E-Book, Deutsch
Spogis Inselmord
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98637-599-7
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Nordsee-Thriller
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-98637-599-7
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Albtraum Juist – In dieser Klinik ist nichts so, wie es scheint …
Der spannende Küsten-Thriller mit Gänsehautgarantie
Ohne Job, frisch getrennt und seelisch am Ende scheint die Dunenburg-Klinik auf der Insel Juist für Journalistin Ella Brandt die letzte Rettung zu sein. Doch hinter den Fassaden der Klinik geht etwas Unheilvolles vor sich. Gerade als Ella beginnt sich auf die Therapie einzulassen, wird eine Patientin tot aufgefunden: Selbstmord. Als eine weitere Patientin in der Nordsee ertrinkt, kommen Ella immer mehr Zweifel, ob in der Klinik alles mit rechten Dingen zugeht. Mit Hilfe von Lysander, einem der Patienten, geht sie der Sache auf den Grund und begibt sich dabei selbst in Lebensgefahr. Denn sie könnte bereits das nächste Opfer eines perfiden Killers sein …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Romans Burnout – für immer auskuriert.
Erste Leser:innenstimmen
„Thriller mit Kliniken sind einfach die besten!“
„Einmal angefangen, konnte ich das Buch nicht mehr zur Seite legen.“
„Wahnsinn – im wahrsten Sinne des Wortes!“
„Spannung pur, sprachlich hervorragend und daher eine ausdrückliche Leseempfehlung.“
„Ich habe total mit Ella mitgefiebert!“
Alice Spogis, geboren im Jahr der Mondlandung und aufgewachsen im Ruhrgebiet, ist gelernte Juristin, hat die Robe jedoch fürs Schreiben an den Nagel gehängt. Nach ihrer anschließenden Ausbildung zur Journalistin war sie als PR-Fachfrau und Redakteurin, unter anderem beim regionalen Fernsehen und als Chefin eines Printmagazins tätig. 2006 stieß sie zu der Autorenvereinigung 'Mörderische Schwestern'. Mit dem Erfolg der Erstveröffentlichung ihres Thrillers kamen die Mitgliedschaft in der größten deutschsprachigen Krimiautor:innenvereinigung 'DAS SYNDIKAT' und die Leitung eines Krimistammtisches hinzu. Seitdem arbeitet sie ausschließlich als freie Autorin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel
Montag, 13. Juni
Intercity 2206 von Münster/Westfalen nach Norddeich/Mole
Mein Leben ist ein Acker voller Tretminen. Eine davon geht gerade hoch.
»Jemand zugestiegen?«
Grünschattierungen rauschen an mir vorbei wie ein monotoner Refrain. Felder, Hecken, Bäume. Ich nehme sie nicht wahr, erlebe sie nur als Kulisse für meine Gedanken. Alles verloren, flüstern sie. Immer wieder, einem Mantra gleich. Als wüssten sie nicht, dass ich es längst begriffen habe. Den anderen Reisenden kann ich mit dem Blick aus dem Fenster entkommen, mir selbst nicht.
Langsam wende ich mich von der Landschaft ab, durch die ich seit einer Viertelstunde hindurchstarre. Der Schaffner kämpft noch mit der Abteiltür. Sie hakt in der Mitte, und es bereitet ihm Mühe, seinen massigen Körper durch den Spalt zu zwängen. Kaum hat er es geschafft, ist mir, als schrumpften Raumvolumen und Atemluft um die Hälfte. Mein Nacken beginnt zu kribbeln. Eine leise Panik schleicht sich von dort an. Es ist das Gleiche wie mit Aufzügen. Enge will Flucht.
Seine Frage hängt noch in der Luft und löst geschäftiges Kramen in Jackentaschen und Handgepäck aus. Das reißt mich aus der Starre. Mit schweißfeuchten Fingern durchwühle ich meinen Rucksack nach dem gefalteten Papier und ertaste – nichts.
Hitze schießt mir in die Ohren. Himmel, das darf nicht wahr sein. Ich habe den Wisch eben noch eingepackt.
»Fahrschein«, blökt es zu mir herunter.
Jaja, ich suche doch.
Eine Schrecksekunde glaube ich, das war’s. Dann finde ich den Zettel und halte ihn hoch. Er klebt so sehr an meiner Hand, dass der Schaffner ihn mir förmlich wegreißen muss.
»Ihre Legitimation«, sagt er, ohne mich anzusehen, und ich reiche ihm meinen Personalausweis nach.
»Der interessiert mich nicht. Ich will Ihre Legitimation. Ihre Kreditkarte.« Jetzt sieht er mich mit hochgezogenen Brauen an. Um mich herum wird es ganz still.
»Das Plastikding, mit dem Sie Ihre Fahrkarte bezahlt haben!«, fügt er hinzu, als würde ich schlecht Deutsch verstehen.
»Ich … ich habe das Ticket bezahlt. Im Internet. Sonst hätte ich es ja gar nicht ausdrucken können.«
Er verdreht die Augen. »Können Sie nicht lesen? Steht doch unten drauf. Wenn Sie bei der Buchung angegeben haben, dass Sie sich mit Ihrer Kreditkarte identifizieren wollen, müssen Sie die auch mitführen.«
»Wozu? Der Ausdruck ist der Beweis!«
Er sieht durch mich hindurch aus dem Fenster, dann fixiert er mich. »Wenn Sie mir Ihre Kreditkarte nicht zeigen, ist das Ticket ungültig.«
Mir fällt nichts ein, was ich dazu sagen könnte. Die Mastercard liegt zu Hause, in der Nische hinter dem Kühlschrank. Ich war mir sicher, dass ich sie dort, wohin ich gerade unterwegs bin, nicht brauchen würde. Das Kleingedruckte meines ersten Onlinefahrscheins habe ich glatt übersehen. Früher wäre mir so was nicht passiert. Früher, das war vor drei Monaten. In einem anderen Leben.
»Ts.« Er seufzt tief und unterstreicht es mit einem ausladenden Kopfschütteln.
Wortlos sehe ich ihn an.
Das scheint ihn herauszufordern. Seine Haltung strafft sich, und der Ausdruck in seinen Augen wird hart. »Zwei Möglichkeiten. Entweder Sie zahlen jetzt hundertsieben Euro, oder der nächste Halt ist für Sie Endstation.«
Etwas in mir regt sich. Ein Rest Widerstand und das Wissen, dass ich bloß schlappe achtzig Euro bei mir habe – als Reserve für besondere Ausgaben.
»Das sehe ich nicht ein. Ich habe einen bezahlten Fahrschein!«
Der Schaffner macht einen Schritt auf mich zu. Ich versuche, an ihm vorbei Luft zu holen. Ausweichen kann ich nicht. Das Abteil ist voll besetzt, und der ganze verdammte Intercity gleicht schon am Vormittag einer Pressfleischkonserve, die in der Sonne schmort.
Ich muss diesen Zug nehmen, wenn ich mich retten will.
Der Fahrscheinsheriff zuckt mit den Augen und versucht, eine Schweißperle zu ignorieren, die ihm über Stirn und Schläfe an der Wange hinunterläuft, kurz am Kinn verharrt und dann ihren Weg Richtung Kragen nimmt. Es ist nur ein Moment der Irritation, doch irgendwie untergräbt das seine Autorität. Sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass er mich dafür bestrafen wird.
»Okay. Sie stehen jetzt sofort auf und packen Ihren Kram zusammen. In zehn Minuten sind wir in Rheine. Das war’s dann, verstanden?«
»Oder was?«
»Oder es setzt eine Anzeige.«
Ich mache den Fehler mich zurückzulehnen. Ein Stich durchfährt mich. Sofort wird mir übel vor Schmerz. Ich fluche innerlich und keuche. Das Einzige, was ich provoziert habe, ist das Aufreißen meiner äußerst unpraktisch gelegenen Wunde. Eine schwache Entgegnung ist alles, was ich zustande bringe.
»Sie wissen ganz genau, dass ich den Fahrschein bezahlt habe. Ist Ihnen das denn noch nie begegnet? Menschen? Die ihre Kreditkarte vergessen haben, weil sie in Gedanken ganz woanders sind?«
Er zückt die Keule der Paragrafen reitenden Handlanger mit zynischem Grinsen. »Wir haben unsere Vorschriften.«
Er hat mich. Er weiß es.
Im Abteil wird es unruhig.
»Das können Sie nicht machen!«
»Sie sehen doch, dass es der Frau nicht gut geht!«
»Gibt es denn keine andere Lösung?«
Wäre ich nicht so abgeschnitten von der normalen Welt, würden mich die Versuche meiner Mitreisenden rühren.
So blicke ich nur weg. Draußen vorm Fenster ziehen Kornfelder mit leuchtenden Mohntupfern vorbei. Vögel stürzen sich durch das Flimmern der Hitze über den Ähren. Mein Hirn versucht krampfhaft, die schweißgetriebenen Ausdünstungen um mich herum in den Geruch des Sommerbodens zu verwandeln. Würzig. Von der Wärme getragen. Die Fenster sind jedoch verriegelt, lassen nichts durch. Wie meine Kapsel.
Ich sage nichts mehr. Mit Kleingeistern zu diskutieren, ist aussichtslos. Die Appelle der anderen prallen daher auch wirkungslos an dem Mützenträger ab.
»Also, was ist jetzt?« Ohne jede Gnade lässt er mir die Wahl. »Rausfliegen oder zahlen. Bar oder Kreditkarte.«
Am liebsten würde ich ihn mit seiner roten Krawatte am Zugende festbinden.
»Ich habe keine Kreditkarte dabei.«
»Dann Euros.« Seine Lippen vibrieren.
»Mein Bargeld reicht nicht.«
In seinem Blick sehe ich Triumph und vor meinem geistigen Auge das Ende meiner Reise, bevor sie richtig begonnen hat. Müde lege ich den Kopf in die Hände.
Lütje Teehuus, Januspark, Juist
Lysander Falk sitzt vor seinem Japan Sencha Extra Fine und müht sich trotz seiner Verfassung, dem grünen Tee den vollmundigen Charakter abzuringen, den die Karte verspricht. , soll er sein. Wie gern würde er das auch von sich behaupten. Stattdessen kann er nicht umhin, missmutig aus dem Fenster zu sehen. Die Sonnenterrasse ist gut gefüllt, was angesichts der Außentemperatur kein Wunder ist. Sie erinnert ihn an einen sommerlichen Vormittag in Spanien, an eine Zeit, die so unbeschwert war, dass es ihm heute vorkommt, als hätte er sie nur geträumt. Deswegen sitzt er auch drinnen, in der Stube. Weil er das Licht nicht erträgt und auch nicht das Lachen der anderen, die sich ihren Aufenthalt auf der Insel mit rechtschaffener Arbeit verdient haben. Und weil er sich verstecken muss, bis er die Kraft hat, sich ihrer Weltsicht entgegenzustemmen. Bei dem Gedanken lacht er bitter auf und wendet sich wieder dem mit seinen hellblauen Akzenten urig gestalteten Inneren des zu. Verborgen im Januspark ist das historische Insulanerhäuschen genau der richtige Ort, um sich zu verkriechen, ein wenig verwunschen und anheimelnd.
Der Mann am Tisch schräg gegenüber hat sich vom Treiben hinter der Scheibe abgewandt und hockt mit krummem Rücken vor seinem Matjes, den er mit so viel Argwohn fixiert, als könnte er ihm noch im letzten Moment vom Teller springen. Fast macht es den Eindruck, als wünschte sich der Typ das sogar. Gesunder Appetit sieht anders aus.
Zum x-ten Mal rührt Lysander in seiner Tasse und sieht zu, wie der andere mit fahrigen Bewegungen zu essen beginnt. Dabei ist der mürrische Fischfreund so angestrengt darauf bedacht, den Mund zu treffen, dass er ihn nicht bemerkt. Auch nicht die aufmerksamen Augen des schrankbreiten Kerls im Rollkragenpulli, der sich ihm gerade von der Seite nähert.
»Seit wann sitzt du aufm Trocknen?« Der Bullige knallt ihm ein Bier neben die Hand. Ein Geruch nach Pferd nimmt mit ihm Platz.
»Moin, Berno, alles im Lot?« Der Matjesmann stochert in seinen Bratkartoffeln herum.
Lysanders Tee ist plötzlich uninteressant. Halb verbirgt er den Kopf hinter der Speisekarte und tut so, als würde er das Angebot studieren.
»Nee, keen Stück.« Berno leert die goldschimmernde Flüssigkeit in seinem Glaskrug fast bis zum Grund. Er wartet, bis die Bedienung herüberschaut, und macht mit den Fingern ein V in ihre Richtung.
»Heute is wieder Döskopptag an der . Gefällt mir nich.«
»Hm.« Der Matjesmann nickt und schaut auf die Pfütze im Glas seines Kumpels. Er schnauft ein wenig zu übertrieben. »Apfelschorle. Mannomann. Wenn du schon Pause machst, kannst du ja wohl auch mal ’n Bier trinken.«
»Nö«, sagt Berno. »Wenn man jeden Tag im Jahr Bereitschaft hat, darf man sich schon mal ’ne Auszeit mehr nehmen. Aber Alkohol ist ’ne andere Hausnummer. Nix für mich jedenfalls.«
Sein Freund schiebt den nahezu unberührten Matjesteller von sich weg und verschränkt die Arme. »Jaja, du Aufpasswauwau. Don’t drink und fahr die Kutsche. Wann kommen denn deine Festlandjungs zur Saisonverstärkung?«
»In einer Woche. Hoffentlich ’n paar Gescheite diesmal. Man weiß ja nie, was die...




