischen den Flugzeugträgern und einer schweren japanischen Überwasserstreitmacht verblieben war. Die Möglichkeiten von General Douglas MacArthur, die Philippinen zurückzuerobern und sein kühnes Versprechen einzulösen, dass er zurückkehren würde, standen auf dem Spiel. Obwohl sie sich mit 23 weitaus größeren japanischen Schlachtschiffen und schweren Kreuzern konfrontiert sahen, griffen die sieben kleinen Zerstörer an, um die Flugzeugträger zu schützen. Diese Operation ist allgemein als »das letzte Gefecht der tin can sailors« - der »Blechdosen-Matrosen« - in die Geschichte eingegangen, wobei »Blechdose« in der Navy ein liebevoller Spitzname für einen Zerstörer ist. Obwohl Evans waffentechnisch völlig unterlegen war, traf er in diesem Kampf die schwierigste aller Entscheidungen: buchstäblich alles zu riskieren, um seinen Auftrag zu erfüllen. Er legte eine Rauchwand und steuerte mit Höchstgeschwindigkeit direkt auf die Japaner zu, um einen Torpedoangriff zu wagen, wobei er seiner Besatzung über die Bordsprechanlage mitteilte, dass sie zwar kaum eine Chance hätten, aber trotzdem angreifen würden, um den Rest der Streitkräfte zu schützen. Zwei Stunden lang lieferte sich der kleine Zerstörer eine Reihe von Feuergefechten mit den viel größeren japanischen Kriegsschiffen. Evans wurde durch japanischen Granatenbeschuss schwer verwundet, aber sein kleines Schiff setzte den Kampf unerbittlich fort. Die schweren Geschütze der japanischen Flotte - darunter das größte Schlachtschiff Japans, die Yamato- versenkten die Johnston schließlich zusammen mit mehreren anderen Zerstörern. Die Entscheidung, die Evans in den hitzigen Momenten des Kampfes vor Samar traf - nämlich einen erheblich stärkeren Feind anzugreifen -, wird auch heute noch in der Navy besprochen und bewundert. Sogar die japanische Flotte honorierte dies, als die kleinen Schiffe vor ihren Augen sanken, und behandelte die geborgenen Überlebenden bei ihrer Gefangennahme mit Respekt. Dank des heldenhaften Einsatzes der Johnston und der anderen Zerstörer war es den US-Flugzeugträgern gelungen zu entkommen. Der japanische Admiral glaubte, dass die Zerstörer nicht angegriffen hätten, wenn nicht noch stärkere amerikanische Streitkräfte in der Nähe gewesen wären, und zog sich zurück. So konnte MacArthur seine amphibischen Streitkräfte erfolgreich an Land bringen und die Philippinen befreien, wie er es versprochen hatte. Es war der entscheidende Moment in der folgenreichsten Seeschlacht des Zweiten Weltkriegs. Der Erfolg der USA beruhte natürlich auf vielen Faktoren, aber die Entscheidung von Evans, den Feind anzugreifen - eine Entscheidung, die er im Bruchteil einer Sekunde traf, während die Schlacht um ihn herum tobte - war das Kernstück des US-Sieges, auch wenn sie ihn sein Leben und sein Schiff kostete. Im Laufe meiner langen Karriere bei der Navy habe ich immer wieder über diese Schlacht nachgedacht - und denke auch heute noch darüber nach - und stelle mir zwei Fragen. Die erste ist einfach: Was ging Evans durch den Kopf, als er den Befehl zum Angriff auf die japanische Flotte gab? War er gefangen im Blutrausch des Moments oder war er ruhig und gelassen, als er das Schiff manövrierte und eine Reihe von Torpedos abfeuerte? Dachte er an seine Kindheit oder an seine Familie? Oder wurde das alles von dem Donnern der japanischen Geschütze und dem Rauschen des Wassers längs seines Zerstörers übertönt, als dieser an Fahrt gewann? Hatte er geglaubt, er könne vordringen, Torpedos abschießen und irgendwie den schweren Geschützen vor sich entkommen? Oder war ihm klar, dass es sich in der Tat um ein »letztes Gefecht« handelte, traf er also seine schwerwiegende Entscheidung wissend, dass es keinerlei Chance zur Flucht gab? Die zweite Frage ist schwieriger zu beantworten: Hätte ich den Mut gehabt, diese schwerste aller Entscheidungen zu treffen? Ich habe schon einige Kampfeinsätze erlebt, aber nie etwas, das auch nur annähernd mit den düsteren Aussichten vergleichbar gewesen wäre, die Ernest Evans an jenem Herbsttag in den tropischen Gewässern des Golfs von Leyte vor Augen hatte. Wenn ich an die langen Jahre zurückdenke, die ich als Kommandant von Kriegsschiffen auf See verbracht habe, kommen mir in dieser Hinsicht die Tage des Kalten Krieges wieder in den Sinn. Damals waren wir mit einer riesigen sowjetischen Flotte konfrontiert, die über mächtige Fähigkeiten verfügte und die USA auf langen Kreuzfahrten im Mittelmeer, im Nordatlantik (das erinnert mich an den Roman Zwischenfall im Atlantik), im westlichen Pazifik um die koreanische Halbinsel und in der Karibik vor der Küste Kubas herausfordern konnte. Es war manchmal wie in Tom Clancys Jagd auf Roter Oktober, als unsere Flugzeuge und Zerstörer zusammenarbeiteten, um sowjetische Atom-U-Boote aufzuspüren und nicht selten auch »aufzuhalten«. Wir taten dies in ständiger Alarmbereitschaft, mit allen Männern auf ihren Gefechtsstationen, und wir wussten, dass eine Fehleinschätzung nicht nur fatale Folgen in unserem unmittelbaren Seeraum, sondern enorme Konsequenzen für die ganze Welt haben konnte. In jenen Jahren des Kalten Krieges waren wir als Wachposten an vorderster Front im Einsatz und hofften, dass nicht vor unseren Augen ein Krieg ausbrechen würde. Was das Risiko anbelangt, so wussten wir, dass der Feind über tödliche Fähigkeiten verfügte - in Form von Langstrecken-Marschflugkörpern, landgestützten Angriffsflugzeugen und U-Booten, die mit Atomtorpedos bestückt waren. Wir versuchten, eine ruhige, professionelle Haltung einzunehmen, denn wir wussten, dass wir uns nicht den Luxus leisten konnten, mit Wut oder Frustration zu reagieren, während wir in den langen Nachtwachen einen unerbittlichen Feind verfolgten. Der Falklandkrieg hat uns gezeigt, wie ein Krieg auf See aussehen kann, und der Anblick mehrerer britischer Kriegsschiffe, die von landgestützten argentinischen Flugzeugen versenkt wurden, und umgekehrt die Versenkung des argentinischen Kreuzers Belgrano durch ein britisches Atom-U-Boot sind unauslöschliche Bilder. Das Gleichgewicht zu halten zwischen Erschöpfung, Risiko und geopolitischen Auswirkungen war in den Tagen des Kalten Krieges auf hoher See das A und O. In der zweiten Hälfte meiner Laufbahn konzentrierte sich die Navy zunehmend auf Operationen in den Küstengewässern des Arabischen Golfs, im Südchinesischen Meer und im östlichen Mittelmeer. Von diesen relativ flachen und engen Gewässern aus versenkten wir iranische Kriegsschiffe, nachdem diese versucht hatten, die Straße von Hormuz zu verminen, führten die massiven Angriffe der Operation »Desert Storm« gegen den Irak durch und kämpften nach dem 11. September 2001 von See aus gegen Terroristen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich Mitte der 1980er-Jahre durch die Straße von Hormuz fuhr und beobachtete, wie iranische Raketenstellungen ihre Zielverfolgungsradare...