Sparr | Grunewald im Orient | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Sparr Grunewald im Orient

Das deutsch-jüdische Jerusalem
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-946334-35-4
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das deutsch-jüdische Jerusalem

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-946334-35-4
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Rechavia - das ist das ?vierte Reich?, sozusagen, wo die deutschen Emigranten sich zu Israelis wandelten, beinahe Dahlemisch', schreibt Mascha Kaléko aus Jerusalem. Anfang der 1920er Jahre als Gartenstadt angelegt, wurde der Vorort vor allem ab 1933 zum Zentrum der deutschen Juden. Else Lasker-Schüler lebte hier, Gershom Scholem, Martin Buber, und ein lebhafter deutschjüdischer Mikrokosmos. Idyllisch gelegen, doch mit schwierigem Alltag, lag Rechavia im Fadenkreuz der lange geteilten Stadt; Gegenwart und Vergangenheit der Shoah lasteten auf seinen Bewohnern. Zugleich aber war dies der Ort deutsch-israelischer Annäherung. Thomas Sparr zeichnet in diesem Buch das bewegende Bild eines Viertels und der Menschen, die hier lebten.

Thomas Sparr war nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Hamburg, Marburg und Paris von 1986 bis 1989 an der Hebräischen Universität in Jerusalem und am dortigen Leo Baeck Institut tätig. Von 1990 bis 1998 leitete er den Jüdischen Verlag, war von 1999 bis 2004 Cheflektor des Siedler Verlags. Er lebt heute in Berlin und arbeitet als Editor-at-Large für den Suhrkamp Verlag.
Sparr Grunewald im Orient jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Rechavia als geistige Lebensform


Wer heute durch die schattigen Straßen Rechavias geht, entdeckt einen wohlhabenden Stadtteil im Westen Jerusalems, gepflegte Grünanlagen, stille Seitenstraßen, zwei viel befahrene Hauptstraßen, kleinere Cafés an den beiden Alleen, Ramban und Ben Maimon, einen Mini-Supermarkt und einen Blumenladen, eine Pension namens »Little House in Rehavia«, Kioske und ein Lottobüdchen, einen gut sortierten Buchladen an der Ecke, auf dem Spielplatz sieht man fromme Eltern mit ihren Kindern und hört sie Französisch sprechen. Das einstmals weltliche Rechavia zieht heute viele religiöse Familien an. Die Residenz des israelischen Premierministers ist die ehemalige Villa Aghion, 1938 erbaut von Richard Kauffmann.

Nur vereinzelt weist eine Tafel auf die Geschichte eines Hauses hin, wie an der Ecke Rambanstraße/Arlosoroffstraße, wo die Familie Bonem 1935/36 ein Wohnhaus von Leopold Krakauer errichten ließ. Der Architekt verband die funktionale Moderne des Bauhauses mit der einheimischen Architektur, die er im Land vorfand, eine Verbindung von schmucklosem Stein und orientalischen Mosaiken, von arabischem Landhaus und klaren Kuben mit einfachen, kleinen Fenstern, Türen und Balkonen, die das Rustikale offener und dynamisch werden lassen. Ein Patio mutet wie ein geschlossener Raum an und öffnet sich doch zum Himmel. Seit vierzig Jahren beherbergt das architektonische Kleinod eine Bank; die Terrassen, Balkone und der Garten sind nicht mehr erhalten, der Grundriss aber blieb, im Vestibül stehen heute Geldautomaten, in den Kassenraum hat man einige originale Möbel gestellt.

Auf den ersten Blick wähnt sich der Besucher in einem Bauhaus der frühen 1930er Jahre in Weimar oder Berlin. Das Fußbodenmosaik ist renoviert, Tafeln erzählen von der Geschichte des Hauses. Die Bank Leumi hat historische Umsicht und konservatorische Sorgfalt walten lassen. Eine Ausnahme in Rechavia, wo nur noch wenige Spuren an die Geschichte und Bedeutung des Stadtviertels erinnern.

Nicht weit von der Bankfiliale, der Villa Dr. Bonem, verfällt das Haus in der Abarbanelstraße 28, in dem Gershom Scholem über fünfundvierzig Jahre bis zu seinem Tod im Februar 1982 mit seiner Frau Fania lebte und ein Werk schuf, das die gelehrte Welt bis heute in Erstaunen versetzt und vor Rätsel stellt. Dem Nachbarhaus ergeht es nicht anders. Die Straßen – Binjamin Metudela, Saadia, Abarbanel, Alfasi, Alcharisi, Bartenura, Ramban – sind nach Gelehrten und Dichtern aus dem Spanien vor 1492 benannt und erinnern an die ersten Hausbesitzer Rechavias: wohlhabende und gebildete orientalische Juden.

Rechavia sollte als Gartenstadt nach europäischem Muster entstehen, großzügig angelegt, Gärten hinter den Häusern, davor schmalere Vorgärten, ein Quartier voller Bäume, Hecken, Blumen, mit Grünanlagen am Saum der Alleen, einladend weit, mit Parks ringsum. Es sollte Teil des – und der biblische Ton ist dabei nicht zu überhören – neuen Jerusalem sein.

»Das Wohnviertel Rechavia liegt an der Hauptstraße des neuen Jerusalem. Es ist Teil der Stadt selbst, liegt in der Nähe des Bahnhofs und des Einkaufszentrums«, heißt es über die Vorzüge des neuen Stadtviertels in einem Prospekt, den die Ansiedlungsgesellschaft 1930 verteilen ließ: »An seiner östlichen Grenze erstreckt sich die breiteste Straße Jerusalems, die King George Straße, die Rechavia mit dem Bahnhof und der Jaffa Straße verbindet, der Hauptverkehrsader der Stadt. Im Herzen Rechavias liegt die Ramban Straße, die direkte Fortsetzung der Mamilla Straße, die das Einkaufszentrum mit den zwei großen Hotels der Stadt, dem King David Hotel und dem Palace Hotel, der Hauptpost und dem Jaffa-Tor verbindet. An seiner nördlichen Seite ist Rechavia mit einer Reihe von hebräischen Wohnvierteln im Westen Jerusalems verbunden […] Rechavia ist eine Gartenstadt. Von jedem Grundstück werden zwei Drittel für Gemüse- und Blumengärten, für Anpflanzungen und freien Luftzug abgenommen. [Die Gartenstadt] zieht weite Kreise an, die durch ihre Geschäfte mit der Stadt verbunden sind und in einem Viertel mit Gärten und viel frischer Luft wohnen wollen.«

Als Thomas Mann seine berühmte Rede über Lübeck als geistige Lebensform aus Anlass der Siebenhundertjahrfeier vor den Honoratioren im Rathaus seiner spitzgiebeligen Heimatstadt hielt, entstand Tausende Kilometer entfernt ein Stadtviertel, auf das man das Attribut der geistigen Lebensform, der intellektuellen Verbindung, des Lesens, Schreibens, Forschens, der Musik und bildenden Kunst am ehesten anwenden kann: keine über Jahrhunderte gewachsene Stadtkultur, auf die der berühmte Sohn der Hansestadt mit Stolz und leiser Ironie zurückblickt, sondern eine Lebensform, die tradierte Muster der Weimarer Republik und der Kaiserzeit mitnahm und ihnen eine neue Form und neue Inhalte gab.

Ankunft der Architekten


Am 28. März 1921 schreibt eine junge Architektin aus Berlin an »Herrn Richard Kauffmann, Zionist Commission, Jerusalem«: »Sehr verehrter Herr Kauffmann! Durch meine Schwester Rosa Cohn erfahre ich, daß Sie Interesse daran haben, mit zionistischen Architekten, die für die Arbeit in Palästina in Betracht kommen, in Beziehung zu treten. Daß ich meinerseits ein ganz großes Interesse daran habe, mit Ihnen bekannt zu werden, ist begreiflich; dies ist der Anlaß meines Briefes.«

Es ist der Bewerbungsbrief von Lotte Cohn, mit dem sie Kontakt zu ihrem späteren Vorgesetzten in Jerusalem aufnimmt, der seit wenigen Monaten erst der leitende Stadt- und Siedlungsplaner der Palestine Land Development Company ist. Als junger Architekturabsolvent hatte Kauffmann, nach einem Studium bei dem berühmten Theodor Fischer in München, am Bau der Gartenstadt Margarethenhöhe bei Essen mitgearbeitet und dort Lottes Bruder Emil Cohn kennengelernt, der als Rabbiner in Essen amtierte. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Richard Kauffmann anderthalb Jahre im norwegischen Kristiania, dem heutigen Oslo, wo ihn im August 1920 der Ruf ereilte, nach Palästina zu kommen.

Der Bewerbungsbrief der achtundzwanzigjährigen Arzttochter aus jüdisch bürgerlicher, auch zionistischer Familie ist von entwaffnend ehrlicher Offenheit: »Ich weiß, daß für den Augenblick wenig Aussicht für mich ist, dort Arbeit zu finden. Sollte sich irgendwann einmal eine Möglichkeit dazu bieten, so würde ich ganz zufrieden sein, mich von der Stellung etwa eines Technikers aus in die Verhältnisse dort von Grund auf einzuarbeiten. Dieser Brief ist wohl ausführlich genug; ich bitte Sie, mir zu glauben, daß er völlig aufrichtig ist, sehr viel ehrlicher + objektiver als ähnliche Angaben gewöhnlich gemacht werden. Ich betone das, weil ich aus Erfahrung weiß, daß Bewerbungsschreiben in der Regel mit skeptischen Augen gelesen werden. Ich hatte den ehrlichen Willen, eine wirkliche Verständigung mit Ihnen herbeizuführen. Denn sollte dieser Brief wirklich einmal zur Grundlage einer geschäftlichen Beziehung zwischen Ihnen + mir werden, so wäre eine Täuschung für beide Teile gleich gefährlich. Ich bin mir dieser Verantwortung ganz bewußt.«

Einige Monate später, Ende Juli 1921, erhält Lotte Cohn ein Telegramm aus Jerusalem: »anbieten assistenten stellung vorläufig zwanzig pfund monatlich, reisezuschuss 25 pfund sofort visum einreichen, erbitten drahtantwort pldc kauffmann zionscom.«

Und am gleichen Tag schreibt Richard Kauffmann seiner zukünftigen Assistentin noch einen Brief: »Sehr geehrtes Fräulein Cohn! Wenn ich an die Sehnsucht denke, mit der ich nach dem Land kam, besser der Arbeit in ihm, für es stets bangte und an die Freude, als mich im August vorigen Jahres meine Berufung hierher in Norwegen erreichte, so kann ich mir ungefähr vorstellen, wie Ihnen jetzt wohl zu Mute sein mag.«

Kauffmann drückt seine Freude und die Hoffnung aus, mit Lotte Cohn die richtige Wahl getroffen zu haben. Es stünden städtebauliche Arbeiten an, »deren Größe, Schönheit, deren gewaltige Bedeutung für den Aufbau einen zu unbedingter, restloser Hingabe an dieser Arbeit freudig zwingt«. Und in einem P. S. fügt der Absender das wohl Wichtigste hinzu: »Bringen Sie bitte, wenn Sie irgend können, einige Beispiele vorbildlicher, mit. Für Städte und die von Essen (Schmidt), Hamburg (Schumacher), evtl. Köln (Rehorst und Schumacher). Dann Hellerau, die Gartenstadt Tauts (Falkendorf?). Bitte auch etwas gute, moderne Literatur, auf unsere Kosten. Gehen Sie zu Taut. Bruno Taut ist großer Zionistenfreund!«

Am Donnerstag, dem 18. August 1921, brachen die beiden Schwestern Helene und Lotte Cohn vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Palästina auf. Am 4. September legten sie im »Orient Express«, einem kleinen, klapprigen Bus, die letzte Strecke ihrer langen Reise auf der staubigen, nicht asphaltierten Straße von Tel Aviv nach Jerusalem zurück. Der heiße Wüstenwind hatte beiden Schwestern...


Thomas Sparr war nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Hamburg, Marburg und Paris von 1986 bis 1989 an der Hebräischen Universität in Jerusalem und am dortigen Leo Baeck Institut tätig. Von 1990 bis 1998 leitete er den Jüdischen Verlag, war von 1999 bis 2004 Cheflektor des Siedler Verlags. Er lebt heute in Berlin und arbeitet als Editor-at-Large für den Suhrkamp Verlag.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.