E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
St. George Die geheimen Tagebücher
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-7528-5
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
ISBN: 978-3-7337-7528-5
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine unvergesslich leidenschaftliche Nacht! Und doch will sich Grace von Jeffrey scheiden lassen, denn immer wird die Erinnerung an seine Affäre mit der jungen schönen Allison zwischen ihnen stehen. Um sich noch einmal begehrt zu fühlen, ist Grace fast bereit, ein Verhältnis mit Jeffreys Freund Ian zu beginnen. Aber dann liest sie die erschütternden, tragischen Tagebücher der Anne Marie DeWilde ...
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1. KAPITEL
„Grace? Ich bin’s – Jeffrey.“
Grace DeWilde presste den Hörer dichter ans Ohr, senkte den Kopf und schloss die Augen. Es machte sie unsagbar traurig, dass Jeffrey es nach zweiunddreißigjähriger Ehe für nötig hielt, sich mit seinem Namen zu melden. Selbst im tiefsten Koma hätte sie seine Stimme erkannt …
Sie streifte sich die Schuhe mit den Füßen ab und zog sich ihr übergroßes T-Shirt über die Knie. Es war halb sieben in San Francisco. Sie war noch nicht wach genug, um sich ausrechnen zu können, wie spät es in London gerade war.
„Ist bei dir drüben Nachmittag?“, fragte sie und kniff die Augen gegen die hereinfallende Morgensonne halb zusammen. Normalerweise erwachte sie voller Elan, aber in der letzten Zeit hätte sie sich am liebsten immer wieder auf die Seite gerollt und weitergeschlafen.
„Bist du wach genug, um reden zu können?“, fragte Jeffrey nach. „Du klingst so, als wärst du noch im Halbschlaf“, fügte er hinzu und gab sich keine Mühe, seine Überraschung zu verbergen.
Wie gut wir einander kennen, dachte Grace, rieb sich die Stirn und wünschte, sie hätte eine Tasse Kaffee. Aber die schrecklichen Ereignisse des vergangenen Jahres hatten eindeutig klargemacht, dass sie einander immer noch überraschen konnten.
Abrupt setzte sie sich aufrecht hin und riss die Augen weit auf. „Jeffrey! Ist einem der Kinder etwas geschehen? Rufst du deswegen an?“ Ihr Gehirn raste. „Ich sprach gestern Abend mit Kate, sie kann es also nicht sein … Ist es einer der Zwillinge? Megan? Gabriel? Hat seine Frau Schwierigkeiten mit der Schwangerschaft?“
„Es geht allen gut“, versicherte er ihr. „Ich rufe an, um über uns zu sprechen.“
Erleichtert sanken ihre Schultern herab, aber der Druck auf ihrer Brust blieb. „Es gibt kein uns. Nicht mehr.“
„Dann betreibst du die Scheidung also weiter?“
Grace antwortete nicht sogleich. Wie hielten die Menschen es nur aus? Es war so verdammt hart. Den einen Augenblick erinnerte sie sich daran, wie wundervoll es war, in den Armen ihres Mannes aufzuwachen, und im nächsten sprachen sie über ihre Scheidung. Sie holte tief Luft. „Wir können so nicht weitermachen. Es ist fast ein Jahr her, dass wir uns zuletzt gesehen haben.“ Ihr kam es wie ein ganzes Leben vor. „Nichts ist besser geworden. Wir streiten uns per Rechtsanwalt, und jedes Mal, wenn wir telefonieren, gibt es wieder Krach.“
„Nicht jedes Mal“, sagte er ruhig. Er hörte sich müde an.
Ihr erster Impuls war, ihn zu fragen, ob er auch genügend esse und seine Vitamintabletten genommen hätte. Sie wollte sich erkundigen, ob er genügend schlief. Stattdessen biss sie sich auf die Lippe und wartete, während sie sich fragte, wann diese Gesprächspausen begonnen hatten. Schon bevor sie ihn verlassen und sich nach San Francisco geflüchtet hatte, so weit wie möglich von London fort? Oder hatte es sie bereits gegeben, bevor sie von seiner Affäre mit einer anderen erfahren hatte – einer Frau, die jung genug war, seine eigene Tochter zu sein?
Der Schmerz über seinen Betrug blühte in ihrer Brust auf wie die Blüte einer bösartigen Blume. Jedes Mal, wenn sie an seine Affäre dachte, erwachte wieder frischer Zorn. Wie hatte er ihr dies nur antun können? Ihnen antun können?
„Grace?“
„Ich bin immer noch hier“, fauchte sie.
Sie atmete tief durch, setzte ihre Selbstbeherrschung ein, für die sie berühmt war, und kämpfte ihre negativen Emotionen nieder. Ihrer Kinder wegen musste sie entschlossen sein, Verbitterung und gegenseitige Beschuldigungen aus dieser Trennung herauszulassen.
„Wir leben auf verschiedenen Kontinenten. Wir bauen uns ein Leben auf, das den anderen nicht einschließt“, erinnerte sie ihn in ruhigem Ton. „Die Scheidung erscheint als der nächste logische Schritt.“
Grace bedeckte ihre Augen mit der Hand und hielt den Atem an. Er braucht nur zu sagen: Ich will keine Scheidung. Ich liebe dich und möchte, dass du wieder dorthin zurückkehrst, wo du hingehörst. Bitte, vergib mir.
Wenn er sich dazu durchringen konnte, würde sie irgendeinen Weg finden, ihm zu verzeihen. Sie würden wieder von vorn anfangen können.
„Wenn du entschlossen bist, damit weiterzumachen, müssen wir über ein paar praktische Fragen reden.“
Langsam ließ sie die angehaltene Luft entweichen. Ihre Hoffnung schwand und wurde durch Ärger ersetzt. Sie schlug mit der Faust aufs Bett. „Diese Fragen regeln unsere Rechtsanwälte.“ Nun loderte ihr Zorn auf. War es denn zu viel von ihm verlangt, dass er sich entschuldigte? Oder war es ihm tatsächlich egal, ob ihre Ehe nach so erfolgreichen drei Jahrzehnten einfach zerbrach?
„Was willst du eigentlich, Jeffrey?“
„Ich möchte die strittigen Punkte lieber persönlich zwischen uns klären, anstatt das Risiko einzugehen, dass sich unsere Rechtsanwälte auf einen erbitterten Papierkrieg einlassen.“
„Welche strittigen Punkte?“, erkundigte sich Grace misstrauisch. Sicher würde er gleich ihre neue Firma ansprechen – Grace. „Ich dachte, wir hätten uns über darüber geeinigt, dass diese Klausel über den Ausschluss eines Konkurrenzunternehmens Unsinn sei. Ich werde mich auf nichts dergleichen einlassen, Jeffrey.“ Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn. „Ich habe das Recht, meine Erfahrung zu nutzen, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“
„Du bist eine reiche Frau. Du hast es kaum nötig, dir deinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, wie du es so charmant formulierst.“ Die Amüsiertheit in seiner Stimme fachte ihren Ärger nur noch mehr an.
„Ich habe keine Lust, eine dieser Frauen zu werden, die nur noch dahinvegetieren oder von einem Lunch zum anderen laufen. Ich bin erst etwas über fünfzig, das ist heutzutage noch jung. Grace aufzubauen, hat mir Spaß gemacht, füllt mich aus. Das Geschäft läuft großartig, Jeffrey. Ich gebe es nicht wieder auf!“
„Ich verlange von dir nicht, dass du überhaupt etwas aufgibst“, sagte er scharf.
„Wirklich nicht? Und warum hast du mir dann über deine Rechtsanwälte einen Stein nach dem anderen in den Weg gelegt, bevor ich Grace eröffnen konnte?“
Er seufzte offenbar verzweifelt. „Ich dachte, die Antwort wäre einfach genug. Es bestand die Besorgnis, dass du aus dem Namen DeWilde Kapital schlagen könntest.“
„Ich bin eine DeWilde! Es ist auch mein Name!“ Sie begann zu zittern, weil sie ihr Bedürfnis unterdrücken musste, loszuschreien. Wie er sehr gut wusste, war sie wesentlich länger Grace DeWilde als Grace Powell gewesen. Und noch mehr, ihre Ideen und ihr Einsatz hatten das DeWilde-Imperium zu dem Multimillionenkonzern gemacht, der er heute war.
„Es hat keinen Sinn, dass wir uns deswegen wieder in die Haare kriegen“, bemerkte Jeffrey kühl. „Du hast gewonnen. Wir haben die Angelegenheit erledigt, oder?“
„Wenn dem so ist, warum tischt du dann dieses Thema jedes Mal wieder auf, wenn wir miteinander telefonieren? Jeffrey, Grace nimmt DeWilde’s doch keinen Marktanteil weg!“ Sie zwang sich zu einem ruhigeren Ton. „Du hast recht. Es hat keinen Sinn, weiter darüber zu diskutieren … Über was möchtest du mit mir reden?“
„Mein Rechtsanwalt sagt, du willst Kemberly haben.“
Grace verzog das Gesicht und seufzte. Eine jahrzehntelange Ehe und geschäftliche Partnerschaft aufzulösen, war extrem kompliziert, es gab Hunderte von Dingen zu berücksichtigen. Aber sie war sicher, sie hatte mit ihrem Rechtsanwalt über Kemberly gesprochen. Sie erinnerte sich noch gut an den bitteren Geschmack im Mund, als sie zustimmte, ihr Heim aufzugeben.
„Da hat es wohl ein Missverständnis gegeben“, sagte sie schließlich. „Wenn ich Kemberly behalte, wäre es fast das ganze Jahr hindurch unbewohnt. Deswegen möchte ich, dass du es behältst, Jeffrey, damit die Kinder jederzeit nach Haus kommen können.“
Jeffrey hatte im Rosengarten um ihre Hand angehalten. Ihre Kinder waren in Kemberly aufgewachsen. Sie und Jeffrey hatten dort miteinander gestritten, sich geliebt, gelebt.
„Ich bin froh, dass es deswegen kein Problem gibt. Wenn es irgendetwas auf Kemberly gibt, das du haben möchtest …“
Sie nickte, vergaß, dass er sie nicht sehen konnte. „Ich komme und hole meine persönlichen Sachen, ehe ich nach Nevada fliege.“
Er räusperte sich, um eine weitere unangenehme Pause zu überbrücken. Plötzlich war es ihr unglaublich wichtig zu wissen, wo er sich gerade befand, damit sie ihn sich vorstellen konnte. „Bist du in deinem Büro?“, fragte sie.
„Ich bin in meinem Arbeitszimmer zu Haus.“
Sie sah ihn vor sich, wie er hinter dem alten Schreibtisch seines Vaters saß, die Arme auf der Lederunterlage aufgestützt. Egal, welche Jahreszeit es war, er trug eigentlich immer Jackett und Krawatte. Sie hoffte, er hatte gegen die feuchte Kühle des Februars eine Weste an.
„Und wo bist du?“, fragte er nach einer Minute.
„Ich bin immer noch im Bett …!“
„Sitzt ohne Zweifel mit gekreuzten Beinen da und trägst eines dieser übergroßen T-Shirts.“ Amüsiertheit klang durch, und noch etwas anderes. Bedauern? Wehmut?
„So ähnlich …“, antwortete sie, als sie ihre Stimme wieder in der Gewalt hatte.
„Wo wirst du in Nevada wohnen?“
Grace umklammerte die Telefonschnur. „Erinnerst du dich noch an Marsha Ingram?“
„Ians Schwester. Natürlich erinnere ich mich.“ Er klang...




