Stabauer | Die Weißen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 453 Seiten

Stabauer Die Weißen


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-99012-463-5
Verlag: Hollitzer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 453 Seiten

ISBN: 978-3-99012-463-5
Verlag: Hollitzer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach der Ermordung seiner Eltern durch die Austrofaschisten wird der elfjährige Ernst von der Familie Patosek aufgenommen. Er wird Teil der von Toni Patosek geleiteten Wiener Widerstandsgruppe 'Die Weißen' und zum Vertrauten der kleinen Franzi Patosek. Als die Gruppe auffliegt und ein Großteil der Mitglieder, darunter auch Toni, hingerichtet wird, verlieren sich Franzi und Ernst aus den Augen. In der Klinik 'Am Spiegelgrund' entkommt Ernst 1944 nur knapp dem berüchtigten NS-Arzt Heinrich Gross und damit seinem sicheren Tod. 65 Jahre nachdem sich ihre Lebenswege so abrupt trennten, begegnen sich Ernst und seine Wahlschwester Franzi wieder.

Luis Stabauer, geboren 1950 in Seewalchen am Attersee. Er lebt als Autor in Wien und Seewalchen am Attersee. Beschäftigung mit zeitgeschichtlichen Fragen, im Speziellen mit Bewegungen und Menschen aus Europa und Lateinamerika. 2011/2012 absolvierte er die Akademie für Literatur in Leonding. Seit 2006 Prosa- und Lyrik-Schreibwerkstätten in Österreich. Luis Stabauer ist Mitglied der IG AutorInnen und Gründungsmitglied der Literaturgruppe 'Textmotor' in Wien.
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KINDERLIEDER

Wenn die Mutter das dicke Buch hervorholte, wusste der Bub, es war Zeit, sich den Pyjama anzuziehen. Zähneputzen musste er in der Küche. Danach las sie ihm ein kurzes oder ein halbes langes Märchen vor. Oft erklärte sie am Ende, was dieses Märchen mit dem Leben zu tun hatte. Obwohl Ernsti nicht alles verstand, fragte er selten nach. Er wollte sich den Prinzen, den glücklichen Kater oder das Schneewittchen in den Schlaf mitnehmen.

Jeden zweiten oder dritten Tag brachte ihn sein Vater ins Bett und erzählte ihm Geschichten. Von hungernden Jung-Elefanten, die von Ottakring nach Spanien wanderten und vergessen hatten, ihre von der Elefantenmama hergerichteten Jausenbrote einzupacken. Von Tintenfischen, die mit ihren Kindern in einer Höhle wohnten und immer, wenn Haie vorbeischwammen, ihre Tinte verspritzten, damit sie für die Haie unsichtbar wurden. Oder von jungen Krokodilen, die sich beim Schwimmenlernen im Nil zu weit vom Elternstrand entfernt hatten und eines Tages im großen Wasser ankamen, wo sie ganz furchtbar spucken mussten, weil das Wasser dort so salzig war. Aber auch vom kleinen Vladimir, der verkleidet als Heizer mit dem geheimnisvollen Zug und dem Gold vom Deutschen Kaiser in das riesige Land im Osten kam, wo er mit dem Geld des Kaisers die Hungersnot beenden und den Zar verjagen wollte. Vor allem diese Geschichte hatte viele Fortsetzungen und beim Erzählen leuchteten die Augen seines Vaters.

„Das ist aber kein Märchen?“, fragte der Bub. „Ist es dem Heizer gelungen, den grausamen Zar zu verjagen?“ Sein Vater lächelte, strich Ernsti über die Stirn und küsste ihn auf die Nase.

„Ja, mein G’scheiter, sie haben es geschafft, aber schlaf jetzt. Das nächste Mal erzähle ich dir mehr. Außerdem darfst du im Herbst in die Schule gehen, dann kannst du bald selbst Märchen und spannende Geschichten lesen.“

„Papa, gehst du heute noch weg?“

„Nein, ich bleibe bei dir. Mutti kommt vom Frauentag sicher erst später heim.“

„Dann singst du mir aber noch ein Lied vor, bitte, bitte.“

Sein Vater ließ sich erweichen und holte die Gitarre. Schon bei den ersten Takten wusste Ernsti, es war sein Lieblingslied, Die Arbeiter von Wien. Den Refrain konnte er mitsingen:

So flieg’ du flammende, du rote Fahne,

Voran dem Wege, den wir ziehn.

Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer.

Wir sind die Arbeiter von Wien.

„Aber jetzt wird geschlafen“, sagte Papa und streichelte ihm noch einmal über den Kopf. „Morgen darfst du bei Oma bleiben, ich bringe dich nach dem Kindergarten zu ihr.“

Im Sommer durfte er immer wieder in Omas Schrebergartenhaus schlafen. Ernsti mochte sie und ihren Garten. Obwohl: Ihre ständigen Fragen fand er manchmal ärgerlich. Ob er einmal Lokführer werden wolle, oder Rennfahrer, oder vielleicht sogar ein Pfarrer. Er schaute seine Oma dann nur verständnislos an. Lokführer war trotz Papas Zuggeschichte nicht sein Traumberuf. Fuhren doch die Züge auf ihrem Weg zum Wiener Westbahnhof beinahe durch den großmütterlichen Schrebergarten in Penzing. Das Bild der nur mit einer Latzhose bedeckten, rußigen Oberkörper der Dampflok-Eisenbahner gefiel ihm. Fast immer winkten sie freundlich in den Garten herein.

Die Schrebergartenzeit war vor allem von gutem Essen geprägt. Ribisel, Erdbeeren und Stachelbeeren konnte er pflücken und in den Mund stecken. Dazwischen spielte er mit Omas Hasen, die sie für ihn aus dem Stall herausnahm. Weniger Freude hatte er mit dem Putzen der Fisolen. Das Entfernen der Enden und der Fäden war ihm jahrelang ein Gräuel. Erst viel später sollten Bohnenschoten zu seinem Lieblingsgemüse werden. Oft musste er dann an Oma denken. Und an ihre Geschichte, die sie ihm und allen Besuchern erzählt hatte. Immer wieder.

Dass Hansl ihr versprochen habe heimzukommen, und dass es vom Isonzo bis nach Wien gar nicht so weit sei. Ob das ein Berg, ein Fluss oder eine Landschaft war, wusste er nicht, er verstand nur, dass Oma von seinem Opa sprach. Allerdings waren auch die Kommentare der Nachbarn nicht zu überhören: „Die spinnt ja, die Alte, jetzt glaubt die immer noch, dass ihr Mann vom Isonzo zurückkommt.“ Oder: „Die Schwachsinnige und ihr Kriegszitterer. Die wird man noch einmal in Steinhof finden.“ Ernsti tat so, als hätte er die Kommentare nicht gehört. Dass sie aber zum Essen ein Besteck für Opa auf den freien Platz am Tisch legte, war schon recht eigenartig. „Der Hansl kann mit jedem Zug kommen und dann will er etwas Warmes zu essen haben“, waren ihre Worte beim Aufdecken.

Opa tauchte nicht auf. Dafür kam oft ein feiner Herr zu seiner Oma in den Garten und erzählte von anderen Ländern und über das Leben in Wien in vergangenen Jahren. Er konnte in seiner Arbeit den ganzen Tag Geschichten von früher lesen und die Stadt Wien bezahlte ihn noch dafür. Ernsti hörte aufmerksam zu. Damals entstand sein Traumberuf: Geschichtenleser oder Buchhändler, das stellte er sich spannend vor. Der feine Herr brachte auch seine in der Zeitung abgedruckten Gedichte mit. Er setzte sich ganz nahe zu Ernsti, legte seine Hand auf Ernstis nackten Oberschenkel und las ihm ganz langsam ein Gedicht nach dem anderen vor. Die Nähe des Herrn Dichters, wie Oma sagte, war ihm unangenehm. Aber die Gedichte erinnerten ihn an die Lieder seines Vaters. Wie diese reimten sie sich. Trotzdem war er immer froh, wenn der Herr Dichter seine Oberschenkel wieder losließ. Nach dem Kaffee verschwand der Gast meist mit Oma in der Schrebergartenhütte.

„Du wartest, bis wir wieder aufmachen, ich muss mit dem Herrn Dichter etwas besprechen.“ Der Gast verschwand mit Oma in der Schrebergartenhütte. Manchmal hatte er eine Hand auf Omas Brust, wenn sich die Tür wieder öffnete.

„Schau, mein Junge“, sagte der Herr Dichter dann, „stramme deutsche Titten, die eine heißt Franz, die andere Carl.“

„Dass du mir davon ja nichts weitererzählst“, sagte Oma, wenn der Herr Dichter gegangen war. „Er ist kein Sozi und er unterstützt mich, aber das würden deine Eltern nie verstehen.“

Mit dem Schuleintritt wuchs Ernsts Hoffnung, bald viele Bücher lesen zu können. Nach dem ersten Jahr durfte er die Gedichte von Omas Gast schon selber lesen. Der Herr Dichter setzte sich wieder ganz nahe zu ihm. Damit er sehen könne, ob Ernsti auch richtig lese, sagte er zu Oma. Vorsorglich trug Ernst lange Hosen, denn auch das Handauflegen ließ der Herr Dichter nicht bleiben. Einmal lud er Ernsti ein, mit ihm ins Café Ritter zu gehen, da könne er auch andere Dichter kennenlernen. Unsicher blickte Ernsti zu Boden und gab keine Antwort.

Seine Eltern waren nun fast jeden Tag bei den Sozialisten. Eines Nachmittags rollte sein kleiner Ball unter das Bett der Eltern. Er kroch darunter und entdeckte ein Gewehr. Es war im doppelten Drahteinsatz des Bettes so befestigt, dass man es nicht sehen konnte, wenn man nur unter das Bett schaute. Seine Mutter erklärte ihm, dass die Zeiten gefährlicher würden und dass sich die Hahnenschwanzler1 längst bewaffnet hätten. Sie müssten daher auch Waffen haben, wenn es ernst werden sollte. „Sag ja nichts zu deiner Oma, die würde sich nur Sorgen machen.“ Das verstand Ernsti. Gute-Nacht-Geschichten und Papas Lieder hörte er nun nur mehr selten.

In den ersten Schuljahren war Ernsti fast täglich bei seiner Oma im Gartenhaus in Penzing. Sie umsorgte ihn, aber er wäre doch gerne öfter bei seinen Eltern gewesen. Oma war die Einzige, die ihn noch Burli nannte, das ärgerte ihn. Der Herr Dichter kam nach wie vor ins Gartenhaus und befasste sich bei seinen Besuchen immer intensiver mit ihm. Währenddessen saß Oma auf der Gartenbank und ließ den Kopf hängen.

Bald durfte Ernsti an den Wochenenden alleine mit der Straßenbahn zu Papa und Mama nach Ottakring heimfahren. Er traf Freunde und manchmal spielten sie im Negerdörfl2 „Räuber und Gendarm“. Gemeinsam mit den Eltern machte er Ausflüge in die Lobau, oder sie fuhren mit anderen Familien zuerst mit dem Zug nach Krems und dann mit Faltbooten auf der Donau nach Wien zurück.

Bei diesen Zusammenkünften hörte er auch erstmals, dass die Zeiten für die Juden gefährlich würden. Anscheinend waren unter den Freunden seiner Eltern auch Juden. Er wusste nicht, woran man sie erkannte.

„Papa, bin ich auch ein Jude?“, fragte Ernsti. „Nein, mein Lieber, wir sind keine Juden, es wäre aber auch egal. Für die Faschisten sind Juden Untermenschen, aber mit dem Judenhass begonnen haben die sogenannten Christlichsozialen in Österreich. Du bist jetzt schon so groß: Wie wäre es, wenn wir den Ernsti begraben und dafür den Ernst auferstehen lassen?“

Ernst grinste übers ganze Gesicht. Seine Mutter lächelte und nickte.

„Wir müssen aufpassen, dass es uns nicht wie den Juden geht, auch uns wollen sie aus allen Ämtern draußen haben“, fuhr sein Vater fort. „Womöglich gibt es die Sozialdemokratische Arbeiterpartei bald nicht mehr. Aber wir werden uns das nicht gefallen lassen. Die Nationalsozialisten sind keine Sozialisten, das sind Faschisten, genau wie der Dollfuß und die Heimwehr. Auch wenn sie sich derzeit noch bekämpfen.“

Ernst sah die angespannten Gesichter seiner Eltern und nickte. Bevor er wieder mit der Straßenbahn zu Oma fahren musste, kam sein Vater noch mit der Gitarre in die Küche. Er schloss das Fenster und sie sangen zu dritt Arbeiterlieder. Eines kannte Ernst noch nicht, Wir sind des Geyers schwarzer Haufen, ein Lied mit vielen Strophen. Sein Papa erklärte ihm, dass Florian Geyer ein Aufständischer aus den Bauernkriegen vor vierhundert Jahren gewesen war. Der rote Hahn, der im Lied vorkam, sei eine Aufforderung, die...


Luis Stabauer, geboren 1950 in Seewalchen am Attersee. Er lebt als Autor in Wien und Seewalchen am Attersee. Beschäftigung mit zeitgeschichtlichen Fragen, im Speziellen mit Bewegungen und Menschen aus Europa und Lateinamerika. 2011/2012 absolvierte er die Akademie für Literatur in Leonding. Seit 2006 Prosa- und Lyrik-Schreibwerkstätten in Österreich. Luis Stabauer ist Mitglied der IG AutorInnen und Gründungsmitglied der Literaturgruppe "Textmotor" in Wien.



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