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E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Stauffer Geschlossene Gesellschaft


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-627-02302-7
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-627-02302-7
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Stauffer verwebt die Schilderung von Erlebtem und Imaginiertem geschickt - und findet damit eine poetische Sprache fu?r die seltsamen Gefu?hlszustände während des Lockdowns.« Die Presse Nur scheinbar folgen die zwischen Realität und Traum oszillierenden Aufzeichnungen ihrer äußeren Chronologie, beginnend im November 2020 in Wien, sogleich nämlich emanzipiert sich der Text, führt zu einer tieferen Ebene in ein fantastisches Uhrwerk, dessen Zeiger stillstehen: Wir folgen der Erzählerin auf Spaziergänge im menschenleeren Prater und flanieren durch die nächtliche, gesperrte Stadt, genaue Beobachtungen wechseln sich ab mit kleinen scharfen Sequenzen und lyrischen Passagen. In welchem Paradies lebten wir - aus heutiger Perspektive betrachtet - und was wird im Sommer sein? »Verena Stauffer findet stimmungsvolle Worte fu?r einen Ausnahmeszustand. Es ist ein Buch voller subtiler und stiller Schönheit, voller Wortpoesie und Wortklang; und außerdem äußerst abwechslungsreich.« Karoline Pilcz, Buchkultur  »Die niederösterreichische Schriftstellerin hat ein realistisches Gerüst gebaut. Auf dem steht sie ab November 2020 und stellt fest, dass die Pandemie Fehler in der Gesellschaft offenbart. Dabei wechselt sie ins Surreale. Stauffers oft lyrischer Ton sorgt dafür, dass man nun den Schnee hören kann und die Engel über dem Wienfluss sieht. Trotz (wegen) der Fantasien wird unsere Zeit eingefangen, und man fürchtet, dass nachher keine neue Welt entsteht, sondern die alte zurückkehrt.« Peter Pisa, Kurier

Verena Stauffer, geboren 1978 im oberösterreichischen Kirchdorf an der Krems, veröffentlichte 2018 ihren Debütroman »Orchis«, der für den Literaturpreis Alpha, die Hotlist der Independents und den Blogger-Debütpreis nominiert war. Zuletzt erschien ihr Gedichtband »Ousia« bei Kookbooks, der für den Österreichischen Buchpreis nominiert wurde. Stauffer lebt abwechselnd in Wien, Berlin und Moskau.
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11. Januar 2021


Ich verlasse die Stadt. Fahre Richtung Westen, einem tangerinefarbenen Sonnenuntergang entgegen. Bäume und Wälder von Schnee bedeckt, Luft und Fahrbahn trocken. In meinem Kopf schwirren Gedankenfalter, so dass ich während der zweistündigen Fahrt nicht einmal das Radio einschalte. Ich fahre zu Z, einem Freund aus meiner Heimat. Er ist Industrieller, wohnt in einer Villa am Fluss meiner Kindheit. Sein Anwesen mitsamt dem Betriebsgelände ist groß wie ein halber Ortsteil. Das Unternehmen existiert seit über vier Jahrhunderten, Sensen wurden früher geschmiedet, heute produziert man andere Teile. Neben seiner Villa gibt es mehrere Gebäude, unter anderem zwei Herrenhäuser, eines von beiden wurde vor wenigen Jahren renoviert, in ihm befinden sich Büroräume, im anderen lagern Möbelstücke, Geschirr und Kunstwerke, die sich über Jahrhunderte angesammelt haben. Mein Lieblingsstück ist ein sehr alter Hausaltar, der voller kleiner Schätze, Guckkastenbildchen, Heiligenfiguren, Kettchen, Engelchen und mit Blumen aus Eisen geschmückten Kreuzen ist. In der Mitte steht eine zierliche Monstranz. Der Altar ist ein Holzkasten, der, wenn man ihn öffnet, knarrt und einen Duft von längst vergangenen Zeiten ausströmt. Ich glaube, in dem Kasten riecht es so, wie es vor vierhundert Jahren gerochen hat. Vor ein paar Wochen schrieb ich an Z: »Sag, hast du einen Teppich für mich? Hier in meiner neuen Wohnung wärmt sich der Boden nicht auf, so sehr ich auch heize …« »Sicher«, antwortete er. »Wirklich?«, schrieb ich. »Ja, klar!«

Wann immer ich Z besuche, ist ein Programmpunkt, durchs alte Herrenhaus zu gehen und zu stöbern. Tausende Bücher, Tische, goldverzierte, glitzernde Bilder, Spielsachen aus nahen und fernen Ländern, Eierlöffelchen aus Perlmutt, geschliffene Champagnerkelche, geschnitzte Christusfiguren, ebensolche heilige Nikoläuse oder auch ein heiliger Franziskus aus Holz und viele andere Typen und Figuren aus Gold oder Messing. Ohrensessel, Gitterbettchen, Kinderwiegen und Wägen, ein kleiner Schaukelelefant aus Afrika, ein Fake-Buch, in dem Schnapsgläser versteckt waren, überall Badezimmer in verschieden Farben, von rosa bis mint, von vergoldet bis creme mit Muschelarmaturen oder kunstvollen Ornamenten.

Das Fake-Buch gefällt Z am besten, jedes Mal zeigt er es mir, er liest selbst nicht, da macht es ihm besondere Freude, mich auf diese Weise zu provozieren: »Schau, das is’ mein Schnapsbuch, da les ich oft drin«, sagt er und kommt dabei aus dem Lachen nicht heraus, klappt es ganz nah vor meinen Augen auf und zu, auf und zu. Danach tue ich ihm den Gefallen und wir trinken einen Schnapsbuchschnaps, nicht, ohne dass ich ihm beim Anstoßen sage: »Ohne Literatur gäbe es auch dieses Buch nicht.« Daraufhin ist er zwar für einen Moment enttäuscht, lacht dann aber doch weiter.

Der Fluss meiner Kindheit fließt durch seinen Park, vom mit Mosaik ausgelegten Hallenbad aus hört man ihn plätschern, weiter hinten steht ein Schießpulverturm – früher hatte die bürgerliche Gesellschaft Angst vor revoltierenden Bauern und wappnete sich gegen Angriffe – und im Park verteilt schaukeln Kastanien ihr Kronengebälk. Hinter den Herrenhäusern klettert man einen Weg durch Wald und Gebüsch, kommt zuerst zu einem Plateau, auf dem eine Tischtennisplatte steht, und von da aus geht es weiter hinauf zu einer Lichtung, in deren Mitte seine Villa gleichsam wie ein Pilz aus dem Boden herausgewachsen scheint. Sie steht da wie eine japanische Kirsche. »Denn wenn ich das richtige Wort nicht finde, finde ich ein anderes«, würde H. C. Artmann schreiben. Sie steht da wie ein Apfel, frei nach Magritte. Türmchen, Kupferdächer, Terrassen, Veranden, Säulen, neue Holzfenster nach altem Maß, meterhohe Räume, Holzöfen, weiße Orchideen blühen aus allen Nischen, Kamine – und von oben, vom Schlafzimmer, ein Panoramablick über das Dorf, in dem sie alle wohnen, die Dorfbewohner, über die es tausend Geschichten zu erzählen gibt. Ich denke nur an den Mayrhofer Gust, einen kleinen Mann mit langem Bart und buckeligem Rücken, der so einen starken Dialekt spricht, dass ihn niemand versteht, und immer ein selbstgebautes Fensterbrett bei sich trägt, das er selbst bei Bergbesteigungen dabei hat, auf Getränke und Wegzehrung umgekehrt jedoch verzichtet, was ihm schon große Schwierigkeiten eingebracht hat. Mein Vater erzählte mir, er habe ihn auf Grund plötzlicher Schwächeanfälle schon stückweise die Berge hinauftragen müssen. Letzten Sommer sprach er dringlich auf mich ein, ich verstand nichts. Seine Augen verströmten jedoch Güte und Wärme. Einige Männer versuchten zu übersetzen, doch auch sie blieben ratlos zurück. Zum Abschied schenkte er mir sein Fensterbrett.

Z hatte mich schon lange zu sich eingeladen, um mir einerseits den Teppich zu geben und andererseits mich zum Montagsstammtisch der Jäger mitzunehmen. »Trotz des Lockdowns?«, fragte ich. »Klar«, sagte er. »Brauchst dir keine Sorgen machen, bei uns hat noch niemand den Virus g’habt. Wir kriegen den nicht.«

Ich passiere sein Tor, fahre die Einfahrt entlang, bis nach hinten zum Herrenhaus, aus dem Rauchtulpen aufsteigen. Z wartet schon. Ich habe das Gefühl, nach den langen Wochen eingesperrt in der Stadt, nun in einer anderen Sphäre angekommen zu sein. Als ich ihn sehe, merke ich, wie lange ich keine Freunde mehr getroffen habe, wie lange ich auch ihn nicht mehr gesehen habe. Oder ist es ein anderes Gefühl? Ich steige aus dem Auto aus, atme die kalte Berg-, Tal- und Flussluft ein. Ich atme sie nochmals ein und wieder aus. Etwas Schweres fällt von meinem Rücken. Ich sehe Z, wie er mit seiner dicken blauen Daunenjacke auf mich zukommt, seine vollautomatisierte Lagerhalle im Hintergrund, darüber die Berggipfel, ich sehe, wie er lacht, er umarmt mich und sagt, er habe heute auch einen Test gemacht, sei negativ.

Es ist dunkel, über uns liegen mehr Sterne als Himmelsfelder, es ist mir, als glühten Abermillionen Glühwürmchen dort oben und sie wirken so nah und ihre Anordnung ist klar umrissen. Unter meinen Sohlen knirscht es. Wir gehen schnell, Z will zum Jägerstammtisch nicht zu spät kommen. Der Weg führt uns bergauf, mir fällt es nicht schwer, mein Atem ist leicht. Keine Polizei, kein Mensch, nur alle paar hundert Meter ein von Neonröhren beleuchteter Stall. Wir erreichen ein weiteres Bauernhaus, gehen von der Straße ab, einen Steig hinauf in Richtung des Waldes. Bald zeichnen sich Umrisse einer Hütte ab, ich höre Stimmen, wie Schwaden nähern sie sich und ziehen wieder fort. Wir wandern unter krummen Obstbäumen, vorbei an einem Brunnen, steigen rutschige Holzstufen hoch, treten ein.

Durchs Fenster sehe ich Gesichter, sie sehen Z, aber mich noch nicht. Ein Gast aus Wien, da recken sie ihre Hälse, nur einer von ihnen weiß, dass ich eigentlich von hier bin, der Sohn des Jägers, R, der auch selbst Jäger ist, ich habe ihn letzten Sommer kennengelernt, als ich mit Z im Gasthaus war. Ich stelle mich vor, wir stoßen Faust an Faust. Diese Vorgehensweise, alle Vorgehensweisen sind bis in die hintersten Täler vorgedrungen, denn am Ende meines Tals ist die Welt zu Ende, es mündet in einen Nationalpark, in Schluchten, Berge, bis zum hohen Nock, auf dem ich noch nie war.

In einem kleinen Ofen zappelt Feuer, in der Hütte ist es warm. Die Erinnerung an die Regeln der Pandemie lässt mich kurz schaudern. Ich dürfte hier nicht sein. R drückt mir einen weißen Spritzer in die Hand, den Z schon für mich bestellt hat. Ich stehe da, mit meinem vollen Glas, weiß nicht, wo ich mich hinsetzen soll. Da hebe ich es ein wenig, bedanke mich für die Einladung, trinke einen Schluck. Die Jäger tun es mir nach. Auf einem Sessel neben dem Ofen sitzt eine Katze, sie sagen, die Katze hieße Muschi, diese Gelegenheit ergreife ich, setze mich neben sie, um sie zu kraulen. Die Jäger rufen »Genau, setz dich zur Katze, Muschi zu Muschi!«, ihre Münder stehen im Lachen weit offen. Ich schaue gebannt die Katze an, merke, wie die Männer auf meine Reaktion warten. Es ist still. »Genau«, sage ich, »Muschi zu Muschi«.

Wieder ist es still, dann prusten sie los. Ich sehe weiter nur die Katze an. »Was ist so lustig?«, frage ich nach. Die Männer finden keine Antwort, lachen nur noch mehr. Einer schubst mich plötzlich hoch und schiebt mich mitten auf die Bank, ein anderer meint, es solle nun »Früchte« für mich geben, schon wird eine Karaffe in Wasserballgröße herbeigeschleppt, in welcher sich Zwetschgen und Trauben in bernsteinfarbener Flüssigkeit türmen. Ich stelle mir vor, dass ich besser nicht hierhergekommen wäre, esse eine eingelegte Zwetschge nach der anderen, trinke den Wein, draußen schlafen Kühe im Schnee.

Ein älterer Mann mit zerfurchtem Gesicht beginnt, von seinen Reisen zu erzählen. Mit seinem Motorrad sei er in Indien gewesen, auf dem Weg nach Darjeeling, über die Grenze zu Nepal sei ein starkes Gewitter niedergegangen, so stark, dass sein Motorrad noch im Fahren abgesoffen sei.

»Am Seitenarm des Amazonas«, so erzählt er weiter, »bin ich mit rosaroten Flussdelfinen geschwommen – sie sind um mich gekreist, gesprungen, ab- und wieder aufgetaucht, haben sich mit mir vergnügt!« »Rosarote Delfine?«, frage ich. »Diese Erinnerung«, so spinnt er den Faden weiter »so nah an diesen Tieren mit ihrer glatten Haut zu schwimmen und dass ich sie auch berührt habe«, sagt er. »Eigentlich war ich da selbst mehr ein Delfin als ein Mensch.« Er sieht mich lange an: »Das tröstet mich über viele dunkle Tage hinweg.«

Mitten im Lockdown sitze ich in einer Jagdhütte mit Männern, die behaupten, noch keine Person auf der gesamten Sonnseite, so heißt dieser Ortsteil, habe sich mit dem Virus infiziert. Zusammentreffen wie diese...


Verena Stauffer, geboren 1978 im oberösterreichischen Kirchdorf an der Krems, veröffentlichte 2018 ihren Debütroman »Orchis«, der für den Literaturpreis Alpha, die Hotlist der Independents und den Blogger-Debütpreis nominiert war. Zuletzt erschien ihr Gedichtband »Ousia« bei Kookbooks, der für den Österreichischen Buchpreis nominiert wurde. Stauffer lebt abwechselnd in Wien, Berlin und Moskau.



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