E-Book, Deutsch, 174 Seiten
Stahnke Aliute Mecys
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-5563-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Malerin im Deutungsnetz mit Lyotard und Maturana - Ligeti war auch dabei
E-Book, Deutsch, 174 Seiten
ISBN: 978-3-7597-5563-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aliute Mecys ist eine große, bisher ziemlich unbekannte Hamburger Malerin, die nach und nach eine immer tiefere Beziehung zu Litauen gewann. Sie wurde am 4. April 1943 in Koblenz als Kind einer deutschen Mutter und eines litauischen Vaters geboren und starb 2013 in Hamburg. Sie spielt mit den Möglichkeiten und den "Spielen" des Sehens, und genau das sehe ich bei ihr als primär an, und gar nicht die Komponente einer persönlichen "Schreckensdarstellung". Diese erscheint nur auf einer ersten Oberfläche unseres Sehens. Mecys hat sich immer wieder in diese Richtung geäußert: "Was ich male, ist für mich nicht makaber. Für mich ist das ganz real. Für mich sind das keine Erfindungen. Ich denke viel in Bildern, und ich sehe bildhaft vor mir, was ich höre oder lese." Ich nehme Mecys gewissermaßen als sehr menschliches, sehr schmerzliches Beispiel für den heutigen Zusammenbruch aller liebgewordenen Klarheiten über unser Weltverständnis, und gleichzeitig auch für die Notwendigkeit, uns neu zu positionieren. Das betrifft unsere Sinne (Maturana) und das betrifft unser Weltkonzept (Lyotard). Beide haben für mich auch miteinander zu tun, und sie erklären den Freiheitsdrang von Mecys: Jean-François Lyotard sieht - und fordert letztlich - die Befreiung von alten ideologischen Denkmustern Europas. Humberto Maturana sieht ganz ähnlich das Zusammenbrechen einer alten Vorstellung, nämlich dass die Welt draußen kalt vor uns steht und wir deren Idee nur entblättern müssten. Im Gegenteil sind wir für ihn als Beobachter selbst die Erbauer der Welt. Durch Lyotard und Maturana können wir einen philosophisch-gesellschaftlichen und einen wissenschaftlich-psychologischen Zugang zu Aliute Mecys finden.
Manfred Stahnke, geboren 1951 in Kiel. Lernte Aliute Mecys während ihrer Zusammenarbeit mit György Ligeti für dessen Oper "Le Grand Macabre" kennen. In dieser Zeit promovierte Stahnke in Hamburg im Fachbereich Kulturwissenschaften bei dem Musikwissenschaftler Constantin Floros. Weiterer Hauptlehrer war György Ligeti. Auf Anregung von Ligeti Gründung des Multimedia Ensembles "Chaosma". Weltweite Reisen mit dem Goethe-Institut. Drei Kammeropern, darunter die Multimedia-Oper "Orpheus Kristall", Biennale München 2002. Seit 1988 Professor an der HfMT Hamburg. Emeritiert 2017. Partituren mit Klangbeispielen: Babelscores https://www.babelscores.com/ManfredStahnke Bücher bei BoD: György Ligeti im Spiegel seiner Kompositionsklasse, BoD, Norderstedt 2023 György Ligeti: Eine Hybridwelt, BoD, Norderstedt 2022 Mein Blick auf Ligeti, Partch & Compagnons. Gesammelte Aufsätze, Vorträge und Interviews, BoD, Norderstedt 2017 Struktur und Ästhetik bei Boulez, Zur 3. Klaviersonate "Trope", BoD, Norderstedt 2017
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Kapitel 2 – Aliute Mecys und ihre Bildsprache
Was ich zu sagen habe, sagen meine Bilder und machten diese keine Aussage, wäre meine Absicht verfehlt. [...] Ich male realistische Bilder irrealer Wirklichkeiten und nenne meinen Stil darum Irrealismus. Ich male Bilder unserer Zeit, in der das Irreale real ist. In meinen Bildern setze ich mich mit dem Leben auseinander, wie ich es sehe und täglich erfahre.81 Was ist ihr „Realismus”? Was ist ihr „Irrealismus”? Ich werde versuchen, in kurzen Schlaglichtern auf einige wesentliche Elemente des Malen-Denkens bei Aliute Mecys zu kommen. Das wird natürlich meine persönliche Sicht sein, ohne Anspruch, ihre Bildsprache damit auch nur annähernd vollständig zu erfassen. Vor allem hat diese sich im Lauf eines vielleicht 34-jährigen Lebens als reine Malerin stetig geändert und bereichert. Meine Beleuchtungsversuche der Gedankenwelt der Aliute Mecys betreffen die folgenden Einstellungen, von denen ich einige später nochmals hervorholen werde. Die Reihenfolge hat nichts mit Gewichtung zu tun: 2. a Verschmelzung, Hybridisierung, Schönheit 2. b Das Verhältnis „Wirklichkeit” - Bild 2. c Tier und Mensch, ikonografsch 2. d Sprachspiele – Bildspiele 2. e Das Theater 2. f Das Altmeisterliche 2. g Moderne – Postmoderne 2. h Zeitgenossenschaft 2. a Verschmelzung, Hybridisierung, Schönheit
Aliute Mecys war keine Intellektuelle in dem Sinn, dass sie mit Worten ihre Bildideen kommentierte, erklärte, rechtfertigte. Sie war aber auch absolut keine allein aus Formen-Farben-Linien heraus Denkende. Was sie uns darbietet, ist voller Bezüge in alle Richtungen der Zeit, gestern, heute, morgen. Ja tatsächlich auch morgen: Bei genauerem Hinsehen hat sie an einer These gearbeitet, nicht nur, wer der Mensch jetzt sei, sondern wohin er gehen könnte, wohin die Frau gehen könnte, würde sie ein aus alter Zeit gekommenes großes Ganzes wiedergewinnen. Schon während der Arbeit an den Figurinen für Le Grand Macabre entwickelt sie Hybridisierungen. Ihre Geheimpolizistin ist ein Vogelmensch. Von der großen litauischen Anthropologin Marija Gimbutas angeregt, gewinnt Mecys bald eine neue, umfassendere Komponente für ihr Schaffen. 1998 sagte sie der Musikerin Raminta Lampsatis, ihrer engen Hamburger Freundin, die ihr Gimbutas nahe gebracht hatte:82 Ich habe ein großes Buch von Marija Gimbutas gefunden, Die Sprache der Göttin. Ich habe es noch nicht gelesen, aber ich habe mir alle Illustrationen angesehen und sie auswendig gelernt. Aus vielen Bildvokabeln von Mecys spricht eine Verschmelzungsidee. Was könnte der Mensch sein, wäre er nicht in Mann und Frau aufgespalten, hätte er sich nicht separiert von den Tieren und den Pfanzen. Könnte er wieder eins werden mit dem Geheimnis, das für Mecys vielleicht in einer animistischen alten Kultur verankert ist? „Selbstportrait mit Vogelmaske” 2001, Kaunas Katalog 15. Das Format ist original ein Quadrat, auf die Spitze gestellt Stark ist Giltine, die litauische Todesgöttin, in Mecys eigenem notierten Märchen „Giltinne” geschrieben. Mecys hat sich hier selbst als Giltine portraitiert, mit einem Raubvogel auf ihren Schultern, sie selbst geschminkt, als wäre sie ein Vogelabbild, mit Zwitterhänden-Krallen, stark und gerade und unbedingt und unzerstörbar in ihrem Gesichtsausdruck, wie eine klare, unausweichliche Verheißung. Hier fndet Mecys eine verstörend-dialektische Aussage, denn klar und richtig und „lebendig” ist Giltine, den Tod bringend. In ihrem selbst geschriebenen Märchen ist „Giltinne” ein schwarzer, die weiblichen Wesen zerfeischender Vogel. Das Gute und das Böse sind für Mecys extrem nah aneinander geschmiegt. Dabei ist in ihren Bildern das klassische „Gute” nicht zu fnden angesichts einer umfassenden Apokalypse. Letztlich sind alle Konstruktionen, egal ob Häuser, Bilder in Bildern, Menschenformen, auf fragilen Stelzen gebaut und werden gewiss zusammenbrechen. Ein weiteres Bild von Mecys möchte ich anfügen, das eine alte Frau mit einem Baum verschmilzt. Der Baum bekommt menschliche Attribute. Wir können herauslesen, dass aus einem kleinen Aststumpf eine den Baum umfassende Hand wird, aus einem andern eine Brustwarze. Ein Auge ist erkennbar, oder ein Mund, oder eine Schamlippe. So geht es weiter. Kaum ein Detail ist allein „baumgebunden”. Umgekehrt wird die Haut der alten Frau zur Rinde, ihre Finger zu teils abgebrochenen Zweigen. Gimbutas schreibt zur Verbindung Mensch-Baum:83 In der litauischen Folklore fnden wir auch den Glauben an die Verwandlung der Toten in Bäume. Der Tote verkörpert sich im auf der Grabstätte gewachsenen Baum.” ... „Die Seelen der Menschen wohnen in alten hohlen Bäumen. Die Bäume sind sprachfähig, haben Herz und Blut. „Alte Frau mit drei Köpfen” 2002/5, Kaunas Katalog 81 Wenn wir Mecys' vervielfachte alte Frau betrachten, die verfochten ist in einen Baum – teils ist sie schon selbst der Baum – , dann sehen wir in der Klarheit dieser Komposition eine Botschaft. Die alte Frau steht auf ihren zwei alten Beinen zusammen mit einem dritten Bein, einer Baum-Erscheinung. Die alte Frau ist halb transformiert. Sie ist eine Dreiheit im Kopf und eine Zweiheit mit dem Baum. Der Ausweg aus einer Vereinzelung ist gefunden. Ich bin Frau-Baum. Das ist altes litauisches Volksdenken. Die Verschmelzungsidee fndet auf vielen Ebenen im Werk der Mecys statt. Ich bin Mensch-Vogel, ich bin Frau-Mann. Ich bin allen Rollen enthoben, die ich auf einer nicht-polyphonen Erde hätte haben sollen. Und ich bin schön. Lange vor diesem Gemälde, mindestens vor 1993, suchte Mecys eine alte Frau als Modell. Bei der Betrachtung des dann entstandenen Bildes sagte Mecys zu der Buchautorin Elke Herms-Bohnhoff:84 Damals hatte ich ein Modell, das nicht richtig war. Ich wollte eine alte Frau mit hängenden Brüsten. Das Modell war eher jünger. Und hier habe ich nun eine ältere Frau, zerbrechlich und sehr schön. Also sehr schöner Körper. 2. b Das Verhältnis „Wirklichkeit” – Bild
Das Thema in meinem nächsten Beispiel scheint auf einer ersten Ebene des Beobachtens dieses zu sein: „Ich zeichne meine zeichnende Hand auf ein Stück Papier.” Das ist noch ganz verständlich. Aber was genau macht Mecys hier? „Stillleben mit Skelett und Maske III” 2000, Kaunas Katalog 62, Detail Ein Arm, als Zeichnung auf dem Papier entstehend, gewinnt Konturen, sogar mit Schattenwurf auf der „Tisch” werdenden Papierfäche. Die nunmehr 3D-gezeichnete „Hand” hält einen am oberen Ende abgebrochenen, quasi zusammen mit der Hand „Realität” gewordenen Pinsel, der an der Tischkante einen deutlichen „Schatten” wirft. Der abgebrochene Teil liegt auf dem „Tisch” „rechts” neben der Hand. Der „Tisch” ist aber auch noch illusionär das Zeichenpapier, denn ein gezeichneter Umriss des potentiell „geraden”, nicht gebrochenen Oberteils des Pinsels suggeriert immer noch ein reines „Zeichnen auf Papier”. Ein imaginierter „Schattenwurf” ist für das betrachtende Auge hier unmöglich. Eine Farbtube im Vordergrund weist auf die farbigen Pinselhaare hin auf dem ansonsten fast farblosen Gesamtbild. Diese Kreisförmigkeit Realität-Irrealität in einem illusionären Kontext erinnert an das Denken Maurits Eschers, hier besonders an seine "Drawing Hands". Ligeti hatte Mecys spätestens in den 80er Jahren auf Escher aufmerksam gemacht:85 Eschers Lithografe stellt eine aus einem „Papier” wachsende Hand dar, die wiederum eine aus demselben Papier wachsende Hand zeichnet, die dann die erste Hand in einem Zirkelschluss zeichnet. Den zirkularen Vorgang stellen wir uns als Betrachter vor als gelerntes Sprachspiel analog zu anderen logischen Zirkelschlüssen. Mecys' von der Betrachterin „vorgestellte” Hand wächst ebenso aus dem Papier und wird für die Betrachterin eine „manifest” erscheinende Hand an dem Punkt, wo sie einen Pinsel hält mit Schattenwurf am Rand des Tisches, der aus Papier „geworden ist”. Der gehaltene Pinselteil erscheint durchgehend „real”, aber sein abgebrochener Teil bekommt ein nicht-zerbrochenes Double in Form einer bloßen Umrisszeichnung – statt eines Schattenwurfs. Einen auffälligen Schattenwurf hat aber das Pinselende bei den Haaren. Das Multithema der Mecys ist der Beobachter: Was sieht er an als Papier, Tisch, Zeichnung, was ist Fläche, was ist 3D-Objekt? Das Hineintauchen in die „virtuelle Realität” geschieht bei Mecys, etwas gegen Escher verschoben, erst an dem Punkt, wo der Betrachter denken könnte, er befände sich vor einem Tischrand,...




