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E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Staffel Wasserspiel

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98568-178-5
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-98568-178-5
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Tim Staffels rasendes Gespu¨r fu¨r Rhythmus macht su¨chtig.« Julia Franck

Roberto Böger hat Angst vor Wasser. Dennoch ist es sein Element. Als rastloser Zeuge bereist er die Welt, um Wasserverbrechen zu dokumentieren. Dann wird ausgerechnet in seiner Heimatstadt Lüren das Wasser knapp. Roberto kehrt an den Urquell seiner Angst zurück. Er trifft auf Gleichgesinnte und sein jüngeres Ich. Kann er sich freischwimmen? 

Tim Staffel hat einen großen Roman über ein drängendes Thema unserer Zeit geschrieben. Ebenso visionär wie unterhaltsam erzählt er vom gewaltigen Kampf ums Wasser. In einer Sprache, die fließt.

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Autoren/Hrsg.


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PROLOG
SEEPFERDCHEN


ROBERTO

Wir waren uns so nahe, es hätten gerade einmal acht Gramm Papier zwischen uns gepasst. Jetzt sind es Länder, Kontinente, vielleicht ein Ozean. »Spring«, sagst du, aber ich kann nicht, nicht einmal für dich, das weiß ich nur noch nicht.

Ich habe einen ganzen Sommer lang geübt, bin zwei Jahre älter und etliche Zentimeter größer als alle anderen im Kurs. Im Wasser fällt es nicht auf, unter Wasser erst recht nicht. Unter Wasser mache ich die Augen zu und bemühe mich, nicht zu atmen. Unter Wasser ist Teil der Übungen. Am Boden des Beckens liegt ein roter Gummiring, den müssen wir bergen und an die Oberfläche bringen. Ich stehe im Wasser, mein Kopf ragt heraus, dann soll ich kopfüber untertauchen und den Ring herausholen, ohne dabei zu ertrinken. Meine Schwimmlehrerin behauptet gegenüber meiner Mutter, ich sei bereit. Sie hat recht. Ich bin bereit, es hinter mich zu bringen. Meine Mutter will mich zur Prüfung begleiten. Sie freut sich auf das Seepferd, auf einen Sohn, der schwimmen kann.

Am Morgen des großen Tages wache ich schweißgebadet auf. Mein Vater ist schon aus dem Haus, unterwegs zu Papier Böger, unserer Firma. In Lüren, in ganz Ostwestfalen schreiben sie in unsere Schulhefte; auf jedem Klassenarbeitsheft steht der Schriftzug Böger drauf. Jede schlechte Note wird mit meinem Namen in Verbindung gebracht. Meine Mutter lächelt und drückt mir am Frühstückstisch ein Päckchen in die Hand. Ich wickele gelb-rot gestreifte Badeshorts aus dem Geschenkpapier der Marke Böger. Mir ist es egal, in welchen Shorts ich baden gehe. Draußen ist es sommerwarm, obwohl es regnet. Die Regentropfen platschen auf die Wasseroberfläche des Pools und kräuseln sie. Ich sehe den Beckenboden nicht, weil da keiner mehr ist. Meine Mutter steht mit anderen Eltern zusammen unter einem großen Sonnenschirm und winkt mir zu. Ich stehe in gelb-rot gestreiften Badeshorts am Beckenrand. Ich bin der Zweite von links. Es regnet. Der Regen wühlt das Wasser auf. Da ist kein Grund mehr. Ich zittere. Meine Zähne klappern aufeinander. Mein Kopf tut höllisch weh. Wir stehen in einer Reihe neben und zwischen den Startblöcken. Ich bin der Einzige, der zittert. Wir sollen näher an den Beckenrand herantreten, so nah, dass unsere Zehen knapp über den Rand hinausragen. Das Trillern der Pfeife unserer Lehrerin schrillt aus weiter Ferne in meine Ohren, in meinen Kopf hinein. Sie steht beinahe neben mir, direkt neben dem Ersten von links, aber ich bin unendlich weit weg. Ich bleibe als Einziger stehen. Alle anderen springen, schwimmen im Regen, unter ihnen die Tiefe. Ich zittere heftiger, spüre eine Hand auf meiner Schulter; sie gehört der Lehrerin. Mir wird schwindelig. Meine Mutter kniet vor mir. Sie befühlt meine Stirn. Ich bibbere. Die Lehrerin zieht sich zurück. Meine Mutter legt ein Handtuch um meine Schultern. Wir bekommen nicht mit, wie die anderen ihr Ziel erreichen.

»Schließ deine Augen, Robert«, sagt meine Mutter. »Denk an etwas anderes.« Ich weiß nicht, woran. Meine Mutter dreht mich vom Wasser weg. »Du kannst deine Augen wieder öffnen«, sagt sie. Ich glaube ihr. Ich sehe Menschen unter einem Sonnenschirm, auf den der Regen prasselt. Alle starren mich an. Meine Mutter hält ihren Arm um mich. Ganz langsam gehen wir an den anderen vorbei. »Beachte sie nicht«, flüstert meine Mutter. Doch dann höre ich sie an all die anderen gewandt laut »Fieber« und »Schüttelfrost« sagen. Sie schämt sich. Es hört auf zu regnen. Im Auto summt meine Mutter, um sich zu beruhigen. Ich trage noch immer die neuen Badeshorts, auf denen kein Seepferd ist, niemals eins sein wird.

Mein Vater sagt nichts zu dem Vorfall. Seine fünfhundert Meter jeden Samstagmorgen im Lürener Stadtbad wird er auch in Zukunft ohne mich zurücklegen müssen. Er ist Brustschwimmer mit Badehaube. Bei jedem Zug verschwindet sein Kopf unter Wasser. Meine Mutter organisiert ein Attest, das eine Allergie auf Chlorwasser nachweist und mich vom Schulschwimmen befreit. Sie liebt nach wie vor das Meer; wir fahren nur noch in die Berge. Für meinen Vater ist das kein Problem; er mag Skifahren, Wandern und Biergärten. Wir reisen immer in denselben Ort. Dort nennen alle, die uns bewirten, meinen Vater »Herr Doktor«. Es gefällt ihm, weil er keiner ist. Bergseen müssen wir umfahren. »Memme«, nennt mich mein Vater und handelt sich dafür Ärger mit meiner Mutter ein.

Einmal ist das Herz meines Vaters groß genug, da beschließt er, seinem besten Freund zu helfen. Der betreibt in Lüren eine Holzmanufaktur, die Innentüren mit Blei als Dampfsperre zwischen den Holzdeckplatten herstellt. Die Manufaktur ist nicht mehr zu retten, das verrät der Freund meinem Vater aber nicht. Mein Vater bürgt für ihn und verliert alles, vor allem unsere Firma. Meine Mutter weiß das nicht. Mein Vater schweigt und verreist zum Stubaier Gletscher, wie jedes Jahr, wenn da außerhalb der Schulferien die Skisaison eröffnet wird. Sein Koffer ist ungewöhnlich groß, als er ihn in seinem bmw verstaut. Tage später benötigt die Lürener Sparkasse eine Unterschrift, den Schriftzug Böger im Original. Mein Vater fährt Ski. Die von der Sparkasse teilen meiner ahnungslosen Mutter mit, dass es ohne meinen Vater nicht geht, nicht einen Tag länger. Dann erzählen die von der Sparkasse und unser Anwalt meiner Mutter von der Bürgschaft. Meine Mutter verliert jegliche Sicherheit. Mein Vater bleibt unerreichbar. Meine Mutter bläut mir ein, mir nichts anmerken zu lassen und niemandem ein Wort davon zu sagen.

Mein Vater kommt vom Gletscher nicht zurück. Meine Mutter wird deshalb mit anderen Augen angesehen. Uns bleibt nur das Haus, ein Bungalow, zumindest vorerst. Meine Mutter meldet sich arbeitssuchend; meinen Vater meldet sie als vermisst. Das macht keinen guten Eindruck auf die Lürener; es ist zu außerordentlich. Gewisse Kreise meiden meine Mutter. Es sind die Kreise, in denen sie gern verkehrt, in die sie sich als Zugezogene hineinarbeiten musste. Gebürtig ist sie aus Korbach in Hessen. Für mich spielt Herkunft keine Rolle. Für mich sind alle, die in Lüren leben, Lürener. Aber meine Mutter ist anders als zum Beispiel mein Vater. Sie mag Romane und Opern. Mein Vater liest den Lürener Tagesanzeiger. Er mag Musicals. Unsere Welt geht unter, und er verschwindet. Meine Mutter versucht verzweifelt, ihr Ansehen wiederherzustellen. Sie meldet mich beim SV Lüren zum Tennis an. Wir können uns noch immer etwas leisten, soll das heißen. Meine Großeltern kommen für die Beiträge auf. Die Einladungen zu Geburtstagsfeiern, Abendessen oder Bridgerunden bleiben trotzdem aus. Ich müsste es wenigstens in die erste Mannschaft meiner Altersklasse schaffen, bleibe aber im Mittelmaß der zweiten stecken. Meine Mutter ist überzeugt, sich nirgends mehr blicken lassen zu können.

Johannes Güthoff herrscht über ein Getränke- und Immobilienimperium; ihm gehört auch die Güthoff-Quelle, ein Wahrzeichen Lürens. Johannes Güthoff erwirbt unser Firmengelände. Der Schriftzug Papier Böger wird vom Dach entfernt und entsorgt. Dank des Verkaufs der Immobilie kann meine Mutter sich von den Schulden befreien. Sie beschließt trotzdem, Lüren hinter sich zu lassen und meinen Vater endgültig aufzugeben. Ich bin vierzehn. Meine Mutter zieht mit mir aus dem Ostwestfälischen ins Nordhessische, nach Korbach, zu ihren Eltern, meinen Großeltern. Sie gewähren uns Unterkunft in dem Haus, in dem meine Mutter aufgewachsen ist.

Als Achtjähriger habe ich dort ein einziges Mal die Sommerferien verbracht. Kaum angekommen, beauftragte mich meine Großmutter mit der Himbeerernte in ihrem Obstgarten. Ich verschwand in den dornigen Sträuchern, die mir beinahe bis zum Kopf ragten, und pflückte einen ganzen Putzeimer voll. Stolz lieferte ich die Ware mit zerkratzten Armen und Beinen bei der Großmutter ab. Wir aßen draußen auf der Veranda zu Mittag. Für meinen Großvater und meine Großmutter gab es zum Nachtisch gezuckerte Himbeeren. Ich bekam Rote Grütze, wahrscheinlich vom Vorvorvortag. Eine säuerlich schmeckende Haube Schlagsahne überdeckte eine pelzige weiß-grüne Fläche am Rand des Schälchens.

Sechs Jahre später werde ich gezwungen, bei diesen Großeltern einzuziehen. Meine Mutter und ich bekommen Zimmer in der oberen Etage zugeteilt. Manchmal wird meine Mutter ohne ersichtlichen Grund wütend, dann muss sie ihre Wut an jemandem auslassen. »Ich habe Angst vor deiner Mutter«, flüstert mir meine Großmutter ins Ohr. Mein Großvater verzieht sich in die Räume seiner allgemeinmedizinischen Praxis im Seitenflügel des Hauses. Er praktiziert seit Jahren nicht mehr, aber alle Geräte und Möbel sind noch da. Meine Mutter wurde in dieser Praxis gegen ihren Willen als Assistentin ausgebildet. Jetzt braucht sie eine Arbeit, aber alles, was sie kann, ist etwas, das sie auf keinen Fall jemals wieder tun möchte. »Mir wird speiübel von den Gerüchen«, klagt sie.

Wir haben Glück; sie findet Anstellung in einer Mode-Boutique. Meine Mutter besitzt ein Talent dafür, Leute einzukleiden. Nur manchmal verliert sie die Geduld mit ihren Kundinnen, wenn die auf Größen beharren, in die ihre Körper kaum hineinpassen.

Nach einem halben Jahr ziehen wir zwei Straßen weiter in die oberste Etage eines Mehrfamilienhauses. Wir bleiben in Reichweite meiner Großeltern, sind aber weniger abhängig von ihnen. Diese Lösung stimmt alle Beteiligten froh. Jeden Samstag essen wir bei ihnen zu Mittag. Es gibt immer Kassler, dazu Salzkartoffeln und einen Erbsen-Möhren-Mix. Zwischen den Schüsseln hüpft auf dem Tisch ein...


Staffel, Tim
Tim Staffel hat vier Romane veröffentlicht. Sein Debüt »Terrordrom«  wurde 1998 von Frank Castorf für die Volksbühne dramatisiert. Daneben schrieb Staffel zahlreiche Hörspiele. Er wurde u. a. mit dem Alfred-Döblin-Stipendium und mehrmals mit dem Literatur-Stipendium des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet. Sein Roman »Südstern« stand 2023 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2024 erhielt er das London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.



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