E-Book, Deutsch, Band 1, 336 Seiten
Reihe: Fox Runner
Sparkes Fox Runner – Die Macht der Verwandlung
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7336-5162-6
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
(Band 1)
E-Book, Deutsch, Band 1, 336 Seiten
Reihe: Fox Runner
ISBN: 978-3-7336-5162-6
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ali Sparkes arbeitet als Journalistin und BBC-Moderatorin und nutzt ihre Söhne regelmäßig als häusliche Versuchskaninchen für ihre Kinderbuchmanuskripte - ihrer Ansicht nach ein fairer Tausch dafür, dass man sie als wandelnden Speise- und Getränkeautomat behandelt. Bevor Ali Sparkes als Produzentin und Moderatorin zu BBC Radio Solent kam, war sie als Lokalreporterin und Kolumnistin tätig. Schließlich entschloss sie sich, ihre sichere Stelle aufzugeben, um sich nur noch dem Schreiben von Drehbüchern und Manuskripten zu widmen. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Southampton. ?Zeitsprung ins Jetzt? wurde 2010 mit dem Blue Peter Book of the Year Award ausgezeichnet.
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Kapitel 2
Vor dem kleinen Schuppen lagen acht oder neun ziemlich schief verlegte Gehwegplatten. Sie waren groß und grau, und in den Lücken dazwischen türmten sich gelegentlich kleine, von Ameisen errichtete Pyramiden. Die Ameisen waren das einzig Interessante an diesen Betonplatten. Manchmal verbrannte Alice ein paar davon mit ihrer Lupe.
An diesem Oktobernachmittag, während sich die Sonne allmählich dem Horizont entgegensenkte und die Mücken ihren Tanz begannen, indem sie in kleinen Wolken über dem Komposthaufen auf und nieder hüpften, fing es an zu regnen. Die kühlen Tropfen trafen auf die warmen Gehwegplatten, und das Platschen, das sie dabei erzeugten, war ein recht angenehmes Geräusch, dachte Dex verträumt, während er seine Schnauze durch die Lücke zwischen den Holzlatten in der Rückwand des Schuppens steckte. Die Ameisen rannten in heller Aufregung durcheinander, während der Regen ein gepunktetes Muster auf die graue Betonfläche zwischen ihren krümeligen Erdpyramiden zeichnete.
Bald schon waren die Punkte miteinander verschmolzen, und die Gehwegplatten wirkten nicht nur dunkler, sondern glitzerten auch feucht. Sie dufteten wie heißer Gehwegplattentee, rochen nach ›Jetzt ist genug gespielt‹. Alle Kinder in der Straße würden, eines nach dem anderen, zurück in ihre Häuser gerufen werden, genau wie die Ameisen, die nun hektisch in die Löcher zwischen den winzigen Erdbrocken sausten, aus denen sie ihre wackeligen Pyramidenbauten errichtet hatten.
Das waren die Gedanken, die Dex durch den Kopf gingen, angenehm und wärmend, während er aus dem Schlaf erwachte. Der eklige Geruch nach Lackverdünner hatte sich aus dem Schuppen verzogen. Oder lag es daran, dass er es tatsächlich geschafft hatte, seine Nase an die Lücke in der Bretterwand zu bekommen, als er gestürzt war? Nein, er hatte sogar noch mehr geschafft: Sein gesamter Kopf lag ja im Freien. Donnerwetter. Wie hatte er denn hingekriegt?
Behutsam zog er den Kopf wieder zurück ins Innere und warf einen Blick über seine nun rötlich-pelzige Schulter. Der Schuppen war eindeutig größer, als er gedacht hatte. Nur eines hatte sich nicht verändert. Er hatte immer noch schrecklichen Durst, und jetzt war auch noch ein beißender Hunger dazugekommen. Irgendwie duftete es nach Paranüssen. Ah, da war es ja … das kleine Ding, das aussah wie ein Rad. Dex fischte es mit seiner Zunge vom Boden, steckte es sich in den Mund, kaute und schluckte es hinunter. Ja, genau. Schmeckte wie eine krümelige Paranuss.
Er hielt inne. Blickte auf seine Füße hinab und dann, noch bevor er den eigentlichen, den wirklich großen Gedanken zulassen konnte – den Gedanken, der seit dem Aufwachen immer stärker und immer lauter an ein Fenster in seinem Geist hämmerte –, dachte Dex Folgendes:
, dachte er,
Ein Gruselschauer lief seinen Rücken hinauf, erreichte seine Kehle, ließ ihn husten und röcheln, brachte seine Gliedmaßen zum Zittern und sorgte dafür, dass sich seine kräftigen Nackenhaare senkrecht stellten.
Dex prustete und spuckte. Eine Spinne! Eine Wieso, um alles in der Welt, hatte er das denn gemacht?
Aber noch schlimmer war der Gedanke, dass er, falls auf dem Boden noch so ein krümeliges Spinnending lag – oder womöglich ein irgendwo entlanglief –, dass er das auch essen würde. Es schmeckte ja gar nicht schlecht, und er war ein sehr hungriger Junge.
Aber jetzt ließ der wirklich große Gedanke sich nicht mehr länger überhören. Mit aller Macht und ziemlich verärgert verlangte er, dass endlich das Fenster geöffnet und er eingelassen wurde. »Aha! Aber du …«, ließ er sich mit sarkastischem Unterton vernehmen, »… du ja gar kein Junge. Oder?«
Hastig sog Dex die heiße Luft durch seine Schnauze und machte ein paar schockierte kleine Schritte zur Seite. Es stimmte. Sein Gesicht war länglich und spitz. Seine Nase glänzte schwarz, links und rechts gesäumt von schwarzen Schnurrhaaren. Das Fell in der unmittelbaren Umgebung der Barthaare war weiß. Kurz, bevor Dex endgültig anfing zu schielen, sah er, dass das Fell, je weiter es seine Schnauze entlangreichte, in ein kräftiges, rötliches Braun überging. Er konnte seine lange Zunge spüren, eingebettet zwischen scharfen, spitzen Zähnen. Seine Füße – oder besser: das, was einmal seine Füße gewesen waren – hatten sich, genau wie seine Hände, in Pfoten verwandelt, deren kleine, schwarze Krallen ein leises Klacken auf dem Boden des Schuppens hervorriefen. Das rostrote Fell wurde an den Beinen immer dunkler, bis es unten an den Füßen fast schwarz war. Er hob eine Pfote und betrachtete die Unterseite. Fleischige Polster – schwarz mit einzelnen, rosigen Stellen – wurden von schwarzen Fellhaaren umgeben. Die schwarzen, gebogenen Krallen endeten in feinen Spitzen. Er spreizte sie, und sie ließen sich mühelos bewegen. Es war ein wohliges Gefühl.
Da ertönte in seinem Rücken ein Rascheln, und er zuckte erneut zusammen, sprang mit allen vieren in die Luft … er war so viel leichter als Dex, der Junge. Er warf den Kopf herum und sah, was das Geräusch verursacht hatte. In der Ecke lagen ein paar leere Papiersäcke und wurden von einer herrlichen, dichten, buschigen Lunte gestreift, die am Ansatz noch tief rotbraun gefärbt war, um dann über ein blasses Orange in eine fast weiße Spitze überzugehen. Dex betrachtete die Lunte ehrfürchtig und schwenkte sie mit Hilfe seines kräftigen Rumpfmuskels eine ganze Minute lang hin und her.
Es ist schon ein ziemlicher Schock, sagte er sich, wenn man feststellen muss, dass man sich urplötzlich in einen Fuchs verwandelt hat. Und dass man tote (und lebendige) Spinnen essen kann. Doch seltsamerweise war ihm nicht mehr übel, und auch seine anfängliche Panik war verflogen. Es ging ihm sogar sehr viel besser als vor einer halben Stunde, als er noch ein Mensch gewesen war. Jeder Teil seines Körpers fühlte sich gesund und lebendig an. Er konnte spüren, wie die strammen, schlanken Muskeln in seinen Gliedmaßen geschmeidig ihre Arbeit verrichteten, während er sich in der kleinen Holzhütte umsah. Er fühlte sich beweglich, leichtfüßig und gesund.
Sein Gehör war unglaublich. Er nahm ein Dutzend unterschiedlicher Geräusche gleichzeitig wahr: das sanfte Prasseln des Regens auf dem Schuppendach zusammen mit dem Flattern der kleinen Vögel im Gebüsch. Das Dröhnen verschiedener Insekten, die den Regentropfen auswichen, und dazu das entfernte Summen und Klappern des menschlichen Lebens: Autos, Kinder, Waschmaschinen und Fernseher. Dex konnte alles hören.
Dazu kam, dass sein ohnehin sehr guter Geruchssinn noch einmal schärfer geworden war. Es war unfassbar. Er konnte wirklich riechen. Das Teeröl, mit dem das Holz des Schuppens bearbeitet worden war, vermischt mit den letzten Resten der Lackverdünnung, den Staub, die Feuchtigkeit, die modrigen Falten des Sonnenschirms, der zusammengefaltet wie eine riesige, grünweiße Fledermaus in der Ecke stand, weil er seit Wochen nicht benutzt worden war (es war ein ziemlich feuchter Sommer gewesen), den Regen auf den heißen Gehwegplatten, die Asche vom Lagerfeuer letzte Woche, die sich jetzt als klebrige, schwarze Pfütze hinter dem Schuppen sammelte, das Curry, das gerade in einer Küche in der Nähe zubereitet wurde, den Übelkeit erregenden und zugleich wundervollen Duft aus den großen Müllcontainern im angrenzenden Hinterhof der Häuser in ihrer Straße.
Dieser Duft machte ihm erneut klar, wie hungrig und durstig er war. Also gut, dachte Dex. Ich bin ein Fuchs. Wieso das so ist, darüber kann ich später noch nachdenken. Im Augenblick gibt es Wichtigeres. Hastig drehte er sich um und näherte sich der Lücke in der Bretterwand. Seine Ohren nahmen selbst die leisesten Bewegungen in seiner Umgebung wahr, und jetzt roch er auch wieder diesen nussigen Duft. Der Junge im Inneren des Fuchses traf eine Entscheidung: keine Spinnen mehr. Nichts wie weg hier, bevor der Fuchs ihn überstimmte und ein paar dieser spindeldürren Kreaturen aufschleckte, die zitternd in den Ecken kauerten.
Seine Tasthaare streiften an den Rändern des Lochs in der Rückwand entlang, und ihm war klar, dass er gerade so durch die Lücke passen würde. Teils aufgrund seines Instinkts und teils durch eine undeutliche Erinnerung an ein Buch über Säugetiere (das schon längst auf irgendeinem Wohltätigkeitsbasar verscherbelt worden war) wusste er, dass seine Tasthaare ein wichtiges Messinstrument waren. Wenn sie durch eine Lücke passten, dann galt das auch für den Rest seines Körpers.
Dex verharrte vor dem Loch. Seine scharfen Sinne sagten ihm, dass jede Menge Menschen in der Nähe waren, wenn auch nicht in diesem Garten. Er senkte den Kopf und schob sich durch die Lücke hindurch. Der Rest seines geschmeidigen Körpers folgte ihm ohne Mühe. Er war frei.
Ein kühler Windstoß und ein paar Wasserspritzer zerzausten das Fell rund um seine Augen. Hastig blickte er von rechts nach links und jagte dann mit großen Sätzen ans hintere Ende des Gartens, wo eine niedrige Brombeerhecke wuchs. Zum Glück grenzte ein Teil der Hecke auch an den Hinterhof mit den Müllcontainern an. Und gleich daneben begann ein unbebauter Abhang, der hinab zu einer Schrebergartensiedlung führte. Dahinter lag ein kleines Wäldchen. Dex kroch unter die Hecke und überlegte. Rechts befand sich der brachliegende Abhang – zwei-,...




