E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Somuncu Der Adolf in mir
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-942454-28-5
Verlag: WortArt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Karriere einer verbotenen Idee
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-942454-28-5
Verlag: WortArt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1968 in Istanbul geboren, studierte Serdar Somuncu Schauspiel, Musik und Regie in Maastricht und Wuppertal. Seit 1985 inszenierte er zahlreiche Theaterstücke, wirkte bei vielen Produktionen als Schauspieler mit und steht erfolgreich mit seinen Soloprogrammen auf der Bühne. Mit seiner Internet-Satire-Show Hatenight erreichte er eine breite Öffentlichkeit und hat in sozialen Netzwerken eine große Fangemeinde. Er ist häufig Gast in vielen gängigen Talkshows und Podcasts und präsentiert außerdem stets neue eigene TV-, Radio - und Digitalformate.
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Autobiografisches
Ich bin als Gastarbeiterkind aufgewachsen. Meine Eltern kamen in den 1960er Jahren nach Deutschland, um, wie die meisten Menschen damals, für kurze Zeit zu arbeiten, genügend Geld zu verdienen und dann wieder in die Heimat zurückzukehren.
Anders aber als die meisten der in Deutschland lebenden und arbeitenden türkischen Zuwanderer stammen meine Eltern aus Istanbul. Für sie war der Clash zwischen den Kulturen, ihrem gewohnten Umfeld und der neuen Lebensumgebung, nicht so groß wie für manch einen anderen, der aus einem Dorf Zentralanatoliens direkt in die deutsche Großstadt gekommen war. Daher waren meine Eltern auch sehr neugierig auf die fremde Welt, die ihrer eigenen irgendwie auch sehr ähnlich war.
Sie gingen in deutsche Kneipen, sie tranken Bier und aßen Schweinefleisch, sie versuchten, sich in einem seltsamen Kauderwelsch aus Türkisch und dem, was sie für Deutsch hielten, zu verständigen, und sie fanden deutsche Freunde fürs Leben.
Mein Vater hatte zuvor in Istanbul als Koch in einem Restaurant gearbeitet, meine Mutter war seine Küchenhilfe gewesen. Aus finanzieller Not beschloss mein Vater im Frühjahr 1966, für ein paar Monate nach Deutschland zu gehen. Er fand dort schnell Arbeit. Zunächst in einem Untertagebau, später in einer Fabrik, die Sanitäranlagen herstellte, und schließlich bei der städtischen Müllabfuhr.
Meine Mutter reiste 1969 mit mir und meinen beiden älteren Brüdern nach. Sie fand ebenfalls schnell Arbeit und so begann eine Gastarbeitergeschichte, wie es sie wohl zu Tausenden in Deutschland gibt.
Im Heim
Um zu arbeiten und damit sogar eventuell schneller wieder in die Heimat zurückkehren zu können, gab meine Mutter mich im Alter von knapp zwei Jahren an ein Kinderheim ab, wo ich die Woche über von katholischen Ordensschwestern betreut wurde. Die Wochenenden durfte ich bei meinen Eltern verbringen.
Ich erinnere mich heute nur dunkel an diese Zeit und auch die Erzählungen meiner Mutter geben nur wenig Aufschluss darüber, wie es damals dort wohl zugegangen sein mag. Ich merke nur an der Art, wie sie darüber spricht, und an ihrem Ton, wie schwierig es für sie gewesen sein muss, mich weggegeben zu haben, und dass sie auch heute noch unter einem schlechten Gewissen leidet.
Ich nehme es meinen Eltern nicht übel, dass sie das getan haben, denn ich kann mir ausmalen, in welch verzweifelter Situation sie gewesen sein müssen. Auf der einen Seite der Schmerz, die Heimat verlassen zu haben, auf der anderen Seite die Verantwortung, die Familie in der Fremde zu ernähren. Das muss alles nicht einfach gewesen sein.
Ich war ein sehr stilles Kind. Ich erinnere mich daran, dass ich stundenlang auf einem Stuhl sitzen konnte, ohne zu sprechen, oder mit meinem Spielzeug beschäftigt war. Auch heute noch ist es kein Problem für mich, alleine zu sein.
Die erste Zeit im Heim verging, ohne dass ich wohl sonderlich unglücklich war. Irgendwann aber muss mir die ständige Entbehrung der Mutter und die Trennung von der Familie so schwer gefallen sein, dass ich anfing, unruhig zu werden, und ich versuchte, aus dem Kinderheim zu fliehen.
Ich war inzwischen dreieinhalb Jahre alt und an diese Fluchtversuche kann ich mich heute noch deutlich erinnern: Ich wachte nachts im riesigen Schlafsaal des Heims auf, stieg aus meinem Bett und tapste in der Dunkelheit die endlos langen Korridore auf und ab, bis ich eine Tür gefunden hatte. In der Hoffnung, dass ich nach draußen gelangen würde, öffnete ich die Tür, landete aber immer wieder auf einem neuen Gang, bis ich mich gänzlich verlaufen hatte und schließlich von der Nachtwache einfangen und ins Bett zurückgebracht wurde. Das Heim war gut gesichert und so scheiterte ich immer wieder bei meinen nächtlichen Ausflügen.
Nachdem ich so vergeblich mehrere Fluchtversuche unternommen hatte, beschloss die Heimleitung eines Tages, mich an mein Bett zu fesseln, um weitere Eskapaden zu verhindern. Und so wurde ich mit jeweils zwei Schlingen um Arme und Beine und einer um den Hals an mein Bett gebunden, schlimmer als ein wildes Tier in einem Käfig.
Auch wenn diese Erziehungsmethoden aus heutiger Sicht grausam erscheinen, so waren sie damals dennoch üblich. Für mich als Kind war es ein Martyrium. Ich schüttelte mich stundenlang hin und her und versuchte krampfhaft, mich von den Fesseln zu befreien, und je mehr ich mich bewegte, desto mehr schnitten sich die scharfen Seile in meine Haut. Erst schrie ich und zappelte wild umher, aber als ich merkte, dass es sinnlos war, implodierte ich und schluckte meine Wut. Ich versuchte mich zu beherrschen und gleichzeitig den Druck der Schlingen zu lockern, indem ich jede Faser und jeden Muskel meines Körpers mit meiner ganzen Kraft anspannte. Am Ende hatte ich von der massiven Anstrengung, mich von den Seilen befreien zu wollen, am ganzen Körper blutige Striemen.
So vergingen Tage und Wochen, ohne dass meine Eltern von den Qualen erfuhren, die ich dort allnächtlich erlitt, weil die Schwestern mich zudem auch einschüchterten und mit Schlägen drohten für den Fall, dass ich irgendwem etwas erzählen würde.
Die seltsamen Wunden fielen meinen Eltern auf und je größer und je mehr sie wurden, desto mehr bohrten meine Eltern bei den Nonnen nach den Ursachen dafür. Die Schwestern behaupteten, ich sei ein unruhiges Kind und würde mich nachts kratzen. Ich hätte eine Form von nervöser Neurodermitis und sie würden sich schon darum kümmern.
Aber das beruhigte meine Eltern kaum. Sie wurden immer skeptischer und getrieben von ihrem schlechten Gewissen und der Ungewissheit um meine Lage beschloss mein Vater eines Tages, mich aus dem Heim zurück nach Hause zu holen.
Als ich dann endlich befreit und glücklich in den Armen meines Vaters lag, kam die ganze Erinnerung der Tortur über mich. Ich konnte meine Wut nicht länger unterdrücken, ich explodierte förmlich und beschimpfte die Schwestern lauthals. Zum Abschied hallte mein verzweifeltes Schreien durch das ganze Heim.
Das alles ist heute noch sehr präsent für mich und ich spüre sogar manchmal nachts noch die Fesseln an meinen Armen und Beinen und um meinen Hals.
Schulzeit
Gerade deshalb entwickelte ich schon sehr früh einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und wusste immer sehr schnell, wann ich mich gegen etwas wehren und ich Widerstand leisten muss und wann es wichtig ist, nicht nur für mich selbst, sondern auch für den anderen einzustehen und zu verhindern, dass ihm Schlechtes angetan wird.
Bis zum heutigen Tag ist es für mich ausgeschlossen, pragmatisch zu denken und den Kopf einzuziehen, um den leichtesten und bequemsten Weg zu gehen. Eher gehe ich noch einmal durch die Hölle, als dass ich mich erneut von irgendwem oder etwas verbiegen lasse.
Kurz darauf kam ich dann in einen katholischen Kindergarten, der ebenfalls von Ordensschwestern geführt wurde. Diesmal aber wurde ich in Ruhe gelassen und nur bei den täglichen Gebeten, bei denen ich glaubte, als Kind muslimischer Eltern zu Stein zu werden, wenn ich mitmachte, und deshalb unter dem Tisch die Beine kreuzte, fiel ich ein wenig auf.
Ich besuchte danach eine evangelische Grundschule und anschließend ein städtisches Gymnasium. Ich hatte das große Glück, in meiner Schulzeit auf Lehrer zu treffen, die meine Empfindlichkeiten erkannten und mich nicht verbiegen wollten, sondern mir dabei halfen, besser damit zurechtzukommen.
Ich war ein schlechter Schüler. Ich habe die Schule gehasst und meine Interessen waren klar aufgeteilt. Naturwissenschaften habe ich boykottiert und Sprachen, Sport, Kunst und Musik habe ich geliebt. Ich wollte weder rechnen lernen, noch hatte ich Interesse an chemischen Gleichungen, aber ich las gern und wollte Englisch und Französisch und Spanisch verstehen. Zudem hatten wir einen Musiklehrer, der mein Talent erkannte und mich auf eine Musikschule schickte, wo ich schon bald ein Stipendium erhielt und zusätzlich zum regulären Unterricht musikalisch ausgebildet wurde.
Dadurch allerdings hatte ich noch weniger Interesse an den Dingen, die auf dem Lehrplan standen, und so begann ich, jenseits des Unterrichts Theater zu spielen, in der Schulband zu trommeln und mich in der Schülervertretung zu engagieren. Eines Tages wurde ich sogar zum Schülersprecher gewählt und erhielt ein eigenes Büro und gesonderte Freistunden zur Organisation der Vertretungssitzungen.
Das machte zumindest einen Teil der schulischen Anstrengungen erträglicher. Ich baute mir so parallel zum Unterricht ein kleines Universum auf, in dem ich mich selbst verwirklichte. Ich organisierte Feste und Feiern, ich leitete Sitzungen und ich organisierte auch Proteste gegen geplante Projekte, wie den Bau eines Parkhauses gegenüber unserem Schulhof. Einmal im Monat fuhr ich zu Sitzungen der Bezirksschülervertretung, wo ich zusammen mit anderen Schülersprechern die Interessen unserer Schülerschaft vertrat.
Immer wieder kam es dabei zu Diskussionen und Auseinandersetzungen, bei denen ich als Sprachführer auftrat. Ich konnte offensichtlich schon damals gut verhandeln und erreichte oft Kompromisse, die man vorher nicht für möglich gehalten hatte. Ich lernte, dass es ich lohnte, zu debattieren und um den richtigen Gedanken zu streiten, ohne den anderen dabei zu unterdrücken oder ihm eine Meinung aufzuzwingen. Ich lernte, meine Interessen zu vertreten, auch wenn der Widerstand manchmal sehr groß war. Ich lernte Demokratie. So wurde ich bereits in diesem frühen Stadium politisiert.
Konservatorium
Als ich das Gymnasium mit Ende der zehnten Klasse im Alter von 16...




