Stark | Johannisberger Hölle | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Robert Mayfeld

Stark Johannisberger Hölle

Rheingau Krimi
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98707-203-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Rheingau Krimi

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Robert Mayfeld

ISBN: 978-3-98707-203-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Im Rheingau gedeiht nicht nur der Wein - sondern auch das Böse . . . Ein Polizeischüler verschwindet, und auf dem Rhein geht ein Schiff in Flammen auf. Eine junge Frau sitzt in Polizeigewahrsam und erzählt einem Anwalt ihre Geschichte - doch ist sie Opfer oder Täterin? Währenddessen suchen Robert Mayfeld und Ginger Havemann nach dem Vermissten. Sie ermitteln unter ehrbaren Bürgern, Drogendealern und Rechtsradikalen - und überleben ihre Suche am Ende nur knapp . . .

Roland Stark, geboren 1956, ist Arzt und Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt im Rheingau.
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ZWEI

Die »Blow up« lag im Stillwasser vor der Mariannenaue. Sie waren zur Loreley gefahren und hatten die Burgen an den Steilhängen des Rheins bewundert. Hinter St. Goarshausen hatten sie kehrtgemacht. Bevor sie in den Heimathafen einliefen, wollten sie noch ein, zwei Stunden in der Sonne liegen, Entenfamilien beobachten und den Picknickkorb leeren, den Jo mit auf das Boot gebracht hatte. Für die nächsten Tage waren Regen und Gewitter angesagt.

Ginger Havemann beobachtete ihren Mitbewohner, wie er auf dem kleinen Tischchen in der Plicht das Büfett aufbaute, und lächelte ihm zu. Jo Kribben war der beste Koch, den sie kannte, und dafür, dass er ein Mann war, war er ein ganz passabler Liebhaber.

Die Dritte an Bord war Yasemin Zilan, Kampfsportlerin, begnadete Hackerin und Gingers temperamentvolle Geliebte und Freundin. Ihr Temperament äußerte sich immer wieder in Eifersuchtsanfällen, die das Leben in der WG kompliziert machten. Absprachen über eine offene Beziehung waren dann völlig vergessen. Eine solche Phase in ihrem Liebesleben hatten sie gerade hinter sich gebracht, und der Ausflug mit Gingers Boot sollte deren Ende feiern.

Hummus, eingelegte Meeresfrüchte, Taboulé und ein lachsfarbener Sekt erinnerten an Nachmittage am Mittelmeer, die Temperaturen taten das auch. Yasemin und Ginger lobten Jos Kochkünste, Yasemin murmelte etwas von Drachenfutter, das alle besänftigen solle, dann herrschte Ruhe an Deck. Wellen plätscherten leise gegen den Schiffsrumpf, eine Entenfamilie umkreiste das Boot, ein Schwarm Lachmöwen störte die Stille mit hungrigem Kreischen. Yasemin drohte den Räubern mit ihren Fäusten, ohne dass das die Tiere beeindruckte.

Die letzten Jahre waren schwierig gewesen. Die Seuche und die Maßnahmen gegen sie hatten Ginger und Yasemin an den Rand des finanziellen Ruins gebracht. Selbstverteidigungskurse waren eine Zeit lang untersagt, und später hielten Vorsicht oder Angst viele Kunden davon ab. Ginger und Jo waren lange Zeit die einzigen Teilnehmer von Yasemins Kursen. Auch die Aufträge für Gingers Detektei versiegten. Wo niemand nach draußen durfte, gab es weniger zu überwachen und zu recherchieren.

Ginger hatte es in dieser Zeit oft bedauert, dass sie das Angebot, ihre Polizeikarriere beim LKA wieder aufzunehmen, ausgeschlagen hatte. Der Beamtenstatus brachte gerade viele Vorteile mit sich. Bloß das Geschäft von Jo florierte die ganze Zeit, er verkaufte so viel Wein wie nie zuvor. Jo war zum Hauptverdiener der WG geworden, Besitzer des Hauses in der Wiesbadener Westendstraße war er außerdem. Er erließ seinen beiden Mitbewohnerinnen die Miete, erhöhte seinen Anteil am Haushaltsbudget, und auch wenn er über seine Großzügigkeit nie ein Wort verlor, hatte das neu entstandene Ungleichgewicht in der Wohngemeinschaft zu einer gereizten Stimmung geführt. Unterschiedliche Einstellungen zu den Einschränkungen, die der Staat seinen Bürgern während der Pandemie auferlegte, führten zu weiteren Spannungen. Jo unterstützte die Maßnahmen und definierte Freiheit in seiner gelegentlich professoralen Art als Einsicht in die Notwendigkeit, Yasemin warf ihm Besserwisserei und anpasserisches Verhalten vor, das sie sich nicht leisten könne. Als Ginger sich vorsichtig auf Jos Seite schlug, war das für Yasemin ein Verrat, den sie lange nicht verzeihen konnte. Lediglich die Tatsache, dass sie die meisten Menschen, die ihre Meinung zur Pandemie teilten, unsympathisch fand, ließ sie an ihrer Position zweifeln.

Doch diese Zeit war vorbei, und die Plagen, die die Aufmerksamkeit der Menschen nun auf sich zogen, Klimakrise und Krieg, waren für die Welt bedrohlicher, beeinträchtigten die Atmosphäre in der Wohngemeinschaft jedoch weniger.

»Was für ein geiler Sommer«, seufzte Yasemin, die sich auf das Deck der »Blow up« gefläzt hatte und sich in der Sonne rekelte. Sie schnurrte wie eine Katze an einer warmen Hauswand.

»Bislang leider zu heiß und zu trocken«, bemerkte Jo. »Aber das soll sich ab morgen ändern.«

Yasemin zerknüllte eine Serviette und warf die Papierkugel nach Jo. »Musst du alles besser wissen?«, rief sie lachend.

»Sorry, du hast recht. Es ist wirklich ein geiler Sommer«, antwortete Jo mit verschwörerischem Blick.

Ginger schwieg. Eine weitere Beziehungsdiskussion konnte sie nicht gebrauchen.

»Warum heißt das Boot eigentlich ›Blow up‹?«, fragte Yasemin schließlich.

Ginger war für den Themenwechsel dankbar und legte sich ins Zeug.

»Den Namen hat ihm mein Vater gegeben. ›Blow up‹ von Antonioni ist sein Lieblingsfilm, er spielt im London der sechziger Jahre. Der Film handelt von einem Fotografen, der Schnappschüsse von einem Liebespaar macht und dabei zufällig einen Mord fotografiert, doch dann verschwinden die Leiche und die Fotografien bis auf eine. Er vergrößert dieses Negativ immer stärker, aber je mehr er das tut, desto undeutlicher werden die Einzelheiten. Wenn man zu nah an die Dinge herangeht, wenn man ein Geschehen nicht aus einer gewissen Distanz betrachtet, kann man gar nichts mehr erkennen, das will der Film seinen Zuschauern sagen. Im Zuge seiner Recherchen wird der Fotograf immer unsicherer, ob er seinen Wahrnehmungen trauen kann. ›Blow up‹ kann man mit ›vergrößern‹ übersetzen, aber auch mit ›aufbauschen‹, ›in die Luft jagen‹ oder ›explodieren‹. Mein Vater mag London, und er hat früher gerne fotografiert, daher die Wahl des Namens. Die Kriminalgeschichte hat übrigens keine Auflösung.«

»Das geht ja gar nicht«, protestierte Yasemin.

»Du hast ja so recht!« Ginger warf ihr einen Luftkuss zu. »Wenigstens in der Kunst sollten das Gute und die Wahrheit am Ende siegen.«

»Was anderes wollen die Leute weder sehen noch hören oder lesen«, meinte Jo in sarkastischem Ton.

»Googelchen, weißt du mehr über die Geschichte?«, fragte Yasemin. Sie wusste, dass Jo diesen Spitznamen hasste, mit der Datenkrake wollte er nicht in Verbindung gebracht werden.

Natürlich wusste Jo mehr. Er wischte auf seinem Handy herum und begann aus Wikipedia vorzulesen. Antonioni, der Regisseur des Films, habe sich von einer Kurzgeschichte von Julio Cortázar inspirieren lassen, deren Name sei »Teufelsgeifer«, »Las babas del diablo.« Auch sie beginne mit dem Schnappschuss zweier Liebender, aber dem Fotografen kämen, je länger er die Aufnahmen betrachtete, immer stärkere Zweifel, ob es sich um eine Verführungsszene handele oder eher um eine Überwältigung. »›Teufelsgeifer‹ ist eine Reflexion über die Wirklichkeit an sich, über subjektive Wirklichkeiten, über die Spannung zwischen Wahrnehmung, Beschreibung und Verstehen. Antonioni hat aus der der philosophischen Kurzgeschichte einen Kriminalfall gemacht.«

»Philosophisch und ohne Auflösung!« Yasemins Skepsis war nicht zu überhören.

Gingers Handy klingelte. Die Frau am anderen Ende der Verbindung stellte sich als Helene Busch vor. Sie habe einen Auftrag, Ginger sei ihr von einer Freundin empfohlen worden, deren verschwundenen Liebhaber sie gefunden und aus größter Not gerettet habe. Nein, bei dem aktuell Verschwundenen handle es sich nicht um ihren Liebhaber, sondern um einen Freund ihres Enkels, meinte Helene Busch in belustigtem Ton. Ginger mochte die Stimme, auch wenn die Erinnerungen an den Fall, auf den sie Bezug nahm, zwiespältig waren, er hätte sie fast das Leben gekostet. Ob sie sich schon an die Polizei gewendet habe, fragte Ginger, aber das wollte die Frau lieber persönlich mit ihr besprechen. Sie solle schnellstmöglich bei ihr vorbeikommen, den Termin werde sie bezahlen, auch wenn sie den Fall nicht übernehmen werde. Ginger nannte eine Summe, die umstandslos akzeptiert wurde. Dazu konnte sie nicht mehr Nein sagen.

***

Am nächsten Morgen fuhr Ginger mit ihrer Carducci in den Rheingau. In der Nacht hatte es gewittert, an den Bergkuppen hingen die letzten Regenwolken, und am Grund des Johannisberger Mühlentals stand Wasserdunst über den Wiesen. Das Haus von Helene Busch, ein weiß verputztes Gebäude mit uralten dicken Mauern, lag idyllisch inmitten eines parkähnlichen Gartengrundstücks, das sich vom Höllenweg zum Elsterbach hinabzog.

Auf ihr Klingeln öffnete ein hübscher junger Kerl mit blonden Locken die Tür.

»Sind Sie die Detektivin? Ich bin Fritz Busch.«

Er streckte ihr seine Hand entgegen. Nachdem er die ihre ausgiebig geschüttelt hatte, eine für Ginger mittlerweile fast fremd gewordene Begrüßungsgeste, führte er sie ins Wohnzimmer, einen großzügig geschnittenen Raum mit hellen Holzdielen und mit grünem Samt bezogenen Sesseln.

Dort saßen zwei Personen, eine alte, zerbrechlich wirkende Dame mit verschmitztem Lächeln und wirrem weißem Haar sowie eine junge, schlanke Frau, deren ebenmäßiges und rundes Gesicht von blonden Locken umspielt wurde. Ein missmutiger Zug um den Mund beeinträchtigte den engelsgleichen Eindruck, den sie ansonsten machte. Fritz stellte seine Großmutter Helene Busch und Maxi Hofmann, die Freundin des Verschwundenen, vor. Die Alte ergriff den silbernen Knauf ihres Gehstocks, wollte zur Begrüßung aufstehen, aber Maxi legte ihre Hand auf deren Arm.

»Das musst du doch nicht, Helene!«, sagte sie und blieb ebenfalls sitzen.

Helene schüttelte unwirsch den Kopf und lächelte. Es schien, dass sie sich nicht entscheiden konnte zwischen Rührung über die Fürsorge und Ärger über die Bevormundung.

Sie bat Ginger mit fester, klarer Stimme, Platz zu nehmen, und gab Maxi den Auftrag, ein Glas Wasser für den Gast zu holen, was diese mit der Andeutung eines Schmollmundes quittierte.

Als alle um den Wohnzimmertisch versammelt waren, ergriff Helene Busch das Wort.

»Ein junger Mann...


Stark, Roland
Roland Stark, geboren 1956, ist Arzt und Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt im Rheingau.

Roland Stark, geboren 1956, ist Arzt und Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt im Rheingau.



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