Sonderegger | Vom Leben der Kritik | Buch | 978-3-96042-134-4 | www2.sack.de

Buch, Deutsch, 406 Seiten, Format (B × H): 129 mm x 202 mm, Gewicht: 452 g

Sonderegger

Vom Leben der Kritik

Kritische Praktiken – und die Notwendigkeit ihrer geopolitischen Situierung
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96042-134-4
Verlag: edition assemblage

Kritische Praktiken – und die Notwendigkeit ihrer geopolitischen Situierung

Buch, Deutsch, 406 Seiten, Format (B × H): 129 mm x 202 mm, Gewicht: 452 g

ISBN: 978-3-96042-134-4
Verlag: edition assemblage


Vom Leben der Kritik ist der Versuch, kritische Theorien und Praktiken in einer Zeit zu sammeln und weiterzudenken, in der einerseits der Tod der Kritik beschworen wird und andererseits die Transformation von (Selbst-)Kritik in Disziplinierungstechniken der neoliberalen Evaluations- und Professionalisierungskultur zu beobachten ist.

Eingedenk der zu Recht vielfach hervorgehobenen Probleme von traditionellen Verständnissen der Kritik – u. a. ihres belehrenden, elitären, autoritären, paternalistischen oder heroischen Charakters – legt dieses Buch den Akzent auf erfinderische Alltagspraktiken der Kritik. Das heißt, dass es solche habituellen Praktiken in den Mittelpunkt rückt, die meist als Inbegriff des Unkritischen gelten. Ebenso wichtig wie die Diskussion gewaltvoller Dimensionen von Herrschaftskritik ist dabei die Auseinandersetzung mit dem Superioritätsanspruch westlicher Kritikbegriffe, welcher sich schon darin zeigt, dass die Linie von Sokrates über Kant zu Foucault meist nicht als lediglich ein Verständnis von Kritik adressiert wird, sondern als das, was Kritik nun einmal sei.

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Zielgruppe


Das Buch richtet sich an Leser:innen mit Interesse an kritischer Theorie, Sozialphilosophie und politischer Philosophie. Es adressiert insbesondere Personen, die sich mit der gesellschaftlichen Funktion von Kritik, ihren historischen Traditionen und ihren gegenwärtigen Transformationen im Kontext neoliberaler, institutioneller und geopolitischer Machtverhältnisse auseinandersetzen.

Studierende und Lehrende der Philosophie, Kulturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Politikwissenschaft

Wissenschaftler:innen und Forschende im Bereich kritische Theorie, Sozialphilosophie und politische Philosophie

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Philosophisch und gesellschaftstheoretisch interessierte Leser:innen

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Weitere Infos & Material


Vom Leben der Kritik. Kritische Praktiken – und die Notwendigkeit ihrer geopolitischen Situierung
Ruth Sondereggers gleichnamiges Buch erscheint beim Wiener Verlag Zaglossus

Ruth Sonderegger
authors Ruth Sonderegger

„Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empfängern. Für beide ist sie ein und dieselbe: sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben. In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“
(Benjamin 1980, Bd. I.2: 695)

I. ERSTE ANNÄHERUNG: ZUSTANDSBESCHREIBUNG

„Kritik“ ist weniger ein vieldeutiger als vielmehr ein umkämpfter Begriff. Oft wird er ausdrücklich als Waffe eingesetzt. Aber auch als Schutzschild: „Wir sind hier doch sowieso alle (selbst-)kritisch.“ Den einen ist Kritik ein intellektuelles Spiel, den anderen eine kämpferische Praxis. Kritik wird als Inbegriff des wissenschaftlichen Denkens hochgehalten, aber auch als dessen Gegenteil verurteilt: als zu parteiisch, ja als Propaganda. In Berufung auf die griechische Wortwurzel „krinein“ wird das Kritisieren im Sinn von „unterscheiden“ häufig zu einer anthropologischen Konstante erklärt; zu einer Tätigkeit, die zum Menschsein gehöre wie die Sprache. Ebenso oft wird wahrhafte Kritik nur wenigen, geradezu Auserwählten zugestanden; bisweilen jenen, die besonders mutig sind, manchmal nur jenen Expertinnen, die angeblich überlegenes Wissen besitzen. Versteht die transzendentale Tradition unter Kritik eine Vergewisserung in Bezug auf die Grundlagen des Denkens und Handelns, so kann Kritik für die Kritikerinnen des Transzendentalismus nur Befragung, Einklammerung, ja Auflösung aller festen Fundamente bedeuten.1 Höhepunkt der westlichen Zivilisation in den Augen der einen, ist die Unterscheidungswut des Kritisierens aus weniger westlichen Perspektiven ein Eckpfeiler des Imperialismus‘ und Kolonialismus‘. Relativ, ja neutral bis zum Umfallen, aber auch parteiisch bis zur Blindheit kann sich der Einsatz von Kritik offenbar gestalten.

Die unterschiedlichen, einander oft sogar diametral entgegen gesetzten Einsätze des Kritikbegriffs sind kein Grund, relativistische Konsequenzen zu ziehen. Weder zeigt sich am Begriff der Kritik nur (einmal mehr), dass man mit arbiträren Zeichen ziemlich alles machen kann; noch ist das historische Nachzeichnen oder systematische (Ein-)Ordnen der unterschiedlichen Gebräuche des Kritikbegriffs das einzige, was einem angesichts der angedeuteten Unübersichtlichkeit übrig bleibt. Es ist erst recht nicht davon auszugehen, dass sich durch die Rekonstruktion der Schwächen und Stärken verschiedener Kritikauffassungen ein zeitgemäßes Verständnis von Kritik gleichsam von selbst zeigt. Die Frage ist vielmehr, was man von und mit der Kritik will. Denn außerhalb der jeweiligen Kämpfe, ihren Objekten und Anliegen ist Kritik fast gar nichts. Oder eben viel zu viel, nämlich fast alles.

Im Vergleich mit den eingangs erwähnten Widersprüchen bietet sich die Gegenwart in erster Annäherung in einem letztlich eher harmonischen Licht dar. Einerseits nämlich scheint es heute einen Konsens darüber zu geben, dass radikale oder totale Kritik – eine Kritik, die im 20. Jahrhundert oft „Ideologiekritik“ oder „Systemkritik“ genannt wurde – keine Option mehr ist. In diesem Punkt sind sich gegenwärtige Verteidigerinnen der (lokalen) Kritik erstaunlich einig mit jenen, die genug von der Kritik haben. Häufig verweisen beide Seiten auch auf dieselben Ursachen für das Ende der radikalen Kritik: auf die (post-)strukturalistische Subjektkritik, die gezeigt habe, dass Subjekte immer auch Teil der kritikwürdigen Objekte bzw. Verhältnisse sind; und auf die Tatsache, dass die Objekte und Ziele der Kritik undurchsichtig geworden seien: In einer vollständig globalisierten und vernetzten Welt hänge alles mit allem so eng zusammen, dass kaum normative Schneisen geschlagen werden könnten, entlang derer sich das Gute vom Schlechten trennen ließe.

Andererseits scheinen bestimmte, scheinbar moderate Formen der Kritik nicht nur allgegenwärtig,2 sondern auch zu einer weithin akzeptierten Pflicht geworden zu sein. Dass es einen Imperativ zum Kritisch-Sein gibt, wird offenkundig, wenn man sich für einen Moment vergegenwärtigt, was für Folgen die Selbstzuschreibung „Ich bin eine unkritische Person“ in verschiedenen Situation haben würde. In einem Bewerbungsgespräch beispielsweise kommt die Selbstbeschreibung als unkritische Person heute wohl einem (sozialen) Todesurteil gleich – vermutlich sogar in den Augen einer eher altmodisch autoritären Führungspersönlichkeit. Ebenso wenig denkbar scheint heute, sich den allgegenwärtigen und angeblich selbst- und institutionskritischen Evaluationen zu verweigern. Der Zwang zur Selbstkritik im Namen nicht näher erläuterter oder gar begründeter Transparenz und Effizienz ist derart selbstverständlich geworden, dass eine Weigerung beinah automatisch als Zugeständnis eines Versäumnisses, eines Fehlers oder als etwas noch viel Schlimmeres erscheinen. (Bröckling 2007; Gelhard 2011)

Die Funktion dieser routinemäßigen Beichten ist ebenso ernst und unter die Lupe zu nehmen wie ihr Verhältnis zum Tabu, das auf der sogenannten radikalen Kritik liegt. Dieses Tabu könnte durchaus Ausdruck davon sein, dass es schwierig geworden ist, eine distanzierte Sicht auf das möglicherweise Kritikwürdige haben, weil man damit viel zu sehr verbunden bzw. davon abhängig ist. Vielleicht ist dieses Tabu aber auch nur eine Ausrede, mit der man sich aus der Verantwortung stehlen kann. Nicht weniger ausgemacht ist, ob man heute tatsächlich, wie eingangs suggeriert, von einem Konsens in Bezug auf die Akzeptanz der moderaten (Selbst-)Kritik einerseits und von einem Ende der radikalen Kritik auf der anderen Seite sprechen kann. Die immer wieder aufflammenden Bildungsproteste der letzten Jahre sowie die sich gegenwärtig insbesondere von Südeuropa aus formierende Kritik an der Verschuldungs- und Armutsproduktion durch die europäische Sparpolitik und nicht zuletzt die weltweiten Arbeitskämpfe von zunehmend prekär beschäftigen Arbeiterinnen3 sprechen eine andere Sprache. Auffallend ist auch, dass im verwestlichten Kunstfeld radikale Kritik massiv behauptet oder sogar in Auftrag gegeben wird. (Draxler 2007; Gielen et al. 2015) Die offenste Frage bleibt die nach der Zukunft der Kritik. Ist die rezente Transformation radikaler Kritik in tendenziell so moderate wie bevormundende Formen der (Selbst-)Evaluation Grund genug, dem kritischen Projekt den Rücken zu kehren? Oder müssen wir, wie Foucault 1977 in einem Gespräch einmal vorgeschlagen hat, mit der Kritik wieder ganz von vorne anfangen?4

Ganz wohl nicht. Ein „Ganzvonvorne“ gibt es insbesondere dann nicht, wenn man als Subjekt einer kritischen Tradition eben diese Tradition neu denken und praktizieren will; oder wenn man die Kritik neu erfinden möchte, weil so viel Barbarei aller in der Vergangenheit artikulierten Kritik zum Trotz fortbesteht. Man denke nur an das ununterbrochene, massenhafte Töten von Menschen durch Hunger, obwohl die technischen Möglichkeiten zur Beendigung des Welthungers vorhanden wären (Pogge 2011; Ziegler 2012); oder an das Massengrab im Mittelmeer, das immer weiter in den afrikanischen Kontinent hinein verschoben wird, damit Europa sich die Hände in selbsterklärter Unschuld waschen kann. Ließe man die Vergangenheit und Gegenwart der Kritik zugunsten eines „Ganzvonvorne“ einfach nur hinter sich, dann wäre zudem die Gefahr immens, die Vergangenheit einfach fortzusetzen. Ebenso groß die Wahrscheinlichkeit, Potentiale zu vergessen, welche die unterschiedlichsten Praktiken der Kritik zu einer bestimmten Zeit hatten oder noch immer haben könnten.

Zugleich ist im Zusammenhang des Verlangens nach einer anderen Kritik in Rechnung zu stellen, dass das Begehren auf Kritik zumal in der westlichen Welt, die sich bis heute als Erfinderin und privilegierte Hüterin von Aufklärung und Kritik gebärdet, möglicherweise zur zweiten Natur geworden ist.5 Zu dieser zweiten Natur gehört, dass alles, was den Namen der Kritik trägt, was ihre Fortsetzung, Erneuerung, Reform oder Revolution verspricht, deshalb willkommen ist, weil es eine Rückkehr zum bzw. ein Verbleiben im Vertrauten – insbesondere in vertrauten linearen Zeitverständnissen und utopischen Geschichtsvorstellungen – verspricht. Anders gesagt: Es muss in Rechnung gestellt werden, dass ein Ende oder ein schlichtes In-Vergessenheit-Geraten der kritischen Tradition genau dasjenige sein könnte, was Menschen der bürgerlichen Aufklärungstradition am wenigsten ertragen. Denn Kritik suggeriert Möglichkeiten der Einflussnahme, der Veränderung, ja der Verbesserung sowie des Fortschritts und hat immer wieder dazu beigetragen, das Unerträgliche erträglich zu machen – gleichsam als Opium der kritikgläubigen bürgerlichen Gesellschaft.6 Geradezu paradox scheint es in Sachen Kritik darauf anzukommen, die Geschichte nicht zu vergessen und gleichzeitig viele ihrer Voraussetzungen zu ent-lernen. Denn während ich die angeblich neue Unübersichtlichkeit der Kritik für ein Scheinproblem halte, ist die habituelle Kritikgläubigkeit der bürgerlichen Gesellschaft samt den dazu gehörigen Subjektivierungsformen m. E. eine immense Herausforderung.

[Erster Abschnitt aus: Ruth Sonderegger, Vom Leben der Kritik. Kritische Praktiken und die Notwendigkeit ihrer geopolitischen Situierung, Wien: Zaglossus 2019.

Online-Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Zaglossus Verlags
https://www.zaglossus.eu/]

Der vollständige Auszug befindet sich hier: https://transversal.at/blog/vom-leben-der-kritik
und als PDF hier: https://akg-online.org/sites/default/files/vom_leben_der_kritik_einleitung.pdf



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