E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Robert Mayfeld
Stark Tod in zwei Tonarten
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-340-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rheingau Krimi
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Robert Mayfeld
ISBN: 978-3-86358-340-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roland Stark, geboren 1956, ist Arzt und Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt im Rheingau. Im Emons Verlag erschienen die Kriminalromane 'Tod bei Kilometer 512' und 'Tod im Klostergarten'.
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Freitag, 25.Juli
Die Sonne hatte den morgendlichen Dunst über dem Fluss vertrieben. Mayfeld genoss für einen Moment den Blick vom Rauenthaler Rothenberg über die Rebhänge hinab ins Rheintal. Der Hauptkommissar der Wiesbadener Kriminalpolizei wollte die letzten Urlaubstage in seinem Weinberg oberhalb von Eltville verbringen.
Seine Frau Julia hatte vor Jahren ein paar Morgen bester Weinberge geerbt, und sie hatten beschlossen, diese selbst zu bewirtschaften. Den Wein bauten sie im Weingut von Julias Eltern in Kiedrich aus. Der phylitthaltige Boden des Rothenbergs brachte einen besonders aromatischen Riesling hervor, und Mayfeld hatte sich vorgenommen, jedes Jahr einen herausragenden Wein zu erzeugen. Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein, war seine Devise. Dieser Ehrgeiz kostete ihn seither jede Minute seiner Freizeit. Als Leiter des Kommissariats für Tötungsdelikte und vermisste Personen hatte er davon eh zu wenig, und so blieb für Unternehmungen wie den Konzertbesuch am Abend zuvor fast nie genügend Zeit.
»Man hat immer die Zeit, die man sich nimmt«, hatte ihn sein Vater belehrt, als er ihm die Konzertkarten schenkte. »Musik war früher mein Leben, und daran will ich wieder anknüpfen«, hatte er hinzugefügt. »Vielleicht kann ich einige der gesprungenen Saiten wieder neu aufziehen.«
Die schönsten Erinnerungen an seinen Vater stammten aus der Zeit, als dieser noch Klavier spielte, also vor dem Unfall von Mayfelds Schwester Vera. Herbert Mayfeld war ein brillanter Pianist und ein begeisternder Lehrer gewesen, bevor ihn der Tod seiner »kleinen Sonne« in immerwährende Trübnis und öde Verzweiflung gestürzt hatte, die nur von Phasen gereizter Getriebenheit unterbrochen wurden. Vor einem Jahr aber hatte sich eine erneute Wandlung in der Person seines Vaters vollzogen. Hinter dem Mann mit den zwei Gesichtern war wieder der alte Herbert Mayfeld hervorgetreten, und nur der missionarische Eifer, mit dem er seiner Umwelt die segensreichen Wirkungen der Musik und der religiösen Erweckung nahebringen wollte, erinnerte noch an die manischen Phasen der Vergangenheit.
Mayfeld wandte sich wieder seiner Arbeit zu. In den letzten Wochen war es warm gewesen, gleichzeitig hatten ausgiebige Regenfälle für ein üppiges Wachstum der Rebtriebe gesorgt. Die lugten jetzt überall vorwitzig über die Gertdrähte, die zwischen den Stickeln gespannt waren. Wo es möglich war, steckte er die Triebe wieder unter die Drähte, andere kürzte er.
Mayfeld dachte an die Leiche vom Vortag. Er hatte seine Kollegen vom Wiesbadener Polizeipräsidium informiert, Kriminalkommissarin Heike Winkler war eine halbe Stunde nach seinem Anruf vor Ort gewesen. »Lass dir bloß nicht die letzten Urlaubstage verderben«, hatte ihn die Kollegin ermahnt, aber er hatte darauf bestanden, dass sie ihn informierte, sobald ihre Ermittlungen etwas ergeben hätten. Jetzt, in der fast meditativen Stimmung, in die ihn die Arbeit im Weinberg versetzte, bedauerte er seinen dienstlichen Übereifer.
Eine Weile widmete er sich den Reben. Dann klingelte das Handy. Warum hatte er diesen Plagegeist bloß mit hier hoch genommen?
Es war Heike Winkler. »Du wolltest es ja nicht anders«, entschuldigte sie sich. »Die Identifizierung der Leiche ging recht flott. Ein Wallufer Kollege hat den Jungen erkannt. Es handelt sich bei dem Toten um den einundzwanzigjährigen Patrick Schönhell aus Walluf. Er starb vermutlich in der Nacht von Samstag auf Sonntag, am 20.Juli. Zumindest ist um zwei Uhr sieben seine Uhr stehen geblieben. Einen vorläufigen Obduktionsbericht gibt es auch schon. Schönhell ist ertrunken. Der Pathologe hat Wasser in seiner Lunge gefunden. Außerdem hatte er eine schwere Gehirnblutung, an der er kurze Zeit später wohl auch gestorben wäre. Die Leiche weist eine Verletzung am Hinterkopf auf, die von einem Schlag oder von einem Sturz herrührt.«
»Es könnte also auch ein Unfall oder Selbstmord sein?«
»Der Rechtsmediziner meinte, eine Verletzung durch einen Sturz sei die bei Weitem unwahrscheinlichere Variante.«
»Das heißt, sie ist nicht völlig auszuschließen«, stellte Mayfeld fest.
»Schönhell wohnte bei seinen Eltern«, fuhr Winkler mit ihrem Bericht fort. »Die Eltern sind verreist, wir haben sie telefonisch an ihrem Urlaubsort erreicht. Sie kommen mit dem nächsten Flug nach Hause, das kann allerdings Montag werden. Eine Nachbarin hat die Schlüssel zum Haus. Willst du dir die Wohnung des Toten ansehen?«
Natürlich wollte Mayfeld das. »Wenn du den Charakter eines Menschen kennenlernen willst, schau dir seine Wohnung an«, hatte ihm sein Lehrer Oskar Brandt beigebracht. Oft ergaben sich dort erste Hinweise auf die Motive für ein Verbrechen. Winkler nannte die genaue Adresse. In einer Stunde wollten sie sich in der Hauptstraße in Walluf treffen.
Das Haus der Schönhells lag von der Straße zurückgesetzt in einem großen Garten. Mayfeld fuhr mit seinem alten Volvo vor. Er war der Meinung, dass sich bei einem Wagen, mit dem man regelmäßig in die Weinberge fuhr, eine Autowäsche nicht lohnte. Er war direkt vom Rothenberg hierhergefahren, und so passte der undefinierbare Farbton seines Wagens gut zum staubigen Äußeren des Kommissars. Am Gartentor wartete Winkler auf ihn. Die junge Kollegin lachte ihn fröhlich an. Neben ihr stand eine Frau Ende fünfzig in lila Leggins und geblümter Kittelschürze, die verdrießlich in die Welt blickte und sich als »Frau Müller, die Nachbarin von Apotheker Dr.Schönhell« vorstellte.
»Frau Müller ist über das Schicksal von Patrick Schönhell informiert«, sagte Winkler ihrem Chef. Frau Müller hatte offensichtlich andere Vorstellungen von Kommissaren und ihren Autos und studierte Mayfelds Dienstausweis betont lange und gründlich.
»Dann kommen Sie mal mit«, sagte sie schließlich und ging den Polizisten voraus durch den ausgedehnten Vorgarten. Das hell verputzte und großzügige Haus der Schönhells strahlte gediegenen Wohlstand aus. Ein Eindruck, den der edle Parkettboden, die wertvollen Teppiche und Schränke im Eingangsbereich noch verstärkten.
»Der junge Herr Schönhell hat eine Einliegerwohnung unter dem Dach«, sagte Frau Müller und wies den beiden Beamten den Weg zur Treppe. Wie selbstverständlich ging sie ihnen voraus. Sie holte einen weiteren Schlüssel aus ihrer Kittelschürze. »Ich habe von allen Schlüsseln hier im Haus ein zweites Exemplar«, erklärte sie. »Ich schau immer nach dem Rechten. Und wenn die Schönhells weg sind, gieße ich die Blumen.«
Mayfeld und Winkler betraten die Wohnung des Toten.
»Machte Patrick Schönhell auf Sie manchmal einen niedergeschlagenen Eindruck?«, fragte Mayfeld.
Frau Müller schaute den Kommissar verdutzt an. »Der Patrick und deprimiert? Überhaupt nicht. Bevor der eine Depression bekommt, bekommen alle anderen in seiner Umgebung eine.«
Die Wohnung bestand aus einer kleinen, kaum benutzten Küche, einem Bad und einem großen Raum, der fast die ganze Fläche unter dem Dach einnahm. Ein riesiges Fenster, das bis zum Boden reichte, schloss den Dachgiebel an einer Seite ab. Von dort hatte man einen wunderschönen Blick auf den Rhein und einige benachbarte Gärten.
»Rechts, das ist der Garten der Wagners, noch ein Haus weiter rechts, da wohne ich, hier vorne der Weinberg gehört den Wagners, und da vorne links, das ist die Villa Gruber, da wohnen die Flieders.«
»Danke, Frau Müller!«
»Schauen Sie sich nur um!«, sagte Frau Müller, als wäre es ihre eigene Wohnung.
Der Raum war mit einem großen Wasserbett, einem Schreibtisch und Regalen in weißem Lack sowie zwei roten Ledersesseln möbliert. In den Regalen standen CDs diverser Popgruppen und ein paar Fantasybücher. Gegenüber dem Bett standen ein riesiger Flachbildfernseher und ein DVD-Player, in den Ecken des Zimmers die teuer wirkenden Komponenten einer Dolby-Surround-Anlage. An die Dachschrägen hatte Patrick Schönhell Filmplakate geheftet. »Haus der tausend Leichen«, »Hügel der blutigen Augen«, »Braindead«.
»Schlimm ist das mit den jungen Leuten«, behauptete Frau Müller. »Bei dem, was die sich täglich anschauen, ist es kein Wunder, dass sie immer gewalttätiger werden.«
Winkler klappte das Notebook auf, das auf dem Schreibtisch stand.
»Haben Sie einen Verdacht?«, fragte Mayfeld.
»Ich? Wieso?«, stotterte die Nachbarin.
»Sie sprachen von gewalttätigen jungen Leuten«, erinnerte Mayfeld Frau Müller. »Oder meinten Sie das nur ganz allgemein?«
Sie zog eine beleidigte Schnute. »Finden Sie solche Filme denn in Ordnung?«, wollte sie wissen.
Mayfeld zuckte mit den Schultern.
»Patrick Schönhell war nicht in bester Gesellschaft.« Frau Müller beharrte auf ihrer negativen Sicht der Jugend von heute. »Wären seine Eltern nicht so nette Menschen, hätte ich ihn in den letzten Wochen ein paarmal angezeigt. Seit zwei Wochen ist er aus dem Urlaub zurück und macht nichts als Lärm und Dreck. Von wegen deprimiert. Hat wahrscheinlich Orgien mit dieser Jenny Graf gefeiert.«
»Ist das seine Freundin?«, fragte Mayfeld.
»Was man heute so darunter versteht«, antwortete Frau Müller mit säuerlicher Miene.
»Haben Sie die Adresse von Frau Graf?«
»Im Paradiesgässchen Nummer neun, hier in Walluf.« Frau Müller war bestens informiert.
Winkler hatte das Passwort des Notebooks geknackt. »War ganz leicht: Splatter«, sagte sie grimmig lachend. »Auf dem Computer sind mehrere Ego-Shooter-Spiele installiert. Es gibt auch eine umfangreiche Adress- und Telefonliste. Die hilft uns bestimmt weiter.«
Mayfeld öffnete die Schubladen des rechten Containers, auf dem die Schreibtischplatte...




