E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Robert Mayfeld
Stark Tod im Niederwald
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96041-691-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rheingau Krimi
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Robert Mayfeld
ISBN: 978-3-96041-691-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roland Stark, geboren 1956, ist Arzt und Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt im Rheingau.
Autoren/Hrsg.
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ZWEI
Im Schatten der alten Kastanie ließ sich der Sommer aushalten. Von irgendwoher wehte eine sanfte Brise, die mit der brennenden Sonne und der unbarmherzigen Hitze versöhnte. Jo hatte im Hinterhof des Hauses in der Westendstraße Grill, Gaskocher, Theke und Kühlschrank aufgebaut. Seit Wochen hielten sich Yasemin, Jo und Ginger jeden Tag hier auf, der Hof war zur zweiten Wohnküche der WG geworden. Bald würden die anderen Bewohner dazukommen, um das Hausfest am Abend vorzubereiten. Ein gnadenlos heißer Tag trieb langsam seinem Ende entgegen.
Jo tauchte ein Huhn in eine Schüssel mit Flüssigkeit.
»Du nimmst fünfzig oder sechzig Gramm Salz auf einen Liter Wasser, dazu kommt noch etwas Orangensaft oder Cointreau oder Anisschnaps sowie Zitronenschale und Rosmarin, und legst das Huhn für ein paar Stunden in die Lake. Das Verfahren nennt sich ›Brining‹, kommt aus den USA, damit bewahren die Amis ihre Truthähne vor dem Austrocknen. Willst du wissen, wie das chemisch funktioniert?«
»Eigentlich nicht«, antwortete Yasemin lachend. Sie putzte grüne Bohnen.
»Unbedingt«, widersprach Ginger, die Paprika in Spalten schnitt. Man konnte gar nicht genug wissen. Sie betrachtete den gerupften bleichen Vogel, den Jo unter die Wasseroberfläche drückte, bevor er die Schüssel in den Kühlschrank stellte.
Er erklärte den Vorgang, sprach von Permeation und Osmose, erzählte von den Salzionen, die in das Fleisch eindrangen und dabei Wassermoleküle mitnahmen.
»Du bist so schlau, Googelchen«, sagte Yasemin. Immer musste sie gegen Jo sticheln.
»Deinen Spott ertrage ich, aber nicht, dass du mich Googelchen nennst. Ich benutze diesen Datenkraken schon lange nicht mehr. Es gibt Suchmaschinen, die sammeln deine Daten nicht und unterstützen mit ihrem Gewinn Aufforstungsprojekte in der Dritten Welt …«
»Schon gut!« Yasemin verdrehte die Augen. »Das ist vorbildlich, aber anstrengend.«
»Kommt mir nicht besonders anstrengend vor, eine andere Suchmaschine zu benutzen und die Geld- und Informationsströme damit umzuleiten«, entgegnete Ginger. »Was bringen die Mansours mit?«, fragte sie, um das Gespräch in eine andere Bahn zu lenken. Das abgebrühte Gefrotzel und der Zynismus ihrer Geliebten ermüdeten sie manchmal.
»Linsensalat und marinierte Lammkoteletts. Ich hab ihnen gesagt, sie brauchen kein Fleisch mitzubringen, aber da war nichts zu machen.«
Die Mansours waren eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien, er Chirurg, sie Apothekerin, die drei Kinder gingen in die Grundschule. Ginger hatte sie im Sprachunterricht kennengelernt, den ein Nachbarschaftshilfeverein aus dem Westend organisierte. Als im Hinterhaus der Westendstraße eine Wohnung frei wurde, hatte sie Jo, dem das Haus gehörte, überredet, es an die Mansours zu vermieten. Das war nicht schwer gewesen. Nicht bei Jo.
»Von den Garcias gibt es eine Gazpacho, und die Webers haben rote Grütze angekündigt. Das wird eine großartige Sommernacht!« Googelchen, der nicht mehr so heißen wollte, rieb sich die Hände. »Kommt dein Vater?«, fragte er Ginger.
»Ich denke schon. Matilda war ganz unglücklich, dass wir nichts mehr zu essen brauchen.«
»Wenn ihr mit dem Gemüse fertig seid, übergießt ihr es mit dieser Marinade.« Jo hatte Zitronen ausgepresst, den Saft mit Olivenöl vermischt und die Mischung mit Zitronenzesten und einigen Gewürzen aromatisiert. »Das legen wir dann heute Abend in einer Schale auf den Grill. Ich mach mich jetzt mal an die Soße.« Er begann, ein Bündel Kräuter klein zu hacken.
»Gehst du weiter zu dem Seelendoktor mit dem komischen Namen?«, wollte Yasemin wissen.
Dieses Thema passte Ginger überhaupt nicht. Yasemin meinte Dr. Triebfürst, und Ginger hatte keine Lust, sich gegenüber ihrer Freundin zu erklären.
»Ja«, war ihre einsilbige Antwort.
Gingers bisheriges Leben war eine Irrfahrt durch unruhiges Gewässer gewesen, mit Stürmen, Stromschnellen und Nebelbänken. Sie hatte dabei die Orientierung verloren. Ihr Freund war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, auf dem Rückweg von einer Fastnachtsfeier. Er war neben ihr verblutet. Sie hätte ihn nicht fahren lassen dürfen, und die Schuldgefühle nagten seit dieser Nacht an ihr, die Bilder, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten, suchten sie in den Nächten heim. Danach hatte sie gekifft und gesoffen, um ihren Schmerz zu betäuben, und war bei der Polizei nur deswegen nicht rausgeflogen, weil sie zuvor gekündigt hatte. Sie hatte eine Weltreise gemacht, bis sie ein tibetanischer Mönch nach einer Meditationsstunde gefragt hatte, wovor sie eigentlich fliehe. Für einen Moment hatte sie die Umrisse von Land hinter dem Nebel gesehen. Sie war zurück nach Deutschland gekommen, hatte mit finanzieller Unterstützung ihres Großvaters eine Detektei eröffnet und die Therapie bei Dr. Triebfürst begonnen. Sie wollte nicht mehr davonrennen, weder vor sich selbst noch vor der Wahrheit. Sie wollte wieder Boden unter ihren Füßen spüren.
»Hey, Ginger!« Yasemin winkte ihr zu, wollte sie aus ihren Gedanken reißen. »Willst du einen Joint?«
Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte mit dem Rauchen aufgehört, nachdem sie in einem Stollen in Lorch fast erstickt wäre, als sie versuchte, den Freund einer Mandantin aus dem Verlies eines Geisteskranken zu befreien. Seitdem atmete sie am liebsten nur noch saubere Luft. Dass sie nicht mehr kiffte, hatte erfreuliche Auswirkungen, nicht nur auf ihre Lungen. Die Stimmen in ihrem Kopf waren verstummt. Es gab dort nur noch die eigenen Gedanken. Und die Dinge redeten nicht mehr mit ihr, außer sie wollte das so. Sie irrte nicht mehr im Nebel herum, sondern genoss immer öfter die klare Sicht.
»Geht es dir gut, Ginger?«
»Na klar!«
Yasemin hielt Shit für einen Teil der Lösung, wo er doch ein Teil des Problems war, wie Ginger mittlerweile wusste. Davids Tod war nur die letzte Etappe ihrer Irrfahrt gewesen. Dennoch hatte sie die Therapie bei Dr. Triebfürst beendet, als sie das Gefühl hatte, damit besser klarzukommen, als die Stimmen verstummt waren und sie nicht mehr jede Nacht seine Todesschreie hörte. Auch wenn das Schicksal ihrer Mutter weiter ungeklärt war. Rebecca Havemann war verschwunden, als Ginger vierzehn war, hatte eine Ansichtskarte aus Italien geschickt und sich für alles entschuldigt, das war es gewesen. Tut mir leid, aber ich kann nicht anders. Damals hatte ihre Irrfahrt begonnen, hatte sie die Orientierung verloren. Sie konnte froh sein, dass sie nicht untergegangen war und mittlerweile einen neuen Kurs gefunden hatte. Am besten fand sie sich mit allem ab, so dachte sie. Doch dann hatte sie in der »Blow-up«, dem alten Boot ihres Vaters, Aufzeichnungen ihrer Mutter gefunden, die die Hoffnung genährt hatten, Aufschluss über deren Schicksal zu finden. Sie hatte voller Elan mit Recherchen begonnen und musste nach und nach erkennen, dass ihre Anstrengungen zu nichts führten. Das war deprimierend, wo sie gerade wieder anfing, an Wahrheit und Gerechtigkeit zu glauben. Um nicht erneut in einen Strudel von Selbstvorwürfen, Selbsthass und Selbstzerstörung zu geraten, hatte sie sich erneut bei Dr. Triebfürst gemeldet.
»Gibt es neue Aufträge für die Detektei?«, wollte Jo wissen.
Es gäbe jede Menge Aufträge, wenn sie bereit wäre, Männer und Frauen im Auftrag ihrer Ehegatten bei Seitensprüngen zu fotografieren oder krankgeschriebene Arbeitnehmer im Auftrag ihrer Chefs bei der Schwarzarbeit. Aber das lehnte Ginger ab. Dann blieb nicht all zu viel. »Geht so«, meinte sie ausweichend. »Reich mir mal die Schüssel mit der Marinade.« Sie goss die ölige Flüssigkeit über das klein geschnittene Gemüse in der Schale vor ihr.
Sie redeten eine Weile über die Gäste, die sie am Abend erwarteten. Über die Mansours, die sich für jeden syrischen Flüchtling, der unangenehm auffiel, entschuldigten. Das war den dreien peinlich, die Mansours waren eine durch und durch ehrbare Familie und ihre Entschuldigungen grotesk. Sie sprachen über die Garcias, deren Tochter ab August ins Gymnasium gehen würde, was die Eltern, er Elektriker, sie Verkäuferin, mit großem Stolz erfüllte. Die beiden waren über den Einzug der Mansours alles andere als erfreut gewesen. »Wenn zu viele Ausländer, Deutsche verlieren Gemütlichkeit«, erklärte Felipe Garcia das. Aber wenige Wochen hatten ausgereicht, um das Eis zwischen den beiden Familien zu brechen. Die Gemütlichkeit der Webers konnte sowieso nichts beeinträchtigen. Sie waren froh, für sich und ihre zwei Kinder in Wiesbaden eine bezahlbare Wohnung gefunden zu haben, mit Sandkasten und Schaukel vor der Wohnung. Vor ein paar Jahren wäre das noch normal gewesen, heute war es etwas Besonderes. Das Besondere an den Webers war, dass sie das zu schätzen wussten, zwei junge Leute, die einfach nur Zufriedenheit ausstrahlten.
Gingers Telefon klingelte. Eine Astrid Leber aus Rüdesheim rief an.
»Sie müssen mir unbedingt helfen. Meine Cousine Sarah ist verschwunden. Sie wollte Sie anrufen, deswegen habe ich Ihre Nummer. Aber dazu ist es nicht mehr gekommen. Ich mache mir Sorgen, bitte kommen Sie schnell in den Mainzer Hof in Rüdesheim. Über das Finanzielle werden wir uns bestimmt einigen!«
Ginger sagte sofort zu. Es schien ein Auftrag ganz nach ihrem Geschmack zu sein.
Sie fuhr mit ihrer Carducci in den Rheingau. Selbst bei der extremen Hitze, die in diesem Sommer das Land heimsuchte, liebte sie es, mit ihrem Motorrad unterwegs zu sein. Es war bequem genug für längere Straßenfahrten und fuhr problemlos durch raues Gelände. Für Ginger gab es keine bessere Möglichkeit, den Kopf frei zu bekommen, als sich auf die Enduro zu setzen und durch die Welt zu brausen. Sie nahm die B 42 und fuhr an den...




