Der Herr der Worte
E-Book, Deutsch, 505 Seiten
ISBN: 978-3-406-68208-7
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Mieter alter Toskana-Villen erprobte der Emigrant und Monarchist – bis zur gewaltsamen Rückführung in das Deutsche Reich 1944 – den Anschluss an althergebrachte aristokratische Lebensformen. Gleichzeitig war er als Übersetzer (vor allem Dantes) um die Rettung des kulturellen Erbes Alteuropas bemüht. Seine Beschreibungen italienischer Städte geben das Bild einer imaginären Geschichte, einer Geschichte der unrealisierten Möglichkeiten, in der die Verlierer zu Siegern werden.
Die hier vorgelegte Biographie kann auf Hunderte von Briefen zurückgreifen, die in den letzten zwei Jahrzehnten erstmals herausgegeben wurden, und nutzt darüber hinaus unveröffentlichte Materialien. Auf dieser Grundlage gelingen überraschende Entdeckungen wie die einer monströsen Fälschung Borchardts. Hier lernen wir nicht nur den Dichter und Publizisten gleichsam von innen, sondern auch den ‹verlorenen Sohn›, Ehemann und Familienvater, vor allem aber und immer wieder den Liebhaber Borchardt kennen.
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1;Cover;1
2;Titel;3
3;Impressum;4
4;Inhalt;5
5;Motto;7
6;Mit fremder Stimme;9
7;I. Das goldene Lineal 1877–1895;25
8;II. Zwischen Philologie und Dichtung 1895–1900;43
9;III. Bad Nassau und Wien 1901/02;77
10;IV. Verlobungen – Villa 1903–1906;103
11;V. Insel – Intermezzo 1907–1911;157
12;VI. Der Mann und der Krieg 1912–1917;201
13;VII. Untergang und Familiengründung 1918–1923;255
14;VIII. Kulturkampf gegen die Republik 1924–1932;299
15;IX. Unfreiwilliges Exil 1933–1944;353
16;X. Anabasis 1944/45;413
17;Nachwort;425
18;Anhang;429
18.1;Anmerkungen;429
18.2;Literaturverzeichnis;477
18.3;Abbildungsnachweis;489
18.4;Personenregister;491
18.5;Werkregister;501
19;Zum Buch;505
20;Über den Autor;505
I. DAS GOLDENE LINEAL
1877–1895
Die Borchardts waren Teehändler in Königsberg in Ostpreußen. Sie vertraten damit einen typischen Geschäftszweig der Residenz- und Hafenstadt, die lange Zeit als Brückenkopf im englisch-russischen Teehandel diente. In der Tradition der Familie zeichnete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allerdings ein Zug zur Vergeistigung ab, der an ähnliche Vorgänge in Thomas Manns Buddenbrooks gemahnt: Die drei Schwestern von Rudolf Borchardts Vater heirateten akademisch hochgebildete Männer. Einer von ihnen war Ernst Burow, der frühverstorbene Leiter der Königsberger Augenklinik. Auch Robert Martin Borchardt (1848–1908) hatte weit über das Kaufmännische hinausgehende Neigungen, sah sich aber nach dem Tod seines ältesten Bruders Gustav im Deutsch-französischen Krieg 1870/71 in der Pflicht, das väterliche Geschäft fortzuführen. Von 1874 bis 1882 leitete er die Moskauer Vertretung des Handels-Vereins Borchardt, Hirschfeld & Comp, an dem mehrere Königsberger Verwandte als Gesellschafter beteiligt waren.[1] Er zog zu diesem Zweck in die russische Hauptstadt, wo er und seine 1874 noch in Königsberg geheiratete Frau Rosalie Bernstein (1854–1943) die ersten vier Kinder französisch-reformiert taufen ließen; Robert Martin Borchardt selbst war schon vor der Eheschließung aus der jüdischen Gemeinde aus-, zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht zum christlichen Glauben übergetreten.[2] Auf Rudolfs Geburtsurkunde ist seine Religionszugehörigkeit dann mit «evangel[isch]» angegeben, wogegen bei Rosalie – ein Faktum, das ihr Sohn sich und anderen nie einzugestehen wagte – dort immer noch «mosaisch» vermerkt ist. Rudolf (eigentlich «Rudolph») Borchardt, das zweite Kind und der älteste Sohn, wurde am 9. Juni 1877 geboren – freilich nicht in Moskau, sondern in Königsberg: während eines Besuchs der Eltern in ihrer Heimatstadt, die auch von Borchardt künftig zur ideellen Heimat aufgewertet werden sollte. Dabei hat er die Stadt der preußischen Könige, Herders, Hamanns und Kants nur wenige Wochen als Säugling bewohnt und nach kürzeren Aufenthalten in der Kindheit lediglich 1927 für drei Tage besucht. Übrigens scheint es gar nicht so sicher, dass Borchardt wirklich genau in Königsberg geboren wurde. Zweifel daran stützen sich – mit einiger Spitzfindigkeit – auf das Geburtsdatum im Reifezeugnis[3] sowie – mit größerer Plausibilität – auf das Zeugnis von Borchardts zweiter Frau: «Geboren 9. Juni in Königsberg, vielmehr auf der Bahnfahrt von Moskau nach Königsberg, da die Bahn Verspätung durch Achsenbruch hatte.»[4] Im Gegensatz zu dieser Familiensaga steht jedoch die Aussage von Borchardts Vater, der in einem Geburtstagsgruß an den Sohn klipp und klar erklärt: «In meiner Geburtsstadt erblicktest auch Du das Licht dieser Welt.»[5] Abb. 8: Geboren um halb vier morgens von einer Mutter «mosaischer Religion»: Königsberger Geburtsurkunde vom 11. Juni 1877 Über das Moskauer Leben der Familie Borchardt wissen wir wenig außer der grundlegenden Situation der Sprachendifferenz und -konkurrenz als Primärerfahrung des Knaben.[6] Wenn die Eltern von den Kindern nicht verstanden werden wollten, wichen sie aufs Russische aus. Im Übrigen sprach man eher Französisch als Deutsch, weshalb denn auch für Rudolf Borchardt, als er 1885 in Berlin erstmals zur Schule ging, das Französische Gymnasium gewählt wurde. Auch eine Reihe von Übersetzungen, die der Gymnasiast zusammen mit dem Vater anfertigte,[7] zeigt den hohen Stellenwert der Mehrsprachigkeit im Elternhaus. Dennoch lag dem Umzug der Familie nach Berlin 1882 nicht zuletzt die Absicht zugrunde, der wachsenden Kinderschar eine einheitliche deutsche Ausbildung zu verschaffen; nach Else (1876–ca. 1963), Philipp (1879–1952) und Helene (1880–1963) wurden hier noch Veronika/Vera (1882–1954), Ernst (1886–1931) und Robert (1890–1916) geboren. Der Teehandel trat in den Hintergrund; der Vater trug sich wohl mit Plänen, sich ganz aus dem Geschäft zurückzuziehen, bevor er das Ausmaß der finanziellen Möglichkeiten erkannte, die ihm seine russischen Handelskontakte im Wirtschaftsboom der Reichshauptstadt boten. Nach schweren Verlusten, die ihm der Konkurs seines Schwiegervaters Jacob Bernstein 1885 zufügte, wurde Borchardt Senior 1898 Teilhaber der Berliner Bank Breest & Gelpcke. Nach der Fusion mit der Berliner Handelsgesellschaft im Besitz von Carl Fürstenberg und Hermann Rosenberg war er Mitglied in deren Verwaltungsrat.[8] Abb. 9: Gründerzeit-Klassizismus: Fassadenentwurf für das Haus Kronprinzenufer 5 Für eine solche Bankierskarriere hatte Robert Martin Borchardt die Wohnung am Kronprinzenufer 5 richtig gewählt.[9] In unmittelbarer Nähe zum 1885 begonnenen Reichstagsbau, schräg gegenüber vom heutigen Hauptbahnhof am Südufer der Spree im sogenannten «Geheimratsviertel» gelegen, verband das 1872/73 errichtete Mietshaus die Vorzüge einer zentralen Lage mit dem Anspruch eines gehobenen gesellschaftlichen Status. Noch einige Jahre später lässt Fontane in seinem Roman Stechlin den Grafen Barby mit seinen Töchtern Armgard und Melusine nur einige Häuser weiter in derselben Straße wohnen. Die Zwölfzimmerwohnung der Borchardts im zweiten Stock (unter ihnen wohnte zeitweise der Adjutant des Kronprinzen Friedrich)[10] zeigte den typischen Schnitt Berliner Wohnungen aus jener Zeit: An drei repräsentative Zimmer zur Straße bzw. zur Spree schloss sich ein sogenanntes Berliner Zimmer an, ein nur unvollständig durch ein Hoffenster erhellter, als Speisezimmer genutzter umfangreicher Raum, der bei Bedarf mit dem davor liegenden Gesellschaftsraum zu einem regelrechten Tanzsaal erweitert werden konnte. Hier wie in den anderen Vorderräumen war Parkett ausgelegt – eben jenes Parkett, das vor jeder größeren Veranstaltung von einem Lohndiener auf zwei Bohnerbürsten aufpoliert wurde[11] und auf dem der fünfjährige Knabe gleich beim ersten Betreten ausgeglitten war.[12] Abb. 10: «Die Räume brachen im rechten Winkel»: Grundriss des 1. und 2. Stockwerks im Haus Kronprinzenufer 5 «Die Räume brachen im rechten Winkel»,[13] heißt es in Borchardts fragmentarischer Lebensbeschreibung, um die Grenze zu markieren, die zwischen dem vornehmen vorderen Bereich und der dahinterliegenden Welt der Kinder, des Personals und der vom Autobiographen nicht erwähnten gleichfalls zum Haushalt zählenden Schwestern der Mutter bestand. Denn die Kinder verteilten sich auf die Räume zum Hof, die sich an einem langen bis zum Hinterhaus reichenden Korridor aneinander reihten, und hatten zu den Gesellschaftsräumen nur bei besonderer Aufforderung oder einem gemeinsamen Essen Zutritt. Umgekehrt betrat der Vater nach dem Zeugnis von Borchardts Schwester Vera nie die hinteren Räume, und auch die Mutter war daraus, «wenn sie gelegentlich hereinsah, […] schnell wieder verschwunden»: «Ich kann mich nicht besinnen, dass die Mutter sich im Kinderzimmer richtig hingesetzt hätte.»[14] Im trüb beleuchteten Hofzimmer erhielt Rudolf auch den vorbereitenden Unterricht durch einen Privatlehrer namens Schauer.[15] Man hat Borchardts Autobiographie mit Walter Benjamins Berliner Kindheit um 1900 verglichen, weil auch dort der Versuch gemacht wird, an topographischen und architektonischen Details die Prägung des Kindes durch (klassen)gesellschaftliche Faktoren sinnbildlich hervortreten zu lassen.[16] Auch an Kafka wäre zu denken, der gleichfalls Gegebenheiten der elterlichen Wohnung als Ausdruck seiner Unterwerfung unter die Herrschaft des Vaters interpretiert. Im gleichen Sinn spricht Borchardt in seinen Erinnerungen vom «Jahrzehnt der Väter»[17] – in bewusster Abgrenzung von der reformpädagogischen Ausrufung eines «Jahrhunderts des Kindes» durch Ellen Key 1902. Die Macht des Patriarchats der Bismarck-Ära zeigt sich bei ihm nicht nur in der durch die Anlage der «herrschaftlichen» Wohnung unterstrichenen väterlichen Verfügungsgewalt – man denke etwa an seine Erzählung, wie der Knabe in das sonst nie betretene Arbeitszimmer des Vaters zitiert wird, um von diesem zu erfahren, dass er vom nächsten Tag an der Aufsicht eines Hauslehrers unterstellt wird.[18] Sie zeigt sich auch strukturell darin, dass sich das Bild der Eltern in Borchardts rückblickender Darstellung ausschließlich auf den Vater reduziert. Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt (1926/27) ist wohl die einzige moderne Lebensbeschreibung von Gewicht, die der (beim Erscheinen noch lebenden) Mutter keinerlei Erwähnung gönnt! Die «bösen, harten Augen», die Borchardt ihr noch in einem Brief von 1919 zuspricht,[19] sollten keinen Eingang in sein Werk finden. Er begab sich dadurch auch der Möglichkeit, auf die Vorfahren und Verwandten der Mutter hinzuweisen, deren Name in der Berliner Kultur- und Kunstgeschichte einen guten Klang hat. So gründete Rose...