Stadler | Psychodrama | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 207 Seiten

Reihe: Wege der Psychotherapie

Stadler Psychodrama


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-497-61707-4
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 207 Seiten

Reihe: Wege der Psychotherapie

ISBN: 978-3-497-61707-4
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was ist Psychodrama? Diese handlungs- und erlebnisorientierte Psychotherapie nach Jacob Levy Moreno verbindet Gespräch, Handeln und szenisches Darstellen von Erleben und Verhalten miteinander. Im psychodramatischen Rollenspiel können Klienten ihre persönliche Thematik bearbeiten, sich aus starren Rollenstrukturen befreien, problematische zwischenmenschliche Beziehungen klären und destruktive Rollenmuster verändern. Der Autor führt in die Kernbereiche des Psychodramas ein und zeigt eine Bandbreite verschiedener Arbeitsformen des Verfahrens auf, illustriert anhand zahlreicher Beispiele. Hilfreiche Psychodrama-Tools wie der 'Magic Shop' liefern Ideen, wie man Klienten beim Erweitern ihres aktiven Rollenrepertoires unterstützen und kreative Prozesse anstoßen kann.

Dipl. Psych. Christian Stadler, Dachau, Psychologischer Psychotherapeut (TFP), Psychodrama-Therapeut (DFP, IAGP), Fort- und Weiterbildungsleiter sowie Supervisor am Moreno-Institut (Überlingen) und in eigener Praxis als Psychotherapeut und Supervisor tätig.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


3Theorie


Das Menschen- und Weltbild


Psychodrama kann man nur verstehen, wenn man das Menschen- und Weltbild seines Begründers berücksichtigt. Jakob Levy Moreno war zu allererst eigentlich ein Philosoph, der von religiösen Ideen durchdrungen war. Obwohl seine Hauptausrichtung durch seine Familie eine jüdische war, sind auch christliche und asiatische Religionsphilosophien in seinen Schriften und seinem Denken zu erkennen. Das Konzept der Kreativität, einer der Dreh- und Angelpunkte in Morenos Denken ist z. B. ohne seinen religiös-philosophischen Hintergrund nicht verständlich. „Eine Möglichkeit zur Definition der Kreativität ist die Beschreibung ihrer maximalen Erscheinungsform, des Universums, das von Urbeginn an von Kreativität durchdrungen war, und seit seiner Existenz nicht aufhört, kreativ zu sein.“ (Moreno zit. nach Hutter / Schwehm 2009, 296 f.) Moreno verstand die menschliche Kreativität, den Ursprung von Veränderung und Heilung so, dass sich darin die Kraft Gottes, die durch den Menschen wirkt, zeige (vgl. Blatner / Cukier 2007).

Das soziale Netzwerk als Diagnostik: Messung, Analyse und Intervention


Das soziale Netzwerk ist eines der zentralen Tools in der psychodramatischen Arbeit. Der Gedanke des sozialen Netzwerkes ist auch das Kernstück der Soziometrie. Moreno nannte es soziales Atom, da er in seiner Zeit das Atom für die kleinste unteilbare Einheit hielt (Moreno 1981, 93).

Die Gleichsetzung von sozialem Netzwerk und sozialem Atom ist nicht ganz korrekt, da Moreno das soziale Atom noch vom sozialen Netzwerk unterschieden hatte. In der neueren Netzwerkliteratur hat sich aber der Begriff Netzwerk durchgesetzt, und der Unterschied zwischen den beiden Begriffen macht aus heutiger Sicht keinen Sinn mehr.

Im Psychodrama wird davon ausgegangen, dass ein Individuum nicht isoliert, sondern nur im Kontext seiner sozialen Beziehungen betrachtet werden kann. Der Mensch erlebt sich selbst im Kontext seiner Beziehungen und wird auch von anderen nur in diesem Zusammenhang erlebt und verstanden. Der Mensch ist damit ein Begegnungswesen. Bereits vorgeburtlich ist sein Netzwerk vorhanden (Eltern, Großeltern, Geschwister, Nachbarn der Eltern etc.), das sich nach der Geburt rasch weiterentwickelt (Hebamme, Arzt, Kinderkrankenschwester) und sich letztendlich lebenslang verändert. Das soziale Netzwerk kann wachsen, schrumpfen, zeitweise stagnieren, d. h. bei der psychodramatischen Arbeit mit Menschen kann immer nur ein soziales Netzwerk zu einem bestimmten Zeitpunkt x erhoben werden. Soziale Netzwerke können in Zeitreihen oder interpersonell verglichen werden.

Soziales Atom in einer Zeitreihe

Seit Frau Mayer (51 J.) arbeitslos ist, hat sich ihre psychische und soziale Situation verändert. In der Therapiesitzung wird mit ihr erarbeitet, worauf sich die Veränderungen beziehen. Der Therapeut schlägt vor, zu diesem Zweck ihr soziales Netzwerk anschaulich zu machen. Die Patientin malt zunächst auf einem Blatt Papier ihr aktuelles Netzwerk auf. Dazu werden zwei konzentrische Kreise auf das Blatt gezeichnet und Frau Mayer wird gebeten, alle für sie aktuell relevanten Kontakte einzuzeichnen. Dazu können lebende wie tote Menschen gehören, solche, die weiter weg wohnen oder zu denen nur sporadisch Kontakt besteht, selbst Haustiere. Für die eigene Person wird ein Symbol in die Mitte des innersten Kreises gemacht. Im inneren Kreis stehen alle Personen, zu denen ein Kontakt besteht, im nächstäußeren diejenigen Personen, zu denen ein Kontakt gewünscht wird. Frau Mayer erkennt rasch, dass viele ihrer früheren Kontakte heute im äußeren Kreis „gelandet“ sind, und es können mit ihr Ursachen und Motive für diese unliebsame Veränderung gefunden werden. In einem nächsten Schritt wird mit ihr ein Zukunfts-Wunsch Atom in einem Jahr erarbeitet. Ein paar von den alten Freunden und Bekannten rutschen dadurch wieder in den inneren Kreis, aber es kommen auch neue Personen dazu. Kleinschrittig wird anhand der beiden Netzwerke besprochen, wie die gewünschte Veränderung vom ersten sozialen Atom zum zweiten in die Realität umgesetzt werden kann.

Soziale Netzwerke im interpersonellen Vergleich

Herr und Frau Fuchs kommen aufgrund massiver Beziehungsprobleme zur Paartherapie. Seit längerer Zeit leben die beiden nur noch nebeneinander her, unternehmen nichts Gemeinsames mehr, und selbst in Fragen der Kindererziehung – das Paar hat drei Kinder – gibt es im Gegensatz zu früher ständig Konflikte. Der Paartherapeut bittet die beiden, jeder auf einem Blatt, sein aktuelles soziales Netzwerk zu zeichnen. Sie sollen dabei zunächst einen Platz für sich selbst auf dem Blatt suchen, dann die für sie emotional relevanten Personen einzeichnen, Männer als Dreiecke, Frauen als Kreise. Die emotionale Bedeutung kann durch zwei Möglichkeiten verdeutlicht werden, einmal durch die Größe der gewählten Symbole und einmal durch Nähe und Distanz der Symbole zum eigenen. Nach Fertigstellung der Zeichnung werden die beiden Netzwerke einander vorgestellt. Es gibt überraschende Einsichten, wie der jeweils andere einen positioniert hat und welche Bedeutung man bekommen hat. Auch die Schnittmengen bezüglich der Freunde und die Positionen der Kinder führen zu ergiebigen – konfliktfreien – Diskussionen. Abschließend zu dieser Sitzung werden auch Fragen der Umsetzbarkeit im Alltag besprochen und ein paar Ideen gesammelt, wie die Schnittmenge der sozialen Atome vergrößert bzw. Unterschiede akzeptiert werden können.

Das klassische soziale Atom kann auf unterschiedliche Weise dargestellt werden, in der Regel wird es zunächst gezeichnet wie in den beiden Beispielen. Sie können aber auch mit Symbolen oder Stühlen oder aber als Aufstellung mit Personen gestellt werden. Im klassischen sozialen Atom steht der Patient im Mittelpunkt dreier konzentrischer Kreise. Diese Form wird in der aktuellen Netzwerkliteratur egozentriertes Netzwerk genannt. Dabei stehen im innersten Kreis diejenigen Personen, mit denen Beziehungen unterhalten werden, im nächstäußeren diejenigen Personen, zu denen Beziehungen gewünscht werden. Der äußerste Kreis stellt das gesamte Bekanntschaftsvolumen dar (vgl. Abbildung). Wenn das Bekanntschaftsvolumen und der innere Kreis deckungsgleich sind, ist dies nach Moreno der „ideale soziometrische Status. […] ein jeglicher [Kontakt] hätte sich in eine soziale Wirklichkeit verwandelt.“ (1996, 370) Außerhalb des Bekanntschaftsvolumens befindet sich die Masse. Das zweite Beispiel zeigt ein Vorgehen mit einem dezentralen sozialen Atom. Die Probanden wählen dazu ihre eigene Position auf dem Blatt selbst. Damit liefern sie eine Zusatzinformation darüber, wie „zentral“ sie sich selbst in dem sozialen Gefüge sehen.

In den Beispielen wird deutlich, dass das Vorgehen mit sozialen Netzwerken nicht allein ein diagnostisches Instrument der Darstellung und Analyse ist, sondern gleichzeitig eine therapeutische Intervention für die Betroffenen. Den äußeren Prozessen bei der Darstellung liegen innere, psychodynamische Prozesse zugrunde, zu denen sich Moreno in seinem soziometrischen Konzept zahlreiche Gedanken gemacht hat (vgl. Moreno 1996; Petzold / Mathias 1982; Stadler 2013b). Es handelt sich dabei um Tiefenstrukturen von Beziehungen und Gemeinschaften, die sich zum Teil erheblich von den Oberflächenstrukturen unterscheiden können. Eine Familie kann in ihrer emotionalen Tiefenstruktur, in ihrem Erleben von emotionaler Nähe und Distanz ganz anders aussehen, als die Begriffe „Vater und Mutter als Elternpaar“ oder „drei Geschwister“ abbilden können. Ein Vater kann sich nicht als Elternteil fühlen, da er Zweifel hat, dass eines der Kinder von ihm ist, oder ein Kind kann sich emotional einer Nachbarin näher fühlen als den Eltern und Geschwistern, da es dort die emotionale Wärme bekommt, die in der Familie nicht spürbar ist. Die Soziometrie befasst sich mit diesen Tiefenstrukturen in sozialen Einheiten, da diese meist wirksamer sind als die Oberflächenstruktur. Dies zeigt sich z. B. auch deutlich in Kontexten von Arbeitsteams und Organisationen, wenn Chefs nicht akzeptiert werden, weil die Gruppe in ihrer Tiefenstruktur eine graue Eminenz als Chef „gewählt“ hat, oder eine andere Person aus dem Team für kompetenter hält.

Abbildung 1: Soziales Atom

Arbeitet man mit dem Psychodrama in der Gruppe, bietet sich an, die gezeichneten sozialen Netzwerke zu beleben. Dazu wird der Patient gebeten, für die Personen auf seiner Zeichnung Gruppenmitglieder zu wählen und diese entsprechend seiner Zeichnung aufzustellen. Es entsteht damit ein dreidimensionales Gebilde, in welchem die interpersonellen Dynamiken noch besser erspürt werden können.

Die Aufstellung eines sozialen Netzwerks

Frau Mayer (aus dem vorangegangenen Beispiel) möchte in der Aufstellung ihres sozialen Netzwerkes herausfinden, wie sich die verschiedenen Perspektiven und Positionen anfühlen. Nachdem alle Personen stehen, entscheidet sie sich für die Exploration von drei Personen. Anna befindet sich im inneren Kreis; zu ihr hat sie auch seit der Zeit der Arbeitslosigkeit engen, beinahe täglichen Kontakt. Bernd und Christine befinden sich im Kreis der gewünschten Beziehungen.

Sie formuliert für sich drei Ziele:

  • „Ich möchte wissen, wie es Anna mit unserem Kontakt geht. Ich mag sie gern, aber ich habe Angst, dass ich ihr auf den Wecker gehe.“

  • „Ich mag Bernd sehr und ich würde mir mehr Kontakt wünschen, aber ich schäme mich für meine Situation und möchte nicht,...


Dipl. Psych. Christian Stadler, Dachau, Psychologischer
Psychotherapeut (TFP), Psychodrama-Therapeut (DFP,
IAGP), Fort- und Weiterbildungsleiter sowie Supervisor
am Moreno-Institut (Überlingen) und in eigener Praxis
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