E-Book, Deutsch, Band 2, 336 Seiten
Reihe: Robert Mayfeld
Stark Tod im Klostergarten
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-341-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rheingau Krimi
E-Book, Deutsch, Band 2, 336 Seiten
Reihe: Robert Mayfeld
ISBN: 978-3-86358-341-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roland Stark, geboren 1956, ist Arzt und Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt im Rheingau.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Samstag, 28.April
Es hatte die ganze Nacht geregnet, eine wahre Sintflut war über das Tal hereingebrochen. Aber nun schien der Himmel gnädiger gestimmt, die grauschwarzen Wolken waren für einen Moment aufgerissen, und ein paar fahle Sonnenstrahlen zerschnitten den Nebel, fielen auf den dampfenden Wald und das Kloster, das sich wie ein nasses Tier in die Kuhle des Tals hingeduckt hatte.
Margit Schubert sammelte ihr Fähnlein der sieben Unentwegten hinter sich. Sie hatte den Besuchern bereits alle Sehenswürdigkeiten im Inneren des Klosters gezeigt, die Basilika mit den verwitterten Grabplatten längst verstorbener Äbte, den Kreuzgang, der bei Sonnenschein so viel Anmut ausstrahlte, heute aber nur trist und feucht gewesen war, das Mönchsdormitorium in seiner kargen Schönheit, das barocke Mönchsrefektorium, den von Pilz überzogenen Cabinetkeller und das Laienrefektorium mit den historischen Keltern.
»Und Sie wollen wirklich noch die Außenanlagen besichtigen? Bei diesem Wetter?«, fragte sie ungläubig.
»Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung«, krähte ein neunmalkluger Junge, der mit einer dickglasigen Brille, Gummistiefeln und garantiert wasserdichten und atmungsaktiven Hightech-Textilien bekleidet war. Die ebenso gewandete Mutter nickte heftig, um ihrem Sohn zuzustimmen.
Margit Schubert lächelte verständnisvoll, sie versuchte es zumindest. Zwei Stunden Führung durch eine Gästeführerin der Stadt Eltville hatten die Besucher gebucht, und die sollten sie auch bekommen. Sie führte die Gruppe die Klostergasse entlang, durch den Portikus nach draußen. Bestimmt würde der Regen gleich wieder einsetzen.
»Zu Ihrer Linken sehen Sie den barocken Anbau des Klosters, in dem sich das Laiendormitorium befindet, ein prachtvoller Saal, in dem häufig Veranstaltungen stattfinden. Gestern Abend gab es eine Weinpräsentation des Verbandes der Rheingauer Prädikatsweingüter, weswegen wir die Räumlichkeiten heute leider nicht besichtigen können.« Sie wich einer Pfütze aus. Segeltuchschuhe waren definitiv unpassend bei dieser Witterung. »An das Laiendormitorium schließen sich das ehemalige Backhaus und das Brauhaus an. Hier rechts sehen Sie den sogenannten Schlosserbau, in dem sich Werkstätten und die letzten Privatwohnungen auf dem Gelände von Kloster Eberbach befinden.« Die Gruppe bog nach links in eine geschotterte Straße ein, die zu einer hohen Bruchsteinmauer führte. »Hier links geht es zum Gästehaus und zur Klosterschänke, und wenn wir nach rechts Richtung Ausgang gehen, kommen wir am ehemaligen Frauenzuchthaus vorbei.«
»Cool!« Der Junge mit der dicken Brille und der wasserdichten Kleidung war begeistert. »Waren die da angekettet und so?« Jetzt schüttelte seine Mutter missbilligend den Kopf.
»Ja, zum Teil schon. Man dachte früher, dass man erregte Patienten beruhigen könnte, indem man sie zum Beispiel an Stühle festband oder in kaltem Wasser badete.«
»Cool! Was für Frauen haben sie denn so ins Zuchthaus gesteckt?«
»Nachdem das Kloster säkularisiert und in den Besitz des Hauses Hessen-Nassau gelangt war, brachte man hier sowohl Verbrecher als auch Geisteskranke unter«, setzte Margit Schubert ihren Vortrag fort. »Später hat man dann die Kriminellen und die Kranken voneinander getrennt, eine psychiatrische Klinik wurde auf dem Eichberg gebaut.«
»Stimmt es, dass man damals auch Frauen wegen Nymphomanie in die Psychiatrie eingewiesen hat?«, fragte eine junge Frau, die sich zu Anfang der Führung als Studentin der Soziologie und Ethnologie aus Mainz vorgestellt hatte.
»So ist es. Die Archive der Eberbacher Anstalt existieren noch. Es gibt eine Untersuchung, die besagt, dass ein Drittel der Frauen wegen Nymphomanie eingewiesen wurde. Das waren meist arme Frauen aus der bäuerlichen Unterschicht, die mangels Besitzes oder fester Anstellung nicht das Recht besaßen zu heiraten. Und wenn sie wegen zu freizügigen Sexualverhaltens auffielen, wurden sie weggesperrt. Man wollte verhindern, dass sich vor allem die armen Leute fortpflanzten. Bei unverschämten oder widersetzlichen Frauen glaubte man, dass die Vernunft den Kampf gegen die Gelüste verloren habe. Bei Frauen galt das als besonders krankhaft.«
»Können wir weitergehen?«, schlug die Mutter des Jungen vor. Sie schien sich bei dem Thema unbehaglich zu fühlen.
»Gute Idee! Es fängt bestimmt gleich wieder an zu regnen.« Margit Schubert führte die Gruppe die Schotterstraße hoch bis zur Klostermauer. In das große zweiflügelige Holztor war eine kleinere Tür eingelassen, durch die die Besucher nach draußen auf den ehemaligen Friedhof der Irrenanstalt gelangten. Vereinzelt lagen verwitterte und bemooste Grabsteine im Unterholz, es roch nach Moder und Tod.
»Dahinten, jenseits der Wiese« – Margit Schubert bückte sich und zeigte durch eine Lücke im Gebüsch – »befindet sich der Gaisgarten. Das war früher eines der Wirtschaftsgebäude des Klosters, da wurden Ziegen gehalten. Im 19. Jahrhundert hat man es für eine geisteskranke Prinzessin umgebaut, die hier, fernab der Öffentlichkeit, bis zu ihrem Tod gepflegt wurde.«
»Wann kommen wir denn zu den unterirdischen Kanälen?«, fragte der Junge, der das Interesse an dem Thema offensichtlich verloren hatte. Der Wind frischte auf, blies Regen von den nassen Blättern auf die Besucher. Die ersten Tropfen fielen vom Blätterdach auf die Gruppe.
»Ich habe Ihnen ja vorhin von der besonderen Beziehung der Zisterzienser zum Wasser berichtet«, nahm Schubert den Einwurf auf. »Sie siedelten bevorzugt in sumpfigen Tälern, machten das Land urbar und nutzten die Wasserkraft für Mühlen und Werkstätten. Unter dem Kloster errichteten sie ein weit verzweigtes Kanalisationsnetz, das vom Kisselbach gespeist wurde.«
Margit Schubert lotste die Gäste des Klosters an einem Podest vorbei, auf dem früher wohl ein Kreuz oder eine Skulptur gestanden hatte und das an einen der wohlhabenderen Patienten der Irrenanstalt erinnerte. Sie gingen eine kleine Böschung hinunter, die Gästeführerin deutete auf eine Holzbrücke, die über den gurgelnden und rauschenden Bach führte.
»Wenn Sie sich auf die Mitte der Brücke stellen, dann können Sie den Eintritt des Kisselbachs durch die Klostermauer sehen. Jenseits der Mauer verläuft der Bach noch eine Weile oberirdisch, bevor er dann beim Schlosserbau in den Kanal, der unter dem Kloster hindurchführt, mündet.«
Der Junge stürmte los, seine Mutter rief ihm Ermahnungen hinterher, er solle aufpassen, der Boden sei glitschig. Unten angekommen, schaute er angestrengt in Richtung des Klosters, dann sprang er von der Brücke hinab und stapfte am Rande des Bachbetts zur Klostermauer.
»Er hat die passende Kleidung dazu an«, beruhigte Schubert die besorgte Mutter.
Der Junge verschwand hinter Büschen, deren Äste in den Bachlauf hineinhingen. Plötzlich ertönte ein gellender Schrei, der Junge schrie, als ob er dem Teufel direkt ins Auge geblickt hätte. Die Mutter rannte die letzten Meter der Böschung hinunter, sprang beherzt in das Bachbett und folgte ihrem Sohn, fiel ins Wasser, rappelte sich auf, watete weiter und verschwand ebenfalls zwischen den Büschen. Dann war auch ihr Schrei zu hören.
»Es gibt noch einen anderen Weg!«, rief Margit Schubert. Sie rannte die Böschung wieder hinauf, ließ einen Grabstein links liegen und folgte einem engen Pfad durch das Gehölz. Der Rest der Gruppe trampelte ihr hinterher. Sie erreichten die Klostermauer und sahen die Mutter und ihren Sohn, die sich aneinanderklammerten, mitten im Bachbett stehen. Vor ihnen lag, barfuß und nur mit einem rosa T-Shirt und einem kurzen roten Rock bekleidet, der Körper einer jungen Frau.
Der Regen wurde stärker.
* * *
Es regnete ununterbrochen, und das war für die Spurensuche eine Katastrophe. Hauptkommissar Mayfeld hatte sich einen weißen Overall übergezogen, aber diesmal war das vermutlich eine völlig überflüssige Vorsichtsmaßnahme. Es war kaum anzunehmen, dass der Dauerregen und die Touristen, die die Leiche entdeckt hatten und ausgiebig auf dem Terrain herumgelaufen waren, irgendeine Spur übrig gelassen hatten. Der Tatort war mit fremden Spuren kontaminiert, für die Kriminaltechnik war vermutlich nicht mehr viel zu holen.
Die Leiche der jungen Frau lag einige Meter vom Bachufer entfernt auf einer Plastikplane.
»Der Junge, der sie entdeckt hat, wartet zusammen mit seiner Mutter und den übrigen Teilnehmern der Führung in der Vinothek«, informierte Kriminalkommissarin Heike Winkler ihren Chef. Auch sie steckte in einem weißen Overall, der vom Regen mittlerweile völlig durchweicht war.
Mayfeld nickte. »Der Mann, der immer das letzte Wort hat«, begrüßte er den Polizeiarzt, der die Untersuchung der Leiche gerade beendet hatte. Dr.Enders zündete sich eine filterlose Zigarette an, ein mühsames Unterfangen bei dem heftigen Regen.
»Wollen Sie auch eine?«, fragte er hustend.
Mayfeld schüttelte den Kopf, griff unter den Overall in die Tasche seiner Regenjacke und zauberte ein Weingummi hervor, das er sich in den Mund schob.
»Sie wollen wissen, was ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt bereits sagen kann, und ich antworte Ihnen, dass das recht wenig ist. Genaueres nach der Obduktion.« Enders liebte dieses Ritual. Er nahm noch einen tiefen Zug und drückte die Zigarette dann in einer Streichholzschachtel aus.
»Und was ist das wenige, das Sie uns schon jetzt sagen können?«, fragte Mayfeld.
»Die Tote ist achtzehn bis zwanzig Jahre alt geworden und starb zwischen zehn Uhr gestern Abend und zwei Uhr heute Morgen.« Der Arzt wies auf blutunterlaufene Stellen am Hals, hob dann den Kopf der Leiche an und...




