Stang | Das steinerne Kaleidoskop | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Stang Das steinerne Kaleidoskop


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3652-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-7534-3652-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alltagsgeschichten für Menschen, die vor dreißig Jahren beinah noch jung waren. Oder sich das damals erfolgreich eingeredet haben. Oder das heute noch immer tun. Und alle anderen. Geschichten. Erinnerungen. Abbildungen, fragmentiert. Weil es keine Gewissheit gibt, wenn nicht in der Erinnerung an die Menschen, mit denen man ein kleines Stück gemeinsam gegangen ist. Und alle anderen.

Ein literarisches Kaleidoskop. Ein biografischer Irrgarten. Historiker, Informatiker, Lyriker, Bildhauer, Romancier, Publizist. Vielleicht der erste Autor der Neo-Renaissance.

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Auf der Insel „Fährst du hin?“ „Sicher. Ja. Im September; wahrscheinlich im Oktober.“ „Oktober wie jedes Jahr.“ „Sicher.“ „Ist nicht schon zu kalt im Oktober?“ „Nein. Ich geh ja sowieso nicht schwimmen. Bisschen spazieren, lesen, bisschen mal was Gutes essen. Das geht im Oktober wunderbar.“ Eine Woche noch. Immerhin. Besser als nichts. Und das Wetter ist auch noch einmal richtig toll geworden. Vielleicht mal eine dieser Kutterfahrten. Aber eigentlich reicht es, am Strand zu sitzen. „Hinter dem Haus. Frühstück...“ „Ich weiß. Wie jedes Jahr.“ „Ihr Schlüssel.“ „Danke.“ Er geht über das bisschen Grün. Die Brille gegen den Sand war eine großartige Idee. Merkwürdig: Früher hätte er vor allem nach Frauen Ausschau gehalten. Pferde am Strand. Ein letzter Drachen, der im Wind knattert. Nur die Möwen schreien das ganze Jahr. „Die drei sollen’s sein?“ „Und das da noch.“ „Gerne. Das macht dann, ah, sie haben’s passend. Danke schön.“ „Das Schwimmbad, sah das schon immer so aus?“ „Das haben die vor zwei Jahren renoviert.“ „Ist hübsch geworden.“ „War ja auch teuer genug.“ „Natürlich.“ Sie geht runter zum Strand und setzt sich auf eine der Bänke. Früher waren die Bänke aus Holz, irgendwo war die Farbe immer rissig. Jetzt sind sie aus Plastik, Wind und Sand und Salz scheinen machtlos gegen das gleichmäßig glatte Rot oder Grün. Aber vielleicht bleicht es wenigstens etwas aus mit den Jahren. Ich hätte was zum Schreiben kaufen sollen, denkt sie, steckt die Karten ein und legt den Kopf in den Nacken. Er wird den Wagen die ganze Zeit auf dem Parkplatz lassen. Er hätte ihn nicht mitnehmen müssen, eigentlich. Ist ruhig hier, denkt er. Ist nicht mehr die Zeit. Die Gleitschirmflieger sind zuhause, die Segelboote erörtern untereinander schon das bevorstehende Winterquartier. Aber dafür steht man noch nicht einmal an der Eisbude oder am Fähranleger länger als zwei Minuten. Man kann schlafen, wenn man müde ist, denkt er. So einfach ist das, wenn man Urlaub hat. Der ist auch allein hier. Wollte er es wirklich nicht sein? Oder dachte sie das nur, weil sie sich dann nicht so vereinzelt fühlte? Man kann es nicht wissen, dachte sie. Keiner trägt ein Schild. Immerhin: etwas darin, wie er die Schultern richtete. Einmal am Tag, immer morgens, geht er den Zeitplan durch. Er hat sich diese Zeit frei genommen, aber es wird bei dieser Zeit bleiben für dieses Jahr. Er will nicht erschrecken, wenn es zurück geht. Daher teilt er sich seinen Urlaub ein wie eine Notration. Er weiß, was er am ersten Tag danach tun wird, und was am zweiten. Und wenn er morgens den Zeitplan durchgesehen hat, ist er den Rest des Tages frei davon. Eine Zeitlang hat er einfach alles genommen, wie es kam. Wer etwas von ihm wollte, bekam, was er wollte, er musste nur die Zeit dafür haben. Aber dann hat er gemerkt, dass dabei von ihm selbst nichts mehr blieb, also hat er von sich selbst Zeit zurückerobert: Zeit zu schlafen, zu lesen, Zeit, wie dieser Urlaub sie beansprucht. Früher hat er gedacht, die Zeit käme noch früh genug, wo er noch Zeit genug haben würde. Jetzt weiß er, dass diese Zeit noch lange nicht kommen wird und er darauf vielleicht nicht warten kann. Und die Wolken dahinten kehren sowieso nie wieder zurück, nie so, nie zu seinem So Sein im Jetzt. Was soll er da warten auf andere Zeiten, wenn die einzige Zeit sowieso immer nur Jetzt ist und Hier? Sie hat eine Muschel aus Glaskristall gekauft. Die liegt jetzt auf ihrem Nachtisch. Wenn das Licht der Nachtischlampe darauf fällt, als letztes vor dem Einschlafen, freut sie sich. Nehmen wir an, einer sei gar nicht mehr daran interessiert, von allen verstanden zu werden. Weil er irgendwann eines festgestellt hat: Dass sie ihn nicht verstehen, ist nicht vorrangig ein Kommunikationsproblem, sondern Ergebnis bestenfalls eines – im weitesten Sinne – intellektuellen Ungleichgewichts. Nun spricht oder schreibt man ja nicht um der Sprache willen, sondern um etwas mitzuteilen. Der Verzicht auf kommunikative Allgemeinverständlichkeit ist also zuerst einmal Ausdruck der Einsicht, nicht nur sich nicht jedem verständlich machen zu können, sondern das auch gar nicht zu müssen. Weil das, was man zu sagen hat, sowieso nicht an alle gerichtet ist. Weder ist man darauf angewiesen, dass alle verstehen, was man sagt. Noch ist es für alle Menschen gleichermaßen wichtig zu verstehen, was man zu sagen hat. Es ergeben sich damit drei Unterscheidungen: das Kriterium der intellektuellen Kompetenz; das des Sprecherbedarfs, sich verständlich zu machen; und das des Hörerbedarfs, zu verstehen, was gesagt wird. Nimmt man noch die kommunikative Kompetenz dazu, sind es sogar vier Kriterien, wobei die Chance, überhaupt an der Kommunikation teilzunehmen – Hör- oder Sehfähigkeit, Analphabetismus, technische Empfangsbereitschaft usw. – sogar noch unberücksichtigt sind. Angenehm wäre es, wenn die Gruppen einander entsprächen. Man hätte als Sprecher oder als Autor einen Rezipientenkreis, der kommunikativ und intellektuell alles verstehen kann, was man mitteilt, der alle umfasst, denen man etwas mitteilen will, und der auch alle erfasst, die den subjektiven Wunsch oder auch einen – möglicherweise ihnen selbst gar nicht bewussten – objektiven Bedarf haben, alles zu verstehen, was man ihnen sagt. Leider sind diese Gruppen jedoch alles andere als deckungsgleich. Im Gegenteil, man muss schon froh sein, wenn alle vier wenigstens eine gemeinsame Schnittmenge haben. Je größer alle vier Gruppen, umso wahrscheinlicher ist dies. Es ist also denkbar unklug, die beeinflussbaren Rahmenbedingungen der Kommunikation so zu wählen, dass auch nur eine der beteiligten Mengen klein ausfällt. Das extremste Beispiel hierfür sind Liebesbriefe. Soweit gekommen, schiebt er sein Notebook zur Seite, um sich auf das Essen zu konzentrieren, das der Kellner gerade gebracht hat. Er hat gewartet, es amüsiert ihn jedesmal, wenn der Kellner etwas hilflos mit einem vollen Teller steht, während sein Computer den eigentlich dem Teller reservierten Platz einnimmt. Über die Jahre hat er die Verhaltensweisen der verschiedenen Kellner fast systematisch eingeteilt. Da gab es jene, die verlegen hüsteln oder sich sonst bemerkbar zu machen suchen. Als könne er so auf diese Maschine fokussiert sein, dass ihm ein Mann oder eine Frau mit dampfenden Speisen auf der Hand entginge, obgleich sie auf Armlänge neben ihm stehen. Andere stellen nach einem Moment der Irritation die Speisen dann eben irgendwo auf dem Tisch ab. Aber das wirkt immer schlampig und so deprimierend, dass er sich selbst ganz elend danach fühlt. Und natürlich gibt es noch diejenigen, die mehr oder minder offen deutlich machen, dass sie es für eine indiskutable Haltung halten, sich an einen Restauranttisch zu setzen und derlei Klapperkiste auszupacken. Die letzte Sorte ist ihm am liebsten. Die auch Handys oder Smartphones, die selbst jede Tageszeitung als persönliche Beleidigung werten. Ein italienischer Kellner ist vor ein paar Jahren mit dem Essen kurzerhand wieder weggegangen; das war in Bologna. Er wünscht sich oft, ganz kellnergerecht zu sein. Aber er muss lesen, er muss schreiben, für ihn ist es schon viel, wenn er beim Essen das Handy abschaltet. Er tut das nur, weil er jetzt Urlaub hat. Essen gehen ist immer noch etwas Besonderes, aber er kann dieser Besonderheit nicht mehr ausreichend Rechnung tragen. Wie man einer Frau, die man über alles liebt, in der ganz normalen Lebenshektik nicht mehr zeigen kann, dass sie etwas Besonderes ist. Aber man muss es möglich machen, denkt er jetzt, muss es einer Frau zeigen, muss es auch einem Kellner zeigen. Und fast lächelt er, als er den Rechner zuklappt. Gut fühlt er sich deswegen aber immer noch nicht. Es ist vielleicht, weil er allein hier sitzt. Er geht dauernd essen, immer mit anderen Leuten, jetzt hat er Urlaub, es ist fast ein Fest, jeden Tag allein zu essen. Aber trotzdem ist allein essen gehen fremd, falsch, beinah anrüchig wie Onanie oder Computerspiele. Er ist kein Einzelkind gewesen, vielleicht liegt es daran, dass immer noch alles verdächtig ist, was er allein genießt. Er arbeitete gerade an seinem Vordiplom, als er das allererste Mal allein ins Kino ging, und auf Konzerte und in Kneipen ist er bis heute nur dann allein gegangen, wenn er eine Frau aufreißen wollte. Dieses merkwürdige Gefühl, wenn er sich allein an einen Tisch setzt, wenn er die Speisekarte nimmt und erst recht, wenn der Kellner womöglich fragt, ob er noch jemanden erwartet. Gute Kellner sollten so etwas sehen, denkt er. Sie sollten das Gefühl auf meinem Gesicht sehen und mir sofort Gewissheit geben, einer allein sei Familie genug, mehr brauche es nicht. Aber dieses Gefühl kann er sich selbst unter der Woche auch nicht geben. Er lebt gern allein, und dass er keine Kinder hat, ist an einem bestimmten Punkt seines Lebens vom Vorstadium einer Vaterschaft zum...



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