E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Fox Runner
Sparkes Fox Runner – Der Ruf des Falken
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7336-5168-8
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Fox Runner
ISBN: 978-3-7336-5168-8
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ali Sparkes arbeitet als Journalistin und BBC-Moderatorin und nutzt ihre Söhne regelmäßig als häusliche Versuchskaninchen für ihre Kinderbuchmanuskripte - ihrer Ansicht nach ein fairer Tausch dafür, dass man sie als wandelnden Speise- und Getränkeautomat behandelt. Bevor Ali Sparkes als Produzentin und Moderatorin zu BBC Radio Solent kam, war sie als Lokalreporterin und Kolumnistin tätig. Schließlich entschloss sie sich, ihre sichere Stelle aufzugeben, um sich nur noch dem Schreiben von Drehbüchern und Manuskripten zu widmen. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Southampton. ?Zeitsprung ins Jetzt? wurde 2010 mit dem Blue Peter Book of the Year Award ausgezeichnet.
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Kapitel 1
Das Mädchen in der grauen Kluft flüchtete durch den Wald, aber der Gestaltwandler war ihr dicht auf den Fersen.
Sie lief jetzt schon seit einer halben Stunde, vielleicht sogar noch länger. Auf ihrer Oberlippe hatten sich kleine Schweißperlen gebildet. Das Wesen kam näher, das spürte sie genau. Bis auf das leise Zwitschern der Vögel im Hintergrund konnte sie nur ihren eigenen Atem und das Geräusch ihrer teuren Laufschuhe auf dem Waldboden hören, aber sie wusste ohne den geringsten Zweifel, dass es im nächsten Moment zum Sprung ansetzen würde. Es würde springen, und sie wäre geschlagen. Sie stieß zum Zeichen ihrer Kapitulation einen lauten Schrei aus, hüpfte auf einen umgestürzten Baumstamm, und drehte sich schwer atmend um, die Hände in die Hüften gestützt. Das Wesen stieß sich vom Boden ab.
Es landete fast lautlos neben ihr auf dem Baumstamm. Nicht einmal das Scharren seiner Krallen war zu hören. Es setzte sich auf die Hinterläufe, legte die Lunte um die Vorderpfoten und sah sie mit einem Grinsen an, das so gar nicht zu einem jungen Rotfuchs zu passen schien.
Lisa schnaubte verärgert. Sie ließ sich auf den Hosenboden plumpsen und pickte ein paar Blätterkrümel vom Spann ihrer Laufschuhe. »Du hast auch einen natürlichen Vorteil, Dex!«, maulte sie. Die Fuchsgestalt bebte und wand sich, und dann warf Dex einen prüfenden Blick auf seine eigenen, ziemlich abgeschabten Turnschuhe.
»Was denn, du mit deinen Hundertdreißig-Pfund-Flitzern gegen die alten Treter hier?«, neckte er sie. »Komm, entspann dich mal. Ich bin heute ganz schön außer Puste gekommen. Du wirst eindeutig schneller.«
»Hmm.« Lisa zog eine beleidigte Schnute und verschränkte die Arme vor der Brust. Hoffentlich besserte sich ihre Stimmung bald wieder. Normalerweise war sie nach dem Laufen immer gut drauf, auch, wenn er sie geschlagen hatte … was ihm in Fuchsgestalt jedes Mal gelang. Aber als Mensch hätte er nicht den Hauch einer Chance gehabt.
»Was ist denn los?«, erkundigte er sich, obwohl er wusste, dass er vermutlich keine Antwort darauf bekommen würde.
»Nichts«, knurrte sie und stand auf.
»Noch mehr Botschaften?« Dex warf seiner Freundin einen vorsichtigen Blick zu. Mit ihren schicken Klamotten und den langen, blonden Haaren machte sie eigentlich den Eindruck, als würde sie sich höchstens darüber Gedanken machen, wo sie ihr nächstes Outfit shoppen gehen konnte. Doch leider hatte Lisa in den vergangenen zwölf Monaten mehr Grund zur Sorge gehabt als die meisten anderen Menschen in ihrem ganzen Leben.
»Nichts!«, wiederholte sie mit einem warnenden Unterton in der Stimme.
»Na gut, dann komm, lass uns zu den anderen zurücklaufen«, sagte Dex. »Ich verwandle mich dieses Mal auch nicht, dann ist es gerechter.«
Sie warf ihm einen Seitenblick zu. »Du willst mich doch bloß aufmuntern!«, erwiderte sie, und trotzdem war ihr Interesse geweckt. Für Lisa gab es nichts Schöneres, als zu gewinnen.
»Stimmt!«, pflichtete Dex ihr bei. »Aber du musst mir ein bisschen Vorsprung lassen!« Und schon sprang er auf und rannte zwischen den Bäumen hindurch. Lisa ließ ihm genau fünf Sekunden, bevor sie sich an die Verfolgung machte. Zehn Sekunden später hatte sie ihn bereits eingeholt. Gut so. Hoffentlich zeigte dieser zusätzliche Sprint die erwünschte Wirkung. Denn die Nachrichten, die sie empfing, waren oft sehr düster und unerfreulich, und wurden häufig noch von irgendwelchen Visionen begleitet. Nicht, dass man das bei Lisa jemals mitbekam. Sie hatte nichts Weltfremdes oder Entrücktes an sich, redet nicht mit Geisterstimme und flatterte niemals mit den Augenlidern.
Wenn Lisa in Trance fiel, dann merkte man das höchstens daran, dass sie sich ganz leicht an der linken Schulter kratzte und dabei in eine Richtung starrte. Manchmal kam es ihr so vor, als würde ihr eine Art Kühlkissen auf diese Stelle gedrückt, und es prickelte wie verrückt. »Als würden sie sich mit Stecknadeln draufsetzen und mir dabei ins Ohr brüllen«, hatte sie sich einmal beklagt.
Lisa hielt überhaupt nichts davon, dass die Geisterwelt mit der irdischen Welt kommunizieren wollte – vor allem dann nicht, wenn die Geister ausgerechnet dafür benutzen wollten. Aber genau das taten sie seit dem letzten Sommer, und zwar in Scharen. Gleichzeitig war es jedoch keine Frage, dass ihre ungeliebte Gabe sehr nützlich war. Lisa konnte innerhalb weniger Sekunden verlorene Gegenstände wiederfinden. Man musste sie bloß fragen, dann richtete sie den Blick zum Himmel, schnauzte einen an, machte für einen Moment die Augen zu und konnte einem anschließend genau sagen, wo die vermissten Socken oder Schlüssel oder Schokoriegel abgeblieben waren. Manchmal, wenn sie die Schnauze von alledem so richtig voll hatte, konnte sie auch ziemlich giftig werden: »Wieso bist du denn so faul? Versuch’s doch erst mal selber, bevor du damit zu mir kommst!« Sie wusste es immer, wenn jemand sich diese Mühe nicht gemacht hatte.
Ihre Gabe hatte aber auch einen sehr viel weniger erfreulichen Aspekt, und das war das Aufspüren von vermissten Personen. Für gewöhnlich handelte es sich um Vermisste oder noch schlimmer: um solche, die sterben würden.
Als Dex sie schließlich wieder eingeholt hatte, saß sie schon zusammen mit Gideon und Mia auf der Lichtung. Gideon lag dösend im sonnenbeschienenen Gras. Er hatte sich den sommersprossigen Arm schützend über die Augen gelegt, während ein Marienkäfer in seinen blonden Wuschelhaaren herumkrabbelte. Mia hatte sich aufrecht hingesetzt, die Arme um die Knie geschlungen und musterte Lisa aufmerksam. Nach ihrer Miene zu urteilen, hatte der zusätzliche Sprint Lisas Laune nicht entscheidend gebessert. Sie hatte sich auf die Knie fallen lassen, zerrte das Haargummi aus ihrem Pferdeschwanz und schüttelte ihre Haare aus. Dabei stieß sie aufgebracht hervor: »Iii-gitt! Ich die!« Sie kratzte sich die Kopfhaut und dann die linke Schulter, so gut sie eben konnte. Mia trat zu ihr und legte ihr besänftigend eine Hand auf den Kopf. Schon eine Sekunde später war Lisas Miene weicher geworden, hatten die Stressfalten auf ihrer Stirn sich geglättet. Selbst aus zwei Metern Entfernung konnte Dex die sanfte, lindernde Wirkung von Mias Heilkräften spüren.
»Geht es ihr gut?«, stieß er hervor, immer noch leicht außer Atem von dem Sprint durch den Wald, und ließ sich neben den beiden Mädchen auf die Knie fallen.
»Alles bestens«, knurrte Lisa mürrisch, aber nicht mehr besonders aggressiv. »Bloß dieses nebulöse, schwammige, unverständliche Gelalle …« Sie verstummte, aber die anderen wussten genau, was sie meinte. Das, was Lisa an ihrer Gabe am allermeisten aufregte, war die Unklarheit, dieses Gefühl, dass gleich passieren würde, ohne wirklich zu wissen, was es war.
»Ist es jemand von uns?«, wollte Mia wissen.
»Ja … nein … ich weiß es nicht!«
»Hör jedenfalls auf, dich deswegen verrückt zu machen. Du weißt doch genau, dass das eh nichts nützt«, ließ Gideon sich unter seinem Arm hervor vernehmen. »Je mehr du dich aufregst, desto weniger kommst du dahinter, was sie von dir wollen!«
Lisa funkelte ihn wütend an, und Dex hatte das Gefühl, dass Gideon gleich ziemlichen Ärger bekommen würde.
»Gideon! Du könntest wirklich ein bisschen mehr Taktgefühl zeigen«, sagte Mia und tadelte ihn mit einem vielsagenden Blick aus ihren hübschen, violetten Augen.
Gideon setzte sich auf und grinste. »Das würde auch nichts nützen, stimmt’s? Sie ist wie ein schlechtgelaunter Hund, der nichts zu beißen hat. Komm, Lisa, lass es raus!« Er schnappte sich einen Apfel aus dem Picknickkorb und warf ihn in Lisas Richtung. Sie fing ihn mit einem blitzartigen Reflex auf und schleuderte ihn umgehend zurück. Gideon wartete ab, bis er nur noch knapp einen Zentimeter von seiner Nasenspitze entfernt war, und stoppte ihn dann ruckartig ab, nur mit einem Augenblinzeln. Trotzdem stieß er einen lauten Schrei aus, als hätte das fruchtige Geschoss ihn tatsächlich getroffen.
»Noch mal?« Er schnappte sich das schwebende Obst und hielt es Lisa auffordernd entgegen.
Doch sie schüttelte den Kopf. »Nein … wenn ich dich nicht treffe, nützt das gar nichts. Es ist viel befriedigender, wenn du in echt schreist.« Sie erhob sich. »Aber trotzdem danke, Gid. Los, gehen wir zurück. Dad wird sich schon wundern, wo wir abgeblieben sind, und ich schätze mal, dass Marguerite gerade ein wundervolles Abendessen zubereitet.«
Dex und Gideon tauschten ein erfreutes Lächeln. Marguerite konnte wirklich phantastisch kochen. Obwohl, eigentlich war alles an Lisas Zuhause phantastisch, angefangen bei dem mit Mosaiken verzierten Swimmingpool in dem wunderschönen, fast drei Hektar großen Garten der Villa bis hin zu ihrem riesigen Gästezimmer mit eigenem Bad. Mia hatte sogar eines ganz für sich alleine! Marguerite war eine phänomenale Köchin und Haushälterin, und der Butler war auch ziemlich cool. Lisas Dad war reich, das ließ sich beim besten Willen nicht übersehen. Lisa fiel das zwar überhaupt nicht mehr auf – sie war schließlich damit aufgewachsen –, aber Dex, Gideon und Mia konnten gar nicht anders, als immer wieder staunend den Atem anzuhalten.
»Stellt euch mal vor, wie es wäre, immer hier zu wohnen!«, sagte Gideon bewundernd, während sie den gewundenen Waldweg entlang zurück zum Anwesen gingen. Der Wald gehörte natürlich auch Lisas Dad und war Teil des Anwesens. »Kein Wunder, dass sie keine Lust gehabt hat, in den COLA-Club zu kommen. Sie hat ja sogar ein eigenes...




