Speed | Stieren des Weltdesigners | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Speed Stieren des Weltdesigners

Ein neurodivergenter Roman
3. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7407-1741-4
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein neurodivergenter Roman

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-7407-1741-4
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eines Tages droht der arbeitslose Konsument Timothy Speed der Firma Red Bull, vor ihrer Weltzentrale in Fuschl einen Stier zu töten, um die Menschheit wach zu halten. Diese wahre Begebenheit tritt eine Geschichte los, die aktueller und fantastischer nicht sein könnte. Speed wollte sich stellvertretend für das freie Individuum der Wirtschaft bemächtigen und zu einem neuen Arbeiter und Mitgestalter werden. In einem Europa der Vielfalt. Entstanden ist daraus ein Roman über Menschen, die sich den einfachen Lösungen verweigern und für das Leben entscheiden. Ein politisches und hoch brisantes Buch über die stille Ahnung, dass etwas mit unserer Welt nicht stimmt. Über die Macht des Individuums, die Bedrohung durch neue Formen des Faschismus, die unausgesprochenen Kriege und eine ganz neue Form der Kapitalismuskritik.

Timothy Speed (geb. 1973/England) ist Künstler, Autor und neurodivergenter Theoretiker. Als Autist mit ADHS lebt er das, worüber er schreibt - in Armut, in Konflikt mit Systemen, und mit einem Denken, das quer zum Mainstream steht. Seine Forschung ist provokant und tiefgreifend: für die Physik, für die Philosophie, für die Gesellschaft. In Selbstversuchen, Institutionenrecherchen und radikal verkörperter Theorie entwickelt Speed eine neue Sicht auf Bewusstsein, Realität und Macht. Im Zentrum steht die MNO-Theorie - ein Modell, das Nichtlokalität, Subjektivität und soziale Ordnung aus einer strukturellen Lücke ableitet. Aus der Ausnahme von der Regel. Speed betreibt keine Forschung über die Welt - er faltet sich hinein, lebt in ihr wie in einem offenen Labor. Seine Texte sind der Abdruck dieser Praxis: wild, präzise, unbequem. Was, wenn Realität nicht aus Dingen besteht, sondern aus dem, was zwischen ihnen fehlt? Was, wenn wir nur die Antwort auf eine Leere sind? Was bedeutet das für unsere Freiheit?
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Episode 1: Die verlorene Ordnung


1


2


»Wie lange willst du das durchhalten, Speed«, fragte Jane am Küchentisch, während sie Zwiebeln schälte und in kleine Stücke schnippelte. Es war kurz vor dem Abendbrot. »Diese andere Position. Sie ist doch sehr anstrengend. Wenn sich nun doch keine neue Ordnung zeigt? Es wäre umsonst, dass Du versuchst Dich zu verlieren, bis das Unbewusste hervor kommt.«

Ich sehnte mich nach einem Kindergeburtstag in den 80er Jahren. Vergilbte Neonfarben, Heimatfilm und ein Glas Milch mit Schokoladentorte. Später eine Folge der Augsburger Puppenkiste.

»Was meinst du«, fragte ich nichts Böses ahnend und fügte mit Superkleber die Zwiebelstücke wieder zusammen, bis es wie ein großer Würfel aussah.

»Dieses bedingungslose Ernstnehmen der Regeln«, erwiderte sie und schüttelte den Kopf.

»Der Mensch muss verdauen. Das wissen doch alle«, sagte ich und starrte mit ernster Miene die Zwiebeln an, während ich nachdenklich das Zwiebelgebilde drehte, welches nun entfernt an einen Zauberwürfel aus den 80er Jahren erinnerte.

»Aber doch nicht so«, meinte Jane schnippisch und schob einige der Stückchen beiseite, um sie anschließend in die Pfanne zu geben.

»Seit dem Gerichtsurteil halte ich mich strikt an die Regeln. Die Regeln sind die Wirklichkeit. Darum sind sie richtig. Wenn ich sie umsetze, kann mir nichts passieren.«

3


»Das Berlin, von dem Sie vermutlich gehört haben, ist das Berlin in dem Investoren leben, Ausländer und junge Kreative, zwischen Baulücken, in Wagenburgen oder teuren Loftwohnungen im Prenzlauer Berg«, trug ich anschließend einem jungen Journalisten aus Sachsen vor, der seit zwei Stunden in unserer Küche saß. Er hatte von unserer letzten Aktion gelesen, interessierte sich anders als viele seiner Altersgenossen für eine Gruppe von Kreativen und politischen Einzelgängern, die ein ungewöhnliches Selbstbewusstsein in sich trugen, trotz der prekären Lage. »Sie haben von den Museen gehört, von den edleren Straßen und den heruntergekommenen Vierteln der Studierenden und Randgruppen. Sie wissen schon, wie ich das meine?«

Da war etwas Hastiges an mir. Er schien mir nicht folgen zu können und trotzdem erwiderte er ungeduldig: »Ja, natürlich, und?«

Ich fuhr etwas genervt fort. Vielleicht weil ich mir das nicht antun musste und es eine undankbare Rolle war. Einen Moment hielt ich inne: »Nur selten aber spricht jemand von dem, was da ist, noch bevor man die Gebäude am Potsdamer Platz betrachtet oder sich zwischen den Studenten am Checkpoint Charly fotografieren lässt, die sich als Soldaten einer vergangenen Epoche verkleidet haben, um eine Karikatur der Geschichte zu spielen, die in China oder den USA wie der Sieg der Freiheit aussieht.

Noch ehe Sie im jüdischen Museum waren oder in der Kuppel des Reichstags werden Sie es deutlich spüren!

Diese allgegenwärtige Unruhe, diese Erosion, die Kreativität einer Abrissbirne, die nicht erschafft, sondern im Verbrauch, im Tanz der langen Nächte in den Berliner Clubs, im Zehren vom Image jener Überreste lebt, die Touristen und Gäste aus aller Welt hier hinterlassen haben. In Form von Erwartungen und Hoffnungen, die zu Zitaten geworden sind. Wer bin ich, wenn niemand mehr eine Utopie zu leben vermag, und alles schon da war und ich nur eine weitere Kopie davon bin? Ein Produkt.«

Er sah mich ungeduldig an und ich holte bewusst weiter aus, so als wäre es ein Vortrag und kein Gespräch.

»Berlin schafft vielleicht seit Jahrzehnten nichts Neues mehr aus sich selbst heraus, weil die Stadt sich selbst nicht zuhören, sich ihrer selbst nie bewusst werden kann. Wegen ihrer Größe und dem Fehlen eines inneren Kerns, ist sie verbannt, sich durch die Augen der Anderen zu sehen. Durch die Augen jener, die nichts selbst erfahren haben, sondern neu sind. Und wer neu ist, hält sich zunächst an die Regeln, bleibt an der Oberfläche, lebt wie ein unverbindlicher Nomade und vereinfacht die Dinge.«

»Es ist doch gut, wenn das Leben einfacher wird. Wo doch alle an der Krise leiden«, unterbrach der Journalist etwas erschöpft von meinem Monolog.

Er nahm mich noch immer nicht ernst, da ich vielleicht kindlich albern erschien, weil ich derart heroisch tat, mein Berlin ein symbolhaftes Berlin war, wie der Turm zu Babel und man sich im Prenzlauer Berg eher wissend reserviert gab. Nichts sollte einen Verdacht auslösen. Alle waren bemüht, die Dinge an ihrem richtigen Platz zu belassen.

Ich nahm die Plüschmütze mit dem Wildschweinkopf wieder ab und stöhnte: »Berlin ist entscheidend für jene, deren Schmerz es lindert, dass die Stadt der Freiheit in Mitten Europas tatsächlich existiert, wie ein Mahnmal, eine Versicherung, dass Europa die Dunkelheit besiegt hat. Eine Ausrede. Eine Identität. Keine Überraschung.«

Weil man doch in einer Spaßgesellschaft lebte, dachte ich. Darum vielleicht wollte ich ihn langweilen. Und als spreche ich durch ihn, als wäre er eine Marionette in meiner Welt. Das war nur konsequent, hatte ich mich doch entschieden, in diesem Experiment radikal die eigenen Verhältnisse darzustellen. Das Unbewusste zu leben. In der Absicht dadurch etwas Neues zu erfahren, mich zu befreien von der mörderischen Klarheit. Dies schien mir der einzige Weg, in einer scheinbar aufgeklärten Welt.

Ich fuhr fort und ignorierte sein Bedürfnis nach einem Punkt, nach einer klaren Relevanz, mit der man Geld machen konnte, oder einer simplen Erklärung, die witzig, kurzweilig und leicht zu verdauen wäre.

»Dabei ist es, als lebten wir in einem Reiseführer. Wir wissen, dass Berlin, dass der viel bessere Westen ein Fake ist, aber sind bereit alles zu akzeptieren, wenn wir nur ein normales Leben innerhalb einer...



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