Stavaric / Stavaric | Das Phantom | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Stavaric / Stavaric Das Phantom

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-641-27816-8
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-27816-8
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Liebeserklärung an Thomas Bernhard - und zugleich eine Nabelschau desse, warum der Mensch als denkendes, reflektiertes und mitfühlendes Wesen am Abgrund steht.

Thom empfindet sich als Versager, von der Gesellschaft hält er nicht viel, von seinen Eltern noch weniger. Seine Lebensunfähigkeit schiebt er auf seine Sozialisation. Seine Sozialisation bezeichnet er als Verunmöglichung des Lebens. Thom ist hochintelligent, was auch die Umständlichkeit seines Denkens erklärt, er seziert sich und sein Sein, als wäre es die einzige Lebensaufgabe. Er fällt immer wieder mal in Ohnmacht, doch diesmal fühlt sich alles anders an – sein Leben zieht buchstäblich an ihm vorüber. Thom denkt über die Eltern und seine Kindheit nach, die eine Erklärung für seine Persönlichkeit liefern. Thom denkt über seinen Alltag, seine Schulzeit, seine Handlungen und Haltungen nach, die ihm verdeutlichen, dass er um keinen Deut besser ist als die anderen. Thom wünscht sich eine andere Welt, die er nach eigenen Ermessen gestalten kann. Thom möchte glücklich sein, doch die ungeheuerlichen Lasten, die das Leben mit sich bringt, lassen ihn hoffnungslos zurück. Thom lebt nicht mehr – doch tot ist er auch nicht. Und: Thom denkt an das Fräulein Gretchen, mit der er gerne eine Beziehung gehabt hätte. Ab wann lief bloß alles schief? Und lässt sich innerhalb einer halben Stunde eine ganze fatale Lebensbilanz ziehen?
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Ungeheuerliches geschieht.

Hatte ich immer schon so ein Gefühl im Mund gehabt … wie Insekten auf einer Windschutzscheibe?

Wenn man stirbt, zieht das ganze Leben an einem vorüber, in wenigen, auf einen einprasselnden, zeitlich nicht unbedingt geordneten Augenblicken.

Gewiss bin ich das eine oder andere Mal ohnmächtig geworden, sogar schon als Kind, wenn ich zu lange auf dem Boden herumsaß, plötzlich aufsprang und nur noch Sternchen sah.

Die Augen kippten dann nach hinten, als würden sie höchstpersönlich im Kopf nachschauen wollen, was zum Teufel denn los sei, der Kreislauf, ach ja, der schon wieder, ich hätte eben die Neigung dazu, Beine hochlagern, kurz den Körper ruhen lassen, einen kühlen Lappen auf die Stirn, wieder zu Bewusstsein kommen, das sei nun mal die übliche Vorgangsweise.

Heute fühlten sich die Umstände anders an, ich meine mich zu erinnern, vor der eigentlichen Misere endlich mal wieder gelesen zu haben, ganz und gar in einem Buch versunken zu sein, um diesen Ort (und hoffentlich auch mich) zu vergessen, denn gerade hier auf diesem mir angeborenen, von den Eltern beackerten Todesboden, bin ich zu Hause, und mehr noch in dieser (tödlichen) Stadt und in dieser (tödlichen) Gegend zu Hause als andere, und wenn ich heute durch die Straßen gehe und glaube, dass diese Stadt nichts mit mir zu tun hat, weil ich nichts mit ihr zu tun haben will, so ist doch alles in mir aus ihr, was sich nicht ablegen lässt, soll heißen, eben da hatte es im Stiegenhaus geraschelt, vielleicht auch schon zaghaft an der Tür geklopft, möglicherweise sogar laut geknallt, als würde sie eingetreten, und plötzlich stand die Wohnungstür sperrangelweit offen, und ich erkannte nichts mehr, wähnte mich wie an einer Garderobe wartend, oder genauer gesagt, ich wähnte mich wie an einer mir nicht näher bekannten, gar unbekannten Garderobe verweilend, wo man für gewöhnlich den wärmenden Mantel abgibt, um irgendeine Vor- oder Ausstellung aufzusuchen, doch reichte ich stattdessen nonchalant den eigenen Körper über die fleckige Theke und ließ diesen achtlos wie ein unliebsam gewordenes Kleidungsstück an einem mattierten Haken zurück, ohne auch nur die Idee eines Abholscheins erhalten oder eingefordert zu haben.

Ich meinte weiter, ein paar Stufen hochgegangen zu sein, vielleicht auch hinunter, ich konnte nichts mehr einschätzen oder unterscheiden, ich wollte wohl unbedingt etwas zum Ausdruck bringen, zu wem auch immer, doch kamen dabei lediglich ein Stöhnen und schauerliches Stammeln aus meinem Mund, als wäre ich eben aus einem mir gar nicht ähnlich schauenden, weil gewöhnlichen Tiefschlaf erwacht, ich hätte natürlich etwas abstrus Verworrenes geträumt, einen weltweiten, gar weltvernichtenden Stromausfall zum Beispiel, denn da war so ein »technisches« Klicken gewesen, als wären alle Sicherungen auf einmal in und aus mir herausgesprungen, es surrte befremdlich und roch nach verschmortem Metall, Schmorbraten wäre mir eindeutig lieber gewesen, dachte ich noch, und mir lief tatsächlich das Wasser im Mund zusammen, bevor es zusehends dunkler und immer noch abgedunkelter wurde, als wäre das Leben nur ein überdimensionierter, übergroßer Bildschirm, der nie das zeigt, was man sehen möchte, eine zusehends rissiger werdende Leinwand, die unweigerlich an Leucht-, besser noch Strahlkraft einbüßt, die von Umwelteinflüssen verun- und nie gereinigt, vielleicht auch mutwillig mit Werbebannern abgedeckt oder gar übermalt wird, vermutlich längst überflüssig geworden ist, und das Leben ist doch insgesamt ein anfälliges, gar anfälligstes System, das der Mensch liebend gern befingert, doch wirklich begreifen tut er nichts, freilich, man meint schon, mit der Zeit alles besser in den Griff zu bekommen, sich alltäglich über alle Ungereimtheiten hinwegsetzen zu können, und wenn einem etwa die Vor- oder Ausstellung, die Vor- oder Ausführung missfällt, macht man sich eben von dannen, löst seinen »Körpermantel« an der rund um die Uhr besetzten Garderobe aus, streift sich diesen wohlig über, draußen nur schön ordentlich den wattierten Kragen hochziehen bei dem für diese Jahreszeit üblichen Scheißwetter, und bloß nicht mehr daran denken, dass man erneut seine Zeit und am Ende gar einiges an Geld verschwendete, doch warum man plötzlich nichts mehr von der Welt sieht, warum da nichts mehr zu erkennen, ja nichts mehr vorhanden ist, das kann man sich in tausend Jahren nicht erklären, vollkommen egal, wie naheliegend es vielleicht auch sein mag, und man riecht also dieses »Schmorkabeldings«, als wäre man mit allem verlötet worden, hört einen frenetischen, gar frenetischsten Lärm, wobei es sich möglicherweise nur um Applaus handelt, der einen dazu bewegen will, sich zu verneigen, untertänigst, bescheiden und dankbar in Anbetracht des einem entgegenbrausenden Wohlwollens.

Ich wüsste vielleicht, wie mir geschieht, wäre da nicht dieses Gefühl der Losgelöstheit, der Abgekapptheit von sich selbst, als hätte einen ein übermotivierter Zauberer in der Mitte durchgesägt, so einer von früher, im schwarzen Anzug und mit einem großen, obendrein stetig größer erscheinenden Zylinder, aus welchem er natürlich sein obligatorisches Kaninchen ziehen muss, die Löffelohren mit einem kräftigen Ruck packend, sich verbeugend, und mir das zweifelsohne sanftmütige Tier in den Schoß werfend, während ich mich wegzuducken versuche, weil es noch nie meine Art gewesen war, Teil einer »Show« zu werden, in der Pflicht zu stehen, mich am Ende vielleicht wirklich wie der Zauberer vor und beim Publikum bedanken zu müssen, etwa dass mich dieses in seinen Kreis aufgenommen und geduldet hatte, dass ich meine Sache freilich nicht schlecht angegangen bin, alles zufriedenstellend löste, wenn auch einiges zu bekritteln, ja schon übelst zu bemängeln gewesen wäre, und allein die Vorstellung, sich das samt detaillierteren, gar detailliertesten Ausführungen anhören, mir dabei auf die Schultern klopfen lassen zu müssen, während ich mich nervös am Kaninchen festkralle und der plüschrote Saal sich zusehends leert, wäre mir zutiefst und entschiedenst zuwider, ein plüschsamtenes Saalungetüm wohlgemerkt, das wie eine unverschämt sich aufblasende, eigentlich sich aufplusternde Gebärmutterhöhle wirkt, die nunmehr alle hier Versammelten so rasch wie nur irgend möglich zu verlassen gedenken, selbstverständlich abgesehen vom zum ewigen Repertoire zählenden Zauberer, der leidenschaftslos in seiner Versenkung verschwindet, bestimmt um sich in den Katakomben einen gehörigen Schluck zu genehmigen, bevor man ihn erneut aus den Tiefen der Unterbühnen bemüht, ja heraufhievt, damit er eine weitere illustre Zusammenkunft bespaßt, immer weitere sich auf die Schenkel klopfenden, sich dem Müßiggang hingebenden, schlichten, gar schlichtesten Gemüter, in deren Mitte für gewöhnlich ein blasser und schüchterner Junge, der man selbst einmal gewesen ist, sitzt, und das Licht wird zähnefletschend von einem vorüberhuschenden Gespinst ausgeknipst, man fühlt sich plötzlich einsam wie noch nie zuvor in seinem Leben, das alles andere als schön verlief, eher noch wie aus purem Trotz aufgesprühte Farbkleckse an einer räudigen Hinterhofwand beschaffen ist, die mittlerweile von Wind und Wetter heimtückischst aus-, ja »zugebleicht« worden sind, eine undefinierbare, graublasse Farbpalette stellt man fortan also dar, die obendrein am Abblättern, eher noch sich im schmerzlichen und zeitlupenhaften Abplatzen befindet, als würden sich maßgeblichste Hautpartien von einem ablösen wollen, die, wenig überraschend, ein trostloses, wenn nicht gar trostlosestes Mauerwerk preisgeben, das unmittelbar davor steht, zur Gänze in sich zusammenzufallen, vollständig wegzukippen und -zuklappen, und eben da, während dieser mir von überall her einschießenden Farce und Heuchelei, das ganze Leben höhnisch an einem vorüberzieht, eigentlich eher an jener unscheinbaren Mauernische vorbeiläuft, die einem von Geburt an vorbehalten blieb, in welche sich der Körper einst (und bald) resigniert zurückgezogen hatte, sich selbst freilich zunächst als »ge- und beschützt« bezeichnend, doch spielte sich nunmehr alles Bedeutsame und Außergewöhnliche irgendwo fern dieser Mauer ab, die immer doch andere um einen hochzuziehen gewusst haben, wo rasende, ja rasendtolle Moleküle und Atome in- und aufeinander prallten, um neue und fantastische Universen zu generieren, während man selbst, zweifelsohne mutwillig auf dem Abstellgleis geparkt, weiterhin einer schmierigen und rissigen »Leinwandmauer« gleicht, die nichts von dem großartig Hehren und Beflügelnden zeigen will, weil ihr schließlich nichts davon beschieden gewesen ist, und nur die in einem sich weiter verzweigenden und aufspaltenden Gedanken bleiben auf diese Unterlage gebannt, mich prägt ein be- und eingeschränktes Denken, das sich aus einem nicht näher ersichtlichem Grund nicht mehr stoppen lässt, das sich unfassbar und unnötig in die Länge zieht, als wäre man ohne normalem Bewusstsein und einer zweifelsohne angebrachten Scham zu solchem verurteilt, nämlich komatöse und »phantomeske« Hirngespinste einer Randexistenz abzusondern, die über und hinter alle Ränder gefallen ist, deren Gesundheit man (also die Gesellschaft) einst möglicherweise noch herzustellen gedacht hatte, um fortan auf einen zu zeigen, mich demnach mit dem Zeigefinger förmlich aufzuspießen, um sich einer guten Tat rühmen zu können, denn die Gemeinschaft findet immer den Schwächsten in ihrer Mitte und setzt ihn skrupellosem Gelächter, immer neuen und fürchterlicheren Verspottungs- und Verhöhnungstorturen aus, wo sie doch darin besonders erfinderisch veranlagt ist, und alles in mir wurde endgültig schwarz, als hätte man mich auf einem Rost abgelegt und dort angeblich nur vergessen, verkohltes, gar...


Stavaric, Michael
Michael Stavaric wurde 1972 in Brno (Tschechoslowakei) geboren. Er lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Dozent in Wien. Studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik/Kommunikationswissenschaften. Über 10 Jahre lang tätig an der Sportuniversität Wien – als Lehrbeauftragter fürs Inline-Skating. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, darunter: Adelbert-Chamisso-Preis und Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien bei Luchterhand der Roman »Das Phantom«.



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