Spieker | Übermorgenland | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Spieker Übermorgenland

Eine Weltvorhersage
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-03848-520-9
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Weltvorhersage

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-03848-520-9
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Welt ändert sich. Und nirgendwo so radikal wie in Asien. Als Leiter des ARD-Studios Neu Delhi hat Markus Spieker vier Jahre von den Frontlinien des Wandels berichtet: in einem Gebiet rund um Indien, in dem fast zwei Milliarden Menschen leben. Er ist durch Afghanistan gereist, durch Rohingya-Flüchtlingscamps gelaufen, hat sich aber auch in den Hightech-Metropolen Shanghai, Singapur und Seoul umgesehen. Jetzt kommt er zurück mit einer schlechten Nachricht: Wir werden im Weltvergleich immer weniger, immer älter, immer bedeutungsloser. Vor allem viele Führungskräfte sind von gestern, gefangen im Irrglauben, dass das Beste der 80er und 90er auch das Beste von heute ist. 'Die Eliten und Institutionen von heute gründen sich auf die Ideen von gestern und sind deshalb unfähig, die Probleme von morgen in den Griff zu kriegen', schreibt Spieker. Doch er hat auch eine gute Nachricht: Wir können wieder Spitze werden, krisenfester und glücklicher. Wenn wir die Nabelschau beenden, unsere schrulligen Multikulti- und Gender-Debatten ad acta legen und uns stattdessen den globalen Herausforderungen stellen. Spieker präsentiert zwanzig Top Trends der Weltentwicklung, darunter einige überraschende: Trotz aller Schwierigkeiten wird die Sicherheitslage insgesamt besser, nimmt das Bildungsniveau weltweit zu. Nichts boomt so sehr wie die Religionen, allen voran das Christentum. In einer Zeit, in der sich alles ändert, zählt das Bleibende und ist Tradition der neue Fortschritt. - Eine rasante Zukunftsschau, die nicht auf Theorien beruht, sondern auf Erste-Hand-Begegnungen rund um die Welt.

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2. Sorry, aber wir sind gerade mit uns selbst beschäftigt



Was habe ich gelacht damals. 1998 brachte der Comedian Rüdiger Hoffmann eine CD heraus. «Asien. Asien.» Eine spöttische Auseinandersetzung mit dem Asien-Hype, den es damals schon gab. Wirklich daran geglaubt, dass China und seine Nachbarn uns eines Tages überholen würden, haben außer dem 2015 verstorbenen Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt aber die wenigsten.

Wer nach Peking und Shanghai reiste, kam mit Uhren und DVD-Raubkopien im Gepäck zurück. Und mit der Gewissheit: Die sind noch lange nicht so weit.

Inzwischen ist uns das Lachen vergangen. Viele asiatische Länder ziehen an uns vorbei – zumindest architektonisch. Neun der zehn höchsten Gebäude der Welt befinden sich östlich des Bosporus, dazu viele andere Beton-, Stahl- und Glas-Extravaganzen.

Wer Doha besucht, die Hauptstadt des Golf-Staats Katar, kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Wer hat sich diese Zick-Zack-Türme, diese Ostereier-Hochhäuser ausgedacht, und wer hat das Geld dafür ausgegeben?

Mein futuristischer Lieblingsbau steht in Dubai, im Schatten des (momentan) weltweit höchsten Gebäudes, des Burj Khalifa. Von dessen Aussichtsplattform kann man den «Dubai Frame» sehen, eine Art Triumphbogen, der wie ein Bilderrahmen aussieht, hundertfünfzig Meter hoch.

Für mich hat der Rahmen eine symbolische Bedeutung. Statt des Abendlands rückt neuerdings das Morgenland die Dinge ins Bild, setzt die Maßstäbe, gibt Orientierung. Das Momentum, die Dynamik, das größte Wachstumspotenzial liegen im Osten. Fast zwei Drittel der Weltbevölkerung leben in Asien. Zählt man Istanbul dazu, befinden sich neun der zehn größten Städte der Welt auf diesem Kontinent.

Aber es kommt ja nicht nur auf die Größe an.

Eher bescheiden sind die Ausmaße der Wolkenkratzer in Singapur, sechstausend Kilometer weiter östlich. Der Stadtstaat am Äquator wurde zur «Smartest City» weltweit gewählt. Nirgendwo ist die Infrastruktur moderner, sind die Verkehrsmittel besser aufeinander abgestimmt, ist der Wohlstand größer. Ein riesiger Einkaufstempel mit den führenden Luxusläden reiht sich an den anderen. Und im Nationalmuseum erklärt der Staatsgründer Lee Kuan Yew (1923–2015) in einem Video aus dem Jahr 1965 das nationale Ziel: Man wolle ein multikulturelles Musterland werden.

Das ist gelungen, wenn auch um den Preis erheblicher Freiheits-Einschränkungen und drakonischer Strafbestimmungen. Für Drogenschmuggel gibt es die Todesstrafe, für Graffiti-Schmierereien Prügel, für Kaugummi-Einfuhr Gefängnis oder eine hohe Geldstrafe. Singapur gilt, gerechnet auf das Pro-Kopf-Einkommen und die Lebenshaltungskosten, als reichste Stadt Asiens und als teuerste Stadt der Welt.

Wer sich davon nicht vor Ort überzeugen will, kann das stattdessen im Kino tun. Singapur ist der Schauplatz eines der erfolgreichsten Kinofilme des Jahres 2018: «Crazy Rich Asians». Wie der Name verrät, geht es um obszön wohlhabende Asiaten, die eine dekadent opulente Hochzeit feiern.

Der Vorspann der knallbunten Komödie spricht für sich: Rückblende in die neunziger Jahre. Eine Chinesin betritt in London ein Luxushotel und will die für sie reservierte Suite beziehen. Der Rezeptionist kann die Buchung nicht finden und schlägt ihr stattdessen herablassend vor, im Stadtviertel Chinatown nach einem Zimmer zu suchen: «Das passt bestimmt besser für Sie.»

Die Chinesin hat eine andere Idee. Sie geht kurz vor die Hoteltür, erledigt einen Anruf, kauft das Hotel.

Szenen wie diese haben den Film vor allem bei Asiaten zu einem Riesenhit werden lassen. Sie sind stolz darauf, es den arroganten Schnöseln im Westen zu zeigen.

Ein paar Filmszenen später folgt, zumindest für westliche Zuschauer, die nächste Zumutung. Wir sehen die stolze Hotel-Käuferin in ihrem Palast in Singapur. Sie trifft sich mit anderen wohlhabenden Frauen – zum Bibelkreis. Gemeinsam studieren sie die Paulus-Briefe. Die Szene entspricht der Wirklichkeit: Christen bilden in Singapur die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Im teuren Zentrum der Metropole gibt es ebenso viele Kirchen wie Shopping-Malls.

Singapur ist da keine Ausnahme. Auch in anderen asiatischen Ländern boomt das Christentum, vor allem in Südkorea, aber auch in China. Dort gibt es mittlerweile mehr Christen als in Deutschland. Nicht nur finanziell, auch christlich-spirituell läuft Asien dem Abendland den Rang allmählich ab.4

Technologisch sowieso.

Im Spätsommer 2018 habe ich Shanghai besucht. Schon die Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt hat mich schwer beeindruckt. Mit 301 Stundenkilometern schießt der Transrapid durch die Vororte. Theoretisch könnte der Zug noch 130 km/h zulegen, aber dafür ist die Strecke zu kurz.

Als ich aussteige, bin ich umzingelt von Wolkenkratzern, von denen der «Shanghai Tower» mit 632 Metern am höchsten ragt. An den Straßenlaternen hängen Plakate für die große «Künstliche Intelligenz»-Weltkonferenz, die gerade stattfindet. Ich habe leider keine Zeit, selbst hinzugehen.

Und wie sieht es bei uns aus?

Auf meinem Handy schaue ich nach, welche Nachrichten die Kollegen in der deutschen Heimat beschäftigen. Es gibt mal wieder Riesen-Zoff in der GroKo. Der Streit um den Noch-Verfassungsschutzchef Maaßen spitzt sich zu. Es geht um sein zukünftiges Gehalt, um die hundertfünfzigtausend Euro im Jahr, ein paar Tausend Euro mehr als vorher. Die Aufregung ist groß. Die Diskussionen darüber, wie er künftig eingruppiert werden soll, wird die deutsche Nation tagelang in Atem halten.

Von der Künstliche-Intelligenz-Konferenz lese ich dagegen nirgendwo etwas. Auch nicht davon, dass die Stadt Shanghai in den nächsten Jahren fünfzehn Milliarden Euro für die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz ausgeben will.

Und China ist gerade in Spendierlaune. Ich erinnere mich an eine Schlagzeile, die erst ein paar Wochen her ist: Da hat die Regierung in Peking für Projekte in Afrika insgesamt sechzig Milliarden Dollar lockergemacht.

Wir beschäftigen uns lieber mit uns selbst. Auch wenn es krass klingt: So führen sich Verlierer auf. Selbstbezogen und blind für das, was sich draußen zusammenbraut. Wenn wir uns vor äußeren Bedrohungen fürchten, dann vor den falschen. In der aktuellen Rangliste der «Ängste der Deutschen» stehen der amerikanische Präsident Donald Trump und seine Weltpolitik ganz vorne.5 Die Leute plappern hier die Phantom-Ängste nach, die ihnen von den Medien souffliert werden.

In Wirklichkeit werden unser Wertesystem und unser wirtschaftlicher Wohlstand von ganz anderer Seite bedroht. Das habe ich jedenfalls in vielen Gesprächen mit hochrangigen deutschen Diplomaten gelernt. Sie sehen allesamt China als die größte Herausforderung. Sie zeichnen gleichzeitig ein differenziertes Bild des Fernen Ostens. Der ist nämlich bei Weitem nicht so einig wie Europa, im Gegenteil. Sämtliche Nachbarn Chinas fürchten das Reich der Mitte und setzen deshalb auf Bündnisse mit Europa und den Vereinigten Staaten.

Dass Asien unterschätzt wird, liegt auch an der Berichterstattung über den Kontinent. Hundert Tote in Afghanistan haben Vorrang vor einem Hundert-Milliarden-Euro-Investment der Chinesen. Ich habe bei meinen eigenen Beiträgen nicht genau nachgezählt, aber ich schätze, in den deutschen Nachrichtensendungen und auf den ersten Seiten unserer Tageszeitungen kommt «Terror Made in Asia» zehnmal öfter vor als «Business Made in Asia».

Umgekehrt würde es mehr Sinn ergeben. Denn scheiternde Staaten wie Afghanistan sind traurige Ausnahmen einer insgesamt boomenden, hochdynamischen Region, für die Experten ein «Zeitalter des Ehrgeizes»6 ausgerufen haben. Die Innovationen, die im asiatischen Raum geschaffen werden, die Energieströme, die hier freigesetzt werden, die Sogkräfte, die hier entstehen, werden uns massiv verändern – und unter Druck setzen.

Vielleicht wollen wir uns damit einfach nicht beschäftigen, weil diese Entwicklung uns nicht in den Kram und ins Bild passt.

Asien, zumindest ein großer Teil davon, macht uns verrückt, weil einerseits der technologische Fortschritt und der wachsende Wohlstand nicht zu leugnen sind. Und weil andererseits die Freiheitsrechte eingeschränkt werden und die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht. Der Fortschritt ist unübersehbar – aber er verläuft quer durch die bewährten Kategorien links und rechts, progressiv und traditionell, liberal und autoritär. Und wir kommen nicht mehr mit.

Eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte lautet: «Vergiss es, Jake, das hier ist Chinatown.» Damit endet der Krimi-Klassiker «Chinatown» (1974). Ein naseweiser Detektiv, gespielt von Jack Nicholson, muss erkennen, dass im asiatischen Teil von Los Angeles völlig andere Gesetze gelten und dass er mit seinen guten Absichten genau das Gegenteil erreicht hat. Ihm wird zum Verhängnis, dass er glaubt, sich auszukennen. Er hat damit denselben Fehler gemacht wie viele deutsche Idealisten, die dem Irrtum aufsitzen: Am deutschen Levitenlesen wird die Welt genesen.

Doch im Rest der Welt ist das Interesse an Moralin der Marke «Made in Germany» gering. Die Musik, nach der global getanzt wird, kommt eben zunehmend aus Asien und nicht aus Europa.

Das muss keine schlechte Nachricht für uns sein.

Erstens, weil Asien uns nicht als gegnerische Großmacht gegenübersteht. Dazu ist Asien viel zu heterogen und sind die dortigen Interessensgegensätze zu groß. Zwischen dem libanesischen Beirut und dem südkoreanischen Busan, zwischen dem kasachischen Astana und dem jemenitischen Aden gibt es viel Platz und...



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