E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Sommerer Selmas Zeichen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-902950-70-3
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychothriller
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-902950-70-3
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amaryllis Sommerer lebt und arbeitet in Wien. Studium Theaterkostüm, danach Theaterwissenschaft. Mitglied der Theatergruppe AMOK. Anschließend Regieassistentin bei Film- und Fernsehproduktionen. Drehbuchautorin von TV-Filmen und Serien, sowie Kinospielfilmen. Autorin mehrerer Kinderbücher, Kurzkrimis und zahlreicher Drehbücher. 2004 erschien 'Kabelfleisch' in 'Tatort Wien' (Milena Verlag), 2006 'Permafrost' in 'Mörderisch unterwegs' (Milena Verlag), zuletzt erschien 2008 'Alle oder keiner' in 'Im Kreis der Familie' im S. Fischer Verlag. Letzterer wurde für den Agatha-Christie-Krimipreis 2008 nominiert. Der Psychothriller Selmas Zeichen (Milena 2008) war nominiert für den Glauser 2009, Sparte Debüt
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»Bevor nicht etwas ganz Böses passiert, …« sagte die Himmelblaue und hielt kurz den Atem an. Ihr dunkles Wissen stand plötzlich zwischen uns und signalisierte mir: Schonfrist.
Ich gehörte also zu jenen, die eine Schonfrist nötig hatten.
Ihr plötzlich ganz schmal gewordener Mund, dieses Zurückweichen der Lippen, die schnelle, nicht zu verbergende Bewegung der Kehle, dieser Atemzug vor etwas Endgültigem. Das war es wirklich nicht, was ich mir von ihr erhofft hatte. Auch nicht das Wort »böse«. Es klang nach Geisterbahn, es klang nicht echt. Und doch war sie der einzige Mensch, zu dem es mich getrieben hatte. Ausgerechnet ich, kluge Frau, war in einer Beratungsstelle gelandet.
Es war wohl nicht das erste Mal, dass sie Schwierigkeiten hatte, diesen Satz zu Ende zu sprechen. Ihre hellen, blauen Augen schienen durch mich hindurchzusehen.
Draußen gab es noch andere, die auf sie warteten. Risse, Würgemale und blaue Flecken unter ihren Kleidern. ZEICHEN DER LIEBE. Klar, dass sie in diesem Augenblick an ihrem Beruf zweifelte.
»… passiert also gar nichts«, fasste ich meine Situation schließlich selbst zusammen.
Die Himmelblaue senkte die Lider, als versuchte sie, sich selbst in die Augen zu sehen, als versuchte sie, in irgendeinem Winkel ihrer guten Absichten eine vertretbare, ehrliche Antwort zu finden.
Ich wollte gleich wieder gehen und stand auf.
Sofort öffnete die Himmelblaue die Augen.
Also blieb ich.
»Bevor nicht etwas ganz Böses passiert, passiert nichts.« Eine unabwendbare, sich selbst erfüllende Prophezeiung. Sie ist in mich hineingekrochen, hat sich eingenistet in mein Denken und Handeln und mich schließlich irgendwann, Monate später – Monate? sind es nicht schon Jahre? – irgendwann hierher in dieses Café am Stadtrand geführt. In ein Café, das mir vollkommen fremd ist, das ich noch nie in meinem Leben zuvor gesehen habe, das mich zu einer Fremden macht, auch mir selbst gegenüber, die ich da sitze vor einem Berg nicht schmelzen wollenden, giftgrünen Pistazien-Eises und auf meine Katastrophe warte.
Gut, dass ich so einen langen Atem habe. Gut, dass er für uns beide reicht. Endlich ist es soweit.
Die Vorhänge sind gewaschen. In jedem Raum frische Blumen. Kein Staub auf den Möbeln. Die Fliesen im Badezimmer geputzt. Gut, dass ich das Bad habe einbauen lassen. Eine gute Investition. In den Fliesen kann man sich sehen. Ein schönes Bild wird sich da-rin spiegeln, wenn wir einander waschen werden. Gut, dass ich Meergrün und nicht Azurblau genommen habe. Es gleicht deinen Augen, Selma.
Deinen traurigen Augen. In letzter Zeit hab ich mir ernsthaft Sorgen um dich gemacht. Freilich, all das, was vorher passierte, war sicherlich sehr anstrengend für dich. Aber trotzdem war da immer etwas, das mich tief berührt hat. Du warst so stark in all deiner ungerechten Zuwendung, in deiner unbändigen Verzweiflung.
Du bist einfach zu oft ausgegangen in letzter Zeit. Die Bars, das Trinken, das tut niemandem gut. Ich versteh schon, du hast das gebraucht. Immerhin hast du eine Menge Zweifel überwinden müssen. Nicht jeder kann den geraden Weg gehen.
Vielleicht hat man mir ja eine Attrappe vor die Nase gestellt. Giftgrünes Attrappen-Eis von einer Attrappen-Kellnerin. Ich selbst eine Attrappe, die auf die Attrappe ihres Gegners wartet.
Also werde ich ihn mit diesem Eis, das mir plötzlich vorkommt wie gefärbter Beton, in Sekundenschnelle – Angriff ist die beste Verteidigung –, gleich, wenn er bei der Tür hereinkommt, erschlagen.
Dann wäre es gut, wenn das der Tagtraum einer überarbeiteten Ärztin wäre. Ärztin, ja. Das bin ich. So weit habe ich meine Sinne noch beisammen, dass ich weiß, wer ich bin: Selma Seiler, 38. Habe vor zwei Jahren meine eigene Praxis eröffnet. Ich bin praktische Ärztin. Eine furchtbar praktische Ärztin. Zumindest bis vor einigen Monaten noch habe ich diesen Beruf ausgeübt. Dann hat dieser unvollendete Satz mit seinen unendlichen Wiederholungen, begonnen, mein Denken zu besetzen: »Bevor nicht etwas Böses passiert, – « Ich weiß, ich sollte mir darüber keine Gedanken mehr machen. Ich sollte mich besser auf die Ankunft meines Gegners vorbereiten. Mir die richtigen Worte zurechtlegen. Mich endlich für einen richtigen Plan entscheiden. Aber mein Denken gehorcht mir schon lange nicht mehr.
Ich höre wieder den Ball aufprallen. Den Ball. Sofort spüre ich den klebrigen Angstschweiß in meinem Nacken, die Starre in meinen Gliedern.
Der Ball eines Jungen fällt bei der Tür des Cafés herein. Der Junge kommt gleich hinterher, hebt seinen Ball auf, sieht mich an.
Er erschrickt über das Entsetzen in meinem Gesicht.
Eilig verlässt er das Lokal. Draußen schüttelt er meinen Blick ab.
Wie sollte er auch wissen, dass ein ballspielender Junge wie er genügt, mich aus der Fassung zu bringen? Dass ich während des Aufpralls des Balls sofort an Vernichtung dachte? Wie soll er wissen, dass ich am Ende bin?
Andere brauchen länger, bis sie am Ende sind. Ich habe zwei Jahre dazu gebraucht, aber jetzt bin ich soweit.
Ich will nicht daran denken, was dieses Böse sein wird. Ich habe noch ein wenig Zeit. Noch ist mein Gegner nicht da. Wer weiß, wie lange dieses Eis da noch vor mir stehen wird, ohne zu schmelzen.
»Entschuldigen Sie, einen Espresso, bitte! Und das können Sie mitnehmen. Ich bin fertig.«
Die Kellnerin nimmt das Eis kommentarlos vom Tisch, geht damit nach hinten zur Theke, schiebt es einem kleinen, verhutzelten Mann zu, der dort, wie ein altes Möbel, schon immer steht.
Toter Mann, denke ich, und dann: gutes Stichwort.
Ich warte auf eine Person, die ich nicht einmal mehr benennen mag. Früher habe ich noch von einem Mann gesprochen, von dem ich mich verfolgt fühlte. Später wusste, dass er mich verfolgt. Der mich bis heute verfolgt.
Er wird bald hier auftauchen. Ich weiß nicht genau, wann. Wir haben keine Verabredung. So etwas brauchen wir nicht. Er weiß immer, wo ich bin, was ich vorhabe, was ich tue. Ich brauche ihm keinerlei Informationen zukommen zu lassen. Er weiß, dass ich hier sitze und auf ihn warte. Er weiß, dass ich am Ende bin. Und bereit.
Ich wusste es vom ersten Augenblick an, als ich dich sah – nein, ich wusste es schon Tage, Wochen, Monate vorher. Eigentlich wusste ich es schon bei meiner Geburt: Du bist der Grund, warum es mich gibt.
Ich nehme besser keine Krawatte. Das erschreckt dich vielleicht. Wir sind ja nicht auf dem Weg zum Standesamt. Noch nicht. Wir treffen uns erst einmal, sagen wir, »auf ein Eis«. Das ist alles.
Freilich ist da schon ein wenig mehr zwischen uns.
»Keine falsche Bescheidenheit!« hätte der Großvater gesagt.
Und er hätte Recht gehabt. Da ist eine ganze Menge zwischen uns passiert. Wir haben eine großartige Vorgeschichte. Wir können stolz darauf sein. Wer hat schon so eine spektakuläre Vorgeschichte vor einem ersten Rendezvous?
Ich werde einen Hauch nehmen. Männliche Ruhe. Das tut dir sicher gut. Aber nur einen Hauch. Nichts ist schlimmer, als Männer, die zu stark nach Aftershave riechen. Ich weiß schon.
Vielleicht sollte ich gar nichts nehmen? Unsere puren Gerüche würden sich vereinen, noch bevor wir einander die Hand gäben. Und keiner wüsste etwas davon. Wie von so vielem keiner etwas weiß. So vieles gibt es, das niemand von dir kennt, außer mir. – Ach, wie ich dieses Gefühl liebe.
Gut, dass ich mir den Leinenanzug gekauft habe. Den mit der dichteren Webstruktur. Der passt zu deinem Leinenkleid. Du wirst dich sofort in mir wiedererkennen.
Wenn du mir endlich wieder einmal offen in die Augen siehst.
Es gibt viele Wege, jemandem die Augen zu öffnen.
Gut, dass ich dabei nicht mehr an Streichhölzer denken muss.
Es ist alles viel besser geworden zwischen uns: Wir werden eine kleine Spritztour machen. Hinaus ins Grüne. Hinaus zu der Wiese unter den Linden. Wir werden französischen Landwein trinken, mit Käse gefüllte Oliven essen, frisches Baguette. Einzeln verpackte Zahnstocher werden zwischen uns liegen.
Wir werden uns auf der neuen Kaschmirdecke – gut, dass ich die Kaschmirdecke gekauft habe –, wir werden uns auf der neuen weichen Kaschmirdecke ausruhen. Ich werde deinen weichen Mund küssen. Du wirst ein wenig seufzen dabei. Ganz leicht. Der Hauch deiner Erleichterung wird in meiner Mundhöhle verschwinden. Ich glaube, den schlucke ich dann besser.
Die auf dem Parkplatz neben dem Sportverein haben einander immer, du weißt schon, und dann, nicht nur die Zunge. Das hab ich genau gesehen, obwohl ich so weit weggestanden bin. Sie haben die Türen offen...




