Spinner | Alles war | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Spinner Alles war

Roman
erste Auflage 2017
ISBN: 978-3-85990-303-6
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-85990-303-6
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die kleine Sophie wächst vaterlos, dafür mit Mutter, Grosseltern und Haushaltshilfe im Dämmerlicht einer herrschaftlichen Wohnung im Zürcher Seefeld auf – und mit der stetigen Präsenz eines Trios von Onkeln, Vaters besten Freunden. Trotzdem schmerzt Sophie die Lücke, auf ihre Fragen nach dem unerklärlichen Verschwinden des Vaters erhält sie von ihrer Mutter nur ausweichende Antworten, ahnt Flunkereien und verliert sich in Fantasien.
Jahrzehnte später – Sophie hat sich längst in Rom niedergelassen – muss sie ihre kranke Mutter ins Pflegeheim bringen und die elterliche Wohnung auflösen. Erneut taucht sie in die Welt ihrer Kindheit ein, versucht dem ungelösten Rätsel und auch ihrem eigenen Leben auf die Spur zu kommen. Dabei enthüllt sich ihr Facette um Facette die Persönlichkeit der Mutter, die – nach aussen eine unemanzipierte Idealfrau der Fünfzigerjahre – zäh um ihren Lebenstraum kämpft.
Ein Buch, das packend die Annäherung der Tochter ans Geheimnis der Eltern erzählt und gleichzeitig ein Bild der Atmosphäre des damaligen Zürich und des heutigen Rom vermittelt.

Spinner Alles war jetzt bestellen!

Zielgruppe


alle


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


I Die Erinnerungen verfolgen mich, seitdem ich meine Mutter zum Arzt begleitete, der ihr Sauerstoff verschreiben sollte. Ihr Atem reichte kaum mehr aus, um die Treppen bis zu ihrer Wohnung zu steigen, schon nach wenigen Tritten musste sie stehen bleiben. Damals, nach dem Arztbesuch, kaufte ich mir drei bunte Schreibhefte, wie sie in Rom vor Schulbeginn überall ausliegen und begann damit, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Nach einiger Zeit liessen mich die Bilder wieder los, doch der gestrige Anruf meiner Mutter hat sie aufgeschreckt. Mir steigen Gerüche in die Nase nach Talkpuder, Bodenwichse und eingespritzter Wäsche, auf einer spärlich beleuchteten inneren Bühne sehe ich den Salon, den petit salon und Elsie, wie sie mit wiegenden Schritten durch den Korridor geht. Ein ganzes Heft füllte ich damals, nun nehme ich ein neues hervor, ein blaues, die Seiten hellgrau liniert. Damals begann der Schwindel. Schwindel, so erklärte mir meine Ärztin, sei ein bekanntes Phänomen, komme bei älteren Menschen häufiger vor als bei jungen, Ursachen seien selten zu finden. Untersuchungen? Sie winkte ab. Wozu? Der Schwindel ist gekommen und wird wieder gehen, wenn es an der Zeit ist. Stärken Sie Ihr inneres Gleichgewicht, forderte sie mich auf, verschrieb mir Gleichgewichtsübungen wie Zähneputzen auf einem Bein oder auf den Zehenspitzen stehend einen Punkt an der Wand zu fixieren. Seither lebe ich mit dem Schwindel, habe mir angewöhnt, mich festzuhalten, wenn ich mich bücken muss oder nach oben schaue, denn besonders dann wird das sanfte Schaukeln zu einem wilden Auf und Ab der Wände und des Bodens. Mir schwindelt, und ich denke an meine Mutter, die Schwindeln und Lügen unterscheidet. Sie selbst, so behauptet sie, schwindle ab und zu, lüge aber nie, gar nie – oder höchstens ganz selten. Schwindeln sei nicht so schlimm wie lügen, gleiche eher dem Flunkern. Wie, wenn mein Schwindel ein Schwindel wäre? Sie sind zu dritt, alle drei schwarz gekleidet, Kapuzenshirts, Turnschuhe, alle drei mit Stirnlampen, die ihre Gesichter im Licht verschwimmen lassen. Der Lärm hat mich geweckt, das Aufstemmen des Rollladens vermutlich, der schief vor dem eingeschlagenen Fenster hängt. Ich schaue zu, wie sie mit grossem Getöse die drei Spielautomaten der Bar aus dem Fenster werfen. Sie schrammen über den Fenstersims und krachen auf die Strasse. Die drei kümmern sich nicht darum, ob sie Aufsehen erregen oder nicht, ob ich und andere zuschauen oder nicht. Es ist kein Einbruch auf Zehenspitzen. Wir Zuschauer sind gut versteckt hinter dunklen Fensterscheiben. Wir würden sie sowieso nicht beschreiben können, das helle Licht über den Gesichtern lässt nicht einmal die Hautfarbe erkennen, die Kapuzen verdecken die langen oder kurzen, die blonden oder braunen Haare. Gross, schlank, gesichtslos, alle drei. Nun hauen sie mit Brechstangen auf die Automaten ein, um die Geldbehälter freizulegen. Keine Feinheiten bei diesem Überfall, es geht um Tempo. Als der Erste eine klingelnde Geldbüchse herauszieht, höre ich eine Polizeisirene. Gemächlich scheint sie sich zu nähern, es bleibt ihnen genug Zeit, die beiden anderen Behälter zu befreien. Ich stehe am Fenster, das Haus ein schwankendes Schiff. Seit der Schwindel mein ständiger Begleiter ist – seit sechs Monaten, seit sieben? – seither pflügt sich das Haus durch die römischen Strassen und ankert immer wieder an der Piazza Epiro. Drei Stockwerke unter mir hebt und senkt sich die Strasse, fügt der Szene ein sanftes Schaukeln hinzu, durch das sich die Männer – ich nehme an, es sind Männer – sicher bewegen. Schon sind sie weg, lautlos rennen sie in den schwarzen Turnschuhen nach rechts, nach links? So schnell sind sie verschwunden, dass ich nicht einmal die Richtung ihrer Flucht bemerkt habe. Sie lassen den verbogenen Rollladen zurück, das aufgebrochene Fenster. Das Polizeiauto hält an vor den zerstörten Spielautomaten, die die Strasse versperren. Zwei Männer steigen aus, einer weiss, einer schwarz, schauen sich um, nicken dem Mann zu, der aus einem Fenster Richtung Via Saturnia winkt und schreit: Nach links sind sie, nach links. Die Polizisten zucken mit den Schultern, keiner hat Lust, die drei Täter zu verfolgen. Der eine kickt einen Automaten mit dem Fuss an, wie um zu überprüfen, ob er noch lebt, der andere untersucht mit der Taschenlampe den aufgebrochenen Rollladen. Ein weiteres Auto hält an, der Barbesitzer, gestikulierend, sich die Haare raufend. Es ist das dritte Mal in vier Monaten. Während ich mir einen Kamillentee mache, höre ich dem Schnarchen von Zio Giuseppe zu, der vom Lärm nicht aufgewacht ist. Mit dem Teebecher in der Hand schlüpfe ich ins ausgekühlte Bett. Zwei Uhr morgens. Einschlafen kann ich nicht, werde das Bild der drei gesichtslosen Männer nicht los, nicht die Helligkeit der Stirnlampen, die die Strasse abschnittweise erhellten, die Ecke beim Eingang zur Bar aus dem Halbdunkel hervorholten und das Innere kurz aufleuchten liessen. Die Brutalität des Überfalls hat mich erschreckt, auch wenn keine Menschen zu Schaden kamen. Wie wütend sie mit den Eisenstangen auf die Automaten einschlugen. Und der Gewinn? Zwei- oder dreitausend Euro, werde ich anderntags erfahren. Das ist alles. Am nächsten Morgen sind wir alle in der Bar, die ganze Nachbarschaft in Zio Giuseppes Stammbar, in der er Giusè genannt wird und die ich selten betrete. Verbrecher, sagt der eine, arme Schweine, der andere. Es waren dieselben wie letztes Mal, behauptet einer, der neben der Bar wohnt, und wiederum um dieselbe Zeit, zwei Uhr fünfzehn. Warum er nicht seine Waffe geholt habe, will der barista wissen, du hast doch eine, bist du ein Polizist oder nicht? Einmal Polizist, immer Polizist. Hättest du ihnen eins auf den Pelz gebrannt, sie kämen so schnell nicht wieder. Und ich wäre im Gefängnis, du weisst, wie es ist, Luigi, heute darfst du dich nicht wehren, wenn du einem Halunken ein Haar krümmst, bist du dran, auch wenn er dir gerade das Haus ausgeräumt und die Tochter vergewaltigt hat, nicht mal die Faust zeigen darfst du ihm. Erst wenn du tot bist, darfst du zurückschlagen, vorher nicht. I carabinieri, meldet sich der winkende Nachbar zu Wort, ich habe ihnen gesagt, wo sie hin sind, die Via Saturnia hoch und bei der Post rechts Richtung Piazza Tuscolo, doch denen war das scheissegal, die standen einfach herum und taten überhaupt nichts, nicht mal die Automaten wegräumen, einfach nichts. Angst haben die, sagt ein anderer, Schiss, oder aber sie machen gemeinsame Sache mit den Einbrechern. Auch das ist möglich. Für die wenigen Tausend Euro? Aber sicher, heute macht jeder die hohle Hand, selbst für lumpige fünfzig Euro. Wir alle nicken. Auch die Polizisten sind längst nicht mehr über alle Zweifel erhaben, niemand ist es in diesem Land, in dem uns der Ministerpräsident vormacht, wie man am effizientesten in die eigene Tasche wirtschaftet. In der nächsten Nacht schlafe ich schlecht. Im Halbschlaf folge ich dem Licht einer Stirnlampe, das mich durch die elterliche Wohnung führt, die geheimen Ecken ausleuchtet neben dem Wandschrank, meine geliebten Fauteuils aus dem Dunkel holt. Eines Tages waren sie verschwunden, ersetzt durch Onkel Leibs schwere Ledersessel, die sich kalt anfühlten. Die Lampe holt Dinge hervor, keine Menschen. Das schwere Buffet im Esszimmer mit seinen mit Wildleder ausgelegten Besteckschubladen, die steiflehnigen Stühle, Mamas eleganter Schreibtisch – ein Geschenk von Papa, sagte Onkel Leib – und ihre Schminkkommode mit der Glasplatte, unter der ein Häkeldeckchen liegt. Auf dem Schreibtisch und der Kommode steht je eine einzelne Rose in einer schmalen Vase. Bücher werden beleuchtet, Buchtitel, »Anneli«, »Christeli«, »Vreneli««und die beiden Bände der »Turnachkinder«, die Bücher meiner Jugend, das mehrbändige Schweizer Lexikon in braunem Leinen, Buchrücken um Buchrücken leuchtet auf und erlischt. Was neben dem Licht der Lampe liegt, fällt in so tiefes Schwarz, dass ich es nicht sehen kann, vielleicht nie mehr. Ich bin eine Einbrecherin, eine Täterin, die in ihre Kindheit und Jugend einbricht, die nur das sieht, was ihr das Licht auf der Stirne zu zeigen gewillt ist. Der gestrige Anruf meiner Mutter hat mich in dieses verschattete Reich geführt, und ich bin unsicher, was ich hier soll, jetzt, als bald sechzigjährige Frau. Die Wohnung sei ihr gekündigt worden, sagte meine Mutter am Telefon, sie müsse in wenigen Monaten ausziehen, was sie nun tun solle? Diese Kündigung ängstigt mich ebenso wie sie. Wohin mit einer alten Frau, die vom Sauerstoff abhängig ist und immer mehr Pflege benötigt? Mein Traum verfolgt mich durch den Tag. Wie wird es sein, die Wohnung zu räumen, die in meinem Leben einen sicheren Ort darstellte, auch wenn ich selten dahin zurückkehrte? Woran werde ich denken, wenn das Stubenbuffet aus dem Haus getragen wird, die Betten und meine Mutter, deren Atem nicht einmal mehr ausreicht, die Treppen hinunterzugehen? Schreibend ist mir einiges in den Sinn gekommen, das ich sie fragen möchte, wenn ich auch nicht glaube, dass ihre Erinnerungen den meinen gleichen, dass ihre...


Spinner, Esther
Esther Spinner, *1948, lebt als freie Schriftstellerin in Zürich und Italien. Sie veröffentlicht seit 1981 Romane, Kinderbücher und Essays, zuletzt Lamento (edition 8, Zürich 2008) und das Anagramm-Buch Allerlei an Monden zapfelt (edition 8, Zürich 2016).

Esther Spinner, *1948, lebt als freie Schriftstellerin in Zürich und Italien. Sie veröffentlicht seit 1981 Romane, Kinderbücher und Essays, zuletzt Lamento (edition 8, Zürich 2008) und das Anagramm-Buch Allerlei an Monden zapfelt (edition 8, Zürich 2016).



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.