Stadsbjerg | Carnivora | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 258 Seiten

Stadsbjerg Carnivora


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-949671-69-2
Verlag: Edition W
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 258 Seiten

ISBN: 978-3-949671-69-2
Verlag: Edition W
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Du bist, was Du isst? Irgendwann in naher Zukunft: Alle Tiere sind ausgestorben und eine neue Spezies wird eigens für die Fleischproduktion gezüchtet. Der menschenähnliche Homo Cibus ist kein Individuum, sondern ein Produkt. Doch wo genau verläuft die Linie zwischen Mensch und Cibus? Wer entscheidet, welche Lebensform mehr wert ist, als die andere - und vor allem, nach welchen Maßstäben? Hannah arbeitet als Sekretärin an einer Schule und versucht ihren Platz im Leben zu finden, als ein junger Lehrer ihre Denkweise komplett auf den Kopf stellt. Sie begleitet ihn auf eine Exkursion zu einer der Zuchtfarmen und beginnt, sich Fragen zu stellen. Als plötzlich Schülerinnen spurlos verschwinden, gibt es auch für Hannah kein Zurück mehr und sie muss eine Entscheidung treffen, die auch für sie selbst Leben oder Tod bedeuten kann? »Carnivora« ist eine dystopische Zukunftsvision, die ethische Fragen aus völlig neuer Perspektive beleuchtet.

Caroline Stadsbjerg, geb. 1994, hat einen Abschluss in Psychologie von der Universität Aarhus. Sie besuchte die »Writers Academy« und nahm an einem Mentorenprogramm der Schreibwerkstatt der »Danish Talent Academy« teil. Carnivora ist ihr Debütroman.
Stadsbjerg Carnivora jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Kapitel 4


Im Flur klebte der Fußboden, und ich sah bereits die ersten umgekippten Bierdosen auf dem Boden im Wohnzimmer liegen. Ich beschloss, die Schuhe anzubehalten, und trat vorsichtig über ein Pärchen, das sich zwischen Schuhen und Jacken auf dem Boden gegenseitig erkundete. Im Wohnzimmer war keine Ida zu finden, auch kein Andreas oder andere, zu denen ich mich mit einem sicheren Gefühl hätte gesellen können. Ein Mädchen mit langen Dreadlocks lächelte mich vom Sofa aus an. Obwohl mir ihr Name nicht einfiel, überlegte ich, mich zu ihr zu setzen.

Auf allen Oberflächen des Zimmers standen Dosen und Flaschen herum, die Musik dröhnte aus irgendwelchen alten Lautsprechern. Ich hätte den Lärm durch den Boden meiner eigenen Wohnung hören können, und das war eigentlich der Hauptgrund, warum ich zur dieswöchigen Party bei Ida heruntergekommen war. Das … und Andreas.

Ich bewegte mich an den Wänden entlang, wo es sicherer war als dort, wo jetzt die Tanzfläche entstanden war. Dabei hielt ich Ausschau nach Gläsern, Alkohol, irgendetwas, das die Stimmung lockern könnte, das es mir leichter machte, dass ich niemanden richtig kannte.

»Hannah, du bist gekommen!« Ida umarmte mich, ihr süßes Parfüm stieg mir in die Nase.

»Natürlich«, antwortete ich, dankbar darüber, sie zu sehen. »Und alles Gute zum …«

»Halbgeburtstag«, beendete sie meinen Satz, als ich ins Stocken geriet. »Es ist genau ein halbes Jahr bis zu meinem nächsten Geburtstag. Ich nehme jede Ausrede, um zu feiern, right?« Sie strahlte.

»Ich habe ein Geschenk für dich«, sagte ich.

»Echt jetzt, dass du da bist, ist schon ein Geschenk für sich!« Sie schaute neugierig auf die Tüte in meiner Hand. »Kann man es trinken, oder soll ich es erst morgen auspacken?«

»Es ist zum Trinken, aber man kann es nicht auspacken, ich hatte kein Geschenkpapier.«

»Scheiß auf Geschenkpapier.«

Ich reichte ihr die Schachtel aus der Tüte. Wenigstens war die Flasche in einer hübschen Schachtel verpackt, und ich hatte so ein Gefühl, dass das immer noch besser war als meine Verpackungskünste.

»Hör auf, das wäre nicht nötig gewesen!« Sie legte den Kopf schief und nahm die Flasche fröhlich entgegen. »Das ist echt die Crème de la Crème – was weißt du denn von Whisky?«

»Gut geraten.« Ich hatte einmal erlebt, wie sie einen Kerl angeschrien hatte, weil er Whisky mit Cola mischte, sie hatte es als Blasphemie bezeichnet. Ein klebriger Fußboden, kaputte Sachen und ein unmenschliches Chaos machten ihr nichts aus, aber mangelnder Respekt für einen guten Whisky war offenbar eine Todsünde.

»Scheiße, du bist echt ein Schatz. Danke! Komm, du brauchst was zu trinken, oder? Ich kann meine Gäste doch nicht mit leeren Händen rumlaufen lassen.« Sie deutete mit dem Kinn in Richtung Esstisch, auf dem alle möglichen flüssigen Substanzen beisammenstanden.

»Ja, das könnte durchaus sein.« Ich folgte ihr zu dem Tisch, nahm mir ein unbenutztes Glas und schenkte mir ein.

»Prost!« Ida stieß ihr Glas an meines, und ich trank von der zimmerwarmen Flüssigkeit, die wie Feuer in meinem Hals brannte.

»Hallo, schau mal, wer da kommt!«, stieß sie aus und warf mir einen wissenden Blick zu, ehe sie sich auf den Weg zum Eingang machte. Ich sah weg, spürte die Hitze auf meinen Wangen und nahm noch einen Schluck.

Sie umarmte Andreas, er redete in ihre Haare.

»Hannah, mach Andreas gleich auch noch ein Glas.« Ida brüllte es beinahe mit erhobenem Glas durch die Wohnung, als wäre es selbstverständlich, dass ich mich ihnen anschließen würde. Andreas lächelte mir zu und hob eine Hand zum Gruß. Ich tat das Gleiche, aber traf einen Kerl hinter mir, der gerade Kurze einschenkte.

»Oh, verdammt, sorry«, murmelte ich und nahm einen Stapel Servietten von der einen Seite des Tisches.

»Egal, ist ja nichts passiert.« Rote Flüssigkeit färbte die einmal weiß gewesene Tischdecke, die aus gegebenem Anlass aber viele verschiedene Farben angenommen hatte. Der Kerl ignorierte das Missgeschick und schenkte einfach mehr von dem roten Zeug ein.

»Geht’s?« Ich schaute zu der tiefen Stimme und sah Andreas neben mir.

»Ja, alles in Ordnung.«

»Die gute Hannah, immer so tollpatschig«, sagte Ida und strich mir über den Rücken. »Ihr habt euch schon einmal gesehen, oder?«

»Ja. Das heißt, ich weiß nicht, ob du dich erinnern kannst, es ist eine Weile her, aber …«

»Natürlich kann ich das«, unterbrach er mich. Seine Grübchen kamen zum Vorschein, und für einen Moment stockte mir der Atem. Er setzte zu einer Umarmung an, ich nahm sie entgegen. Eine warme Umarmung, eng, fest, obwohl sie schnell war. Er duftete nach süßlichem Schweiß und Parfüm.

»Sorry, hab ich irgendwas verpasst?«, fragte Ida direkt und schaute von Andreas zu mir.

»Was meinst du?«, erwiderte Andreas.

»Wie gut kennt ihr zwei euch?«

Andreas verdrehte die Augen, ich konnte nicht anders, als über seine direkte Art zu grinsen. Mir wurde klar, dass ich nichts mehr dagegen hatte, hier zu sein.

»Nicht so gut«, antwortete er und gab mir einen Blick, der womöglich genau das sagte, was ich selbst dachte. Noch nicht.

Obwohl ich ihn natürlich ein wenig kannte. Ich hatte seine Profile auf mehreren Plattformen ausfindig gemacht, und auch wenn er sie nicht oft nutzte, hatte ich mir einen einigermaßen guten Überblick über sein Leben verschafft. Die Angaben waren immer unvollständig, er aktualisierte sie selten. Alter, Schule, Familie und Freunde waren sichtbar, er würde bald seine Ausbildung in der Gastronomie beenden, er hörte Punk und Rock und wurde oft auf Fotos von einem Kind verlinkt, das anscheinend seine Nichte war. Keine Pärchenfotos, süße Kommentare oder sonstiges, das auf eine Beziehung hindeutete. Ich hatte mich davon abgehalten, mich in seine Accounts einzuloggen, und empfand Stolz über meine Fähigkeit, nur von außen zu observieren.

»Na, ihr beiden, kommt ihr mit raus, einen rauchen?« Ida legte die Arme um mich und Andreas und schob uns weg vom Esstisch.

»Ich rauche nicht«, sagte Andreas.

»Ich auch nicht«, schloss ich mich an. Ida sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, kommentierte es aber nicht weiter.

»Dann kommt mit raus, ein bisschen frische Luft schnappen, was ist denn dabei, eine Runde vor die Tür zu gehen?« Ida ließ meinen Arm los und drückte die Wohnungstür auf. Andreas übernahm und hielt mir die Tür auf, dann gingen wir die Treppe nach unten und ins Freie.

»Oh Gott, wo ist jetzt mein Feuerzeug? Ihr raucht nicht, da gehe ich mal davon aus, dass ihr keins habt?« Ida fixierte mich mit dem Blick, ich schüttelte den Kopf, sie ließ uns stehen und ging zu einer kleinen Gruppe, die ein paar Meter entfernt zusammenstand und rauchte.

»So ist sie immer«, sagte Andreas und sah ihr nach. »Woher kennt ihr euch noch einmal? Wir hatten beim letzten Mal nicht sonderlich viel Gelegenheit, uns zu unterhalten. Es ging vor allem darum, dir beizubringen, wie man einen Ball in einen Becher wirft, nicht wahr?« Er hatte ein Funkeln in den Augen, mit dem ich nicht klarkam.

»Hey!« Ich versuchte, beleidigt auszusehen, obwohl ich wusste, dass er recht hatte. »Wir kennen uns von hier. Ich wohne über ihr.«

»Du wohnst hier!«, rief er aus und sah zu den Fenstern des Gebäudes nach oben. »Das ist gut zu wissen.«

»Warum?«

»Falls ich einmal vorbeikommen sollte.«

»Wirst du das denn?« Ich unterdrückte ein Lächeln.

»Man kann immer hoffen.« Er setzte sich auf die Treppe zum Haus und bedeutete mir, das Gleiche zu tun.

»Was ist mit dir, woher kennt ihr euch?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort nur zu gut kannte. Ich setzte mich neben ihn, achtete darauf, wie nah ich ihm dabei kam. Sein Knie zeigte nach außen, und mein Bein berührte seines, als ich mich setzte.

»Aus der Schule. Das heißt, wir haben nicht viel miteinander geredet, aber wir haben uns beide in einen der Zwillinge verliebt, Maddy und Milly.«

»Dann wart ihr quasi gegenseitig eure Wingmen?«

»Exakt.« Er lachte, ich hörte ihn zum ersten Mal lachen. Der Ton kam aus seiner Brust, und seine Kiefer bewegten sich, während meine Wangen heiß wurden.

»Außer Ida im Zaum zu halten …«

»Eine unmögliche Aufgabe«, unterbrach ich ihn und schielte zu ihr hinüber. Sie hatte ihren Joint auf den Boden gelegt und zeigte gerade, dass sie ein Rad schlagen konnte.

»… was machst du sonst so?«

Ich trank einen Schluck, es war, als hätte ich keine ordentliche Antwort darauf.

»Ich arbeite an einer Schule.«

»Lehrerin?« Er stützte sich mit den Ellbogen auf die Stufe hinter sich, und sein bloßer Arm lag dicht an meinem. Ich spürte seine Körperwärme durch die kühle Luft.

»Nicht richtig. Es ist nur übergangsweise, ich bin gerade dabei herauszufinden, was ich will.«

»Der Part allein kann schon schrecklich sein.«

»Absolut.«

»Gibt es denn nichts, was dich interessiert?« Er setzte sich ein wenig auf, sein Bein kam näher an meines.

»Computer.« Ich ließ mein Bein an seinem lehnen. Es kribbelte, sich auf diese Weise näherzukommen, langsam und diskret, mit bewussten Bewegungen. Er ließ mich so sitzen und drehte sein Gesicht ganz zu mir.

»Bist du ein kleiner Nerd, Hannah?« Er kniff die Augen zusammen, während er mein Gesicht musterte und mir die Zeit gab, das Gleiche mit seinem zu tun.

»Ist das ein...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.