Stark | Zweifel und Vergewisserung | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Stark Zweifel und Vergewisserung

Autobiografische Texte
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6803-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Autobiografische Texte

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7578-6803-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Selbst Erlebtes und Widerfahrenes aus sechzig Jahren reflektieren auf mal humorvolle, mal nachdenkliche und gelegentlich traurige Weise, was einem schreibenden Menschen begegnen kann. Umbrüche und Wendungen, Skurriles aus dem Alltag, politische Ereignisse und Naturbeobachtungen sind das Material, aus dem sich die Geschichten dieses Buches speisen. Ein nachdenklich machendes Buch eines nachdenklichen Zeitgenossen.

Matthias Stark, Jahrgang 1963, wurde in Radeberg geboren und lebt in Stolpen. Er ist Autor von Prosa und Lyrik. Bisher veröffentlichte er in zahlreichen Anthologien sowie als Autor und Herausgeber mehrere Bücher.

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Abenteuer Schienenbus
„Irgendwann fahren wir mal mit dem Ding“, sagte mein Vater. Ich drängelte ihn, ich wollte mit diesem roten Gefährt, dieser Schachtel auf Schienen, einfach mal fahren. Als Kind hat man Wünsche. Wünsche, die erfüllt werden wollen. Von der Erfüllung solcher Wünsche hatte der Junge, der ich war, eine ganz bestimmte Vorstellung. Nicht nur, dass es feststand, ich würde später Lokführer einer Dampflok werden. Das war ja bereits ausgemachte Sache. Die Dampflok war damals noch etwas fast Alltägliches, sie zog die Züge nach Dresden und in die Gegenrichtung, es roch nach Kohle und Dampf, wenn die Ungetüme am Bahnsteig zum Stehen kamen. Es zischte und knackte, es brummte und summte, es war ein beunruhigendes Ungeheuer, das da in den Bahnhof der Kleinstadt hineinfauchte. Nein, mit einem Zug, der von einer Dampflok gezogen wurde, hatte ich schon genug an Erlebnisvorrat gespeichert. Ich wollte unbedingt mit dem Schienenbus fahren. Die auch manchmal als Ferkeltaxe bezeichneten Triebwagen verkehrten zwischen Pirna und Arnsdorf. Ich sah sie oft, nur damit fahren, das war mir nicht vergönnt. Es lag einfach an der falschen Strecke, die Ziele, welche an dem Bahngleis lagen, waren nicht unsere Ziele und so konnte ich den kleinen, roten Flitzern immer nur zuschauen. Sie verließen den Bahnhof in Arnsdorf in Richtung eines mir unbekannten Landes, welches eben nie zu unseren Reisezielen gehörte. Ich stellte es mir abenteuerlich vor, wie ich in diesem Gefährt säße, in die Landschaft schaute und nicht von einem dampfenden Riesenross gezogen würde. Ein sanftes Brummen des Dieselmotors wäre das Geräusch, welches mich auf der Fahrt begleiten würde. Ich schaute wehmütig auf die Reisenden, die in die roten Wagen stiegen und davonbrausten, während ich in einem stinknormalen Zug saß, der von einem dieser Dampfrösser gezogen wurde. Schon seit dem Jahre 1875 verkehrten Züge zwischen Pirna und Arnsdorf, dreißig Jahre nach Eröffnung der Bahnstrecke zwischen Dresden und Görlitz fuhren hier die ersten Bahnen. Vorrangig zum Gütertransport, insbesondere von böhmischer Kohle bestimmt, verlor die fast 21 Kilometer lange Strecke schon bald an Bedeutung und wurde bereits nach dem Ersten Weltkrieg zur Nebenstrecke erklärt. Aber das interessierte den Jungen damals alles nicht. Viel mehr war interessant, dass hier die Schienenbusse fuhren, jene Fahrzeuge, die immer ohne ihn losbrummten und mit denen er doch so gern einmal mitgereist wäre. Die Zeit verging mit Geduld üben. Geduld, ein fast ausgestorbenes Wort in einer Welt der Eile und Hektik, Geduld haben und auf etwas warten können sind nicht gerade die Stärken unserer Tage. Der Junge von damals hatte Geduld und die sollte belohnt werden. Eines Tages war es soweit. Wir kamen von einem Tagesausflug aus der Schweiz, der Sächsischen, versteht sich. Die andere war unerreichbar in jenen Zeiten, als der Junge jung war. Also kamen wir mit dem Zug aus der Schweiz gen Dresden gefahren. „Wir könnten in Pirna aussteigen und mit dem Schienenbus über Arnsdorf nach Hause fahren.“ Die Idee meines Vaters elektrisierte mich. Na klar, das war es, worauf ich hoffte. Endlich sollte es mir gelingen, sollte mein Wunsch wahr werden. Wir stiegen also in Pirna aus. Wir suchten und fanden den richtigen Bahnsteig. Es war noch eine reichliche Dreiviertelstunde Zeit bis zur Abfahrt. Wir gingen in das Bahnhofsgebäude und wollten Fahrkarten kaufen. Falls jüngere Menschen diesen Text lesen sollten: Ein Bahnhofsgebäude ist ein Haus, in dem Menschen arbeiteten, die bei der Eisenbahngesellschaft angestellt waren und manchmal gar dort auch wohnten. Sie verkauften Fahrkarten, nahmen Reisegepäck auf, verluden selbiges, gaben Auskunft zu den Fahrplänen, stellten Weichen, begrüßten Reisende per Lautsprecherdurchsage und schlussendlich waltete da auch jene Person, die mit roter Dienstmütze, einer Pfeife und einer sogenannten Signalkelle die Züge abfahren ließ. In einem Bahnhofsgebäude gab es, selbst auf kleineren Bahnhöfen, meist eine Bahnhofswirtschaft, eine Kneipe also, in der man sein Bierchen trinken oder etwas essen konnte. So ließ sich die Wartezeit bis zur Ankunft des Zuges gut überbrücken. Außerdem stand der Reisende bei Regen oder Schnee trocken und vor Wind geschützt in so einem Haus. Heute sind Bahnhofsgebäude meist verschlossen und ruinös oder haben mit dem Bahnhof gar nichts mehr zu tun. Der Reisende kauft sich an einem Automaten seine Fahrscheine, die neudeutsch Tickets genannt werden, und bei Regen, Schnee und Wind helfen warme Gedanken weiter. Lautsprecherdurchsagen kommen von einem ferngesteuerten Automaten, der aus, meist von weiblichen Menschen gesprochenen, Sprachschnipseln ganze Sätze baut und diese per lautsprechendem Gerät unter die Reisenden bringt. Das ist der Fortschritt, der immer weiter fortschreitet, bis er sich so weit von uns entfernt hat, dass er nicht mehr sichtbar ist. Ich möchte damit keineswegs andeuten, es wäre früher alles besser gewesen. Mitnichten will ich das. Das Reisen mit der Bahn war zu allen Zeiten beschwerlich. Man traf auf unfreundliche Fahrscheinverkäufer und -entwerter, man hatte mit Verspätungen zu tun und genoss sozusagen das Leben „in vollen Zügen“ in manchmal übervollen Zügen. Wirklich bedenkenswert ist, dass Zugfahren zu einem Luxus geworden ist. Bahnfahrkarten sind heutigentags nur gegen Hergabe eines kleinen Vermögens erschwinglich, weswegen das Bahnfahren auch nur durchführt, wer auf absolut keine anderen Fortbewegungsmittel Zugriff hat. Vermutlich ist jedes andere Gerät zur Ortsveränderung mittlerweile preiswerter zu haben, was dazu führt, dass immer weniger Leute die immer weiter ausgedünnten Angebote der Bahnunternehmen anzunehmen gezwungen sind. Aber besser war es früher nicht. Das Schlimme daran ist ja auch die undurchsichtige Preispolitik der Bahn. Das müsste unbedingt transparenter und einfacher gestaltet werden. Fahrt von A nach B sollte XY Euro kosten. Aber in der Realität ist das ein halber Staatsakt. Und Tickets umtauschen geht auch schlecht. Naja ... Wir gingen also in Pirna in das Bahnhofsgebäude und wollten Fahrkarten kaufen. Das waren damals noch so ganz winzige Pappkärtchen, auf denen der Zielbahnhof aufgedruckt war und die eventuelle Besonderheit wie Hin- und Rückfahrt, Kind oder Monatskarte. Bedruckt wurden diese Pappkärtchen mit einem Monstrum von Maschine, das in den Fahrkartenausgaben jedes mittleren Bahnhofs aufgestellt war und von einem Beamten bedient wurde. Man sprach sein Reiseziel dem Beamten durch ein Sprechloch der Glasscheibe, welche den öffentlichen vom dienstlichen Bereich trennte, ins Ohr und der fütterte dann das Fahrkartendruckmonstrum mit ebendiesem Ziel. Erfunden wurden die Pappfahrkarten übrigens im 19. Jahrhundert vom Engländer Thomas Edmondson, der selbst Stationsvorsteher war und somit offenbar wusste, worauf es bei der Fahrkarte ankam. Da fällt mir eben ein: es gab auf vielen Bahnhöfen noch einen weiteren Automaten, der eben genau solche Pappkarten in Edmondsonscher Fahrkartengröße ausspuckte. Eine Personenwaage lockte die Menschen, ihr Gewicht, respektive ihre Masse zu überprüfen. Dieses Gewicht wurde gegen Einwurf eines Zehnpfennigstücks auf die Karte gedruckt und jeder konnte seinen Über-, Normal- oder Unterwert blau auf weiß mit auf die Reise nehmen. Die Waage stand im Eck besagten Bahnhofsgebäudes und lud zum Wiegen ein. Eine rote Lampe funzelte die Funktionsbereitschaft des Wiegeautomaten unter die Reisenden. Es gehörte für uns Kinder schon zum Zugfahren dazu, sich vor Reiseantritt einmal pfundweis maßnehmen zu lassen. In nunmehr modernen Zeiten würde eine solche Vorrichtung vermutlich manche Dame vom Reisen abhalten, weil sie sich für zu überproportioniert auf dem Pappkärtchen des Herrn Edmondson bescheinigt fühlte. Möglicherweise ist das der Grund für das Verschwinden der öffentlichen Personenwaage aus den Bahnhöfen unserer Tage. Die weibliche Kundschaft mit Rundungen außer der Reihe soll nicht verprellt werden. Kommen wir also zurück zur Bahnhofshalle in Pirna. Wir gingen zum Fahrkartenschalter. „Anderthalb mal Arnsdorf.“ Mein Vater zückte seine Geldbörse. Wie man sieht, zählte ich damals als halbe Person neben meinem Elternteil. Der Beamte hinter dem Schalter betätigte die Maschine zum Drucken der Fahrkarten aus dem Hause Edmondson mit großer Sorgfalt. Dann reichte er sie über die Drehvorrichtung nach draußen zu uns hin, erhielt im Gegenzug die Barschaft meines Vaters und sagte dann mit der größten Selbstverständlichkeit, die ein Bahnbeamter an den Tag zu legen vermag: „Heute wird auf der ganzen Strecke gebaut. Es ist Schienenersatzverkehr bis Arnsdorf eingerichtet, die Busse fahren vom Bahnhofsvorplatz.“ Meinem Vater klappte die Kinnlade nach unten. Ich, gemessen an den Fahrkartentarifen der Deutschen Reichsbahn der halbe Mensch, wusste mit dem Begriff „Schienenersatzverkehr“ damals noch nichts anzufangen. An diesem Tag lernte ich dazu. Wir fuhren also mit dem Bus. Ich besah die Bahnhofsgebäude der Strecke von außen. Ich sah die Bahnhöfe in Lohmen und in...



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